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„Verbittert und erschöpft“ – Bayerische Schulleitungen schreiben Brandbrief an Seehofer

MÜNCHEN. In einem Brandbrief an Ministerpräsident Horst Seehofer finden Bayerns Schulleitungen deutliche Worte. In dem dreiseitigen Schreiben, unterzeichnet von der Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, klagen sie an: „Mehr geht nicht mehr.“ Sie fordern mehr Leitungszeit, eine bessere Ausstattung, mehr Anerkennung und Unterstützung.

„Viele der rund 5000 Schulleiterinnen und -leiter an Grund- und Mittelschulen und ihre Verwaltungsangestellten sind am Ende ihrer Kraft“, erklärte Fleischmann. Sie überschritten ihre persönliche Belastungsgrenze dauerhaft. Die Fülle der Aufgaben und Anforderungen sei immens und ständig kämen neue dazu – wie das Schulverwaltungsprogramm ASV, welches stark fehlerbehaftet an den Schulen eingeführt worden sei. „So kann es nicht weitergehen“, stellte sie klar. Schulleitungen und Verwaltungsangestellte würden zwischen ihren Aufgaben zerrieben. „Es gibt hier kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsdefizit in Politik und Verwaltung.“ Die kleinen Verbesserungen der vergangenen Jahre zeigten kaum Wirkung. Politik und Verwaltung müssten nun die Augen auf machen und die Realität endlich zur Kenntnis nehmen. „Wir brauchen keine Zuckerl. Wir brauchen eine echte Reform.“ Vor jeder neuen Aufgabe für die Schulleitungen müsse künftig gesagt werden, welche dafür entfällt, oder es müsse geprüft werden, wie viel Zeit dafür nötig sei, verlangte die BLLV-Präsidentin. Mit neuen Aufgaben müsse nun Schluss sein.

Der BLLV bemühe sich seit Jahren darum, die Situation für die Betroffenen zu verbessern. Inzwischen liegt im Kultusministerium ein ganzes Bündel von Anträgen vor. „Wir haben immer wieder gebeten und gefordert, sämtliche Tätigkeiten der Schulleitungen zeitlich neu zu bewerten. Wir haben vorgeschlagen, Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen, die bei juristischen Fragen professionell beraten. Wir haben gefordert, die Verwaltungsangestellten zu entlasten, finanziell besser zu stellen und Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen.“ Die Situation sei seit Jahre bekannt. Jetzt müssten Politik und Verwaltung endlich handeln, heißt es in dem Brandbrief wörtlich.

Die Stimmung in vielen Kollegien ist explosiv. Foto: Wurfmaul / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Stimmung in vielen Kollegien ist explosiv. Foto: Wurfmaul / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Im Dezember hatte sich bei einer BLLV-Veranstaltung in München gezeigt, dass die Betroffenen inzwischen verbittert und erschöpft sind. „Vor allem aber fühlen sie sich nicht wertgeschätzt.“ Das sei ihr sehr nah gegangen, betonte Fleischmann. Sie hatte zur „Werkstatt Schulleitung“ eingeladen und rund 80 Schulleitungen und Verwaltungsangestellte waren nach München gekommen. Den Kolleginnen und Kollegen gehe es nicht darum, zu lamentieren oder sich den Aufgaben nicht stellen zu wollen. „Viele von ihnen können einfach nicht mehr.“ Sie wisse aus vielen Gesprächen, dass es im Kultusministerium kein Geheimnis mehr sei, wie ernst die Lage sei. Letztlich drehe sich alles um die Frage der Finanzierung, denn natürlich gebe es keine Entlastung zum Nulltarif.

Im Namen der Teilnehmer der „Werkstatt Schulleitung“, im Namen der Grund- und Mittelschulen Bayerns und ihrer Verwaltungsangestellten fordert der BLLV:

  • mehr Leitungszeit für die Schulleitungen
  • eine bessere Ausstattung mit Verwaltungsangestellten an Grund- und Mittelschulen sowie
  • das Aussetzen der Externen Evaluation als belastungsmindernde und ressourcenschonende Sofortmaßnahme.

