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„Die Geschichte verbindet“ – Glockenguss in Erfurt soll ein besonderes Zeichen setzen

ERFURT. Knapp 15 Jahre nach den schrecklichen Ereignissen beherrscht der Amoklauf von Erfurt nicht mehr den Alltag am Gutenberg-Gymnasium. Doch noch immer ist das Geschehen mit 16 Todesopfern weit davon entfernt, zu einem fernen Teil der Schulgeschichte zu werden. Nun soll das Gymnasium eine eigene Gedenkglocke erhalten. Das ist in der Schulgemeinschaft nicht unumstritten.

Es ist dunkel in Erfurt, als sich vor dem Gutenberg-Gymnasium ein Schwall glühender Bronze in eine in Erde gepresste Glockenform aus Lehm ergießt. Vorsichtig kippt Glockengießer Josef Flier den schweren Schmelztiegel, der am Arm eines Feuerwehr-Drehkranes hängt. Flammen schießen empor, rote Glutklümpchen zischen. Nach wenigen Augenblicken brandet Beifall auf: Die neue Glocke ist gegossen. Sie soll an den brutalen Amoklauf vom 26. April 2002 in der Erfurter Schule erinnern und am 15. Jahrestag der Tragödie erstmals geläutet werden.

"Lerne um zu leben": Das Erfurter Gutenberg-Gymasium hat regen Zulauf und eine Geschichte. Foto: Christoph Hoffmann / Flickr (CC BY-SA 2.0)

“Lerne um zu leben”: Das Erfurter Gutenberg-Gymasium hat regen Zulauf und eine Geschichte. Foto: Christoph Hoffmann / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Etwa einen halben Meter hoch und 50 Kilogramm schwer ist die Glocke – und damit ein Winzling, verglichen mit Kirchenglocken. Im Bronzemantel, der aus dem drei Stunden lang bei bis zu 1200 Grad flüssig gekochten Metall entsteht, ist neben den Namensinitialen der Todesopfer und dem Schullogo ein Text eingraviert: «Der 26. April 2002 war ein trauriger Tag.»

Damals hatte der mit Pistole und Pumpgun bewaffnete Amokschütze in knapp einer Viertelstunde elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler, einen Polizisten und anschließend sich selbst erschossen.

Die Schüler, die an diesem Vormittag gerade ihre Abiturprüfung geschrieben hatten, hat es längst in alle Welt verstreut. Ebenso wie die jüngeren Schülerjahrgänge von damals, die inzwischen meist schon ihr Studium hinter sich haben.

Einige Angehörige der Opfer seien zu dem Glockenguss zurückgekehrt, wie Schuldirektorin Christiane Alt in ihren Begrüßungsworten sagt. Etwa 600 Menschen verfolgen das Zeremoniell, vor dem Guss legen sie eine Schweigeminute für die Opfer ein.

Das Schulmassaker von Erfurt war das erste in Deutschland in dieser Dimension. Der 19-Jährige, Mitglied in einem Schützenverein, war kurz vor der Tat wegen eines gefälschten Arzt-Attests von der Schule verwiesen worden – und wollte sich wohl an seinen Lehrern dafür rächen, er erschoss sie gezielt. Die Tat löste in Deutschland eine Debatte um Waffenrecht und schulischen Leistungsdruck aus. Die Altersgrenze für den Erwerb großkalibriger Sportwaffen wurde danach von 18 auf 21 Jahre angehoben.

Die Erinnerung an die schrecklichen Geschehnisse ist am Gutenberg-Gymnasium auch 15 Jahre danach noch wach. Zwar sind einige der früheren Lehrer inzwischen in Rente oder haben die Schule nach der Tragödie verlassen. Dennoch seien 15 der heute 55 Lehrer Zeitzeugen, die das Geschehene an die jetzige Schülergeneration weiter vermittelten, erläutert die Direktorin.

«Wir sagen allen, die zu uns kommen wollen, dass die Schule eine Geschichte hat, dass der 26. April 2002 ein Kapitel davon ist und dass wir daran in jedem Jahr erinnern», sagt Alt. Beim jährlichen Gedenken werden die Namen der Getöteten verlesen, eine Glocke schlägt für die Opfer – bislang eine ausgeliehene.

Alt zufolge hat die Schule einen ungebrochen starken Zulauf, knapp 650 Kinder und Jugendliche lernen dort derzeit. «Wir bekommen mehr Anfragen, als wir Schüler aufnehmen können», sagt die 61-Jährige, die am Gymnasium Deutsch unterrichtet.

Sandra Töpfer, die Vorsitzende des Schulfördervereins, sieht es so: «Die Geschichte verbindet Schüler, Lehrer und Elternschaft, auch wenn sie nicht jeden Tag präsent ist.» Töpfer, die in der Umgebung der Schule wohnt und das Geschehen aus dieser Perspektive erlebte, hat ihre Tochter und einen Sohn dennoch auf das Gutenberg-Gymnasium geschickt. «Wir haben das besprochen und sie wollten das», sagt sie.

Der Verein hat seit einem Jahr Geld für den Glockenguss gesammelt. Rund 8000 Euro kamen zusammen. Die Idee mit der Schulglocke sei unter den Schülern allerdings nicht unumstritten, räumt Töpfer ein. Auch in ihrer Familie habe es Diskussionen gegeben, ob das Geld nicht besser für etwas anderes ausgegeben werden solle.

Andere Schüler haben sich Alt zufolge gemeinsam mit Angehörigen von Opfern aktiv daran beteiligt, einen Entwurf für die Gestaltung der Glocke zu entwickeln, den ein Glockengießer aus Karlsruhe umsetzte.

Nach dem Guss ist die Arbeit an dem Bronzeexemplar noch nicht beendet. Am Samstagvormittag soll die Glocke so fest und abgekühlt sein, dass sie aus der Form gepackt werden und später in der Werkstatt gestimmt werden kann. Klöppel und Joch werden von einer Thüringer Spezialfirma, die auch den Glockenstuhl baute, noch gefertigt. (Katrin Zeiß, dpa)

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