“Du Jude!” Beauftragter fordert, antisemitische Vorfälle an Schulen zu erfassen

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STUTTGART. Ein Mädchen wird an einer Berliner Schule als Jude beschimpft. Der Vorfall wirft ein Licht auf Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Welchen Umfang das Problem hat, soll eine bundesweite Erfassung zeigen. Auch in baden-Württemberg wird das für sinnvoll gehalten.

Blume spricht sich dafür aus, eine bundesweite Statistik einzuführen. Foto: Wikimedia Commons, CC BY 3.0

Baden-Württembergs Antisemitismusbeauftragter hat sich dafür ausgesprochen, antisemitische Vorfälle an Schulen bundesweit zu erfassen. «Mir sind in den letzten beiden Jahren von jüdischer Seite zwei Fälle aus baden-württembergischen Schulen zugetragen worden», sagte Michael Blume dem SWR. Allerdings werde bislang keine Statistik darüber geführt. Er unterstütze den Vorschlag, eine bundesweite Statistik für antisemitische und andere Gewaltvorfälle an Schulen einzurichten.

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Hintergrund der Diskussion sind aktuelle Fälle. An einer Grundschule in Berlin war eine Zweitklässlerin von älteren Schülern aus muslimischen Familien als Jude beschimpft worden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland befürwortet angesichts von Antisemitismus und religiösem Mobbing in Schulen, eine bundesweite Statistik für Vorfälle dieser Art einzurichten.

Nach Angaben des Kultusministeriums gibt es keine zentrale Erfassung von antisemitischen verbalen Attacken und Schmierereien durch die Schulverwaltung im Südwesten. Auch standardisierte Wege für die Meldung solcher Vorfälle fehlten.

Die Schulen können Blume zufolge mit solchen Anfeindungen oft gut umgehen. Manchmal seien sie aber auch überfordert. Es gebe auch den Impuls, dass die Schulen nicht in die Medien wollten und versuchten, den Deckel drauf zu halten. «Deshalb ist es eine gute Idee, zu sagen: “Wenn Hass-Verbrechen oder Hass-Mobbing in Schulen stattfindet, muss es erfasst werden” – um zu sehen, wo man nachzusteuern muss», sagte der Religionswissenschaftler dem SWR. Darüber sei man im Gespräch mit dem Kultusministerium.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) rief die Schulen auf, bei Beleidigungen von Schülern nicht wegzuschauen. «Deshalb unterstützen wir unsere Schulen dabei, jeder Form von Diskriminierung entschieden entgegenzutreten», sagte sie. Dabei gelte es, vor allem durch Prävention kulturell und religiös motivierte Konflikte zu verhindern. Neben den Schulen sehe sie gleichermaßen die Eltern in der Pflicht.

Dem VBE ist es nach eigenen Angaben bekannt, dass Schüler einander mit «Du Jude» beschimpfen. «Das wird unklug daher geplappert», sagte VBE-Landeschef Gerhard Brand. Betroffen von Anfeindungen seien aber auch Kinder türkischer oder russischer Herkunft.

Antisemitismus in Schulen theoretisch zu bekämpfen, sei schwierig. «Man erreicht die Köpfe, aber nicht die Herzen», sagte Brand. Wirkungsvoll sei die Arbeit mit Zeitzeugen des Holocausts, von denen es aber nicht mehr viele gebe. Er begrüße, dass nun zum Teil die nächste Generation an die Schulen gehe, um vom Schicksal der Eltern zu berichten. Auch der Besuch von Gedenkstätten sei wichtig, um bei den Kindern und Jugendlichen Betroffenheit auszulösen. dpa

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20 KOMMENTARE

  1. Hm, der dritte Artikel nun zu diesem Thema?

    In einer großen deutschen Tageszeitung sprachen heute Bundestagsabgeordnete, die Lehrer sind, was sie tun würden bzw. was man tun sollte und der Grundtenor war “härter durchgreifen”.

    Lachhaft. Es gibt die, die das nicht wollen und alles bagatellisieren, ja, aber es gibt auch die, die es wollen und denen man nur Steine in den Weg legt (Schulgesetze und Verordnungen)!

    Na, dann füllen wir eben die Statistik und schauen, was dann passiert … so in ein paar Jahren, Jahrzehnten.