Immer öfter müssten Schulleitungsstellen mehrfach ausgeschrieben werden, weil sich niemand findet, der den nervenaufreibenden Job machen will. „Es kann doch nicht sein, dass sich erst etwas verbessert, wenn die Stellen tatsächlich nicht mehr besetzt werden können“, sagte Fleischmann. Sie erwarte nun eine baldige Antwort des Ministerpräsidenten. Der Brandbrief sei auch an die Adressen aller Abgeordneten des Bayerischen Landtags geschickt worden und werde dort als Petition eingereicht.

Der Brandbrief ist nachzulesen unter  http://schulleitung.bllv.de/brandbrief. Er enthält auch Zitate von Schulleitungen und Verwaltungsangestellten, die bei der „Werkstatt Schulleitung“ im Dezember beim BLLV zu Gast waren.

25 Kommentare

  1. Wer zwingt diese armen Hanseln eigentlich immer eine Stelle als Rektor, Konrektor oder Direktor anzunehmen bzw. zu behalten?

    Gut bei Behalten gibt es tatsächlich Zwang. wer sein Amt aufgibt, muss es nämlich kommissarisch weiterführen bis ein anderer Dummer gefunden ist. Also nicht Jammern sondern Augen auf bei der Berufswahl. A13 gibt es auch bei der Polizei (4-Sterne-PHK) oder beim Bund als Hauptmann mit Zusatzqualifikation oder in einer stinknormalen Amtsstube als Oberamtsrat.

    Mein Mitleid mit diesen Opfern der eigenen Karriereplanung hält sich somit stark in Grenzen.

    • Prinzipiell würde ich ja zustimmen, aber viele Schulleiter sind schlicht zu völlig anderen Bedingungen in ihre Amt gekommen.

      Und die drei Forderungen sind ja nun nicht so abartig abgehoben, als dass man sie nicht erfüllen könnte.

      • Ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Stelleninhaber um Entbindung von ihren Ämtern beim Kultusministerium nachsuchen könnten bzw eine berlastungsanzeige zu schreiben. Passiert das massenhaft muss der Dienstherr reagieren. Tut er es nicht , muss man ihn per Klage zwingen seiner Fürsorgepflicht nachzukommen.

  2. Wieso ist jegliche Kritik mit Sprüchen wie: „Augen auf bei…“ zurückzuweisen?
    Die Belastung ist hoch und die Einblicke der verantwortlichen Politiker in den realen Schulalltag (abseits vermeintlicher Studien) sind rar. Da werden Entscheidungen getroffen, die wenig bis gar keine positiven Einflüsse auf die Arbeitsumstände haben. Kurzum die Attraktivität des Lehrerberufs und der Schulleiterposten ist nicht mehr gegeben. Da ändern auch Anhebungen des Gehaltes wenig!!!

    • Freie Berufswahl; es wird doch keiner gezwungen. Und wer sich vor Jahren für diesen Beruf entschieden hat und mit den heutigen Arbeitsbedingungen hadert, hat die Möglichkeit zu kündigen. ALGII steht auch entpflichteten Beamten zu., da es aus Steuermitteln und nicht aus Beitragsmitteln finanziert ist.

      • Naja theoretisch wäre es so einfach. Faktisch eben nicht… da hängen ganze Existenzen dran. Ich möchte Sie sehen, wie Sie einfach das Handtuch werfen!

        Aber Dienstherren sollten schon auf Alarmzeichen und Kritik eingehen. Jeder der an einer Grundschule arbeitet, weiß was ich meine. Der permanente Ausfall von 3- 7 Lehrkräften führt zu Planungsunsicherheiten und schon mal bis zu 8 neuen Stundenplänen in einem Halbjahr. Des Weiteren haben viele Schulen an nur 2 Tagen eine Sekretariatskraft mit 4 h Verfügbarkeit. Es kann nicht sein, dass diese Aufgaben auch noch durch eine Schulleitung getragen werden! Demnach kommt diese gar nicht dazu den eigentlichen Aufgaben nachzugehen.

        • Für mich übrigens gilt, nichts leichter als das. Als älterem Tarifbeschäfigtem stehen mir 18 Monate beitragsfinanziertes ALGI zu. Allerdings müsste ich mit einer Sperrfrist von 6 Wochen rechnen, da ich meine Arbeitslosigkeit ja durch eine eigene Kündigung verursacht hätte. Aufgrund von Alter wird mich Arbeitsagentur auch nicht mehr vermitteln, obwohl ich neben dem lehramt noch über ein zweites Zweites Staatsexamen verfüge. Statt ALGII wird es also zu ein Frühverrentung mit entsprechenden Abstrichen an der Höhe derselben kommen.
          Also machen Sie sich um mich bitte keine Sorgen.

