Ein “unbeschriebenes Blatt” als Bundesbildungsministerin: Die GEW hofft auf frischen Wind

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Anja Karliczek wirkt aufgeräumt und geradezu in Plauderlaune. Sie spricht über ihre privaten Erfahrungen mit dem deutschen Bildungssystem, über Digitalisierung, über ihre Absicht, ihr neues Amt zuerst mit Fragen und Gesprächen anzugehen. «Ich freue mich auf die neue Aufgabe», sagt die 46-Jährige. Mit Karliczek hat ein bisher völlig unbeschriebenes Blatt in der Bildungs- und Forschungspolitik ihr Amt als neue Bundesbildungsministerin angetreten.

Erstmal machen lassen – Politik und Organisationen geben der neuen Bundesbildungsministerin eine Chance.      Foto: Foto-AG Gymnasium Melle / Wikimedia Commons d (CC BY 3.0)

Mit konkreten politischen Ankündigungen hält sich die Münsterländerin noch zurück. Einen «neuen Schwerpunkt» will sie in guter digitaler Ausstattung der Schulen setzen. «Zu meinen ersten Schritten wird der Besuch meiner Kolleginnen und Kollegen in den Bundesländern gehören und natürlich der intensive Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums», sagt sie. Nach ihrer Benennung kamen vor allem aus dem Hochschulbereich einige enttäuschte bis geringschätzige Bemerkungen über die öffentlich weitgehend unbekannte gelernte Hotelfachfrau.

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Mittlerweile merkt man bei Bildungspolitikern und -organisationen immer mehr die Haltung, Karliczek erstmal anfangen zu lassen. In ihren gut vier Jahren als CDU-Abgeordnete hat sie es früh in den einflussreichen Finanzausschuss des Bundestags gebracht. Seit Januar 2017 ist sie Parlamentarische Geschäftsführerin. Kollegen von ihr beschreiben sie als zupackend, im Gespräch ist sie unbefangen.

Die Tochter aus einer westfälischen Hoteliersfamilie machte nach dem Abitur eine Banklehre und stieg mit ihren Brüdern in den Familienbetrieb ein, ein Traditionshotel in Tecklenburg mit 50 Mitarbeitern. Ihre drei Kinder sind zwischen 17 und 21 Jahre alt. Nebenher absolvierte sie ein BWL-Studium an der Fernuni Hagen.

Mit Bildung hat sie in den Augen von Union und SPD nun ein herausragendes Zukunftsthema. Zwei Milliarden Euro für den Ganztagsausbau, fünf Milliarden binnen fünf Jahren für die Digitalisierung von Deutschlands Schulen sind unter anderem geplant – und überhaupt leichter fließende Bundesmittel für Schulen. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) nannte Bildung kürzlich als einen der prioritären Bereiche. Keine schlechte Ausgangslage für Karliczek, eine gewichtige Rolle zu spielen.

Aber für Bildung bleiben vor allem die Länder zuständig. Die meisten dürften genau darauf achten, dass sie das Sagen über Inhalte und Schulplanung behalten. Erfahrungen in Verhandlungen mit den Ländern hat Karliczek, vom Bund-Länder-Finanzausgleich.

Am Anfang steht das große Händeschütteln. «Die Herausforderungen im Bildungsbereich sind groß, deswegen freue ich mich darauf, Frau Karliczek bald kennenzulernen», sagt ihr Thüringer Kollege Helmut Holter (Linke), Vorsitzender der Kultusministerkonferenz.

Foschung und Innovation bedeuten mehr Lebensqualität

Die Bildungsgewerkschaft GEW hat die neue Regierung aufgefordert, die Versprechen von Union und SPD in der Bildung auf hohem Qualitätsniveau umzusetzen. «Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hofft, dass die neue Ministerin Anja Karliczek frischen Wind in die Bildungspolitik bringt», sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe.

