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TIMSS-Schock lässt ahnen, was PISA heute bringt: Deutschland rutscht ab – Herausforderungen Inklusion und Integration drücken das Ergebnis

BERLIN. Wilfried Bos sagt, man dürfe in Deutschland durchaus wieder „Angst haben, abgehängt zu werden“. Bos muss es wissen: Er ist einer der renommiertesten (Grund-)Schulforscher in Deutschland – und Leiter des deutschen Teils der in der vergangenen Woche veröffentlichten TIMSS-Studie. Die sorgte für einen Schrecken: Deutsche Viertklässler sind während der vergangenen vier Jahre in Mathematik und Naturwissenschaften im Schnitt schwächer geworden – und von der erweiterten Leistungsspitze ins graue Mittelmaß abgesunken. Ein Vorbote für PISA? Tatsächlich sind auch bei den 15-Jährigen in Deutschland, die bei PISA getestet werden, keine besseren Leistungen zu erwarten. Am heutigen Dienstag werden die Ergebnisse vorgestellt.

Daumen rauf - oder Daumen runter? Schüler in Bayern sollen künftig Lehrer bewerten, und zwar verpflichtend. Foto: Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Daumen rauf – oder Daumen runter? PISA wird morgen veröffentlicht. Foto: Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Ihre PISA-Premiere erlebten deutsche Schüler im Jahr 2000, und sie ging mächtig daneben. Das unerwartet schlechte Abschneiden führte in der Öffentlichkeit zum „PISA-Schock“ und löste bis heute anhaltende Schulreformdebatten aus. Bei der Veröffentlichung der ersten Testergebnisse vor 15 Jahren wurde für Deutschland ein enger Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen festgestellt: Die PISA-Leistungen von Kindern aus sozial schlechter gestellten und bildungsfernen Familien lagen deutlich unter denen besser gestellter Mitschüler. Das Phänomen wurde noch bis zum PISA-Test 2012 registriert, wenn auch in weniger dramatischer Form.

Insgesamt verbesserten sich die PISA-Ergebnisse der Schüler aus Deutschland in den Tests 2003, 2006, 2009 und 2012 stetig, ohne dass es zu Spitzenplätzen reichte. So steigerte sich Deutschland innerhalb eines Jahrzehnts in Mathematik von 490 auf 514 Punkte, näherte sich damit dem europäischen PISA-Vorbild Finnland (519), war von asiatischen Ländern wie Japan (536) aber noch weit entfernt. In Lesekompetenz stieg die deutsche Formkurve von 484 auf 508 Punkte (Finnland: 524; Japan: 538). In Naturwissenschaften ging es von 487 auf 524 Punkte am deutlichsten bergauf (Finnland: 545; Japan: 547). Deutschland lag damit zuletzt in allen drei Disziplinen über dem OECD-Durchschnitt. PISA-Spitzenreiter mit teils riesigem Vorsprung waren südostasiatische Länder oder Regionen wie Shanghai, Singapur, Hongkong und Korea.

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Jetzt aber droht ein Absturz, ähnlich wie bei TIMSS. Die Grundschul-Studie sei „kein Grund, in Sack und Asche zu gehen“, meinte zwar TIMSS-Leiter Bos bei der Präsentation der Ergebnisse. „Wir müssen aber sehen, dass andere Länder es besser hingekriegt haben.“ Vor allem osteuropäische Staaten wie Ungarn oder Slowenien legten danach zu und zogen an Deutschland in den TIMSS-Rankings vorbei. Ein weiterer Grund für das schwächere Ergebnis Deutschlands: Die repräsentative deutsche Schüler-Stichprobe war 2015 vielfältiger als bei früheren Tests – es gab „mehr Kinder mit Migrationshintergrund, deren Eltern beide im Ausland geboren wurden“.

Soll heißen: Die vielen Flüchtlingskinder, von denen viele zum Zeitpunkt der Erhebung kaum genügend Deutsch sprechen konnten, um erfolgreich einen Test zu bestehen, haben das Ergebnis gedrückt. Damit lasse sich ein Stück weit die Stagnation erklären, hieß es von den TIMSS-Forschern. Insofern sei das aktuelle Ergebnis doch „erstmal eine Leistung“, meinte Bos. Auch die Belastung der Grundschulen durch die Inklusion dürfte für das maue Abschneiden mitverantwortlich sein.

