GEW-Erhebung: Vielerorts gäb’s ohne Seiteneinsteiger keinen Unterricht mehr

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BERLIN. Der Lehrermangel an deutschen Grundschulen ist gravierender als bislang angenommen. Das ergibt eine Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für das ZDF-Magazin Frontal21. Danach fehlen deutschlandweit rund 2.000 Grundschullehrer. Außerdem mussten mehrere tausend Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt werden, um den Unterricht gewährleisten zu können. „Das ist natürlich ein Drama, weil es zu Lasten der Schülerinnen und Schüler geht und zu Lasten der vorhandenen Lehrkräfte“, kommentierte Marlis Tepe, GEW-Vorsitzende die Ergebnisse.

Immer mehr Lehrerstellen in Deutschland bleiben unbesetzt. Foto: Shutterstock
Immer mehr Lehrerstellen in Deutschland bleiben unbesetzt. Foto: Shutterstock

Die Bildungsgewerkschaft hat im Januar in allen GEW-Landesverbänden Zahlen zu unbesetzten Stellen und Nachbesetzungen abgefragt. Ohne Seiteneinsteiger sei der Grundschulunterricht in einigen Bundesländern kaum noch aufrecht zu erhalten, kritisiert Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband. „Das ist natürlich eine skandalöse Entwicklung.“ In Berlin und Sachsen seien 50 Prozent, manchmal über 80 Prozent der Neueinstellungen im Grundschullehramt keine Lehrer sondern Quereinsteiger.

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Ursachen für die Misere an den Grundschulen sind nach Auffassung von Experten schlechte Planungen der Kultusmister der Länder. Trotz steigender Geburtenraten seien zu wenig Lehrer ausgebildet und eingestellt worden. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge an den Hochschulen habe das Problem verschärft, so Jörg Ramseger, Professor für Grundschulpädagogik an der Freien Universität Berlin: „Es hat die Kultusminister schon damals schlichtweg nicht interessiert.“

100.000 Kinder mehr

Tatsächlich wurden nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Deutschland im Jahr 2016 mehr als 100.000 Kinder mehr geboren als noch 2005. Dennoch wurde die Zahl der Studienplätze für Grundschullehrer reduziert. An der Freien Universität Berlin beispielsweise seien die Immatrikulationen von 200 pro Jahr auf zwischenzeitlich 60 bis 70 pro Jahr gesunken. „Bei 340 Grundschulen in der Stadt kann man sich ausrechnen, was passiert“, sagte Ramseger.

Angesichts dieser Zahlen hält Ramseger den im Sondierungspapier versprochenen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz für unrealistisch: „Das ist bestenfalls ein Selbstbetrug, allemal ein Wählerbetrug.“ Es sei völlig undenkbar, dass das Recht auf Ganztagserziehung in der Grundschule zu realisieren sei. „Das Personal wird nicht zur Verfügung stehen. Ich würde so etwas als Politiker nicht versprechen.“ Im Sondierungspapier haben SPD und CDU 3,5 Milliarden Euro für bessere Bildung eingeplant. Das ist aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW angesichts des Lehrermangels und des Sanierungsstaus an Schulen zu niedrig. „Um den Durchschnitt der OECD-Länder zu erreichen, bräuchten wir so etwas wie 40 Milliarden“, forderte GEW-Chefin Tepe im ZDF.

Die Bertelsmann Stiftung hat eine große Studie zum aktuellen Lehrermangel und zum künftigen Stellenbedarf veröffentlicht. News4teachers berichtet aktuell – und zwar hier.

Meidinger im N4t-Interview zum Lehrermangel: Seiteneinstieg sogar schon ohne Hochschulstudium – “Ich bin entsetzt”

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14 KOMMENTARE

  1. Der Mangel an Grundschullehrer ist in der schlechten Einstellungsperspektive (+ Streichung von Ausbildungsplätzen und Stellen an Schulen) zu sehen. Das ändert sich gerade.