    • Wieso das denn? Sie scheinen davon auszugehen, dass die Statistik eine bestimmte Menschengruppe mit ausländischen Wurzeln belasten würde. Nur so kann man auf die Idee von “purem Rassismus kommen.

      • Gut kombiniert! Warum sonst sollte man wohl zu Rassismus-Vorwürfen greifen?
        Inzwischen plädieren auch einige Politiker (z.B. Herr Kauder) dafür, antisemitische Vorfälle an Schulen zu erfassen und Statistiken anzulegen, um genauere Kenntnisse über die Ursachen zu gewinnen.
        Plötzlich herrscht Aufgeregtheit. Von bedauerlichen “Einzelfällen” zu reden und die Vorkommnisse herunterzuspielen, geht nicht mehr ohne Glaubwürdigkeitsprobleme und Gesichtsverlust.

        • Es handelt sich für mich auch um einseitige Berichterstattung und vorauseilendem Gehorsam sowohl der Presse als auch den Vorgesetzten in den Dezernaten bzw. Ministerien gegenüber. Wenn die Vorkommnisse von Deutschen bzw. Christen mit politisch rechtem Hintergrund ausgegangen wären, würde die Sache beim Namen genannt werden. Wenn die Vorkommnisse _gegen_ Deutsche bzw. Christen mit politisch rechtem Hintergrund gerichtet wären, dann würde die Sache wohl noch stiefmütterlicher behandelt werden.

          • Können Sie Ihre rechtspopulistischen Märchen von den armen, überbewerteten Rechtsextremen, den bösen Muslimen und der “Lügenpresse”, die Sie hier in jedem zweiten Post unters Volk zu bringen versuchen, eigentlich selbst noch ertragen?

            Die Wahrheit ist: 95 Prozent der antisemitisch motivierten Straftaten in Deutschland werden von Rechtsextremen verübt – nicht von Islamisten.

            Aus der Rheinischen Post vor drei Tagen: “Im Jahr 2017 ist die Zahl antisemitischer Straftaten unverändert hoch geblieben. Einem Medienbericht zufolge hat die Polizei durchschnittlich vier solche Straftaten pro Tag registriert – ungefähr soviel wie 2016. In den meisten Fällen waren (…) die Täter rechtsextrem oder zumindest rechts motiviert.

            Demnach stellte die Polizei 2017 insgesamt 1453 antisemitische Delikte fest, darunter 32 Gewalttaten sowie 160 Sachbeschädigungen und 898 Fälle von Volksverhetzung. (…)

            Bei 1377 Delikten geht die Polizei von rechts motivierten Tätern aus. 33 Straftaten werden ausländischen Judenfeinden – ohne Islamisten – zugeschrieben, weitere 25 Delikte “religiös motivierten” Antisemiten, also meist muslimischen Fanatikern ausländischer sowie deutscher Herkunft. Bei 17 Taten war es der Polizei trotz erkennbarem Judenhass nicht möglich, ein politisches Milieu zu ermitteln. Nur ein Delikt, eine Volksverhetzung, war nach Erkenntnissen der Polizei links motiviert.”

            Wer verzerrt also hier die Wahrheit?

            Quelle: http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/gewalt-und-volksverhetzung-pro-tag-gibt-es-vier-antisemitische-straftaten-in-deutschland-aid-1.7385196

          • Gibt es Christen mit rechtem Hintergrund? Das kann nicht sein. Dagegen möchte ich auch ganz deutlich sprechen. Das sind keine echte Christen. Eines der obersten Gebote der Christen ist Toleranz und Nächstenliebe – siehe Neues Testament, Bergpredigt.

          • Verschonen Sie doch die Diskussionsteilnehmer mit Ihren Beleidigungen, Bernd. Oder wollen Sie gefragt werden, ob Sie den linkspopulistischen Mist, den Sie hier ständig unters Volk zu bringen versuchen, selbst noch ertragen können?

            Im Übrigen glaube ich nicht, dass die sich häufenden antisemitischen Vorfälle an den Schulen mit orthodox erzogenen muslimischen Schülern und ihren Familien (müssen ja nicht gleich Islamisten sein!) wenig zu tun haben.
            Um Aufklärung zu schaffen, ist darum gut, wenn antisemitische Vorfälle gemeldet werden (müssen) und auf ihre Ursachen untersucht werden.
            Darin Rassismus zu sehen wie Herr Repplinger, spricht Bände.
            Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn Sie seine Ansicht tegenauerilten.

