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Streitthema Abordnung von Lehrern: Schlagabtausch im Landtag, Proteste von Eltern

HANNOVER. Zum Schuljahresbeginn lief es vielerorts nicht rund: Die kurzfristige Abordnung von Lehrern machte besonders Gymnasien zu schaffen und sorgte vielerorts für Unmut. Warum es dazu kam, wollten CDU und FDP im Landtag wissen. In der heutigen Plenarsitzung lieferten sich die Abgeordneten heftige Wortgefechte.

Wortgefechte im Niedersächsischen Landtag in Hannover. Foto: falco / pixabay (CC0)

Beim Dauer-Streitthema Bildungspolitik ist die Opposition im Landtag angesichts geänderter Mehrheitsverhältnisse in die Offensive gegangen. Eine Debatte zu den Abordnungen von Gymnasiallehrern an Grundschulen geriet am Mittwoch auch zu einer Abrechnung mit der Amtszeit von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD). „Seit zwei Wochen können weder an Grundschulen, noch an Oberschulen, noch an Gymnasien vollständig fertige Stundenpläne gemacht werden. Unterricht findet aktuell in diesem Chaos nicht statt. Das ist eine Schande für dieses Land“, sagte der FDP-Bildungsexperte Björn Försterling.

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) wies den Oppositionsvorwurf von chaotischen Zuständen an Niedersachsens Schulen zurück. Sie verwies gleichzeitig darauf, dass die Aushilfe von Lehrern an anderen Schulen kein rein niedersächsisches Problem sei. In allen Bundesländern würden derzeit Bewerber für das Grundschullehramt fehlen. In Nordrhein-Westfalen sei man sogar dazu übergegangen, Gymnasiallehrer an Grundschulen zu versetzen. „Es gibt in Niedersachsen 6.000 bis 7.000 Abordnungen pro Jahr“, sagte die Ministerin. Derzeit seien 171 Lehrer von Gymnasien an Grundschulen abgeordnet, das betreffe 48 Schulen. „Da von Chaos zu sprechen ist schlicht und einfach falsch.“ Bei künftigen Abordnungen solle jeder Einzelfall geprüft werden.

Proteste der Opposition

Unter Druck: Frauke Heiligenstadt. Foto: Foto AG Gymnasium Melle, Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0)

Unter Druck: Frauke Heiligenstadt. Foto: Foto AG Gymnasium Melle, Wikimedia Commons (CC-BY-SA 3.0)

Heiligenstadt zeigte sich optimistisch, dass sich die Situation in den kommenden Jahren entspannen werde. Die Delle in der Lehrerausbildung werde sich glätten. Künftige Grundschullehrer hätten in Niedersachsen bereits jetzt eine De-facto-Einstellungsgarantie.

Der CDU-Abgeordnete Kai Seefried warf der Ministerin dennoch Unfähigkeit vor. „Statt auf die Situation in unseren Schulen zu reagieren, redet die Kultusministerin die Sache schön.“ Die Unterrichtsversorgung an den Schulen habe sich beständig verschlechtert. Nun werde versucht, den Mangel an Grundschullehrern mit hektischen Aktionen wie den Abordnungen zu kompensieren. „Das sind ministeriell organisierte Chaostage, die da an unseren Schulen stattfinden.“ Der FDP-Abgeordnete Stefan Birkner warf Heiligenstadt vor, jeden Gestaltungsanspruch in der Bildungspolitik aufgegeben zu haben. „Sie haben keine Konzepte, wie sie diesem Chaos begegnen.“

Die Abgeordneten Heiner Scholing (Grüne) und Stefan Politze (SPD) entgegneten auf die Oppositionsvorwürfe, es sei die schwarz-gelbe Vorgängerregierung gewesen, die die Kapazitäten zur Lehrerausbildung an den Universitäten zurückgefahren hätten. Deswegen fehlten nun Pädagogen an den Schulen.