Die 46-jährige Karliczek hatte zu ihrem Amtsantritt am Donnerstag gesagt: «Als Bundesministerin für Bildung und Forschung möchte ich den Menschen mehr Vertrauen und Mut für die Zukunft geben.» Jeder solle die Chance auf gute Bildung haben, dazu zählten funktionierende Schulen, gute Lehrkonzepte, Ganztagsangebote und insbesondere eine gute digitale Ausstattung. «Hier werde ich einen neuen Schwerpunkt setzen.»

Ein weiteres Ziel sei es, den Bürgern zu zeigen, «dass Forschung und Innovationen mehr Lebensqualität bedeuten können und den persönlichen Alltag in jedem Alter einfacher machen können».

Tepe sagte: «Im Koalitionsvertrag gibt es viele richtige Ansätze wie den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in den Grundschulen, das Schulsanierungsprogramm oder den Digitalpakt.» Für eine qualitätsvolle Umsetzung brauche es deutlich mehr Geld als bisher eingeplant. Gespannt sei die GEW auf die Ausgestaltung des geplanten Nationalen Bildungsrates und darauf, wie der Schulterschluss zwischen Bund, Ländern und Kommunen gelingen solle.

Mit christlichen Werten, Pragmatismus und Rücksicht auf die Belange etwa von Unternehmen hat die Katholikin eigene Leitplanken. Verständnis demonstriert sie für die Sorgen vieler Menschen. «Bildung und Forschung sind zentrale gesellschaftliche Bereiche», sagt sie, «auch wenn es darum geht, die bei vielen Menschen bestehende Unsicherheit wegen Entwicklungen der Digitalisierung und Globalisierung ein Stück weit zu nehmen.» dpa

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32 KOMMENTARE

  1. “Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in den Grundschulen”

    Dass der sogenannte “offene Ganztag” eigentlich gar nichts bringt, wissen doch inzwischen die meisten. Soll das nun der “gebundene Ganztag” sein? Und woraus bitte ergibt sich, dass der etwas bringen würde, falls er eingeführt werden sollte? Die bisherigen Studien wie StEG geben das offenbar nicht her. Die Halbtagsschule in Kombination mit “Betreuungsangeboten” am Nachmittag mit viel Sport verbessert jedenfalls nicht die schulischen Leistungen und dürfte ohne Zusatzmaßnahmen auch kaum die Zahl der sog. “Risikoschüler” reduzieren. Haupteffekt könnte die sog. “Vereinbarkeit von Familie und Beruf” sein, d.h. die Mütter könnten eher einer bezahlten Beschäftigung nachgehen. Aber es wird immer so getan, als würde das ganze im Interesse der Kinder stattfinden und als hätten die dann einen Anspruch. Hat schon mal jemand die Kinder repräsentativ befragt, was die eigentlich wollen?

  2. Sportangebote am Nachmittag. Haben Sie sich schon einmal die Gegebenheiten von US-Colleges oder Australischen Comprehensive-Schools und deutschen weiterführenden Schulen bzw. Grundschulen angesehen?

    Im Regelfall reichen die Hallenkapazitäten ja schon nicht aus, den regulären Sportunterricht ohne Stundenkürzungen oder Doppelbelegungen der Hallen bzw. Hallenteile zu planen. Ausweiche und Schwimmunterricht anzubieten, geht auch nicht immer. – Vor allem müssen geeignete Lehrschwimmbecken in erreichbarer Nähe vorhanden sein. Es macht keinen Sinn für eine Doppelstunde Fahrtzeiten von mehr als 40 Minuten in Kauf nehmen zu müssen.

    Gebundener Gantag ist de facto eine Ausweitung der regulären Stundentafel bis in den Nachmittag – also an mindestens drei Tagen Unterricht bis mindestens 15:00 Uhr. Dabei sind “Lernzeiten” (selbständiges Lernen) und eine 60-minütige Mittagspause einzuplannen. Im Nachmittagsunterricht darf maximal eine Stunde der Fächer der Fächergruppe (weniger als die Hälfte der vierstündigen Fächer) eingeplant werden. Häufig werden Fächer der Fächergruppe II im Nachmittag eingeplant. Der Vorteil ist, dass sich so die Fachraumsituation entspannt, die ja zwei Stunden mehr genutzt werden können.