          Wer aber als Beamter auf Lebenszeit – und keiner ist gezwungen worden, sich verbeamten zu lassen, iei Option den gleichen Beruf in Tarifbeschäftigung auszuüben, hätte jedem offen gestnanden – hat man sich für die lebenslande Alimentierung entschieden und muss de facto mit den Folgen leben

          Das mit den Existenzen, die von einer Entpflichtung betroffen wären, verstehe ich nicht. Ehe-/Lebenspartner haben doch die Möglichkeit eigenständig für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Ansonsten ist doch keine Existenz bedroht, ALGII dient doch gerade der Existenzsicherung auf niedrigem Niveau.
          Warum soll es ehemaligen Beamten denn besser gehen als großen Teilen der Bevölkerung, die mit den Arbeitsanforderungen in der „freien Wirtschaft“ nicht mehr Schritt halten können.

          • Sie vergleichen also „Schule als Lebensraum des Lernens“ mit der freien Wirtschaft und dem „normalen einhergehenden“ Leistungsdruck??? Sie wissen aber schon, dass sich die Probleme, die durch Überbelastung auftreten letztendlich auf die Lerngruppen (Zukunft von morgen) negativ auswirken können?

            Ihr Vergleich hinkt und wirkt sehr Eindimensional. Versuchen Sie doch bitte mal Ihre Vergleiche weg von einer Person auf langfristige Effekte umzustellen. Kein Schulleiter schmeißt trotz des Drucks und des zuweilen herrschenden Chaos die Flinte vorzeitig ins Korn!

          • Nee, die scheiden vorzeitig aus.
            Danach gibt es dann einen Nachfolger, der so lange sein Vorgänger noch in ATZ ist, den Job der SL in seiner alten Besoldungsgruppe allerdings mit Leitungszulage versehen muss. Die Leitungszulage bekommt er aber auch, wenn er den Laden kommissarisch leitet. Wozu also noch eine Bewerbung schreiben und den Auswahlzirkus über sich ergehen lassen? Ha schon Gründe warum so viele SL-stellen unbesetzt bleiben.

            Klar ist die Tätigkeit eines Lehrers ein Beruf wie jeder andere. Ärzte und Pflegepersonal geben auch den wirtschaftlichen psychischen Druck, dem sie unterliegen an die Patienten weiter, warum also sollten Lehrkräfte dies nicht tun dürfen.

  3. Schade, dass das nur in Bayern so öffentlich gemacht wird.
    Ich war 22 Jahre Leiter einer GS in Niedersachsen, zuvor Konrektor und Leiter eine Orientierungsstufe – in dieser Zeit wurde immer nur mehr drauf geschaufelt. Die Sekretärin war „nur“ als Schreibkraft eingestellt (dann muss man weniger zahlen) und mit zu wenigen Stunden. 50% der Sekretärinnenarbeit habe ich selbst erledigt. Heute ist es nicht besser – meine Nachfolgerin brennt bereits ziemlich aus. Aber Bildung darf ja nichts kosten!

  4. „Klar ist die Tätigkeit eines Lehrers ein Beruf wie jeder andere. Ärzte und Pflegepersonal geben auch den wirtschaftlichen psychischen Druck, dem sie unterliegen an die Patienten weiter, warum also sollten Lehrkräfte dies nicht tun dürfen.“

    Weil es hier um Kinder geht, die es zu schützen gilt!!! Auch aus diesem Grund sollten Lehrer Lehrer sein!
    Viele Kinder sind von zu Hause (Scheidungen, Gewalt, sozialer Stand) schon genug gebeutelt. Da sollten Lehrer nicht auch noch im Weg stehen.

    • Ist ja schön, dass Sie einen heheren Anspruch hegen. ich mach nur das, was in der ADo steht, für mehr werde ich nämlich nicht bezahlt. Und Steinekloppen oder Kanäle reinigen entbindet einen ja auch nicht der Sorgfaltspflicht.

      • Erklärt sich so, wie viel Zeit Sie für das Schreiben von News4T-Kommentaren haben?

