Schon als Einjährige ganztags in der Kita – führt das bei Kindern zu mehr Verhaltensauffälligkeiten später dann auch in der Schule?

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MÜNCHEN. Das erste Jahr ist das Kind bei den Eltern, dann kommen Krippe oder Kita. Wer das anders macht, setzt sich dem Verdacht aus, mit dem Kleinen isoliert zu Hause zu sitzen und am Herd herumzuhängen. Machen diese Eltern etwas falsch?

Ist es ein Stress für Kleinkinder, den ganzen Tag in der Kita zu verbringen, der sich bei der Entwicklung bemerkbar macht? Foto: anschi / pixelio.de
Ist es ein Stress für Kleinkinder, den ganzen Tag in der Kita zu verbringen, der sich bei der Entwicklung bemerkbar macht? Foto: anschi / pixelio.de

Paul macht ein Vormittagsnickerchen, seine Mutter ist gleich nebenan. Dabei ist der 2015 geborene Sohn im besten Krippenalter. Klara Pfeifer aus München, 35, studierte Historikerin, scheint damit gegen den Trend zu sein. Während Altersgenossinnen ihre Kinder oft mit zwölf Monaten in die Kita geben, ist Paul Pfeifers zweites Kind, das die ersten Jahre nur von den Eltern betreut wird. Theresa ist vier und geht inzwischen halbtags in den Kindergarten.

Es ist ein Lebensmodell, das in Deutschland seltener wird – in Bayern aber von der Politik gefördert ist. Im Juni 2016 führte der Landtag das Betreuungsgeld ein, nachdem das Bundesverfassungsgericht Zahlungen durch den Bund gekippt hatte. Pro Kind und Monat werden 150 Euro gezahlt. Bis Ende Januar wurden 121 000 Bescheide bewilligt, wie eine Sprecherin des bayerischen Familienministeriums sagt.

Für Pfeifers war die finanzielle Unterstützung nicht ausschlaggebend. Aber dank der «Herdprämie», wie Mutter Klara selbst schmunzelnd sagt, kann die Familie weiter in den Urlaub fahren. Wie schafft man es in einer teuren Stadt wie München mit dem Ein-Verdiener-Modell? Das frage auch ihre Schwester, sagt Pfeifer. «Wir haben geringe Grundkosten, kein Auto» – und der Urlaub gehe eben nicht mehr nach Thailand, sondern nach Kroatien. «Wir haben unsere Kinder relativ spät bekommen, sind bereits viel gereist und möchten jetzt die Zeit als Familie mit den Kindern verbringen, solange sie klein sind.»

„Wozu hast du eigentlich studiert?“ – Wie das emanzipierte Lebensmodell Mütter unter Druck setzt

Wozu hast du eigentlich studiert – das habe ihr Umfeld schon gefragt, gibt Pfeifer zu. Anfeindungen kenne sie nicht, die Titulierung als «Nur-Hausfrau» schon. «Man wird in eine konservative Ecke gedrängt», bestätigt ihr Mann Johannes, der ein halbes Jahr zu Hause bei den Kindern blieb. «Die Leute werden kategorisiert, ein Modell wird verfolgt, auch von der Politik, und das ist dann das Vorzeigemodell.» Seine Frau ergänzt: «Das gesellschaftliche Bild ist da, dass die emanzipierte Frau Kinder und Karriere unter einen Hut bringen sollte. Bleibt sie zu Hause, verfällt sie in das Klischee der 50er Jahre.»

Daheim bleiben oder das Kind in eine Krippe geben – darüber tobt eine Debatte, die Rabenmütter geißelt und Glucken verurteilt. Manche Eltern haben aus finanziellen Gründen keine Wahl. Viele loben frühkindliche Bildung und soziale Kontakte in der Kita. Kritiker des Betreuungsgeldes führen an, dass bildungsferne Familien oder solche mit Migrationshintergrund Kinder etwa zur Sprachförderung möglichst früh in Kitas bringen sollten. Machen diejenigen etwas falsch, die ihr Kind über das erste Lebensjahr hinaus zu Hause betreuen?

Nein, sagt Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert aus Wien. Eine Studie mit so einem Ergebnis sei ihr nicht bekannt. Eine allgemeine Empfehlung, in welchem Alter und unter welchen Voraussetzungen ein Kind für den Kitabesuch geeignet ist, gebe es nicht. Eine Fremdbetreuung bereits bei Einjährigen sei aber «denkbar ungünstig», sagt Ahnert. Generell wirke eine größere Reife bei etwas älteren Kindern dem Stress bei einer Trennung von den Eltern entgegen.