    Der Vorteil des gebundenen Ganztages ist nach Aussage der zuständigen Mitarbeiter von städtischen Fachbereich Jugend und Soziales, der Kreispolizeibehörde und der Jugendgerichtshilfe, dass durch die ausgedehnte Betreuung die Risikogruppen weniger Möglichkeiten haben, außerhalb der Schule – also in der Öffentlichkeit – negativ aufzufallen und ggf. Aktivitäten unternehmen, mit denen sich die Mitarbeiter der genannten Stellen zusätzlich befassen müssten.

    • “… die Risikogruppen weniger Möglichkeiten haben, außerhalb der Schule – also in der Öffentlichkeit – negativ aufzufallen …”
      Das ist sicher richtig, aber ich hatte “Risikoschüler” in dem Sinne verwendet, dass das diejenigen sind, die am Ende ihrer Schulzeit nicht richtig lesen und schreiben können. Ich habe nrgends Hinweise gefunden, dass diese nun am Nachmittag verpflichtet werden, das Versäumte nachzuholen. Es ist ja alles freiwillig.
      Dass Sport das häufigste Betreuungsangebot ist (zusätzlich zum regulären Sportunterricht!), habe ich diversen Berichten entnommen, u.a. StEG. Betreuer sind dann in der Regel Laientrainer von Sportvereinen, deren Qualifikation nicht annähernd das erreicht, was für Lehrer immer gefordert wird. Auch die Bezahlung ist meist sehr mager.
      Im übrigen hatte ich im wesentlichen nur gefragt, was denn “Ganztag” im Sinne unserer neuen Bundesregierung bedeutet, offen oder gebunden? Wissen Sie es? Der offene Ganztag ist offenbar so eine Art von “Placebo” und bewirkt nichts, selbst nach Einschätzung des Ganztagsschulverbands.

      • Den “Risikoschüler” Ihrer Diktion sehen Experten als gescheitertes Produkt der fruchtlosen Bemühungen überbezahlter und leistubngsschwacher Lehrkörper. Für eindeutige Schuldzuweisungen erfüllt er seinen Zweck – vor allem solange er lediglich in der Schule negativ auffällt und seine (Misse-)Taten Anlass zu kurzweiligen Teilkonferenzen sind.

        Schulschwänzer werden ja nur deshalb als Gefährdung der öffentlichen Ordnung wahrgenommen, weil sie an den Hotspots der Innenstädte herumlungern. Dass sie bzw. ihre Eltern gegen die Schulpflicht verstoßen interessiert doch nicht wirklich irgendwen (“Haben wir doch alle ‘mal gemacht und die Schule geschwänzt.”). Nur während früher einmal einzelne Stunden abgehängt worden sind, haben sich die Zeiten dahingehend geändert, dass heute allenfalls einzelne Stunden wahrgenommen werden. Also morgens zum Treffen der Fellows ‘ne habe Stunde zu spät zur Schule, damit die Eltern beruhigt sind und nach der zweiten Stunde in die Stadt, weil da ja vorher noch nix los ist.

        Und damit sind wir wieder bei der Erwartungshaltung der Gesellschaft, dass Schule die Schulpflicht umzusetzen habe und ihr (der Gesellschaft) diese renitenten Blagen vom Leibe halten möge – sie zumindest im Ganztag bis 15.00 Uhr verwahrt. Übersehen wird dabei die grundlegende Tatsache, dass die Schulpflicht nicht an die Schüler adressiert ist sondern an deren Erziehungsberechtigte, die die Pflicht haben ihre Kinder zur Schule zu schicken und für einen regelmäßigen Schulbesuch zu sorgen.

          • Den ALGII-Antrag muss man ja nicht selber ausfüllen, jede Behörde ist verpflichtet Anträge etc. zur Niederschrift anzunehmen.