    Seiteneinsteiger sind jetzt unsere Rettung.

    Allerdings machte man mich in einer anderen Diskussion darauf aufmerksam, dass wir Lehrer nur etwas für uns fordern und durchsetzen können, solange es einen Lehrermangel gibt. Dass er also behoben würde, würde uns eher schaden. Dann kann der Arbeitgeber mit uns machen, was er will. Es gäbe ja genug, die meinen Job übernehmen würden.

    • Vielleicht gibt es genug Leute die “Ihren” Job übernehmen würden, Sie arbeiten ja auch nicht in der Grundschule! Insofern würde es “Ihnen” auch nicht schaden, wenn der Lehrermangel behoben würde.

      Die These mit der Einstellungspolitik ist Quatsch, der Grund für den Lehrermangel liegt darin, dass sich die Zustände in den Grundschulen tatsächlich täglich verschlimmern. Und die Studie sind ja auch nicht dumm, warum sollten die GS studieren für A12, wenn es auch denselben Job für A13 gibt?

  2. A13 muss kommen, für alle. Das ist der Hauptgrund wieso 80% Sek II studieren.

    Die schulspezifischen Unterschiede dürfen sich allein aus dem Stundensoll ergeben. Das Studium ist gleich lang. Handelt oder meine Motivation (SEK 1 Lehrer) schwindet und schwindet

    • Der Unterschied ist weniger das Gehalt, sondern vielmehr das Alter der Zielgruppe und die Zielgruppe selbst. Wer mit kleinen Kindern arbeiten möchte, macht Grundschule, wer mit größeren Kindern arbeiten möchte (und das Studium schafft), macht Gymnasium bzw. die — um die dickebank sinngemäß zu zitieren — Gesamtschulgymnasien. Am unattraktivsten sind aus meiner Sicht die Sek I-Schulen bzw. — erneut nach der dickenbank — faktisch Gesamthauptschulen. Das Stundensoll ist dasselbe wie in der Grundschule, die Klientel ist bestenfalls die leistungsschwache Hälfte der Grundschule, aber mit “Pubertätszuschlag”.

      • Das sehe ich genauso, xxx.

        Reisinger850, kennen wir, glaube ich, hier schon unter anderem Namen. Ich wette: Getretene Hunde bellen gleich. 🙂

        • Hmm nee eigentlich nicht, du solltest dich lieber damit abfinden, dass dich die Mehrheit wohl ziemlich nervig findet…

      • Und daran muss man was ändern. Ich bin an einer Realschule, habe 28 Std, 5 DAZ Kinder und 4 Förderschüler in der Klasse und denke A13 wäre angebracht. Die ausgeschriebenen Stellen laufen alle leer… will auch keine Reduzierung, ganz einfach mehr Geld. Alle Kollegen an der Uni haben den einzigen Unterschied bei Sek1/2 beim Geld gemacht. Die Hoffnung, auf einem Gymnasium zu unterrichten, war zwar auch dabei, ist aber lange nicht so sicher wie A13Z…

  3. – 2000 Stellen unbesetzt und wie viele tausend mit Quereinsteigern?
    – Umsetzung der Inklusion als “Nullsummen-Spiel”
    – Aufoktroyierung nahezu aller Aufgaben der Förderschullehrkräfte
    – Aufoktroyierung von Konzeptarbeit und Bürokratie
    – keinerlei Vergütung oder Anerkennung von Mentorentätigkeiten, Fachleitungen, zusätzlichen Aufgaben durch Integration/ Inklusion/ Migration, Schulentwicklung etc.
    – keinerlei Vertretungsreserve durch Lehrkräfte im System

