Startseite ::: Leben ::: Lehrerverbände sehen kulturelle Bildung in Hessen «im freien Fall»

Lehrerverbände sehen kulturelle Bildung in Hessen «im freien Fall»

WIESBADEN. Hessens Kultusministerium schichtet bei Lehrerstellen um – und will bei den musischen Fächern kürzen. Für die betroffenen Verbände ein fatales Signal. Sie sehen Hessen bundesweit ohnehin etwa beim Musikunterricht schon im Hintertreffen.

Sparen am Fach Musik, um Flüchtlingskinder beschulen zu können - Verbände sind empört. Foto: dankreider / pixabay (CC0 1.0)

Sparen am Fach Musik, um Flüchtlingskinder beschulen zu können – Verbände sind empört. Foto: dankreider / pixabay (CC0 1.0)

Hessens Lehrer in den Fächern Kunst und Musik sowie Theater schlagen Alarm. Grund sind geplante und zum Teil schon vollzogene Kürzungen in der kulturellen Bildung an den rund 2000 Schulen. Die Einsparungen von Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sollen Ganztagsschulen, der Inklusion und Stellen für Deutschlehrer für Flüchtlinge zu Gute kommen.

Die für den musischen Bereich zuständigen drei Lehrerverbände wollen nicht Opfer dieser Politik sein. Am Mittwoch gingen sie in Frankfurt an die Öffentlichkeit. Das Kultusministerium verwies dagegen auf neue Prioritäten, die auch von der kulturellen Bildung einen Beitrag beim Umlenken von Stellen verlangten.

«Wir können nicht die Leidtragenden sein», sagte Dorothee Graefe-Hessler, Präsidentin des Landesverbands Musikunterricht (BMU). Zusammen mit dem Fachverband Kunstpädagogik und dem Landesverband Schultheater verwies sie darauf, welche zentrale Bedeutung die musischen Fächer in der Schule für Kinder und Heranwachsende haben.

In der Kritik stehen vor allem die für das kommende Schuljahr geplanten Stundenkürzungen bei Lehrern, die Projekte außerhalb betreuen. Dadurch sehen die Verbände die Existenz der hessischen Schultheatertage oder den Bestand regionaler Netzwerke beim Musizieren bedroht.

Bereits im laufenden Schuljahr wurden von vielen Schulleitern die Grundkurse Kunst und Musik in den Oberstufen von drei auf zwei Stunden gekürzt. Die Stundenzahl der Fachberater für die kulturelle Bildung in den 16 staatlichen Schulämtern habe sich von sechs auf drei pro Woche halbiert.

Die Verbände werfen der Regierung zugleich generell eine mangelnde Wertschätzung etwa der Musikerziehung vor. Während es in Hessen derzeit 30 Musik-Referendare gebe, seien es in Bayern 400, berichtet Graefe-Hessler. «Hessen steht bundesweit nicht gut da», sagt auch der Präsident der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HFMDK), Thomas Rietschel, zur Stundentafel in musischen Fächern.

«Es macht einen großen Unterschied, ob ich Musik im Radio höre oder mit anderen gemeinsam singe», gab er zu bedenken. Für ihn ist die flächendeckende kulturelle Bildung in allen Schulen unverzichtbar, weil dies bei Kindern «Kopf, Herz und Hand» anspreche und sie ungeachtet ihrer sozialen oder religiösen Herkunft zusammenbringe. Der Staat dürfe die kulturelle Bildung nicht in den außerschulischen Bereich abschieben oder Stiftungen überlassen.

Unterstützung kommt auch von den Musikschulen des Landes, die in den Kürzungen im Ministerium ebenfalls einen «großen Angriff auf unsere Arbeit» sehen. Ein verbindlicher kultureller Bildungskanon an den allgemeinbildenden Schulen sei für die Praxis in den Musikschulen sehr wichtig, sagte der hessische Verbandsvorsitzende Michael Eberhardt.

Angesichts der Entwicklung macht sich Rietschel bereits Sorgen um seine Hochschule. Es werde immer schwieriger, qualifizierte Studenten zu finden, sagte er. Deshalb habe die HFMDK auch immer mehr Studenten aus dem Ausland.

Das Kultusministerium erklärte zur Kritik der Verbände, dass bei der geplanten Umschichtung von Stellen auch die kulturelle Bildung einen Beitrag erbringen müsse. Der Unterricht in Musik, Kunst und Darstellendes Spiel habe weiterhin einen hohen Stellenwert – auch bei Projekten, die über den normalen Unterricht hinausgingen. Man werde sich um «kreative und konstruktive Lösungen» bemühen. Die von den Verbänden als bedroht eingestuften außerschulischen Projekte seien nicht gefährdet. Von Thomas Maier, dpa

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*