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Wurden deutsche Schüler krass benachteiligt? PISA-Erhebung (die erstmals am Computer stattfand) soll Ergebnisse massiv verfälschen

BERLIN. Sind die deutschen Schülerinnen und Schüler bei PISA 2015 deutlich benachteiligt worden? Erstmals kommt massive Kritik aus der empirischen Bildungsforschung an der Methodik der Erhebung. Der Grund: Die Tests wurden dieses Mal am Computer absolviert. Der renommierte Bildungsforscher Olaf Köller sieht dadurch die Ergebnisse verfälscht. Auch in der Schweiz zeigt man sich irritiert.

Der Einsatz von Computern im Unterricht ist in deutschen Schulen noch keineswegs selbstverständlich - was Auswirkungen auf die PISA-Ergebnisse gehabt haben könnte. Foto: bionicteaching / flickr (CC BY-NC 2.0)

Der Einsatz von Computern im Unterricht ist in deutschen Schulen noch keineswegs selbstverständlich – was Auswirkungen auf die PISA-Ergebnisse gehabt haben könnte. Foto: bionicteaching / flickr (CC BY-NC 2.0)

Köller ist in der empirischen Bildungsforschung nicht irgendwer. Der Professor ist Chef des Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und der Mathematik in Kiel und Gründungsdirektor des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das im Auftrag der Kultusministerkonferenz Bildungsstandards für die Schulen entwickelt. „Die OECD macht es sich mit der Umstellung etwas einfach“, meint er laut einem Bericht der „Rheinischen Post“ dazu, dass die Schüler zum ersten Mal am Computer getestet wurden, ohne vorab mögliche verzerrende Effekte der Umstellung zu untersuchen. Die gebe es aber.

Köller berichtet gegenüber der Zeitung von einer Vergleichsstudie, die teils am Computer und teils auf Papier durchgeführt worden sei – und die zu jeweils anderen Ergebnissen komme. Weil deutsche Schüler im Unterricht weniger vertraut mit Computern seien als ihre Altersgenossen in Fernost, seien für sie die Aufgaben schwieriger als auf Papier. Mit Blick auf Deutschland meint er: „Wenn die Erschwernis bei PISA ebenso groß war, dann wäre der Trend sogar positiv.“ Denn bis zu 20 Punkte könne der Unterschied betragen – was Deutschland in den Naturwissenschaften beispielsweise vor Kanada und damit in die weltweite Spitzengruppe katapultieren würde. PISA 2015 hat hingegen für Deutschland in dieser Kategorie einen Verlust von 15 Punkten gegenüber der Studie 2012 ergeben. Diese Größenordnung ist für Köller ohne Verzerrungen kaum nachvollziehbar. „Minus 15 Punkte in drei Jahren – das gibt es nur, wenn man den Unterricht einstellt“, meint er.

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Auch aus der Schweiz, der PISA ähnliche Ergebnisse wie Deutschland attestiert, kommt massive Kritik an der neuen Erhebungsmethode. Stefan Wolter, Leiter der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, weist gegenüber dem „Blick“ auf die Schwäche der computerbasierten Prüfung hin. Bei Pilot-Tests habe eine Gruppe am Computer 2014 in der Schweiz deutlich schlechter abgeschnitten als eine Papier-und-Bleistift-Gruppe. In andern Ländern sei das Resultat umgekehrt ausgefallen. Das zeige, dass der computerbasierte Test von Land zu Land unterschiedliche Auswirkungen auf die Resultate habe – je nachdem, wie vertraut die Schüler im Umgang mit dem Rechner seien. „In Schweizer Schulen lernen die Kinder, zuerst die ganze Prüfung anzuschauen, um die einfachen Aufgaben prioritär zu lösen“, zitiert ihn „Blick“. Bei PISA konnten die Schüler dagegen nur vorwärtsklicken. Sei einem die Lösung einer Aufgabe später eingefallen, habe es keine Möglichkeit gegeben, diese nachzureichen, so Wolter.

Jungen am Computer besser als Mädchen

Die Forschung belege zudem, dass Jungen computerbasierte Tests besser bewältigen könnten als Mädchen. Möglicherweise haben sie deshalb besser abgeschnitten – auch in Deutschland. „Aber PISA soll nicht den Umgang mit dem Computer messen, sondern die Fähigkeit, zu lesen und zu rechnen“, meint Wolter. In der Schweiz wird deshalb schon ernsthaft über einen Ausstieg aus der Studie diskutiert. „Bis zur nächsten Runde 2018 müssen alle Unklarheiten ausgeräumt sein“, heißt es laut „Blick“ beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation.

So weit, einen Ausstieg aus PISA zu fordern, würde Prof. Köller wohl nicht gehen. Im Gegenteil, er hält die Studie für grundsätzlich wichtig. „Ich vergleiche Untersuchungen wie PISA mit einem Routinecheck beim Arzt. Da gibt es glücklicherweise auch nicht immer spektakuläre Befunde. Im Detail aber gibt es immer wieder interessante Ergebnisse“, so erklärte er in einem Interview mit der „Zeit“ 2013.

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Ein Kommentar

  1. Nur weil Bildungsforscher keine Lust auf Korrekturen haben 🙂 Mich würde das Lesen eines Textes am PC mehr anstrengen als auf Papier – schon deshalb wäre ich an Prüfungen auf PCs schlechter.

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