Proteste von Elternseite

Elternvertreter machen derweil gegen die Schulpläne des Landes mobil. Wie die „Hannoversche Allgemeine“ berichtet, hat der Verband der Elternräte der Gymnasien Niedersachsens am heutigen Mittwoch einen Aufruf an alle 260 Gymnasien verschickt. „Bitte informieren Sie die Eltern in Ihrer Schule und protestieren Sie gemeinsam gegen die Abordnungen von unseren Gymnasien und die zunehmend schlechte Unterrichtsversorgung“, heißt es in dem Aufruf. Laut des Verbandes werde sich die Unterrichtsversorgung an Gymnasien durch die Abordnungen noch verschlechtern. Die Elternräte in Niedersachsen kritisieren vor allem, dass zahlreiche Lehrer sehr kurzfristig an andere Schulen geschickt wurden – zu einem Zeitpunkt also, an dem sie an der eigenen Schule schon verplant waren.

Nach Beobachtung des Philologenverbandes Niedersachsen würden viele der abgeordneten Gymnasiallehrer zudem gar nicht für den Unterricht eingesetzt. Sie müssten im Gegenteil nachrangige Aufgaben erledigen, würden beispielsweise als Zweitlehrkraft oder als Aufsicht eingesetzt. Das sei eine „unerträgliche Verschwendung von wertvollen Unterrichtsstunden, die den Gymnasien fehlen“ sagte der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz. dpa

Lehrermangel-Chaos – Kurzfristige Abordnungen von Kollegen noch nach Schuljahresbeginn setzen Stundenpläne außer Kraft

 

6 Kommentare

  1. Harzburger Zeitung, 15.08.2017

    GRUNDSCHULABORDNUNGEN: REAKTIONEN AUS VERBÄNDEN UND MINISTERIUM

    „Diese planerische Inkompetenz des Kultusministeriums und der Landesschulbehörde ist nicht zu überbieten“, hatte Horst Audritz zum Wochenende erklärt, „ein solches Chaos habe ich noch nie erlebt.“ Der Vorsitzende des Philologenverbandes, der mehr als 7000 Lehrkräfte meist von Gymnasien und Gesamtschulen in Niedersachsen vertritt, sprach von „empörten Meldungen“, die die Organisation täglich erreichten.

    Solche Meldungen kämen in der Regel von Mitgliedern. Dass sich eine Schulleitung in der Form wie das Ratsgymnasium äußere, sei eher ungewöhnlich. Die Behörden hätten seiner Kenntnis nach Anweisung erteilt, sich nicht öffentlich zu den umstrittenen Abordnungen an Grundschulen zu äußern – eine Art Maulkorb also.

    „Manche haben aber trotzdem den Mut“, erklärte Audritz gestern, dessen Verband Anfang November erneut in Goslar seine Jahrestagung abhält. Klare Ansage: „Die Abordnungen werden mit Sicherheit ein Thema sein.“

    Auch Niedersachsens Direktorenvereinigung hat sich zu den Abordnungen geäußert. Sie bedeuten demnach „das Eingeständnis schweren Versagens bei der Bedarfsplanung, der zentralen Aufgabe jeder Schuladministration“, schreibt der Vorsitzende Dr. Wolfgang Schimpf aus Göttingen – „und damit letztlich den Offenbarungseid für die Politik dieser Ministerin.“

    Aus dem Ressort von besagter Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) in Hannover bzw. aus der Landesschulbehörde in Lüneburg war gestern bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme mehr zu erhalten.

  2. Warum können die Verwaltungen, wenn sie schon abordnen, das nicht in der ersten Ferienwoche durchziehen? Hier in RP habe ich alljährlich den Eindruck, die von der ADD sind alle von Mitte Mai bis Ende Juli im Urlaub.

  3. Als Aufsicht? Das zählt ja nicht zu den Unterrichtsstunden, sondern ist eine Zusatzaufgabe eines jeden Lehrers. Aufsichten werden normalerweise gerecht unter dem Kollegium verteilt.
    Wenn eine Zweitlehrkraft benötigt wird, finde ich das gar nicht schlecht als Einstieg. Oder wollen die Gymnasiallehrer wirklich gleich eigenverantwortlich Unterricht machen in einer Schulform, die sie nicht kennen? Schlimm finde solche Kombinationen, dass z.B. ein Biolehrer Sportunterricht machen muss, wie man in einem Zeitungsarktikel lesen musste. Das finde unverantwortlich, zumal es ja auch Sicherheitsaspekte im Sportunterricht zu berücksichtigen sind. Ausnahme: Er ist irgendwo Übungsleiter und hat da eine entsprechende Ausbildung. Es bleibt die Frage, wo man einen Biolehrer in der Grundschule sinnvoll einsetzen kann? Im Sachunterricht gibt es ein paar Biothemen, die reichen aber lange nicht für ein ganzes Schuljahr.

