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Pflaster, Trost und mehr: Schulkrankenschwester hat „immer was zu tun“ (sie entlastet Lehrer) – Verbände fordern bundesweiten Einsatz

BERLIN. Aufgeschlagene Knie oder Bauchschmerzen wegen einer bevorstehenden Klassenarbeit: Um solche Fälle kümmern sich neuerdings an einigen hessischen und brandenburgischen Schulen spezielle Krankenschwestern. Dass für eine solche Unterstützung in den Kollegien ein großer Bedarf besteht, ist unstrittig – Lehrerverbände fordern den bundesweiten Einsatz von Gesundheitskräften an Schulen. Deshalb stellt sich die Frage: Warum ist die Maßnahme auf zwei Modellprojekte in Deutschland beschränkt?

In anderen Staaten sind Schulkrankenschwestern längst üblich - warum nicht in Deutschland? Foto: Shutterstock

In anderen Staaten sind Schulkrankenschwestern längst üblich – warum nicht in Deutschland? Foto: Shutterstock

Elke Sprotte arbeitet endlich in ihrem lang ersehnten Traumberuf. Den gibt es nämlich erst seit einige Monaten: Sie ist Schulkrankenschwester am Adolf-Reichwein-Gymnasium im hessischen Heusenstamm. «Das wollte ich schon immer machen, und schon in der Schulzeit meiner eigenen Kinder hätte ich mir so etwas für sie gewünscht», sagt sie. Denn normalerweise gehen Schulkinder mit ihren kleinen und großen Wehwehchen aus Mangel an Alternativen ins Sekretariat, wo ihnen aber kaum geholfen werden kann. Deshalb laufen in Hessen und Brandenburg aktuell Modellprojekte mit «Schulgesundsheitsfachkräften», wie es etwas sperrig im Behördendeutsch heißt. In Hessen nehmen zehn Schulen daran zwei Jahre lang teil.

In Ländern wie Polen und Finnland ist der Einsatz von Schulkrankenschwestern längst erprobt. Der Impuls für den Test in Deutschland kam aus Brandenburg, das einen Projektpartner suchte und in Hessen fand. Projektträger ist hier die Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung (HAGE). Die ersten Planungen gehen ins Jahr 2014 zurück, los ging es in diesem Jahr – in Brandenburg einige Monate früher als in Hessen.

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«Als ich die Ausschreibung gesehen habe, habe ich sofort alles in die Wege geleitet, um an dem Projekt teilnehmen zu können», sagt der Schulleiter des Adolf-Reichwein-Gymnasiums, Siegfried Ritter. «Ich habe einen großen Bedarf bei uns gespürt.» Seit Juni ist Elke Sprotte nun im Einsatz. Im Vordergrund stehe die akute Versorgung, etwa nach Unfällen in der Turnhalle oder Stürzen auf dem Schulhof, erklärt der Schulleiter. «Und sie kann für uns die Frage klären: Hat ein Kind wirklich etwas, oder kommen die Bauchschmerzen von der anstehenden Klassenarbeit?»

Sprotte sagt dazu: «Wenn Schüler nur eine Arbeit nicht mitschreiben möchten, kriegt man das raus.» Sie ist ausgebildete Kinderkrankenschwester. In einer begleitenden Weiterbildung lernt sie nun zusätzlich Dinge wie das schulische Rechtssystem, den Datenschutz oder Entwicklungspsychologie. Die Schüler können während der Pausen, aber auch während der Unterrichtszeiten zu ihr kommen und sich für Gespräche, die länger dauern, Termine geben lassen. Dabei unterliegt sie der medizinischen Schweigepflicht. Vor ihrem Zimmer steht mittlerweile eine Bank, denn nicht selten wollen mehrere Kinder gleichzeitig zu ihr. «Zu tun habe ich immer etwas.» Auch im Unterricht ist die Krankenschwester ab und an zu Gast. «Neulich hat eine Lehrerin um einen Erste-Hilfe-Kurs für ihre Unterstufen-Klasse gebeten, den ich dann gehalten habe.»

Keine Medikamente verabreichen

Wenn Kinder zu krank sind, um weiter am Unterricht teilnehmen zu können, werden bis zur achten Klasse die Eltern verständigt. Elke Sprotte selbst darf keine Medikamente verschreiben oder verabreichen – so will es das Gesetz, da sie offiziell zum Schulpersonal gehört und beim Schulamt angestellt ist. Was sie allerdings darf: Wunden versorgen, Verbände anlegen und Zecken entfernen. Und manchmal ist die Lösung noch viel einfacher: «Manche Schüler kommen einfach wegen des Stresses zu mir. Da können ein warmes Kirschkernkissen und ein paar Atemübungen schon wahre Wunder wirken.»

