Sozialwissenschaftler untersuchen die Stundentafeln: Politische Bildung ist das Stiefkind der Schulpolitik

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BIELEFELD. Angesichts der derzeitigen politischen Entwicklung in Deutschland werden Bildungspolitiker nicht müde, den hohen Wert der politischen Bildung in der Schule zu beschwören und eine weitere Stärkung entsprechender Fächer auszurufen. Ein Blick auf die harten Fakten der Schulplanung zeichnet allerdings ein anderes Bild.

In Zeiten in denen rechtspopulistische Parteien in den Bundestag und in die Landtage einziehen und wie aktuell in Baden-Württemberg ungeniert die Abschaffung der Landeszentrale für politische Bildung fordern, wird der Ruf nach einer Stärkung der politischen Bildung in der Schule lauter. Auch von Politikern aller Parteien wird die Wichtigkeit der politischen Bildung betont.

In Zeiten wie diesen sollte der politischen Bildung in der Schule eine hohe Bedeutung zukommen. (Pegida-DEmonstration in Frankfurt) Foto: opposition24.de /flickr (CC BY 2.0)
In Zeiten wie diesen sollte der politischen Bildung in der Schule eine hohe Bedeutung zukommen. Das ist aber offenbar nicht der Fall. (Pegida-Demonstration in Frankfurt) Foto: opposition24.de /flickr (CC BY 2.0)
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Doch wie es um die politische Bildung an den Schulen wirklich bestellt ist, weiß außer den Praktikern so recht niemand. Soziologen der Universität Bielefeld haben daher im Rahmen einer großangelegten Studie den Politikunterricht in der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen unter die Lupe genommen.

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Die Ergebnisse sind geradezu erschreckend. Angesichts der empirischen Befunde „erscheint ein Gesamturteil angemessen, das eine systematische Missachtung der politischen Bildung in der nordrhein-westfälischen Sekundarstufe I durch die Bildungspolitik konstatiert“, schreiben Mahir Gökbudak und Professor Reinhold Hedtke in ihrem Bericht.

Um den Stellenwert der Fächer „Politik“ an den Gesamtschulen und Realschulen und „Politik/Wirtschaft“ an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen zu ermitteln, hatten die Forscher Stundentafeln der Klassen 5 bis 10 beziehungsweise 5 bis 9 an Gymnasien ausgewertet. Anhand der Kernlehrpläne verglichen sie außerdem das Gewicht der Politik mit demjenigen der Themenbereiche Gesellschaft und Wirtschaft innerhalb der Fächer.

Anders, als die Wissenschaftler ursprünglich angenommen hatten, zeigte sich, dass politische Themen im planmäßigen Unterricht nur eine marginale Bedeutung zukommt. Im gesamten Unterricht der Sekundarstufe I stehe den Schülern nur wenig mehr als ein Prozent ihrer Lernzeit zur Verfügung, um sich mit Fragen der Demokratie, ihren Grundlagen und Voraussetzungen, Chancen und Problemen zu beschäftigen.

Im Durchschnitt entfielen pro Schulwoche im Unterricht bestenfalls 17 bis 20 Minuten auf politisches Lernen. Jeder Jugendliche habe rechnerisch wöchentlich etwa 20 Sekunden Zeit, um seine politische Position vorzutragen und mit anderen darüber zu sprechen.

Auch innerhalb der einschlägigen Fächer ist der Rang politischer Themen offenbar gering. So liege im Durchschnitt der Anteil politischer Themen etwas über einem Drittel der Unterrichtszeit. Der Anteil wirtschaftlicher Themen in den Lehrplänen sei deutlich größer. Für den Bereich Wirtschaft sei rund ein Drittel mehr Unterrichtszeit geplant als für das Themenfeld Politik. Als besonders wirtschaftsaffin hätten sich in diesem Sinne die Gesamtschulen und Gymnasien erwiesen.

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Für Reinhold Hetke verweisen diese Befunde auf einen Etikettenschwindel. „Die Fächernamen lassen erwarten, dass politische Themen in diesen Unterrichtsstunden einen erheblichen Teil, mindestens aber die Hälfte der Zeit einnehmen sollten. Unsere Untersuchungen zeigen allerdings, dass diese Erwartungen enttäuscht werden“. Die Schulfachbezeichnungen blieben mithin inhaltlich unscharf und führen teilweise in die Irre.

Deutlich zeigte die mangelnde Anerkennung des Politikunterrichts noch an einem anderen Aspekt: Eine einzigartige Position genössen die Fächer „Politik“ und „Politik/Wirtschaft“ bei fachfremd erteiltem Unterricht. Sie werden an Realschulen zu etwa 62 Prozent, an Gesamtschulen zu rund 64 Prozent und an Gymnasien zu circa 27 Prozent von Lehrkräften unterrichtet, die nicht in dem Fach ausgebildet wurden. Damit sei der fachfremde Anteil der weitaus größte von allen Fächern in der Sekundarstufe I. Er ist mindestens doppelt so groß wie beim zweitschlechtesten Fach.

Entgegen der von Bildungspolitikern postulierten Bedeutung der politischen Bildung in der Schule zeigt der Blick auf die Anzahl der Wochenstunden, die von der bildungspolitisch-administrativen Steuerungsebene des Schulsystems der Auseinandersetzung mit Politik und Gesellschaft zugestanden wird, ein diametral abweichendes Bild. Gegenwärtig, so das Fazit der Forscher sendeten die geltenden Stundentafeln und Kernlehrpläne ein klares Signal an Schüler, Lehrkräfte und Öffentlichkeit: Politik und Demokratie sind für die Schule eine eher nachrangige Angelegenheit, ihre Stellung im Stundenplan und im Unterricht bleibe schwach.

