“Noch nicht einmal zum Gespräch eingeladen”: Der steinige Weg vom Hauptschüler zum Azubi

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BERLIN. Gastronomen, Baubetriebe, Handwerker – viele Unternehmen suchen händeringend Nachwuchs. Und trotzdem gibt es jedes Jahr tausende Jugendliche, die einfach keinen Ausbildungsplatz finden. Woran liegt das? Und was können Betroffene tun, um doch noch unterzukommen?

Die Anmeldezahlen der Haupt- und Werkrealschulen in Baden-Württemberg gehen kontinuierlich zurück. Foto: Anton-kurt /Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Die Hauptschule in Deutschland wird zum Auslaufmodell – kein Wunder: Das Image ist schlecht, die Berufsaussichten von Absolventen ebenso. Foto: Anton-kurt /Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Es sieht aus wie die einfachste Matheaufgabe der Welt. 48.900 Ausbildungsplätze sind unbesetzt. Und 23.700 Jugendliche haben keinen Ausbildungsplatz, hätten aber gerne einen. Leer ausgehen sollte also niemand, rein rechnerisch. In der Praxis bleiben aber viele Plätze unbesetzt – und viele Jugendliche unversorgt.

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Darunter sind nicht nur Hauptschüler und Jugendliche ganz ohne Abschluss. Für diese Gruppe hat es aber besonders fatale Folgen, wenn sie bei der Ausbildungssuche leer ausgehen: So sind unter den Hauptschul-Abgängern zwischen 20 und 34 Jahren 31 Prozent, die dauerhaft ohne Berufsabschluss bleiben. Bei den Jugendlichen ohne Schulabschluss steigt der Anteil sogar auf 70 Prozent. Das geht aus dem Datenreport zum Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervor. Betrachtet man alle 20- bis 34-Jährigen, liegt die Quote dagegen nur bei 13 Prozent.

Und doch finden viele Unternehmen keine Azubis – in Branchen, die seit Jahren über Nachwuchsmangel stöhnen. Woran liegt das? An unzuverlässigen Jugendlichen? An unattraktiven Jobs? An unflexiblen Arbeitgebern? Oder doch an etwas anderem? Ein simpler Grund: Oft sind die Bewerber nicht da, wo der Bedarf ist. Es gibt «erhebliche regionale Anpassungsprobleme», sagt Ulrike Friedrich, Ausbildungsexpertin beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Trübe Aussichten für Hauptschüler und/oder junge Migranten ohne deutschen Pass – die Hälfte bleibt ohne Ausbildungsplatz

«Manche Jugendliche müssten also flexibler bei der Berufswahl sein, wenn sie bei den Eltern bleiben wollen, oder für den Ausbildungsberuf umziehen», sagt die Expertin. Dafür gibt es Unterstützung: Wer nicht mehr zu Hause wohnt, kann zum Beispiel Bundesausbildungsbeihilfe (BAB) beantragen, die anders als das Bafög nicht zurückgezahlt werden muss.

Andere Experten sagen jedoch: Die regionalen Unterschiede allein erklären den Mangel noch nicht. «Ich denke schon, dass das größte Problem bei der Ausbildungsplatzvergabe der Abschluss ist», sagt Matthias Anbuhl, Leiter der Abteilung Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Vor allem der Hauptschulabschluss sei in Deutschland stigmatisiert. «Das sehen wir daran, dass viele Jugendlichen ja nicht einmal zum Gespräch eingeladen werden.»

Angebot für gering Qualifizierte ist rückläufig

Noch düsterer sieht es bei denen aus, die ihre Schule ganz ohne Abschluss verlassen. «Diese Jugendlichen haben nur wenige Chancen auf dem Arbeitsmarkt», sagt Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Tatsächlich sei das Angebot für gering Qualifizierte sogar rückläufig.

Formale Zugangshürden kennt der Ausbildungsmarkt zwar nicht. In der Praxis gibt es aber doch viele Berufe, in denen Realschüler oder Abiturienten mindestens bevorzugt werden. «Fast die Hälfte der bei der Bundesagentur für Arbeit angebotenen Ausbildungsplätze steht Menschen mit Hauptschulabschluss nicht mehr offen», sagt Anbuhl. Er fordert: «Mehr Betriebe müssen sich jungen Menschen mit Hauptschulabschluss öffnen.»