  4. Da wir eine kleine GS-Schule mit wenig Lehrern sind habe ich z.B. 100-120min Aufsicht pro Woche zusätzlich zu 28 Unterrichtsstunden.

  5. Zweitlehrkraft? In Niedersachsen? Was soll das sein?
    Eine zweite Lehrkraft, die zusätzlich innerhalb der Klasse sein kann, gibt es nur im Rahmen der Inklusion, wobei die “Grundversorgung”, die lediglich 2 Std. pro Woche pro Klasse beträgt, nicht allen Schulen gewährt werden kann, da auch ein Mangel an Förderschullehrkräften herrscht.
    Außerdem erhalten SuS mit GE- oder Hören- oder Sehen- oder Köperlich-motorische Entwicklung- Förderbedarf 3 oder 5 Std- Förderung pro Kopf, eigentlich von einer Lehrkraft der nächsten entsprechenden Schule, aber auch die haben nicht genügend Personal oder liegen so weit entfernt, dass die Fahrzeit die Stunden aufbrauchen würde.
    Bekommt die Schule die fehlenden Förderschullehrerstunden ins eigene Soll, erteilen die Lehrkräfte der Grundschule diese Förderstunden und kümmern sich um die Kinder mit Förderbedarf Lernen, Sprache, Emotional-soziale Entwicklung, Geistige Entwicklung, Hören, Sehen, Körperlich-motorische Entwicklung, also außerunterrichtlich um Förderplanung, Dokumentation, Evaluation, Materialien etc. (ohne das aufs Deputat anzurechnen) in Absprache mit der Klassenleitung und im Rahmen des Unterrichts um entsprechende Förderung dieser Kinder.
    Es kann also sein, dass Gymnasiallehrkräfte im Rahmen der Inklusion die Stunden übernehmen, die Förderschullehrkräfte nicht übernehmen können und die deshalb von den Lehrkräften an den Grundschulen übernommen werden müssen.

    Wenn andererseits an einer kleinen Grundschule eine komplette Lehrkraft fehlt, werden die Gymnasiallehrkräfte sicherlich eine Klasse als Klassenlehrer übernehmen müssen und entsprechenden Unterricht in dieser Klasse erteilen, der Rest der Stunden wird nach Möglichkeit nach Neigung verteilt.
    Da Niedersachsen per Erlass geregelt hat, dass in Klasse 3+4 ein Hauptfach (D, Ma, SU) von einer anderen Lehrkraft zu erteilen ist, hat man häufig neben der eigenen Klasse weitere in einem dieser Fächer.

    Aufsichten zählen nicht ins Deputat, das dürfte doch an Gymnasien nicht anders sein. Da die Verlässliche Grundschule in allen Klassenstufen 5 Zeitstunden Beaufsichtigung garantiert, ist in den meisten Schulen die Lücke von Unterrichtszeit (5×45 min in Klasse 3+4) und zugesagter Betreuungszeit (5×60 min) durch Pausenaufsichten gefüllt – also täglich mindestens 75 min. In kleinen Kollegien ist man entsprechend häufig an der Reihe. Lediglich für die 1. und 2. Klasse findet eine Betreuung durch zusätzliche pädagogische MitarbeiterInnen während der 5. Stunde statt.

    Im Rahmen der Ganztagesschule gibt es den Einsatz von Lehrkräften, der anteilig auf das Deputat angerechnet wird, auch das ist vermutlich am Gymnasium ebenso geregelt. Wenn die Abordnungen stundenweise ist und die Lehrkraft erst später am Vormittag in die Grundschule kommt, könnte sie dort eingesetzt werden, da zu dieser Zeit die 1. und 2. Klassen keinen Unterricht mehr haben.

  6. An Grundschulen müssen auch die 3 Buszeiten beaufsichtigt werden und 2 Pausen, so dass täglich schon 5 Aufsichtszeiten anfallen, die große Pause evtl. in Mehrfach- oder Doppelbesetzung. Es kann durchaus entlastend sein, wenn die ein oder andere Aufsicht von den abgeordneten Gymnasiallehrkräften übernommen wird.

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