Ende des Turbo-Abis naht: NRW-Kabinett will G9-Gesetz verabschieden

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DÜSSELDORF. In ganz Detuschland wird über die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren gesprochen. In NRW sind die Tage des ungeliebten «Turbo-Abiturs» jetzt gezählt. Die NRW-Landesregierung entscheidet zur Zeit über den Gesetzentwurf zur Rückkehr zu G9. Ab dem Schuljahr 2019/20 soll das Abitur nach neun statt nur acht Jahren Gymnasium wieder der Regelfall in Nordrhein-Westfalen werden. Es soll noch vor den Sommerferien im Landtag verabschiedet werden. Die Landesregierung muss Tempo machen, damit die Gymnasien die Umstellung rechtzeitig einleiten können.

Knapp 2.600 Schüler nutzen die Möglichkeit, die Abi-Prüfung zu wiederholen. Foto: ccarlstead / flickr (CC BY 2.0)
Bald ist für NRWs Gymnasiasten etwas mehr Entspannung auf dem Weg zum Abi angesagt.   Foto: ccarlstead / flickr (CC BY 2.0)

Die Wende soll im übernächsten Schuljahr mit den Klassen 5 und 6 eingeleitet werden. Bis zur vollständigen Umstellung rechnet die Landesregierung mit etwa 2200 zusätzlichen Lehrerstellen. Außerdem brauchen die Schulen wesentlich mehr Räume. Land und Kommunen wollen sich auf einen Kostenausgleich einigen. Dazu wurde bereits ein Gutachten in Auftrag gegeben.

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Die Gymnasien können sich auch dafür entscheiden, bei G8 zu bleiben. Diese Entscheidung muss die Schulkonferenz bis spätestens Ende Januar 2019 mit Zweidrittel-Mehrheit treffen. Schüler an G9-Gymnasien nehmen künftig am Ende der 10. Klasse an zentralen Abschlussprüfungen teil und können damit die Mittlere Reife erwerben.

Offen sind noch mehrere schulfachliche Detailfragen. So sprechen sich etwa die meisten Fachverbände dafür aus, mit der zweiten Fremdsprache an allen Schulformen erst wieder in Klasse 7 statt schon in Klasse 6 zu beginnen.

Die Schulzeitverkürzung mit «Turbo-Abitur» nach nur acht Jahren Gymnasium war in NRW zum Schuljahr 2005/06 von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung eingeführt worden. Zuvor hatten sich aber alle Landtagsparteien generell für eine Verkürzung der Schulzeit ausgesprochen – allerdings mit unterschiedlichen Vorstellungen, in welcher Stufe gekappt werden sollte. dpa

Macht mal schneller! Aufschieberitis bei der Wiedereinführung von G9

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12 KOMMENTARE

  1. Die freie Schulwahl beschränkt sich halt auf die Wahl der Gesamtschule. «Die Erwartung, dass sich mit der Rückkehr zu G9 an Gymnasien die Nachfrage nach Gesamtschulen deutlich reduziert, hat sich nicht erfüllt» Diese Aussage ist lächerlich, weil erstens die Anmeldephase schon vorbei ist, zweitens die Umstellung erst zum Schuljahr 2019/20 einsetzt und drittens noch nicht feststeht, welche Gymnasien umstellen. Allerdings dürften das die mit Abstand meisten sein. Wieso die Anmeldezahlen an den Gesamtschulen nach Umstellung auf G9 signifikant abnehmen werden, kann ich mir auch nicht erklären, weil dann noch viel mehr Kinder auf das Gymnasium wechseln müssten. Die meisten der an Gesamtschulen abgelehnten Kinder haben mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine gymnasiale oder eingeschränkt gymnasiale Eignung. Deren Eltern haben nur etwas gegen die Hauptschulklientel, die sich an den Sekundar- und Hauptschulen noch viel stärker konzentrieren als an den Gesamtschulen mit ihren wenigstens noch 30% halbwegs gymnasialer Klientel.