Mittlerweile geht ein Drittel aller Kinder unter drei Jahren in die Kita – Schwesig kündigt Ausbau an

«Eltern, die ihre Kinder in den ersten drei Jahren ganz zu Hause betreuen und anschließend einen Halbtagsbesuch für Kindergarten bzw. Schule in Anspruch nehmen, machen nichts falsch, sondern vieles sehr richtig», findet auch Kinderarzt Rainer Böhm, Leitender Arzt am Sozialpädiatrischen Zentrum Bielefeld. Eine Ganztagsbetreuung in Krippe oder Kindergarten hält er grundsätzlich für nicht empfehlenswert. «Kleinkinder haben dann weder ausreichenden Kontakt zu ihren Eltern als wichtigsten, sogenannten primären Bindungspersonen, noch haben sie genügend Ruhe- und Erholungsphasen.»

Sowohl Familie als auch Bildungssystem seien wichtig, «aber in angemessener Form», findet der Mediziner. Eine zu frühe und zu umfangreiche Betreuung in einer Gruppe führe zu mehr Verhaltensauffälligkeiten, etwa zu Hyperaktivität, aber auch zu Ängstlichkeit. Gestresste Kinder könnten zudem unter Infekthäufung, Kopfschmerzen oder Neurodermitis leiden.

„Hochgradig ideologisiert“

Ahnert sieht die Diskussion um Kinderbetreuung als «hochgradig ideologisiert und emotional überfrachtet» an. Böhm führt die hohe Nachfrage nach Betreuungsplätzen für Kleinkinder auch zurück auf «massive Lobbyarbeit der Wirtschaftsverbände, die in Anbetracht der demografischen Entwicklung ihren Arbeitskräftebedarf gedeckt sehen wollen». Auch den Feminismus sieht der Arzt in der Verantwortung. Väter sollten mehr in Erziehungsaufgaben eingebunden werden.

Ob eine Zuhause-Betreuung für das Kind schädlich sein kann, «kommt immer darauf an, wie anregend das Elternhaus ist», sagt Ursula Lay, Vorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft Bayern. In einem anregenden Elternhaus könne das Kind auch erst später in die Kita gegeben werden. Wer aber den Nachwuchs nur vor den Fernseher setze, dessen Kind sei besser in der Kita aufgehoben. Von Martina Scheffler, dpa

 

Hintergrund 'Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme'

Seit dem 1 August 2013 besteht bundesweit ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kita oder in Kindertagespflege für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr.

In Deutschland wurden laut „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“ der Bertelsmann Stiftung eineinhalb Jahre nach Inkrafttreten des Rechtsanspruchs bundesweit 32,9 Prozent der unter dreijährigen Kinder in einer KiTa oder in Kindertagespflege betreut. Zwischen den Bundesländern variierte dieser Anteil von 25,9 Prozent in Nordrhein-Westfalen bis zu 57,9 Prozent in Sachsen-Anhalt. Seit 2006, also zeitlich kurz vor dem Beschluss der Einführung des Rechtsanspruchs, haben alle Bundesländer, wenn auch unterschiedlich stark, die Betreuungsangebote für unter Dreijährige ausgebaut.

„Ausgehend von einer bereits damals auf einem hohen Niveau bestehenden Teilhabequote von 50,2 Prozent in Sachsen-Anhalt, ist der Anstieg dieser Quote von 2006 bis 2015 in diesem Bundesland am geringsten (+ 7,7 Prozentpunkte). Auch in Berlin gibt es einen geringen Anstieg (+ 8,0 Prozentpunkte). Demgegenüber stehen fünf westliche Bundesländer, in denen die Quote um mehr als 20 Prozentpunkte gestiegen ist: Am deutlichsten ist der Ausbau in den norddeutschen Ländern Schleswig-Holstein (+ 23,9 Prozentpunkte), Niedersachsen (+ 23,2 Prozentpunkte) und Hamburg (+ 22,4 Prozentpunkte). Aber auch Rheinland-Pfalz weist eine deutliche Zunahme der Quote um 21,2 Prozentpunkte auf und in Hessen liegt die Steigerung mit 20,7 Prozentpunkten ebenfalls noch vergleichsweise hoch. Nach wie vor gilt jedoch: In den westdeutschen Bundesländern nutzen anteilig weniger Kleinkinder frühkindliche Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsangebote als in den ostdeutschen Bundesländern.“

Hier geht es zum „Ländermonitor“.