    „Es hat die Kultusminister schon damals schlichtweg nicht interessiert.“

  4. Die Umgestaltung der Studiengänge in den letzten Jahren, um Kosten einzusparen, ist das Problem.

    Früher gab es das Lehramt “Volksschule” – später GS/HS, die Realschullehrerausbildung und die Ausbildung für Lehramt SekI+II. Irgendwann hat man dann den Ausbildungsgang “eierlegende Wollmilchsau” geschaffen – also das Lehramt GHR. Innerhalb dieses gab es lediglich die Schwerpunktentscheidung Primarstufe oder SekundarstufeI. So weit, so schlecht. Durch diese Maßnahme ließ sich der größere Teil der Lehrerschaft im gehobenen Dienst einstufen (Laufbanhgruppe II, 1. Einstiegsamt). Um die Situation vollends zu verschlechtern, hat man diese Gruppe wieder aufgespalten und die eigenständige Ausbildung für die Primarstufe wieder eingeführt.

    Das Problem für GS-Lehrkräfte ist doch, einmal GS, immer GS – außer sie gehen in die Politik oder von der Kreide weg zur Schulaufsicht. Mit 17 Abi, mit 22 das Studium beendet, danach 18 Monate Anwärterzeit ==> und von 25 bis 67 sind es dann noch mehr als 40 Jahre ohne jegliche Auufstiegsmöglichkeit. Gehaltsmäßig ändert sich lediglich die Erfahrungsstufe und der Frustrationsgrad.

    GY-Lehrkräfte hingegen können sich Klassen in der gesamten Bandbreite ihrer Schulform an Land ziehen. Im besten Fall und mit dem Vorrecht der “Silberrücken” haben sie dann den überwiegenden Anteil ihrer Stunden in der GOSt. 2 LKs a 5 WS sind bereits 40% der Vollzeitstelle.

    Die SekI-Lehrkräfte haben den Vorteil, zwischen unendlich vielen Schulformen sich etwas Passendes aussuchen zu dürfen. Sie müssen danach lediglich erkennen, es ist vollkommen egal, was der Schulträger als Schulform etabliert hat. Alle diese Schulformen bevölkert die gleiche Schülerklientel. Und der entscheidenste Punkt ist einzig und allein, in welchem sozio-ökonomischem Umfeld (Standortfaktor) liegt die Schule, an der man eingesetzt wird. Für individuelles Gegensteuern gibt es Versetzungsanträge.

    Die Vorteile liegen zu eindeutig beim Lehramt GY/GE, als dass jemand freiwillig etwas Anderes studieren möchte.

  5. “Die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge an den Hochschulen habe das Problem verschärft, so Jörg Ramseger, …”
    So steht es im obigen Text. Interessant, warum hat man diese Umstellung denn überhaupt gemacht? Man tat so, als sei das ungeheuer progressiv und modern, ein toller Fortschritt. Im grün-roten Koalitionsvertrag in BaWü von 2011 stand diese Umstellung mit viel Vorschusslorbeeren ausdrücklich drin, obwohl gerade erst 2010 neue Prüfungsordnungen für das erste Staatsexamen in Kraft getreten waren. So sieht die “Verantwortung” unserer Schulpolitiker aus: Erst kommen die Interessen der Parteien, dann die des Landes, ganz am Schluss die der Schulkinder selbst.

    • Es fehlt aber der Beleg für diese Behauptung. Warum sollte die Umstellung vom Staatsexamen zum Masterabschluss Auswirkungen auf die Whl des studierten Lehramtes haben? Das Problem lag m.E. an anderer Stelle, zum einen ist da die Schaffung des Lehramtes GHR – also eines Lehramtes von Klasse 1 bis 10 – und zum anderen die magelnde Zurverfügungstellung von Ressourcen zur Ausbildung von Primarstufenlehrkräften an den Hochchulen. Es gibt schlicht und einfach zu wenig Stdienplätze, weshalb ein unsinniger NC für diese Lehramtsgruppe besteht. Wer einen Abi-Schnitt von 1,4 hat, studiert nicht unbedingt Lehramt Primarstufe, außer er/sie ist mit dem Klammerbeutel gepudert.

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