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Neue KMK-Präsidentin Eisenmann will „für mehr Ruhe und Verlässlichkeit an den Schulen sorgen“ – aber ein “Bildungscontrolling” einführen

STUTTGART. Baden-Württembergs Kultusministern Susanne Eisenmann (CDU) ist erst seit gut einem halben Jahr im Amt – hat sich aber in dieser kurzen Zeit bereits zu einer der bekanntesten Bildungspolitiker(innen) in Deutschland gemausert. Zunächst legte sie sich mit ihrem Koalitionspartner, den Grünen, an – denen sie mehr Lehrerstellen abtrotzte. Dann musste sie den derben Absturz ihres Bundeslandes beim IQB-Bundesländervergleich erleben. Seit dem Jahreswechsel ist sie Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Und macht derzeit Schlagzeilen, weil sie Grundschullehrkräften in Baden-Württemberg die Methode „Schreiben nach Hören“ verbietet. Im Interview kündigt sie eine weitere Initiative an, die für Diskussionen sorgen wird: ein neues Bildungscontrolling. Eisenmann ist Gastgeberin der weltgrößten Bildungsmesse, der “didacta”, die vom 14. bis zum 18. Februar in Stuttgart stattfindet. 

Hier geht es zum “Teacher’s Guide” von News4teachers zur “didacta”.

Hat sich schnell einen Namen unter Deutschlands Bildungspolitikern gemacht: Susanne Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Hat sich schnell einen Namen unter Deutschlands Bildungspolitikern gemacht: Susanne Eisenmann. Foto: Kultusministerium Baden-Württemberg

Beim IQB-Ländervergleich hat Baden-Württemberg deutlich schlechter abgeschnitten als in der Vergangenheit. Was denken Sie, woran das liegt und was muss jetzt passieren?

Eisenmann: Gerade in Baden-Württemberg haben die Schulen in den vergangenen Jahren bewegte Zeiten erlebt. Eine Reform folgte auf die Nächste. Vieles war sicherlich notwendig. Doch einige Veränderungen folgten einem pädagogischen Zeitgeist, der sich leider nicht an Leistung und Qualität orientiert. Dazu kommt, dass die weitreichenden strukturellen Veränderungen unseres Schulsystems den Schulen und Lehrerinnen und Lehrern Zeit und Aufmerksamkeit entzogen haben. Einen zentralen Ansatz sehe ich deshalb darin, dass wir für mehr Stabilität in den Schulen sorgen müssen. Der IQB-Ländervergleich führt uns außerdem drastisch vor Augen, dass wir uns wieder stärker auf Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren müssen.

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Was zeichnet das Schulsystem in Baden-Württemberg denn aus?

Eisenmann: Unser Schulsystem ist breit aufgestellt und zeichnet sich dadurch aus, dass es für alle Kinder und Jugendlichen die individuell passende Fördermöglichkeit bietet. Einen Punkt möchte ich an dieser Stelle herausgreifen, und zwar unser seit vielen Jahren gut ausgebautes berufliches Bildungswesen. Neben der traditionell zentralen Aufgabe, ein verlässlicher und qualitativ hochwertiger Partner des Handwerks und der Wirtschaft in der dualen Ausbildung zu sein, tragen unsere beruflichen Schulen ganz erheblich zur Durchlässigkeit unseres Schulwesens bei. Eine Besonderheit im beruflichen Schulwesen in Baden-Württemberg stellen die beruflichen Gymnasien dar. Diese circa 220 öffentlichen Schulen sind eine echte Alternative für alle, die sich einen neunjährigen Weg zur Hochschulreife wünschen. Ungefähr ein Drittel aller Abiturienten in Baden-Württemberg erwerben ihre Hochschulreife an einem beruflichen Gymnasium. Studien wie die “TOSCA”-Studie* haben den beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg in vielerlei Hinsicht Vorbildcharakter bescheinigt, insbesondere bei der Integration von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund.

In Baden-Württemberg gibt es im Vergleich zu anderen Bundesländern eine relativ große Vielfalt an Schultypen (Gymnasium, Gemeinschaftsschule, Realschule, Werkrealschule, Hauptschule). Wie spielen diese zusammen und wie ergänzen sie sich?

Eisenmann: Es ist richtig, wir haben diese Vielfalt. Der Versuch der Vorgängerregierung, das Bildungswesen in ein Zwei-Säulen-System umzuwandeln, ist nicht aufgegangen. Im Gegenteil, mit der Einführung der Gemeinschaftsschule wurde das Schulsystem sogar noch erweitert. Doch mit mir wird es keine weiteren Strukturdiskussionen geben. Wir haben diese Struktur, und die Vielfalt der Schularten spiegelt auch die Vielfalt an Begabungen und Interessen der Schülerinnen und Schüler wider. Worauf wir uns nun konzentrieren müssen, ist erstens wieder für mehr Ruhe und Verlässlichkeit an den Schulen zu sorgen. Und zweitens müssen wir uns dringend der qualitativen Entwicklung unserer Schulen zuwenden.