Das alles gilt eben auch für PISA. „Der Umgang mit Heterogenität ist für Deutschland das Kernthema“, klärte PISA-Koordinator Andreas Schleicher im Interview mit News4teachers. Und betonte: „Gewöhnliche Schüler haben außergewöhnliche Fähigkeiten, und diese Fähigkeiten müssen wir erkennen und fördern. Deutschland kann hier viel von anderen Ländern, etwa von Kanada oder den Niederlanden, lernen. Es wäre beispielsweise ein großer Fehler, das Leistungspotenzial von Schülern mit Migrationshintergrund zu unterschätzen und zu vernachlässigen. Damit würden wir enorme Chancen verschenken.“ Daraus lässt sich schon herauslesen: Es wird eher unerfreulich. Agentur für Bildungsjournalismus / mit Material der dpa

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Hintergrund: Was und wie bei PISA 2015 getestet wurde

Nach 2006 wurde bei «PISA 2015» zum zweiten Mal die naturwissenschaftliche Kompetenz von 15-Jährigen schwerpunktmäßig geprüft. Aus diesem Bereich stammte diesmal ein Großteil der Testaufgaben. Deswegen werden die Ergebnisse bei der Präsentation der neuen PISA-Studie am Dienstag nicht nur mit der Vorgänger-Testreihe von 2012 (damaliger Schwerpunkt: Mathematik) verglichen, sondern auch mit den Resultaten vor neun Jahren.

Die für die PISA zuständige Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Technische Universität München (TUM) haben Beispielaufgaben für Naturwissenschaften online gestellt. Hier ein Multiple-Choice-Testbeispiel:

«Wenn sich ein Meteoroid der Erde und ihrer Atmosphäre nähert, beschleunigt er. Warum passiert das?

  • A. Der Meteoroid wird durch die Erdrotation eingezogen.
  • B. Der Meteoroid wird vom Licht der Sonne vorangetrieben.
  • C. Der Meteoroid wird von der Masse der Erde angezogen.
  • D. Der Meteoroid wird vom Vakuum des Weltraums abgestoßen.

Richtige Antwort: siehe unten*

Jeweils ein kleinerer Teil der PISA-Aufgaben 2015 betraf die Bereiche Mathematik sowie auch Lese-/Textverständnis. Dies wird von der OECD definiert als Fähigkeit, «geschriebene Texte zu verstehen, zu nutzen und über sie zu reflektieren, um eigene Ziele zu erreichen, das eigene Wissen und Potenzial weiterzuentwickeln und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen».

Neu bei «PISA 2015»: Die Aufgaben wurden komplett computerbasiert bearbeitet. Dies galt auch für die in dieser PISA-Runde erstmals enthaltenen übergreifenden Kompetenzen des Problemlösens im Team. Die Jugendlichen mussten am Computer Problemlöseaufgaben bearbeiten, in denen sie nicht auf sich allein gestellt waren, sondern virtuell Mitschüler oder Partner haben.

Für jeden der drei Bereiche wurden fünf Kompetenzstufen definiert – nur sehr gute oder herausragende Schüler schaffen die Stufen IV und V:

NATURWISSENSCHAFTEN

Stufe I: Nominelles naturwissenschaftliches Wissen; Stufe II: Funktionales naturwissenschaftliches Alltagswissen; Stufe III: Funktionales naturwissenschaftliches Wissen; Stufe IV: Konzeptuelles und prozedurales Verständnis; Stufe V: Konzeptuelles und prozedurales Verständnis auf hohem Niveau.

MATHEMATIK

Stufe I: Rechnen auf Grundschulniveau; Stufe II: Elementare Modellierungen; Stufe III: Modellieren und begriffliches Verknüpfen auf dem Niveau der Sekundarstufe I (Standard mathematischer Grundbildung); Stufe IV: Mehrschrittige Modellierungen auf der Basis anspruchsvoller Begriffe; Stufe V: Komplexe Modellierung und innermathematisches Argumentieren.

LESEKOMPETENZ

Stufe I: Oberflächliches Verständnis einfacher Texte; Stufe II: Herstellen einfacher Verknüpfungen; Stufe III: Integration von Textelementen und Schlussfolgerungen; Stufe IV: Detailliertes Verständnis komplexer Texte; Stufe V: Flexible Nutzung unvertrauter, komplexer Texte.

Die Stichprobe gilt als repräsentativ für 15-jährige Schüler, die eine Schule in Deutschland besuchen. Eine regionale Aufschlüsselung nach Bundesländern gibt es nicht. Diese lieferte zuletzt Ende Oktober der «Bildungstrend» des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB).

*Richtig: Antwort C

3 Kommentare

  1. interessant, dass in mathematik so sehr auf Modellbildung geritten wird. in ernsthafter bzw. reiner mathematik ist das höchstens ein abfallprodukt, aber praktisch nicht verwendbar.

    wie aussagekräftig ein reiner computertest ist, sei auch mal dahingestellt. das gilt aber für alle teilnehmenden staaten gleichermaßen (nicht).

  2. Die neuen PISA-Ergebnisse sind da.

    Kommt dazu noch was von den „Lehrerneuigkeiten“?

    Singapur, Japan und Estland belegen nun Platz 1, 2 und 3. Was lernen wir daraus? Was übernehmen wir nun? Doch wieder mehr „Drill“ – wie ich ihn für Singapur und Japan zumindest vermute…

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