          • “Das heißt nicht, dass die wirkliche Analphabeten sind, aber sie erreichen nicht mehr als das Grundschul-Niveau.”
            Das entspricht so nicht den Tatsachen. Auch in den Vergleichsarbeiten in Kl. 3 werden verschiedene Niveaustufen getestet.
            Dabei gibt es auch SuS, die schon im Alter von 9 Jahren die höheren Niveaustufen erreichen und eine sehr gute Lesefähigkeit ausgebildet haben. Und auch ohne VERA ist Lehrkräften klar, welche SuS nicht dazu gehören und intensivere Förderung nötig hätten.

            Erschreckend ist aber, dass man bei 15-jährigen immer noch oder noch schlechtere Lesefähigkeiten feststellt.

            Die Anstrengung müsste doch sein, diese “Risikoschüler”, die bereits in der 1.-3. Klasse deutlich sind, so zu unterstützen, dass sie ihre Fähigkeiten erweitern können.

          • Wie viele dieser Risikoschüler lassen sich denn aus freien Stücken unterstützen? Und bei wie vielen von denen sind die Eltern so kooperativ, dass sie die Unterstützungsmaßnahmen zumindest nicht boykottieren?

          • Im Alter von 6-9 Jahren? viele
            Mit 15 Jahren sieht das vermutlich anders aus.

            … aber es gibt gar keine schulischen Möglichkeiten für Unterstützungsmaßnahmen, lediglich Binnendifferenzierung und Beratung hinsichtlich häuslicher Übungen.

            Mit jedem Jahr verliert man diese Kinder mehr, sie verlieren den Mut, sie gewöhnen sich ausweichendes Verhalten an, um nicht unentwegt enttäuscht zu werden, sie passen ihr Selbstkonzept dem Unvermögen an…

          • Palim: Das mit dem “Grundschul-Niveau” meint wohl ein minimales Grundschul-Niveau. Jedenfalls stammt diese Formulierung auch von einer GEW-Funktionärin:
            http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/20-prozent-der-15-jaehrigen-gelten-als-risikoschueler-pisa-studie-belegt-deutsches-mittelmass-seite-2/2447918-2.html
            Natürlich müsste man diese schwachen Schüler in den Klassen ab 5 separat behandeln, aber lesen, schreiben, rechnen stehen nun mal nicht mehr im Lehrplan, das wird einfach vorausgesetzt. Und dann ist eben keine Zeit, das zu wiederholen oder extra zu üben. Mir hat auch nie eingeleuchtet, warum das nun an Gemeinschaftsschulen besser gelingen soll als an Hauptschulen. Im übrigen heißt es, die funktionalen Analphabeten lassen sich allerlei Tricks einfallen, damit eben das nicht auffällt.

  3. “Natürlich müsste man diese schwachen Schüler in den Klassen ab 5 separat behandeln”
    Ganz ehrlich braucht es die Förderung weit vorher, nämlich von Beginn an – vergleiche Diskussion um Memory: Wenn klar ist, dass Kinder Schwächen in der Wahrnehmung oder anderen Bereichen haben, sollte man diese nicht ausblenden oder abwarten, sondern gezielt angehen können.
    Dazu braucht es aber zusätzliche Unterrichtsstunden und/oder zusätzliches Personal.

    • Man müsste so vieles, ja. Aber man unternahm ja lange Zeit noch nicht mal was gegen systematisches Schuleschwänzen. Spötter behaupten, die Schulen wären froh, wenn manche Rabauken nicht zu oft kämen. Und die Schulbehörden haben das (bis vor kurzem jedenfalls) nicht einmal erfasst. Wenn jemand schwänzt, ist es schwierig mit der Förderung. Das ist eben ein gewisses Laissez-faire, das eingerissen zu sein scheint.
      In Finnland soll es in diesem Punkte tatsächlich fundamental anders sein. Da hieß es: Wer in Klasse 1 zu Weihnachten noch nicht lesen und schreiben kann, wird so lange separat behandelt, bis das behoben ist. Beliebt bei den Schülern dürfte das allerdings kaum sein, sie werden sich kontrolliert fühlen, wie schrecklich. Man kann eben nicht Kontrolle ausüben und gleichzeitig die Spaßgesellschaft ausrufen.