  2. Zum Nachplappern:
    Ich möchte hier gar nicht wiederholen, was ich alles schon in der Grundschule an unreflektiertem Nachplappern erlebt habe. Bei uns sind das meistens sexistische Ausdrücke. “Du bist schwul” ist da noch harmlos. Wenn man genauer nachfragt, ob die Kinder erklären können, was sie da jetzt gesagt haben, dann können sie es zu 90 Prozent nicht und wissen es auch nicht. Wenn dann näher nachbohrt – kommt die Aussage, dass sie die Ausdrücke von älteren Geschwistern oder auf der Straße gehört und wissen, dass man damit bis zur Weißglut ärgern kann. Redet man mit den Eltern, fallen diese aus allen Wolken und sehr oft kommt die Aussage: “Aber von daheim hat er/sie das nicht.”
    Vor über 20 Jahren war ich in einer Großstadt mit hohem Türkenanteil, da wussten schon Erstklässler, dass man türkische Kinder mit dem Ausdruck “Deine Mutter ist eine Hure” bis zur Weißglut ärgern konnte ohne dass jemand überhaupt wusste, was das zu bedeuten hatte.

  3. Klar “tegenauerilten” ich seine Ansicht – was immer Sie möchten, g. h.

    Klar auch, dass Sie einen Verweis auf eine seriöse Quelle nicht von einer dahingerotzten Behauptung unterscheiden – jedenfalls dann nicht, wenn’s Ihrem eigenen Weltbild entspricht. So kennt man sie, die Freunde der “alternative facts”.

    • Stimmt, da habe ich im letzten Satz meines Kommentars Mist gebaut. Ich habe es nachträglich sogar gemerkt, aber gedacht, dass jeder halbwegs intelligente Mensch trotzdem verstehen würde.
      Für Sie aber eine Verbesserung: “Es würde mich übrigens nicht wundern, wenn Sie seine Ansicht teilten.”
      Gemeint war Herrn Repplingersobige Meinung.
      Apropos “seriöse Quelle”: Was nützen seriöse Quellen, wenn jedermann weiß, dass diese Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind, weil sie in den letzten Jahren unter der Devise standen (auch für die Polizei), mit der Extra-Erfassung von Migranten als Straftäter zurückaltend umzugehen. Sie könnten Vorbehalte gegen “Flüchtlinge” und den Islam bei der einheimischen Bevölkerung wecken oder verstärken.
      Auch die Medien waren mit solchen Angaben sehr zurückhaltend, was zunehmend auffiel und zu Kritik führte. Allmählich scheint sich deswegen in der Presse etwas zu ändern.

      • Mit der “Extra-Erfassung von Migranten als Straftätern” geht die Polizei immer noch zurückhaltend um – aus guten Gründen. Erstens, es geht in der Polizeistatistik stets um Tatverdächtige, nicht um “Straftäter”. Das ist ein gravierender Unterschied. Zweitens: Was ist denn, bitteschön, “ein Migrant”? Ob ein Tatverdächtiger Moslem ist und/oder womöglich Rotarier oder vielleicht Ostdeutscher, spielt iin der Regel überhaupt keine Rolle. Wenn jemand einen deutschen Pass hat, dann ist er Deutscher.

  4. In Schulen kann eine Liste geführt werden. Klar. Die Politik will ja Schulen dabei unterstützen:
    Deshalb übernimmt diese zusätzliche Aufgabe der/die SozialpädagogIn, die zudem präventiv mit den SuS arbeitet und die aufgefallenen Konflikte mit den beteiligten SuS erörtert, sodass sie sich nicht zuletzt _für die Statistik_ ein Bild machen kann, was die Beweggründe waren oder ob es sich lediglich um unüberlegtes Nachplappern handelte.

