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Beauftragter: Kindesmissbrauch in Deutschland hat nach wie vor „riesige Dimension“

BERLIN. An Kirchen, Heimen und Internaten wurden in den vergangenen Jahren mehrere Missbrauchsskandale publik. Öffentliche Debatten, ein runder Tisch und Aufklärungskampagnen folgten. Wo steht Deutschland heute?

Bringt das Thema Missbrauch immer wieder auf die Tagesordnung: Johannes-Wilhem Rörig. Foto: www.rieken-fotografie.de / Unabhängiger Beauftragter

Bringt das Thema Missbrauch immer wieder auf die Tagesordnung: Johannes-Wilhem Rörig. Foto: www.rieken-fotografie.de / Unabhängiger Beauftragter

Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern in Deutschland ist aus Expertensicht noch immer problematisch. «Die Dimension ist weiterhin riesig», sagte der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, am Dienstag in Berlin zum Start einer Fachtagung zum Thema Prävention. Nach neuesten Schätzungen sei davon auszugehen, dass eine Million Kinder in Deutschland betroffen sind. Mit Übergriffen via Internet und in Flüchtlingsunterkünften gebe es zudem neue Gefahren.

Auch in den Statistiken der Polizei zeichne sich kein Rückgang an Fällen ab – etwa 12.500 würden pro Jahr angezeigt, sagte Rörig. Hinzu komme die «sehr viel höhere Dunkelziffer». Doch die Polizeizahlen sind bedingt aussagekräftig: Womöglich wird wegen der gestiegenen Aufmerksamkeit inzwischen ein größerer Anteil an Fällen angezeigt.

Zum besseren Kinderschutz forderten Experten am Dienstag mehr und personell besser ausgestattete spezialisierte Beratungsstellen, an die sich Lehrer, Erzieher und Betroffene wenden können. Den rund 80.000 Kitas und Schulen stünden lediglich rund 525 solcher Stellen gegenüber, sagte Prof. Barbara Kavemann (Sozialwissenschaftliches FrauenForschungsInstitut Freiburg). Gerade ländliche Regionen seien unterversorgt. Dabei soll die Prävention an Schulen auch durch externe Berater besser werden, wie Rörig ankündigte.

Erste Befragungen des Deutschen Jugendinstituts (DJI) an Kitas, Schulen, Heimen und Internaten im Rahmen einer Studie zeigten, dass es kein Patentrezept gebe, mit dem Einrichtungen Kinder von heute auf morgen besser schützen könnten, sagte DJI-Direktor Prof. Thomas Rauschenbach. Individuelle Lösungen seien gefragt – je nach Institution spielten zum Beispiel Fortbildungen, Leitfäden des Trägers oder das Festlegen von Standardverfahren eine Rolle.

Rörig begrüßte, dass zuletzt rund 25 Organisationen Vereinbarungen mit ihm für den verbesserten Schutz vor sexueller Gewalt unterzeichnet hätten – von der Bischofskonferenz über den Caritasverband bis hin zu einem Jugendreisen-Verband. Auch Rauschenbach sieht positive Signale in der Gesellschaft seit dem Bekanntwerden von Missbrauchsskandalen wie an der Odenwaldschule 2010. «Das ist kein Thema des Wegschauens mehr.» Insgesamt gebe es aber noch viel zu tun. dpa

Zum Bericht: Regensburger Domspatzen: Misshandlungen und Missbrauch an jedem 3. Schüler – über Jahrzehnte

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