      • Es sind aber die Jugendämter und die Ordnungsbehörden der Städte und nicht die Schulen, die dem Schulschwänzen begegnen müsste. Die Schulaufsicht kann ja auch nicht mehr als ein Ordnungsgeld verhängen. Und wenn die Eltern mittellos sind bzw. von staatlichen Transferleistungen leben, kann das Ordnungsgeld nicht beigetrieben werden.

        “Man müsste …” ist also eine hohle Phrase.

        Hier verstecken sich wieder viele vor gesellschaftlichen Problemen und sehen Schule – d.h. die Lehrerschaft – in der Pflicht und vor allem der Verantwortung.

        Sind Finanzbeamte schuld, wenn Betrüger Abgaben hinterziehen oder die Sozialversicherungen betrügen.

      • Zum einen: Konzepte gegen Absentismus gibt es schon lange …und in den Grundschulen ist das Problem ein winziges im Vergleich dazu, dass sehr viele SuS von Beginn an mehr Förderung benötigen würden.

        Zum zweiten: Eine “Sonderbehandlung” ist nicht immer ein Stigmatisierung und Förderung und Hilfe wird nicht immer als Nachteil empfunden. Das hat damit zu tun, wie man es darstellt und wie man es umsetzt. Viele jüngere SuS freuen sich, wenn jemand zusätzlich kommt und mit ihnen arbeitet, man bekommt darüber nämlich Zuwendung.
        Die Aufgaben in der Förderung entsprechen dem, was man schaffen kann und Erfolge werden darüber auch für Kinder wahrnehmbar.
        Gerade beim Erlernen des Lesens und des Rechnens ist die enge Begleitung notwendig, um die Aufmerksamkeit oder die Herangehensweise zu lenken.

        Zum dritten: Die wenigsten Kinder haben ein Problem mit “Kontrolle”, sofern man daran keinen Nachteil knüpft. Man kann Ergebnisse auch daraufhin kontrollieren, was schon richtig ist und was noch genau geübt werden muss.

        • “Konzepte gegen Absentismus”
          Kirsten Heisig schildert das in ihrem Buch “Das Ende der Geduld” so, dass die Konzepte weitgehend versagen. Von Seite 104: “20 Prozent der Hauptschüler in [Berlin-]Neukölln und immerhin 100 Grundschüler [bei 6-jähriger GS] sind von dauerhafter Schulabstinenz betroffen. Das zeitweilige Fernbleiben vom Unterricht ist noch deutlich verbreiteter.” Sie schreibt auch, dass das Kontaktieren der Eltern schwierig ist, manche sprechen kein Deutsch, manche wollen mit deutschen Behörden nichts zu tun haben, manche tischen Lügengeschichten über Krankheiten auf. Die Behörden sind durch die schieren Zahlen überfordert. Bußgelder braucht man mit Hartz IV nicht zu bezahlen. Das ist ein paar Jahre her. Hört man was davon, dass das sich gebessert hat? Wir müssten Frau Giffey fragen …

          • 300.000 von 12 Millionen, aha.

            Und wie viele der 300.000 hatten zuvor schon massive Probleme in der Schule ohne Hilfe zu erhalten?
            Wenn, wie im Bericht beschrieben, ein Mädchen mit 14 Jahren 1/2 Jahr nicht zur Schule geht, vorher aber eine durchschnittliche Schülerin war, müsste das kleine 1×1 sitzen – auch nach einem halben Jahr noch (gezeigte Aufgabe ist Stoff der 3. Klasse, das dürfte auch in NRW und Berlin so sein). Es hätte also viel früher Unterstützung und Hilfe geben müssen.

            Der Artikel zeigt doch deutlich, wie hilflos sich alle fühlen.
            Da sind die Jugendlichen, die nicht mehr zur Schule gehen, nur die Spitze des Eisbergs.