        • Ja klar. Was ich nicht verpflichtend machen muss, mache ich nicht. Ich habe einen in der vorliegenden Form lachhaften Arbeitsvertrag – verglichen mit diversen Arbeitsverträgen anderer Arbeitgeber in meinem mehrhährigen Berufsleben – , der mit Verweis auf die für Beamte geltenden Regelungen die von mir zu erbringenden lListungen wiedergibt, wie viele Tage Urlaub mir zustehen und auf welcher Grundlage ich entlohnt werde.
          Warum soll ich jetzt Leistungen erbringen, die vertraglich nicht geregelt sind?

          • Genauso arbeiten wahrscheinlich auch die Verantwortlichen im Schulsystem (Verwaltung), anders kann ich mir die Lücken und Schwächen in unserem Schulsystem nicht erklären.

            „Das Pferd springt nicht höher als es muss!“

            Gute Arbeitsmoral! -Ironie off-

          • Verstehe die Ironie nicht. Mir ist das nämlich ernst. Ich bin vertraglich verpflichtet eine Leistung zu erbringen, die erfülle und dafür Gehalt kassiere. Mehr Leistung führt nicht zu höherem gehalt, also gibt es nicht mehr.

  5. Wenn uns die Erfinder, Dipl.Ing’s und schlauen Köpfe in Deutschland wegbrechen, weil Lehrer, Schulleiter und damit die Schulen unter mangelhaften Bedingungen logischer Weise keine adäquaten Ergebnisse liefern können, kann sich jeder selber ausrechnen, wo wir ziemlich schnell nicht nur im internationalen Vergleich stehen: Mangels Bodenschätzen oder anderer Ressourcen außer der Wertarbeit dank sehr guter Bildung haben wir nichts, was die Finanzierung der Renten, Pensionen, bzw unserer gesamten Standarts sicherstellt.
    Da dem Bildungssystem die Aufsichtsratsposten für altgediente Politiker fehlen, werden Entscheidungen in der Regel im Sinne von Großkonzernen getroffen, anstatt dass Gelder nachhaltig und in ausreichender Höhe ins Bildungssystem fänden.
    Der unangebrachte Neid großer Bevölkerungsteile gegenüber verbeamteten Mitgliedern des Bildungssystems verstärkt die Problematik noch.
    Umdenken bitte!

    • Meine Rede! Es geht nicht um das jetzt, sondern um die Zukunft. Aber hier steht der Föderalismus im Weg.
      Finnland ändert aktuell wieder die Struktur des Schulalltags.

    • Diplom-Ingenieur und Erfinder schließt sich fast schon aus. Leute wie Fischer (Dübel) und andere haben ihre Erfindungen auf der Grundlage handwerklicher Erfahrungen gemacht, nicht in Folge eines ingenieurwissenschaftlichen Studiums.
      Der alte Witz über TU- und FH-Ingenieure gibt es überspitzt wieder:

      Ein TUler und ein FHler bauen eine Brücke. Der FHler ist nicht in der Lage zu berechnen, warum seine Brücke selbst unter hoher Belastung stehen bleibt. Der TUler hingegen, dessen Brücke schon bei geringer Belastung bricht, kann bis auf 10 Stellen hinter dem Kommma berechnen, warum seine Brücke brechen musste.

      Das D keine Bodenschätze hätte ist eine Mär. Die geologischen Vorräte sind ausreichend. Die Betriebswirte und Ökologen haben aber die se geologischen Vorräte auf Null wirtschaftlich und umweltverträglich zu fördernde Vorräte zusammen gestrichen.

      Und im R&D-Bereich stehen die langen kostenintensiven Strukturen kurzfristigen Quartalszielen im Weg. Der Auftrag lautet ja schon lange nicht mehr, entwickelt ein innovatives Produkt. Der Auftrag ist, wie kann man die bestehende Produktpalette optimieren. Heißt nichts anderes als, wie geht es billiger. Antwort im Regelfall: Verlagerung der Produktion ins Ausland. Kreative Lösungen a la VW/AUDI/BOSCH sind jedenfalls nicht in Entwicklungsabteilungen unter Maßgabe von Ingenieuren entstanden. Dafür gibt es extra Wirtschaftsingenieure, der Kreuzung aus schlechten BWLern und technisch unterbelichteten Ingenieuren.

      Viele Grüße
      ein Dipl.-Ing. (TU)

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