In einem Punkt hat Prof. Dollase recht: Der Befund ist alt. Spätestens seit PISA 2000 ist der Begriff „Bildungsgerechtigkeit“ in der Welt – ausgehend von dem Ergebnis, dass in Deutschland eben keine herrscht. In keinem anderen der mehr als 40 untersuchten Staaten war der Zusammenhang zwischen sozialem Status des Elternhauses und dem Bildungserfolg größer als in Deutschland. Trotz zwischenzeitlicher Erfolge hat sich daran hierzulande, wie die IGLU-Studie unlängst aufzeigte, im Großen und Ganzen wenig geändert. Noch immer gehören Migrantenkinder und/oder Kinder aus armen Familien überproportional häufig zu den leistungsschwachen Schülern. Und: Es gibt immer noch viel zu viele Schüler, die an einfachsten Aufgaben scheitern. Zwischen 15 und 20 Prozent, je nach Studie, dürften absehbar später kaum in der Lage sein, auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.
Und hierin liegt das größte Problem mangelnder Bildungsgerechtigkeit – nicht in der Berufswahl zwischen Literaturwissenschaftler und Dachdecker, wie Dollase glauben macht. Es geht darum, dass Hundertausende von jungen Menschen in Deutschland (und jedes Jahr kommen rund 50.000 Schulabbrecher hinzu) ungebremst auf eine Hartz-IV-Karriere zusteuern, ohne dass der Staat ihnen ein angemessenes Förderangebot macht.
Was ist in diesem Zusammenhang angemessen? Angemessen heißt, die Nachteile, die aus dem Pech einer Geburt in ein bildungsfernes Umfeld hinein resultieren, so weit wie möglich auszugleichen. Nicht bei jedem wird es gelingen, eine gute Bildung als Grundlage für die Zukunft zu legen. Der internationale Vergleich zeigt jedoch, dass hier wesentlich mehr möglich ist, als heutzutage in Deutschland geschieht. Eine frühzeitige und gute Förderung wäre nicht nur aus Sicht des betroffenen Schülers „nett“, sondern auch volkswirtschaftlich geboten. Schließlich ist es am Ende viel teurer, einen Menschen sozialstaatlich zu alimentieren, als ihm dazu zu verhelfen, sein Leben aus eigener Kraft zu bestreiten. Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft sowohl geistig als auch materiell auseinanderdriftet, macht eine Politik, die auf Chancengerechtigkeit in der Bildung zielt, wichtiger denn je.
Wer – wie Dollase – nahelegt, eine bessere Förderung von Kindern aus sozial schwachen Familien funktioniere nur auf Kosten der „normalen“, bürgerlichen Schüler, der hält Bildung für ein Nullsummenspiel. Es geht aber um eine bedarfsgerechte Förderung. Während es für ein Kind, dessen Eltern zum Beispiel kaum Deutsch sprechen, überaus sinnvoll sein kann, ganztags in der Schule sprachlich gefördert zu werden, muss ein Bürgerkind, dessen Eltern für den Nachmittag Musikschule, Reitkurs und Schwimmverein organisieren und bezahlen können, ja nicht staatlich zwangsbeglückt werden.
Allerdings ist für die sozial Schwächeren eine echte Förderung geboten – mit der unterfinanzierten Halbtagsschule plus flexiblem Betreuungsangebot am Nachmittag (das vor allem für berufstätige Eltern geschaffen wurde) ist solchen Kindern kaum geholfen. Kein Wunder also, dass der real existierende Ganztag in Deutschland bislang in Sachen Bildungsgerechtigkeit wenig erfolgreich war.
Nun zum Argument, dass der Mensch ja nicht beim Akademiker anfängt – unabhängig davon, dass Ihnen, lieber Prof. Dollase, ein Dachdecker nach dem Sturm Friederike lieber war als ein Literaturwissenschaftler: Die Frage ist doch nicht, welcher Beruf „wertvoller“ ist oder für Sie nützlicher. Die Frage ist, ob ein junger Mensch – das intellektuelle Potenzial vorausgesetzt – überhaupt die Wahl hat, sich für das eine oder andere zu entscheiden. Das ist Bildungsgerechtigkeit: die Möglichkeit nämlich, unabhängig vom finanziellen und sozialen Status des Elternhauses eine Bildungskarriere machen zu können, wenn Fähigkeit und Willen dafür gegeben sind. Ohne eine staatliche Förderung, die Nachteile ausgleicht, haben wir eine Klassengesellschaft, nämlich die des 19. Jahrhunderts, deren Spuren im gegliederten Schulsystem in Deutschland ja noch immer zu finden sind. Ein Gymnasium nur für Bürgerkinder – und der große Rest auf die Volksschule? Dahin will doch niemand ernsthaft wieder zurück.
Noch ein Wort zum Leistungsgedanken: Die Behauptung, bessere Bildungserfolge für benachteiligte Kinder ließen sich nur durch Senkung des Durchschnittsniveaus erreichen, ist ein Märchen. Natürlich können mit entsprechend mehr Ressourcen auch individuelle Potenziale entwickelt und erschlossen werden – andere Staaten machen es ja vor.
Das Gegenteil ist richtig: Ein sozial selektives Bildungssystem ist leistungsfeindlich! Nicht Begabung und Ehrgeiz stehen dabei im Vordergrund, sondern geerbte Vorteile. Das lässt sich heutzutage gut an den Gymnasien beobachten, die mittlerweile von rund 40 Prozent der Schülerschaft besucht werden – vor allem von Bürgerkindern eben, die durch die Freigabe des Elternwillens zuhauf auf die Schulform wechseln, die die besten Karrierechancen verspricht, und die dann mitunter mit teurer Dauernachhilfe bis zum Abitur gepeitscht werden. Es sind, überspitzt gesagt, vor allem überforderte Anwalts- und Arztsöhne, die das Niveau am Gymnasium drücken. Gerecht ist das, übrigens auch diesen Kindern gegenüber, nicht.