Wie beurteilen Sie den Mehrwert der Gemeinschaftsschule?

Eisenmann: Für mich ist die Gemeinschaftsschule eine der weiterführenden Schularten mit einem besonderen pädagogischen Konzept. Bei Eltern gibt es durchaus einen Zuspruch für diese Schulart. Das stelle ich nicht in Frage. Gleichzeitig wollen wir diesen Schulen aber ermöglichen, in eigener Verantwortung ab Klasse 8 in den Fächern Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen sowie in den Naturwissenschaften in Gruppen mit unterschiedlichen Leistungsanforderungen zu unterrichten. Was die Anzahl der Standorte angeht, halte ich den Bedarf mit landesweit fast 300 Schulen weitgehend für gedeckt.

Welche Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung und -sicherung des Unterrichts unternehmen Sie gegenwärtig?

Eisenmann: Anhaltspunkte erhoffen wir uns zum einen durch ein strategisches Bildungscontrolling, das wir derzeit entwickeln. Dabei sollen bereits vorhandene Daten zu den Leistungen der einzelnen Schulen sowie statistische Informationen über Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und das sozioökonomische Umfeld der Schule zusammengeführt und analysiert werden. Ziel ist es, gezielt auf Schulen mit Problemen zuzugehen und sie dabei zu unterstützen, sich qualitativ weiterzuentwickeln. Es geht keinesfalls darum, schwächere Schulen vorzuführen. Eine Maßnahme zur qualitativen Entwicklung hat bereits zum aktuellen Schuljahr begonnen: In den Grundschulen haben wir die Stunden für den Unterricht in den Fächern Deutsch und Mathematik erhöht. Damit wollen wir grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Schreiben, Zuhören und Rechnen stärken. Auch mit dem neuen Konzept zur Stärkung der Realschulen verfolgen wir konsequent das Ziel, die Leistung und Qualität an den Schulen zu verbessern. Als nächsten Schritt werden wir die Lehreraus- und -fortbildung unter dem Gesichtspunkt der Fachlichkeit der Lehrkräfte überprüfen.

*TOSCA steht für Transformation des Sekundarschulsystems und akademische Karrieren. Das Projekt untersucht die Bildungsbiografien von Absolventen des Gymnasiums und der Realschule über einen Zeitraum von mehreren Jahren.

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Über bildungspolitische Ziele und Herausforderungen in Baden-Württemberg spricht Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann auch am 14. und 17. Februar auf der didacta-Bildungsmesse 2017 in Stuttgart:

Bildungskongress der Kommunalen Landesverbände
“Bildung auf Draht – Digitalisierung der Schulen”
Referenten: Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Kultusministerin Dr. Susanne Eisenmann sowie die Landtagsfraktionsvorsitzenden Andreas Schwarz, Prof. Dr. Wolfgang Reinhart, Andreas Stoch und Dr. Hans-Ulrich Rülke
17. Februar 2017
10:00 – 18:00 Uhr
ICS, Raum C1.1
Veranstalter: Städtetag, Landkreistag und Gemeindetag Baden-Württemberg in Kooperation mit dem didacta Verband der Bildungswirtschaft und der Messe Stuttgart

 

Schule/Hochschule
Forum Bildung
Schule der Zukunft – Zukunft der Schule: Schulentwicklung in Baden-Württemberg
Dr. Susanne Eisenmann (Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg)
14. Februar 2017
14:30 – 15:45 Uhr
Stand: 1H71 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Weitere Veranstaltungen zum Thema Schulpolitik auf der “didacta”:

Forum Bildung
Wohin mit der Gemeinschaftsschule?
Referenten: Sandra Boser (Bildungs-, Schulpol. Sprecherin der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Landtag Baden-Württemberg), Dr. Stefan Fulst-Blei (Bildungs-, Schulpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg), Dr. Timm Kern (Bildungs-, Schulpolitischer Sprecher der Fraktion FDP/DVP im Landtag Baden-Württemberg) und Karl-Wilhelm Röhm (Schulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg)
15. Februar 2017
10:30 – 11:45 Uhr
Stand: 1H71 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

 

Forum didacta aktuell
Leistungsstarke Kinder – wo bleiben sie?
Darüber diskutieren:
•Dr. Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg
•Monika Greschuchna, Schulleiterin aus dem Saarland
•Stefan Küpper, SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg
•Prof. Dr. Manfred Prenzel, School of Education an der TU München
•Moderation: Dr. Donate Kluxen-Pyta, BDA, Berlin

15. Februar 2017
11.00 – 11.45 Uhr
Veranstalter: BDA | Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

 

Forum Bildung
Berufliche Bildung – Leistung und Herausforderung
Darüber diskutieren:
•Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg
•Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
•Dr. Ernst G. John, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen e. V.
•Prof. Dr. Ralph Alexander Lorz, Hessischer Kultusminister
•Eugen Straubinger, Bundesvorsitzender Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.