 

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4 KOMMENTARE

  1. Ein Zitat aus einem Leserbeitrag 2017 zu einem anderen Bildungsthema an anderer Stelle:
    „Wir dachten anfangs, mit drei Jahren werden die Unterschiede ja wohl noch nicht groß sein“, sagt die Psychologin Sabine Weinert. „Doch da haben wir uns gründlich geirrt.“ Bereits zu Beginn der Testreihe klafften die Fähigkeiten der Kinder weit auseinander. Jungen und Mädchen aus bessergestellten Verhältnissen — egal, ob aus Zuwandererfamilien oder nicht — kannten im Schnitt doppelt so viele Wörter wie ihre Alterskameraden aus einfachen Familien.
    Und noch etwas überraschte die Wissenschaftler: Selbst der Besuch in einer Kita konnte die Kompetenzlücken nicht schließen. Im Gegenteil, einige der schlauen Kinder bauten ihren Vorsprung sogar noch aus, und zwar umso stärker, je größer das Anregungspotenzial der Kita war.“

    • Das letztere Ergebnis überrascht nicht, denn wir wissen aus Studien in der Psycholgie, dass Kinder ( oder allg der Mensch) am besten lernt,sich merkt,aufnehmen kann, und vertieft wenn er sich sicher, geborgen und wohl fühlt. Bei Kindern, vor allem bei Kleinkindern oder Kleinstkindern, gehen diese gefühle nur mit ihren Bezugspersonen einher. Wobei babys und Kleinstkinder nur EINE Bezugsperson haben können. Dies ist in den allermeisten Fällen die Mutter. Das liegt auch daran, dass das Kind bis ca2,3 jahre alt ist, sich von der Mutter als nicht gertrennt wahrnimmt, weil es noch kein Ich bewusstsein hat. Welches sich dann entwickelt was sich in der sogenannten Autonomiephase (Trotzphase) zeigt. d.h. Die Bindung zwischen Mutter(oder an. Bezugsperson) ist so eng, es gibt gar keine Abgrenzung. Und das Kleinstkind braucht diese sichere , starke Bindung um zu lernen, um später überhaupt andere Bindungen ( auch liebesbeziehungen und halten zu können, um liebesfähig zu werden) eingehen zu können, um ein Urvertrauen zu entwickeln, um sich trauen zu können , die Welt zu erkunden. Alles was mit der Bezugsperson passiert wird wie ein Schwamm aufgesogen. nichts sonst. Weil das der einzige Ort ist wo das Klienstkind sich richtig, und sicher fühlt. Wir Menschen unterschätzen unseren sozialen Aspekt in unserem Wesen. Wir sind so hochsoziale Wesen, so sensibel regieren wir auf unsere Mitmenschen. Und Kinder sind vollkommen abhäging von ihrer Umgebung, den Mitmesnchen, vollkommen abhägig von der Bezugsperson. Der Mensch ist ein sogenanntes Mängelwesen, ohne Instinkte und völlig hilflos, kann nur schreien und ist eine sehr lange Zeit vollkommen abhängig. Durch stresspegeltestungen hat man herausgefunden, dass Säuglinge so starke Ängste wie eine todesangst entwickeln, wenn über eine lange Zeit nicht auf ihr Schreien reagiert wird. Wenn ein Baby sich in den Schlaf geschrien hat, hat es vorher schon eine Todespanik durchlebt. Wie sollte es auch nicht, wenn man so abhängig ist? Und mit einem kleinen Kind ist das nicht viel anders mit der Abhängigkeit. Deshalb haben wir als Erwachsene eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern das zu geben was sie brauchen. zum wachsen. zum gesund sein.
      Naja, Ich finde z.b. auch nicht, dass es bei dem Kita- Thema um Mütter geht, wieso? auch die Emazipation( welche emanzipation ist das wenn man als Mutter blöd angeschaut wird weil das Kind mit einem Jahr noch nicht in der Krippe ist und man wieder arbeiten geht als Frau? zur emanzipation gehört entscheidungsfreiheit. Und wenn ich als Frau nach 6 Monaten wieder arbeiten gehe , nur weil ich eine emanzipatorische und moderne Frau sein will, dann ist das ebenso ein gefängnis und nicht unabhängig. Ich habe gerne rebelliert und ganz offen gesagt: nein, ich will noch nicht wieder arbeiten gehen, David ist zu jung und außerdem geht diese Zeit so schnell vorbei, und es die ersten Jahre sind so intensiv, so eng verbunden, so voll von ereignissen in der Entwicklung, das will auskosten können und vorallem entspannt sein und dadurch Freude haben. Ich sehe es nicht ein, dass ein Arbeitgeber mich stressen kann und mir diese Freude an meinem Kind nimmt. Das sehe ich absolut einach nicht. Ich will, dass es kein Problem ist wenn mein Kind schon das 8 mal in 3 Wochen krank ist und nicht in die kita gehen kann. Weil es auch einfach keins ist. Und dass es kein Problem ist wenn ich mein Kind früher abholen will/muss, und ich will dass überhaupt niemand mir sagt in irgeneinder Weise, und wenns nur über diese Kinderkrankentage sind, dass mein Kind überhaupt ein Problem ist. Nur weil ich deshalb nicht in die Firma gehen kann. no way. Und als Mutter eine hohe Anerkennung, ja eine die sogar noch höher geht als andere Berufe bzw. Aufgaben, einzufordern, das ist für mich feminismus! ich mach das so wie ich mich gut fühle. und ich treffe meine entscheidung unabhängig vom status quo der elterschaft oder den meinungen anderer. und das ist emanzipation!
      doch darum gehts eigentlich nicht. es geht um die Kinder, um die Gesundheit der Kinder, um das Recht der Kinder nach ihren Bedürfnissen versorgt zu werden. Und ein Kleinstkind braucht seine Bezugsperson für die allermeiste Zeit des Tages um sich gut und gesund entwickeln zu können. Nicht weil diese Bezugsperson viel mit dem Kind machen kann, sondern nur weil das Kind sich ohne diesen Menschen nicht vollkommen sicher fühlt. Es gibt zahlreiche Studien dazu, schon sehr lange. Ich bin nciht gegen Krippen , meine Kinder waren selbst beide in Krippen(einer bei Tagesmutter) aber erst mit 2 und nicht mehr als von 9 bis max.14 uhr. am anfang lange zeit nur drei Stunden. Ich finde es dürfte keine Krippen für ein jährige geben und bis 3 Jahre sollte das Kind max. 5 Stunden in der Krippe sein dürfen. und ja natürlich ist das nicht die sache der frau dann die betreeung zu übernehmen, sondern beide eltern müssen gleichermaßen dafür sorgen. und damit das endlich mal realität wird, dafür brauchen wir den feminismus. und zwar von frauen, politik, der ganzen gesellschaft muss einfordern dass diese geschlechterrollenverteilung und sexismus endlich ein ende hat. wenn man diese Studien kennt, die Erkenntnisse aus der Entwicklungspsycholgie und Pädagogik kennt, ist es eigentlich als unmenschlich bezeichnen wenn ein kleinstkind tägl. 8 stunden in der krippe ist. das widerspricht auch allen Forderungen und Zielen des KiuJschG. es hat meiner meinung nach deshalb auch eine politische dimension. Vielleicht würde eine Aufnahme der grundrechte für Kinder ins GG die Krippensituation ändern. Könnte ich mir gut vorstellen. liebe grüße Kay. R. BA der sozialen Arbeit, Sozialpädagogik und gelernte Kinderpflegerin.