  5. Das sagt die Polizeigewerkschaft dazu:
    https://www.suedtirolnews.it/politik/deutsche-polizeigewerkschaft-klar-gegen-antisemitismus
    Interessant fand ich in diesem Zusammenhang, wie die antisemitischen Schmierereien und Beschädigungen bisher bewertet wurden. Es geht aber nicht darum, rechtsextreme Taten unter den Tisch zu kehren, sondern sich ein möglichst realistisches Bild über die Ursachen zu machen. Denn um nachhaltig etwas zu ändern, braucht man erst einmal eine solide Ursachenforschung um den Hebel richtig anzusetzen. Wenn in den (Grund)schulen vom Elternhaus motivierte antisemitische Äußerungen vorkommen, dann sind das mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit keine Kinder von Rechtsextremen.

    • Hier ist das Interview:
      https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Polizeigewerkschaft-Aemter-sollen-Antisemiten-Kinder-wegnehmen-id50786701.html
      Na ja, den oberen Teil der Aussage bzw. die Aussage der Überschrift sehe ich kritisch. Aber interessant in Bezug auf die Schule ist der untere Teil. Nebenbei finde ich erschreckend im Hinblick auf die Messerattacken, die wir auch in den Schulen hatten, dass es anscheinend immer mehr Usus ist, dass junge Männer Messer mit sich führen. (Das gehört eher dann in das andere Forum.)

    • Interessant ist auch die Anmerkung von Herrn Wendt, dass bei einer fehlenden Zuordnung zu einem Täter, diese Taten rechtsextremen Gruppen zugeordnet werden. Man will von oben Einfluss auf die Wahrnehmung in der Bevölkerung nehmen, und derartiges geht überhaupt nicht, steuert einer objektiven Berichterstattung entgegen und ist zu ändern. Man will Probleme erst gar nicht in den Fokus der öffentlichen Meinung bringen und somit lässt man einzelne Berufsgruppen alleine mit diesen Problemen, die offensiv bei den Verursachern dieser Gewalttaten angegangen werden müssen.

      • Na ja, das kann man interpretieren wie man will, muss aber nicht sein.
        Wendt sagt deutlich, dass die Bewertung nicht mehr zeitgemäß ist. Es war bis vor einiger Zeit tatsächlich so, dass der Antisemitismus nur den Rechtsextremen zugeordnet werden konnte. Auch von den seit Jahrzehnten lebenden türkischen Muslimen ist mir nicht bekannt, dass von da irgendein nennenswerter Antisemitismus ausging.

        Durch die vermehrte Zuwanderung aus arabischen und nordafrikanischen Ländern und die vermehrte Einflussnahme der Türkei bei uns hat sich dieses Bild geändert. Für die umliegenden Staaten Israels ist Israel und damit das Judentum der Feind schlechthin und aus diesem Gedanken wird auch die antisemitische Haltung mancher Menschen aus diesen Ländern, die jetzt bei uns leben, gespeist sein.
        Außerdem hört man immer wieder, dass inzwischen bei uns einige Imane in den Moscheen besonders aggressiv gegen Ungläubige predigen.
        So wie ich informiert bin, gehört übrigens die klare Ansage gegen Ungläubige so oder so zum Standard der Rufe der Imane.

        • ysnp
          Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als nach den Flugzeugattacken gegen die zwillingstürme in New York die hiesige arabische Bevölkerung auf den Straßen getanzt hat zum Zunge schlagenden Gejohle der Frauen.
          Und die Äußerungen der Mitglieder der hiesigen arabischen Gemeinde sind auch nicht gerade sehr Kritisch zu den Denkweisen von Hamas und anderen radikalen Gruppen. Da wird in diesen Familien eine ablehnende Haltung gegen unsere Vorstellungen der Frau in der Gesellschaft, zu unserer Freiheit, Kultur und Denkweise in gleicher Weise negativ beeinflusst.
          Das aber will und wollte niemand sehen, zog man sich dann eine undifferenzierte Kritik auf sich.

          • Was Sie als “undifferenzierte Kritik” bezeichnen, habe ich als reine Beschimpfung (z.B. Rassisten, Fremden- und Islamhasser oder kurz Nazis!) in Erinnerung.
            Überdies wurde die sog. Islamophobie neben anderen Phobien (z.B. Behindertenphobie) als üble Geisteskrankheit aus der Taufe gehoben, um kritische Stimmen auch mit wissenschaftlichem Anstrich verunglimpfen zu können. Der Begriff “Phobie” machte Beschimpfungen zu scheinbar sachlichen Diagnosen.

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