Ökonom fordert Bildungsrevolution zur Stärkung der sozialen Kompetenzen

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KIEL. In der digitalisierten Welt der Zukunft wird das Erlernen sozialer Kompetenzen für die Menschen so wichtig sein, wie heute Lesen und Schreiben, prognostiziert der Kieler Wirtschaftsforscher Dennis Snower. Auf Schulen und Universitäten komme damit nicht weniger als eine Bildungsrevolution zu.

Der Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower hält als Konsequenz aus der Digitalisierung eine Bildungsrevolution zur Stärkung der sozialen Kompetenzen für unausweichlich. Dies habe für ihn den gleichen Rang wie das vor 500 Jahren eingeleitete Projekt, dass Menschen lesen und schreiben können sollten, sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. «Mit diesen Fähigkeiten wird kein Mensch geboren, er muss sie sich aneignen.» Und weil sich ein Großteil der Menschheit das angeeignet hat, habe sie große Fortschritte gemacht.

In der digitalisierten Zukunft kommt den sozialen Kompetenzen höchster Stellenwert zu. Foto: Franz Glaw / WikimediaCommons (CC BY-SA 3.0)
In der digitalisierten Zukunft kommt den sozialen Kompetenzen höchster Stellenwert zu. Foto: Franz Glaw / WikimediaCommons (CC BY-SA 3.0)
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«Jetzt müssen wir dasselbe machen, um unsere sozialen Fähigkeiten zu entwickeln», sagte Snower. «Das kann alles trainiert werden: Toleranz, Respekt vor anderen, Mitgefühl.» Hier hätten Schulen, Universitäten und Arbeitsstätten wichtige Aufgaben. «Es wird für die Zukunft ganz besonders wichtig sein, unsere sozialen Kompetenzen besser zu entwickeln und sie besser mit unseren digitalen und technischen Kompetenzen zu vereinen.»

Die meisten Prognosen in Bezug auf die Digitalisierung seien bei weitem nicht mutig genug, sagte Snower. «In den nächsten zehn Jahren werden Maschinen viel Routinearbeit übernehmen, und die meisten Menschen machen heute Routinearbeit.» Die Frage, was aus diesen Menschen wird, sei enorm wichtig. «Die Bevölkerung weiß, wo die Gefahren liegen, und sie braucht Politiker, die diese Gefahren identifizieren und darauf Antworten geben.»

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Beispiel Krankenversorgung und Pflege: «Will ich als Greis lieber von einem Roboter gestreichelt werden oder von einem Menschen, um innere Ruhe zu bekommen?», fragte Snower. «Oder kann mir ein Roboter auf eine schlechte Prognose wirklich erzählen, wo ich jetzt noch eine Sinn für die mir verbleibende Zeit sehen kann? Nein, dazu sind die Menschen geeignet und dafür müssen sie besser ausgebildet werden.»

Für die besonders wertvolle Tätigkeit von Krankenschwestern und Pflegern zahle die Marktwirtschaft zu niedrige Löhne, sagte Snower. «Diese wertvollen Dinge sind in der Marktwirtschaft entwertet, aber wir müssen uns damit auseinandersetzen, ob hier ein Marktversagen oder ein staatliches Versagen vorliegt, weil der Wohlfahrtsstaat hier den Markt verdrängt hat.» Damit müssen wir uns schnellstens auseinandersetzen.

Das Erlernen sozialer Kompetenzen sei nicht nur eine Frage von Lernplänen, sondern ein generelles Umdenken sei erforderlich, sagte Snower. «Wir müssen in einer globalisierten Welt mit Klimawandel und Finanzmarktkrisen auch Mitgefühl entwickeln mit Menschen auf anderen Kontinenten, die ganz anders sind als wir.» Gemeinsam mit ihnen müsse die künftige Wirtschaft gestaltet werden.

Die diverse Welt von heute sei wirtschaftlich integriert, sozial aber nicht, sagte Snower. «Da sind so starke Nationalismen, Regionalismen und Populismen.» Große Widersprüche zwischen der wirtschaftlichen Integration und sozialer Fragmentierung könnten zu riesigen Problemen führen – zu Handelskriegen und auch echten Kriegen. Deshalb dürfe die soziale Integration nicht der wirtschaftlichen hinterherhinken. (dpa)

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5 KOMMENTARE

  1. Kurz zusammengefasst: Schulen, erzieht die Kinder zu ökonomisch verwertbaren Personen, weil die Eltern dafür als bereits ökonomisch verwertete Personen keine Zeit haben. Aber bitte nicht zu kritisch denkend, weil das der Verwertbarkeit entgegen steht.

  2. In anderen Worten: Menschen in der digitalen Zukunft werden keine soziale Kompetenz mehr haben, außer wenn die Schule sie ihnen beibringt. Das ist erschreckend realistisch.

  3. ZITAT: “«Jetzt müssen wir dasselbe machen, um unsere sozialen Fähigkeiten zu entwickeln», sagte Snower. «Das kann alles trainiert werden: Toleranz, Respekt vor anderen, Mitgefühl.»”

    Soziale Kompetenzen sollten den gleichen Wert haben wie die fachlichen Kompetenzen. Es ist nicht nur wichtig, was beim Lernen herauskommt, sondern auch WIE das erreicht worden ist. Im Prinzip ist das doch aber nichts anderes als das, was vielfach als Kopfnoten verpönt wird oder als Arbeits- und Sozialverhalten ein Schattendasein führt.

    Die sozialen Kompetenzen sollten genauso regelmäßig wie die Fachleistungen besprochen und bewertet werden und auf dem Zeugnis in gleicher Wertigkeit erscheinen.

    • Problem ist nur, dass soziale Kompetenzen nicht bewertbar sind bzw. noch subjektiver sind als “normale” Noten – selbst die in der sonstigen Mitarbeit. Die Vorgabe “standardmäßig mit gut bewerten, Abweichungen nach unten sollen die Ausnahme und juristisch sicher sein” tut dann ihr übriges.

      Nur ein Beispiel: Bei einem richtig harten Knochen sind auch die ansonsten aufmüpfigsten Schüler lammfromm und arbeiten im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

  4. Ist überhaupt klar, was damit gemeint ist? Wikipedia weiß jedenfalls:
    “Als einheitliches Konstrukt lässt sich soziale Kompetenz als Kombination aus Durchsetzungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit verstehen.” Aber soziale Kompetenz könnte auch “als Zusammenfassung mehrerer sozial relevanter Verhaltensmuster (molekular) beschrieben werden.” Und außerdem:
    “Es gibt keine allgemein anerkannte Theorie der Persönlichkeitsmerkmale oder Facetten, die zur sozialen Kompetenz gerechnet werden.”
    Fazit: Der Begriff “soziale Kompetenz” ist wie geschaffen zum Schwafeln.

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