  2. Sorry aber das glaube ich nicht! Als Krippeerzieherin mache ich die Erfahrung dass Kinder die Sprache einfach unterschiedlich schnell lernen, genauso wie Sitzen, Laufen etc. Sie bekommen zu unterschiedlichen Zeiten Zähne etc. Was soll diese Panikmache? Alle lernen reden – oder auch nicht weil die digitale Welt dem eigentlich entgegenwirkt. Dort liegen viel größere Gefahren, wird aber immer vertuscht. Es gibt nur immer wieder neue Gründe warum Kleinkinder in die Krippe sollen – dabei sollen nur die Rentenkassen voll werden – was ja auch seine Begründung hat.
    Diese ganzen Forschungsergebnisse gehen mir gehörig auf den Geist. Erforscht mal was Gescheites – es sollte einen Nutzen haben. Aber daran zweifle ich oft. Das sind verlorene Gelder die da für Forschungszwecke ausgegeben werden! Und macht nicht immer die „einfachen “ Familien schlecht. Auch die kümmern sich um ihre Kinder, vielleicht mehr nach dem Gefühl als nach dem Kopf – aber das ist mit Sicherheit kein Schaden. Ausserdem sind die einfachen Familien nicht dumm! Auch sie sprechen astreines Deutsch und unterhalten sich mit ihren Kindern. Ich kriegs echt an den Nerven!!!

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