Laut Gökbudak und Hedtke hat diese Missachtung auch strukturelle Folgen, die eine rasche Verbesserung der Situation unwahrscheinlich erscheinen lässt. Denn Stundentafelanteile seien auch die harte Währung des Bildungssystems. Von ihnen hänge eine Vielzahl von Finanzströmen ab: Lehrerstellen für entsprechende Fächerkombinationen an Schulen, Studienplätze, Professuren und Mitarbeiter an den Hochschulen, Leitungsstellen in der zweiten und dritten Phase der Lehrerausbildung.

Das Fazit der Forscher fällt ernüchternd aus: Der Rangplatz des Themenbereichs Politik könne als Symbol dafür gelten, wie viel die Demokratie sich selbst wert ist. Wie aus den einschlägigen Fächern in der Schule eine Stärkung demokratischen Denkens und Handelns von Jugendlichen hervorgehen soll, bleibe ein Geheimnis der Bildungspolitik. (zab)

Die Originalstudie zum Download gibt es hier…

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9 KOMMENTARE

  1. Achtung aluhut:

    Vielleicht ist das ja so gewollt. andernfalls würden künftige Wähler ja durchschauen, dass seit Jahrzehnten gefühlt nur Klientelpolitik für die oberen 10% auf Kosten der unteren 50% betrieben wird.

    • Ja klar, gerade in Deutschland spielt das sozial- und geistes…*pust*…wissenschaftliche Denken ja überhaupt keine Rolle…

      Schon mal in der Uni einen Hörsaal mit Informatikstudenten und dem mit Germanistikstudenten besucht? Kleiner Tip: der Hörsaal mit den freien Plätzen (trotz fehlendem NC) gehört nicht zu den Sozial- und Geisteswissenschaften.

      Das Problem ist eher, dass das geistes- und sozialesoterisches Denken eine viel zu große Rolle in der Gesellschaft einnimmt und Milliarden für Menschenversuche vergeudet werden, um einen viel zu großen gesellschaftlichen Schaden anzurichten, anstatt junge Menschen für eine Zukunft in einem Land ohne Bodenschätze vorzubereiten.

      • Einen Einwand habe ich aber: Das “wissenschaftliche” in Sozialwissenschaft verschwindet leider immer weiter. Sie bestätigen das ja, indem Sie von esoterischem Denken schreiben.

        Vielleicht sind die Hörsäle bei Informatikveranstaltungen ja so leer, weil die ganzen Frauen fehlen. Die sollen ja gerade die technischen Studiengänge belegen …

        (Vielleicht ist Informatik auch einfach nur ungemein anspruchsvoll und zeitintensiv.)

        • “Vielleicht sind die Hörsäle bei Informatikveranstaltungen ja so leer, weil die ganzen Frauen fehlen. Die sollen ja gerade die technischen Studiengänge belegen …”

          Wundert sie, dass in einem patriarchalen (hab ich das richtig geschrieben?) Land wie Deutschland so wenig Frauen etwas Technisches studieren? Zum Glück gibt es Länder, die aber wirklich noch an der Beseitigung der Benachteiligung von Frauen interessiert sind. Ich denke da z.B. an den Iran, die arabischen Staaten, Russland. Aus diesen fortschrittlichen Ländern stammen nämlich die Frauen, die man so in den technischen Fächern (an deutschen Hochschulen) antreffen kann.

          “(Vielleicht ist Informatik auch einfach nur ungemein anspruchsvoll und zeitintensiv.)”

          Jetzt erzählen sie doch keinen Quatsch 😉

  2. Dafür haben wir ja eben 2 Stunden Religionsunterricht pro Woche. Das gilt als wichtiger. Lieber über Götter reden als über Politik.

  3. ‚Der Rangplatz des Themenbereichs Politik könne als Symbol dafür gelten, wie viel die Demokratie sich selbst wert ist‘.
    Dabei wird übersehen, dass die öffentliche Schule eine hochpolitische Institution darstellt, in der Lernende während neun Jahren täglich und lebenslang prägend implizite politische Grundsätze erleben, die oft wenig zu tun haben mit demokratischen Werten wie Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Verantwortung, Vertrauen, Respekt, Schutz, Wertschätzung, Transparenz, Zivilcourage, Kooperation, Feedbackkultur, Integration und Ethik.
    Der Lehrberuf ein politisch hoch besetzter Beruf ist, dessen Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. Von dem entsprechende Loyalität dem Staat gegenüber erwartet wird, mit entsprechender Kompromiss-Bereitschaft und Anpassung.
    So betrachtet ist es ehrlicher, wenn den Schülerinnen und Schülern nicht zusätzlich ein X für ein U vorgemacht wird. Ein Versuch, unempfindlich zu werden gegenüber den täglichen Ungereimtheiten wie Diskriminierung, Selektion und Ausschluss. In einem System, das wenig Raum lässt für Basisorientierung.

    • Öffentliche Schulen und Hochschulen sind in der Tat zu “hochpolitischen Institutionen” geworden, in denen auf Teufel komm raus zu einer politisch korrekten Meinung erzogen wird, die “wenig Raum lässt für Basisorientierung”, also Lebens- bzw. Realitätserfahrung und eigenes Denken.

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