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Auf schmalen Grat – wenn Wirtschaftsvertreter Unterricht machen

WIESBADEN. Schülern Wirtschaftskompetenz von Wirtschaftsvertretern vermitteln zu lassen statt von Lehrern scheint auf Anhieb einleuchtend, ist aber mit Vorsicht zu genießen. Die Abgrenzung von ehrenamtlicher Unterstützung und verkappter Werbung ist nicht immer leicht zu ziehen und immer auch umstritten.

Mit dem für Mai geplanten neuen Schulgesetz in Hessen soll Werbung für politische, religiöse oder weltanschauliche Interessen sowie kommerzielle Werbung an Schulen explizit auf Gesetzesebene verboten werden. Bedeutet dies eigentlich keine inhaltliche Verschärfung an bestehenden Regelungen, sorgen sich Oppositionsparteien und Verbände dennoch angesichts der geplanten Neuregelungen und fordern eine klarere Abgrenzung von verbotener Werbung und erlaubtem Sponsoring.

Kreditverträge verstehen, Gewinnversprechen durchblicken, Praktiker könne Jugendlichen wichtiges Wissen vermitteln. Doch Verbraucherschützer wittern verkappte Werbung Foto: M. Fröhlich / pixelio.de

Kreditverträge verstehen, Gewinnversprechen durchblicken – Praktiker können Jugendlichen wichtiges Wissen vermitteln. Doch Verbraucherschützer wittern verkappte Werbung Foto: M. Fröhlich / pixelio.de

Das die Zusammenarbeit mit Wirtschaftsvertretern Schulen nutzen bringen kann, aber immer auch problematisch bleibt, zeigt das Beispiel aus Wiesbaden:

Auf dem Stundenplan steht ein sperriges Thema: Inflation. Michael Hellenkamp bemüht sich um einen altersgerechten Zugang: «Wie viel hat eine Kugel Eis im Jahr 1985 gekostet und wie viel kostet sie jetzt?», fragt der 51-Jährige die Schüler des Leistungskurses Wirtschaftswissenschaften an der Wiesbadener Humboldt-Schule. Hellenkamp ist selbstständiger Versicherungs- und Finanzberater. In die elfte Klasse des privaten Gymnasiums kommt er alle zwei Wochen für zwei Stunden, um den Schülern praktisches Wissen zu vermitteln.

Hellenkamp arbeitet ehrenamtlich in der Humboldt-Schule sowie einer Haupt- und Realschule in Wiesbaden. Hinter ihm steht der Verein Geldlehrer e.V. Mehr als 110 aktive Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz listet dessen Homepage auf, 125 Kooperationsverträge mit Schulen gibt es demnach insgesamt – darunter auch weitere in Hessen. Das Motto des Vereins: «Finanzielle Bildung für alle!» Jugendliche sollen dadurch falschen Werbeversprechen nicht mehr auf den Leim gehen.

Doch der Einsatz der Geldlehrer wird kritisch beobachtet. Der Stoff sei wichtig und gehöre in die Schule, aber es müsse Neutralität gewährleistet sein, sagt Vera Fricke vom Verbraucherzentralen Bundesverband. Sie vermutet, dass hier Werbung in der Schule gemacht werde, wenn sie auch nicht sofort erkennbar sei: «Zuhause wird vom Unterricht erzählt, und dann ist es so, dass doch Kundenakquise dahintersteht.» Es gebe auch noch weitere Anbieter, allesamt stießen sie in eine Lücke: «Es gibt nicht genügend Kapazität bei den Lehrern.»

Externe Experten im Unterricht seien eine gute Sache, dürften aber nicht regelmäßig ganze Unterrichtsstunden halten. «Was in der Schule passiert, hat eine große Glaubwürdigkeit», sagt Fricke. Schilderungen Externer müssten vom Lehrer vor- und nachbereitet werden. Dabei müsse auch darauf eingegangen werden, dass deren Sicht eine unter mehreren sei.

Hellenkamp sagt, alle Geldlehrer unterschrieben einen Kodex, nachdem sie keine Werbung machen dürften. Sein Antrieb sei, Schülern anwendbare Informationen zu geben, damit sie keine schlechten Geldentscheidungen träfen.

Dem Kultusministerium liegen keine Beschwerden von Eltern oder Schülern vor. Wenn Externe am Unterricht mitwirkten, müsse die Neutralität sowie weitere in der Schule geltenden Grundsätze gewahrt sein, sagt ein Sprecher. Die Entscheidung über außerschulische Angebote zur Vertiefung des Unterrichtsstoffs träfen die Schulen, die Verantwortung für die Einhaltung der Vorgaben liege bei der Schulleitung.

Von kritischen Anfragen berichtet dagegen die Lehrergewerkschaft GEW, auch zu anderen Institutionen und Vereinen, die in die Schulen drängten. Hier gebe es ein zunehmendes Problem, sagt ein Sprecher.

Klassenlehrer Alexander Huiskes von der Humboldt-Schule sagt, er sei anfangs sehr skeptisch gewesen, doch Hellenkamp mache keine Werbung und verkaufe keine Ideologie. «Achte auf das Kleingedruckte», sei die Devise, die der Berater vermittele. Davon habe er auch schon selbst profitiert und eine Lebensversicherung gekündigt. Huiskes sitzt in den Geldlehrer-Stunden mit im Unterricht und macht Notizen. Die Mitarbeit der Elftklässler fließe in die Bewertungsnote ein, zum Inhalt legten die Schüler eine Extra-Prüfung ab und erhielten ein Zertifikat. «Ich finde, das ist eine gute Zusatzqualifikation.»

In der Unterrichtsstunde arbeiten die meisten Schüler fleißig mit und staunen über die Preissteigerung beim Eis über die Jahre. Ähnliches gelte für Fast Food oder Autos, erläutert der Finanzberater. «Mir geht es darum, dass Ihr ein Gefühl dafür bekommt, wo lege ich mein Geld an, wie baue ich Vermögen auf», sagt er vor der Klasse. Derzeit einfach Geld auf ein Konto zu legen, sei jedenfalls kein gutes Geschäft. (Isabell Scheuplein, dpa)

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