Die Charité-Klinik in Berlin überprüft das Projekt in Brandenburg und Hessen anhand von Fragebögen für Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleitung. Mit den Schulkrankenschwestern gibt es Einzelgespräche. Maja Lenk von der Hessischen Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung bestätigt, dass es bereits positive Rückmeldungen gibt – genug Arbeit für die Krankenschwestern in den Schulen gebe es auf jeden Fall. Knackpunkt könnte allerdings die Finanzierung werden. Denn aktuell wird Elke Sprottes Gehalt von der AOK Hessen bezahlt, die mit rund 1,3 Millionen Euro das Projekt zum größten Teil finanziert. Wie ein dauerhafter Einsatz bezahlt werden könnte, ist noch völlig offen.

Für Schulleiter Ritter ist es keine Frage, dass er sich eine Schulkrankenschwester als dauerhafte Lösung vorstellen kann. «Unsere Erfahrungen sind bisher ausnahmslos positiv, ich werde mich mit allen Möglichkeiten dafür einsetzen, dass Frau Sprotte auch nach Ablauf des Projekts bei uns bleiben kann.» Von Sonja Riegel, dpa

 

Hintergrund: Was die Verbände fordern

Die Inklusion bringt immer mehr chronisch kranke Kinder in die Regelschulen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE), der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) haben  deshalb bereits im März die Ausbildung und den zeitnahen, bedarfsgerechten und flächendeckenden Einsatz von Schulgesundheitsfachkräften gefordert – und alle Bildungs- und Gesundheitsminister in Bund und Länder mit einem gemeinsamen Forderungsbrief angeschrieben.

Die Modellprojekte in Brandenburg und Hessen sind gut – aber eben nicht genug, so meinen die Initiatoren des gemeinsamen Papiers. „Kinder mit chronischen Erkrankungen müssen die Schule besuchen können. Der Staat muss auch daher eine medizinische Grundversorgung durch Schulgesundheitsfachkräfte an allen Schulen sicherstellen“, so heißt es darin.

Der Bundesvorsitzende des VBE, Udo Beckmann, betont: „Durch Inklusion ist nicht nur die pädagogische Herausforderung gewachsen, sondern auch der Anspruch an eine medizinische Versorgung der Kinder gestiegen. Und da geht es nicht um Schnupfen, sondern zum Beispiel um Krebs, Epilepsie und schwerwiegende Allergien sowie chronische Erkrankungen. Die Schulgesetze regeln in unterschiedlicher Weise die Bestimmungen zu Assistenz bei der Medikamentengabe. Um ‚Bitten‘ der Eltern nachzukommen und Inklusion zu ermöglichen, begeben sich Lehrkräfte in Graubereiche des Rechts. Damit provoziert die Politik eine Freiwilligkeitsfalle – mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen.“

Beckmann erklärt: „Lehrkräfte haben einen Bildungs- und Erziehungsauftrag. Die medizinische Betreuung, die Medikamentengabe und Präventionskurse müssen von Schulgesundheitsfachkräften übernommen werden, bzw. die Lehrkräfte müssen bei Gesundheits- und Präventionsprojekten unterstützt werden. Auch die Beratung von Eltern ist ein wichtiger Aspekt.“

Chronisch kranke Kinder

Der Präsident des BVKJ, Dr. Thomas Fischbach, stellt fest: „Es gibt steigende Erkrankungsraten mit chronischen Krankheiten. Auch und insbesondere das Auftreten von Diabetes Typ2-Erkrankungen haben sich in den letzten Jahren verfünffacht. Kinder, die chronische Krankheiten haben, benötigen fortlaufend, auch während des Schulalltags, medizinische Assistenz.“ Der Arzt unterstreicht:  „Medizinische Assistenz an der Schule sollte nur von medizinischen Fachkräften ausgeübt werden. Wir erkennen das hohe Engagement der Lehrkräfte an, aber stellten fest: Das darf kein Dauerzustand sein. Deshalb fordern wir von der Politik einen entschiedenen Kurswechsel, damit Deutschland endlich in dieser Frage zu einem weltweiten Standard aufschließt.“

„Zusätzlich zu den regelmäßigen Untersuchungen bei dem Kinder- und Jugendarzt müssen Schülerinnen und Schülern Angebote zur Gesundheitsprävention erhalten. Die Lehrkräfte können dies nicht zusätzlich leisten“, meint BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Schulgesundheitsfachkräfte sollen auch präventive Angebote machen und damit zu einer gesünderen Lebensweise der Schülerinnen und Schüler beitragen. „Auf was wartet die Politik? Das Curriculum steht, die ersten Fachkräfte werden eingesetzt. Wir fordern, dass Modellprojekte schnellstmöglich auch in anderen Ländern begonnen werden und wir zeitnah zu einem flächendeckenden Einsatz kommen“, so Beckmann.

Ein Kommentar

  1. Also wenn so eine Krankenschwester wie im obigen Bild dieses Artikels an unserer Schule wäre, würde der Krankenstand drastisch nach oben schnellen.

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