17. Februar 2017
15:00 – 16:00 Uhr
Stand: 1H71 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

 

Forum didacta aktuell
Schulentwicklungsland Deutschland?
Darüber diskutieren
•Verena Appelshäuser, Schulleiterin Grundschule Lambrecht
•Prof. Dr. Monika Buhl, Dozentin für Schulpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg, Leiterin des Regionalteams Süd der Deutschen Schulakademie
•Claudia Rugart, Abteilungspräsidentin Schule und Bildung im Regierungspräsidium Stuttgart

17. Februar 2017
Halle 5, D32
Veranstalter: Didacta Verband e. V.

 

Berufliche Bildung/Qualifikation
Forum Berufliche Bildung
Fit für den Beruf: Schule im Zeitalter der Digitalisierung
Referenten: Dr. Susanne Eisenmann (Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg), Michael Futterer (GEW-Landesverband Baden-Württemberg), OStD Eugen Straubinger (Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V.) und Rainer Lupschina (Friedrich-List-Gymnasium Reutlingen).
15. Februar 2017
12:15 – 13:15 Uhr
Stand: 6D32 (Veranstaltung am Messestand)
Veranstalter: Didacta Verband e.V. / Verband Bildungsmedien e.V.

 

Forum Berufliche Bildung
Berufliche Bildung 4.0: Wo steht das Land Baden-Württemberg?
Darüber diskutieren:
•Elke Lücke, Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG Porsche AG
•Stefan Küpper, Südwestmetall
•Herbert Huber, Berufsschullehrerverband Baden-Württemberg (BLV)

17. Februar 2017
12:15 – 13:15 Uhr
Halle 6, D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft / Verband Bildungsmedien e. V.

Weitere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta finden Sie unter www.didacta-stuttgart.de/programm.

 

6 Kommentare

  1. Zitat 1: “… dass wir uns wieder stärker auf Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen konzentrieren müssen.”

    Zitat 2: “In den Grundschulen haben wir die Stunden für den Unterricht in den Fächern Deutsch und Mathematik erhöht. Damit wollen wir grundlegende Kompetenzen wie Lesen, Schreiben, Zuhören und Rechnen stärken.”

    Das finde ich sehr richtig! Was den Lehrern an den Grundschulen vor allen Dingen fehlt, ist ZEIT !!!

  2. @sofawolf – Stimme der Frau Ministerin in diesen Punkten zu. Die letzten Jahre wurden immer mehr “Baustellen” aufgemacht: Individuelle Förderpläne, Inklusion, Präsentation, Selbstbeurteilung… und… und.. und. Dazu kommen Kinder, die das gesamte Wochenende am Tablet oder Konsole verbringen und massive Defizite in vielen Bereichen haben. Laut der HATTIE-Studie ist jedoch der Punkt, der das Lernen am meisten fördert, eine gute Beziehungsebene in der Klasse. Dazu gehört ZEIT , ein deutlich niedrigerer Klassenteiler und zusätzliche Stunden für individuelle Förderung.

    ABER uns wurde fürs nächste Schuljahr (BW) schon angekündigt, dass sämtliche AGs, Förderstunden und ähnliches gestrichen werden, da es einen enormen Lehrermangel gibt.

    Also, weiter wie bisher…….

  3. Leider! 🙁

    Danke für die Zustimmung im Kern, die kriege ich hier ja nicht so oft.

  4. Zitat: “Die letzten Jahre wurden immer mehr „Baustellen“ aufgemacht: Individuelle Förderpläne, Inklusion, Präsentation, Selbstbeurteilung… und… und.. und.”

    Neben Stundensoll und Klassengröße halte ich das für den Bereich, wo dringend etwas getan zu unserer Entlastung getan werden muss !!! Danke nochmals, dass das auch mal jemand anderes sagt.

    • Von der romantisch verklärten Pädagogik ist der schulische Alltag weit entfernt. Wenn ich dann Schul-Fantasten wie diesen Herrn Precht höre oder die Forderung in der Grundschule mit Programmieren anzufangen, dann kriege ich eine Krise. Ich bin gerne Lehrerin, aber wir werden gerade dermaßen verheizt…. Als junger Mensch heute ein Pädagogik-Studium zu beginnen, erfordert viel Mut und Durchhaltevermögen. AUCH finanziell….

  5. Axel von Lintig

    Es ist für Grundschullehrer sowieso schon eine schwierige Aufgabe den Schülern die Übertragung der Sprache in unser Schriftsystem zu ermöglichen. Und dann noch die Inklusion, die Integration der Kinder ohne Deutschkenntnisse, sowie der inneren Differenzierung.
    Da müssen die Strukturen wieder einheitlicher gebildet werden, um den einzelnen Gruppen durch direkte Instruktion helfen zu können. Man könnte doch die Schüler in getrennten Klassen mit Sonderförderbedarf, ohne Deutschkenntnisse und Grundschulklassen unter einem Dach einer Schule unterrichten.
    Auf diese Weise wäre die Inklusion auch umsetzbar, die innere Differenzierung wäre geringer und man könnte mit größeren Gruppen direkt arbeiten mit viel Rückmeldung.
    Wo ein Wille ist, da findet sich auch ein Weg.

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