          • “300.000 von 12 Millionen, aha.”
            Das ist wie mit dem Migrantenanteil und dem Hartz-IV-Anteil (der letztere ist insgesamt auch nicht übermäßig hoch): Das verteilt sich nicht gleichmäßig über das ganze Land. Alles konzentriert sich in bestimmten Gegenden und in bestimmten Schulen. Schauen Sie am besten in das von mir zitierte Buch von Kirsten Heisig. Da wird geschildert, wie alle drei Kriterien im bisherigen Wirkungsbereich von Frau Giffey zusammenkommen. Da gibt es zum Beispiel die kriminellen Araber-Clans, die bei dem Schuleschwänzen ihrer Kinder offenbar keine Probleme sehen.
            Aber mit der “Spitze des Eisbergs” haben Sie bestimmt Recht.

          • Man muss nicht bis nach Neukölln fahren, um Konzentrationen zu finden.
            Und es ging gerade hier NICHT um Migranten und NICHT um Hartz-IV, ich finde diese Zuspitzung verzerrend und es lenkt vom eigentlichen Problem ab: Kinder, die schon früh Förderung als Hilfe benötigen, die die Politik oder die Gesellschaft nicht gewähren will, dabei aber eine Menge verspielt.

            Und gerade WENN Eltern aus welchen Gründen auch immer nicht in der Lage sind, die Unterstützung zu gewähren (Analphabetismus, (psychische) Krankheiten, andere Belastungen) ist es doch um so wichtiger, die Kinder nicht schon in Klasse 1 oder 2 zu verlieren und es dabei zu belassen, dass sie nicht lernen können, dann den Mut oder den Anschluss verlieren und irgendwann nicht mal mehr zur Schule gehen wollen.

            Je älter die Kinder werden, desto schwieriger ist es, ihnen zu helfen … und desto größer werden die Probleme.

          • Da die ganze Arbeit mit Beobachtungen, Diagnosen, Anträgen usw. Ewigkeiten in Anspruch nimmt und die Jugendämter extrem dünn besetzt sind, dürfte es an Wunder grenzen, wenn solche Fälle bereits in Klasse 1 oder 2 überhaupt mal betreut werden. Ich meine nicht die akuten Fälle mit z.B. körperlicher Gewalt, sondern die Überforderung mit und / oder Desinteresse an der Schulbildung der Kinder, bei denen Jugendämter selten von sich aus aktiv werden.

            (Vergleichbar mit Familien mit einem Einkommen knapp oberhalb der Hartz IV- bzw. Aufstockungsgrenze, die alle Schulkosten mühsam zusammenkratzen müssen.)

          • Mir ging es darum, dass die Strukturen an keiner Stelle stimmen, um Kindern frühzeitig zu helfen.
            Man ist dazu gezwungen, dabei zuzusehen, dass die 15-20% Risikoschüler immer schlechter zurecht kommen. Die Bedingungen werden nicht verbessert, am Ende gibt es aber Vorwürfe und Forderungen, was alles passieren sollte, damit es weniger Absentismus oder Schulabbrecher gibt.
            Wer die Zahlen ändern will, muss Hilfe finanzieren.

            Und ja, es wäre erheblich besser, wenn Anträge oder andere Hürden verringert würden, sodass es nicht Jahre dauert, bis Hilfe oder Förderung beginnen kann.

            P.S: Die Anträge füllen nicht die Ämter aus, sie stellen auch nicht die Diagnosen. Es bräuchte an vielen Stellen Anerkennung und Arbeitszeit für das, was früh hilft, damit es später nicht unlösbar ist.