Andererseits gibt es unbesetzte Lehrstellen oft genau in den Branchen, die auch Hauptschüler annehmen – sei es in der Gastronomie, im Handwerk oder am Bau. «Da geht es dann oft gar nicht mehr nur um die Schulbildung», sagt Friedrich. Natürlich brauchten die Jugendlichen Grundlagen in Form von Schulbildung – je nach Job mal mehr, mal weniger. «Aber grundsätzlich sagen viele Betriebe, dass sich Lücken in der Schulbildung leichter füllen lassen, als wenn jemand nicht in ein Team passt oder kaum Interesse zeigt.»

Das klingt simpel, dahinter verbirgt sich aber ein weiterer Streitpunkt: die berühmte Ausbildungsreife, die nicht nur Schulbildung umfasst. «Soziale Kompetenz fällt darunter, Motivation, Biss, Leistungsbereitschaft und auch eine gewisse Zuverlässigkeit», sagt Friedrich. Anders gesagt: Jugendliche müssen montagmorgens auch tatsächlich zur Arbeit kommen. Und dienstags. «Wenn ich all das mitbringe, habe ich auch als Hauptschüler heute gute Chancen.»

Doch genau da hapert es, klagen viele Unternehmen: Laut der Ausbildungsumfrage der DIHK sehen 91 Prozent der Betriebe Mängel bei der Ausbildungsreife der Schulabgänger, bei den Sprach- und Mathekenntnissen zum Beispiel. Über Teamfähigkeit gibt es allerdings vergleichsweise wenig Klagen – umso mehr jedoch über Leistungsbereitschaft, Disziplin und Belastbarkeit.

Gewerkschafter Anbuhl sagt jedoch: Ausbildungsreife ist nicht statisch, sondern muss sich oft erst noch entwickeln. «Wir wissen aus der Erfahrung, dass viele Jugendliche, die in der Schule Probleme hatten, in der Ausbildung förmlich aufblühen», erzählt er. «Ein Jugendlicher lernt oft im betrieblichen Kontext ganz anders als in der Schule, da ist dann eine ganz andere Motivation.»

Inzwischen gibt es auch Fördermaßnahmen, die Jugendliche und Betriebe noch während der Ausbildung unterstützen: Die Ausbildungsbegleitenden Hilfen (ABH) zum Beispiel, eine Art Nachhilfe für Azubis, die mit dem Schulstoff nicht zurechtkommen. Noch weiter geht die Assistierte Ausbildung, die sich neben schulischen auch um private Probleme kümmert – mit einer engen Betreuung durch Sozialpädagogen, vor allem im ersten Ausbildungsjahr.

Hinzu kommen diverse Maßnahmen, mit denen unversorgte Jugendliche noch einen Platz finden sollen: Die Einstiegsqualifizierung (EQ) zum Beispiel, mit der Jugendliche nicht direkt in die Ausbildung starten, sondern erst ein Praktikum absolvieren – Berufsschule inklusive. Läuft dabei alles glatt, wird aus dem Praktikum nach sechs bis zwölf Monaten eine reguläre Lehre. Für Jugendliche mit schlechten Abschlüssen oder Noten können solche Programme eine gute Chance sein, doch noch an einen Ausbildungsplatz zu kommen.

Ansonsten rät Ulrike Friedrich vor allem: Früh anfangen – und so zeigen, dass man den erwähnten Biss hat. Das geht zum Beispiel mit Ferienjobs und Praktika: So können sich Jugendliche nicht nur selbst ausprobieren, sondern auch erste Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern knüpfen. «Wer merkt, dass er in der Schule vielleicht Probleme hat, aber gut anpacken kann, sollte frühzeitig mit der Berufsorientierung beginnen.» Von Tobias Hanraths, dpa

 

Wer ist wirklich unversorgt?

Um die Zahl der unversorgten Jugendlichen gibt es viel Streit – vor allem darum, was das genau bedeutet. Denn neben den 23.700 komplett unversorgten Jugendlichen nennt die Ausbildungsmarktbilanz der Bundesagentur für Arbeit noch eine weitere Zahl: 56.500 Jugendliche, die zwar in einer Alternative gelandet sind, Maßnahmen zur Qualifizierung etwa, die aber trotzdem gerne weiter einen Ausbildungsplatz hätten. «Eingemündet» nennt die Bundesagentur das. Eigentlich gibt es also noch viel mehr Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden – trotz vieler offener Lehrstellen.

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1 KOMMENTAR

  1. Leistungsbereitschaft, Disziplin und Belastbarkeit ist doch gerade das, was den Schülern von Geburt an genommen bzw. nicht mehr vermittelt wird. Mama sitzt entweder wie eine Löwin im Helikopter oder kümmert sich überhaupt nicht um das Kind. YouTube kann das ja viel besser. Alles andere regelt im Zweifel der Anwalt.

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