          • Palim: Ich stimme Ihnen ja grundsätzlich zu. Nur kann man nicht immer mehr Aufgaben den Grundschullehrern aufbürden, die haben schon genug um die Ohren. Wenn man Ihren Vorschlag umsetzen wollte, bräuchte man in Grundschulklassen:
            — einen Lehrer für die normal lernwilligen und lernfähigen Schüler,
            — einen Sonderschullerer für die Inklusion, zumindest wenn Verhaltensgestörte dabei sind,
            — einen Sozialpädagogen für den Rest, insbesondere für die künftigen Risikoschüler.
            Also insgesamt eine 3-fache Besetzung, vielleicht nicht die ganze Zeit, aber einen großen Teil. Wie soll das gehen, wenn man jetzt schon zu wenige Lehrer hat? Oder sollte man die Kinder in getrennte Klassen “sortieren” ? An mehrzügigen Schulen ginge das ja.
            Ich fürchte, die Abschaffung der Förderschulen wird sich noch rächen.

          • Und wieder eine Zuspitzung und Verkürzung: Es ging gar nicht um Inklusion und auch nicht um Verhaltensgestörte.
            Es geht zu Beginn um Kinder, deren Lernvoraussetzungen nicht so sind, wie sie notwendig wären, um von Beginn an erfolgreich mitarbeiten zu können. Bei etlichen fällt das schon vor der Einschulung auf. Bei weiteren, wenn die Lernausgangslage in den ersten 6 Wochen erhoben wird.

            Und dann?
            Dann setzen Politik und Gesellschaft aus und beklagen 10 Jahre später, dass es zu viele Risikoschüler gibt.

            Sie fragen, wie das gehen soll?
            Ich frage, wann man endlich beginnen will, entsprechende Bedingungen zu schaffen oder wie viele Generationen man noch “verlieren” will.
            Es geht auch nicht ums Separieren, sondern um ein Team in der Schule, das kurzfristig Aufgaben übernehmen kann.
            Wenn das nicht hilft, kann man über Weiteres immer noch nachdenken.
            Zurzeit müssen viel zu viele dabei zusehen, dass es so schlimm ist, dass das Kind kaum noch beschulbar ist.

          • Was schlagen Sie denn nun konkret vor? Die Inklusion gibt’s ja zusätzlich, wieso habe ich das “verkürzt”?

          • Es braucht m.E. zusätzliches Personal unterschiedlicher Ausbildung in den Schulen um allen SuS gerecht werden zu können.

            Jegliche auftretende Probleme immer nur auf Inklusion oder Migration zu schieben, greift einfach zu kurz.
            Es sind viele SuS, die gar nicht in diese Gruppen fallen, dennoch aber vermehrt Hilfe benötigen, um gerade zu Beginn einen guten Start und gute Grundlagen zu bekommen.

            Wenn immer mehr Kinder zu Beginn der Schulzeit sprachlich auffällig sind, kann man entweder die Richtlinien und Anforderungen nach unten setzen und damit die Statistik verschönern, oder man kann gezielt mit Logopäden oder Sprachtherapeuten dagegen arbeiten und mit den Kindern üben, was sie bisher nicht erlernt haben.

            Wenn Kinder bereits vor der Einschulung oder nach 6 Wochen bei der Lernausgangslage auffällig sind, ist es wenig sinnvoll, die Frühförderung, die vor der Einschulung gewährt wurde, abzubrechen, nur weil das Kind eingeschult wurde. Es wäre doch viel besser, wenn das bisherige Team an Therapeuten das Kind weiter begleiten könnte oder wenn in der Schule ein Team wäre, das diese Aufgaben übernimmt. Warum geht das vor der Einschulung, danach aber nicht mehr?

            Wenn vor der Schule Kinder in die Sprachförderung gehen, weil ihr Wortschatz zu klein ist, gleich ob es deutsche oder nicht deutsche Kinder sind, ist es vollkommen unlogisch, dass MIT der Einschulung nur noch ein kleiner Teil dieser Kinder Sprachförderung erhält… wenn überhaupt.

            Wenn im Erlass Förderstunden als Maßnahme aufgeführt sind, muss jede Schule auch die Zuweisung zu diesen Stunden erhalten, ebenso wie die Stunden für die Grundversorgung durch Sonderpädagogen. Kann dies nicht gewährleistet werden, müssen andere Kräfte mit in die Schule UND die fehlenden Lehrerstunden BLEIBEN in der Statistik, statt sie herauszunehmen, damit der Lehrermangel nicht so gravierend ist.

            Zurzeit wird – ganz abgesehen von Inklusion – auch alles andere eingespart und zusammengestrichen. Das ist für die Öffentlichkeit kaum ersichtlich, schränkt aber die schulische Förderung immer mehr ein. Der umgekehrte Weg wäre angesichts der Notlage in den Schulen richtiger.

    • Dieser Kommentar von Kirsten Muck bringt es auf den Punkt:

      “Wie wichtig Förderschulen in der deutschen Bildungslandschaft sind, begreifen die meisten Menschen erst, wenn sie eine solche Schule besucht haben. Deswegen sollte jeder Politiker, der auch nur ansatzweise darüber nachdenkt, diese Schulen infrage zu stellen, dort einmal ein Tagespraktikum absolvieren.

      Was die Lehrer, Erzieher und Therapeuten an der Wiehengebirgsschule leisten, kann keine Regelschule der Welt auf die Beine stellen. Dazu fehlen den Regelschulen schlichtweg das Personal und das Know-how. Und selbst mit Abordnungen von Förderschullehrern an Regelschulen ist die Inklusion von Kindern mit geistigen Behinderungen oder Lernbehinderungen nicht zu schaffen. Denn die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und am Arbeitsleben hängt von den Fähigkeiten ab, die die Schüler in ihrer Schulzeit lernen.

      Um diese Schüler bestmöglich auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten, braucht es mehr als ein paar Stunden zusätzliche Förderung, wie sie die Inklusionskinder an den Regelschulen erhalten. Deshalb sind Förderschulen heute mehr denn je ein Muss als ein Kann in der Schullandschaft.”
      https://www.noz.de/lokales/melle/artikel/991119/foerderschule-in-melle-ist-ein-muss

  4. Oje, die neue Bildungsministerin macht mir Angst. Ich bin jetzt doch sehr dafür, dass Bildung Ländersache bleibt.

    AUSZUG: “Karliczek: Als Elternvertreterin habe ich nie verstanden, warum Fächer getrennt voneinander unterrichtet werden. Politik, Geschichte und Literatur – das gehört doch zusammen! Warum hat ein Autor etwas geschrieben? Wie hat sein Kontext seine Perspektive verzerrt? Lehrpläne und Strukturen sollten anders werden. Darüber müssen wir diskutieren.”

    Man lese hier weiter: http://www.zeit.de/2018/14/anja-karliczek-bildung-schulen-umbau-deutschland/komplettansicht

      • Danke für den Link, der von sofawolf verbirgt eine Bezahlschranke.

        Zitat: “Wir werden Infrastruktur bezahlen: […] Aber wir wollen möglichst auch eine bundesweite Schulcloud einrichten, in die zum Beispiel Unterrichtsmaterialien oder Filme hochgeladen werden.”

        Sie sagt nicht, wer die Infrastruktur instand hält. Die Kommunen wollen oder können das nicht, der Informatiklehrer kann das auch nicht nebenbei.

        Weiter: “Was wir nicht machen werden: flächendeckend Tablets über den Schulen abwerfen. Die Schüler sollten ihre eigenen Geräte mitbringen. So gut wie alle haben heute ein leistungsfähiges Smartphone, wenn nicht, wird es Unterstützungsmöglichkeiten geben.”

        Das wird schwierig, weil es zu viele unterschiedliche und unterschiedlich alte Smartphones gibt, auf die die unterschiedlichen Apps unterschiedlich gut laufen (wenn überhaupt). Wie soll außerdem die Unterstützung aussehen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass Hartz IV-Empfänger vom Amt ein neues Smartphone oder Tablet bezahlt bekommen. Die Geringverdiener knapp über dem Aufstockerniveau haben damit ein weiteres Problem.

        • @ xxx,

          ebenso danke für den Hinweis. Ich wunderte mich schon und schaute nochmal, aber bei mir gab es diese Bezahlschranke nicht.

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