    • Die verstärkte Nachfrage von Plätzen an GeS ist der Tatsache geschuldet, dass immer mehr Hauptschulen geschlossen werden. Irgendwo muss ja dieses Schülerklientel beschult werden. – Und die Realschulen werden schon einen Bogen um dieses Klientel machen, wenn die eigenen Anmeldezahlen stimmen.

      Selbst unter Einrechnung der angemeldeten Kinder, die eine eingeschränkte GY-Empfehlung haben, werden die 30% gymnasiales Klientel nicht einmal ansatzweise erreicht.

    • Im Grunde ist die Umstellung schon für das nächste Schuljahr relevant, da auch die kommende 5 dann erst in der siebten Klasse mit der zweiten Fremdsprache einsetzen wird. “Die Wende soll im übernächsten Schuljahr mit den Klassen 5 und 6 eingeleitet werden.”

      “Diese Entscheidung muss die Schulkonferenz bis spätestens Ende Januar 2019 mit Zweidrittel-Mehrheit treffen. “, das ist so nicht korrekt, die Schulkonferenz muss auf Antrag mit einer Zweidrittel-Mehrheit+1 für den Verbleib stimmen, das heißt, wenn die die sechs Lehrer geschlossen für G9 sein sollten, können die Eltern- und Schülervertreter nichts dagegen machen.

      • Interessant ist auch, dass die wenigsten Mitglieder der Schulkonferenz unmittelbar von der Umstellung betroffen sind. Die Schüler naturgemäß nicht, die Eltern _nur_, wenn sie Kinder in der aktuellen 5 oder jüngere haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass die dann gleich in die Schulkonferenz gewählt werden, halte ich für gering.

        Insgesamt gebe ich Ihnen aber Recht, dass das Gesetz auf eine nahezu vollständige Umstellung auf G9 konstruiert wurde. Ich dachte, dass die Kommune als Schulträger auch noch das ein oder andere Wort mitzureden hat, insbesondere wenn die Schule für den Verbleib bei G8 stimmen sollte.

        • Ich denke, man hat die Kommunen da raus gelassen, da man befürchten könnte, sie hätten monetäre Gründe im Auge.

          • Eben. Die Umstellung erfordert mehr Räume. Der Schülertransport muss koordiniert werden, was bei einem Sammelsurium von G8/9 vielleicht schwieriger werden könnte.

  2. Update aus der Pressemitteilung des Ministeriums:
    “Schulträger können nach dem Schuljahr 2019/2020 aufgrund einer Bedürfnisprüfung G8-Gymnasien errichten oder G9-Gymnasien in G8-Gymnasien ändern – wie auch die umgekehrte Option nutzen. Alle organisatorischen Entscheidungen zu einer Änderung bedürfen der Anhörung der Schule. Die letzte Entscheidung liegt jedoch beim Schulträger.”
    Wenn ich das richtig verstehe, ist der Entscheidungsprozess in der Schule doch eigentlich nichtig, oder?

    • Alles steht und fällt mit der genauen Definition des sehr schwammigen Begriffes “Bedürfnisprüfung”, weil Bedürfnisse der Elternschaft, der Lehrerschaft und der Kommune sehr unterschiedlich auslegbar sind. Was passiert, wenn die Bedürfnisse in fünf Jahren wieder ganz anders sind, z.B. weil G9 ähnlich katastrophal eingeführt wird wie damals G8, weiß man jetzt auch noch nicht.

  3. Alle tun hier so, als sei der tatsächliche, inhaltliche Unterschied zwischen G8 und G9 klar. Das ist aber keineswegs so. Man sucht noch danach, ein ideales Betätigungsfeld für Parteigenossen, die unter rot-grün zu ihrem Posten kamen im Miniserium bzw. im Landesinstitut QUA-LIS (einem Lieblingskind der Grünen), siehe hier:
    https://www.qua-lis.nrw.de/qualis/aktuelles/qua-lis-nrw-erstellt-lehrplaene-fuer-g9-in-nrw.html
    Es ist verdächtig viel von digitalen Medien die Rede, so als hätte die was mit der Sache zu tun. Man wird vermutlich bei den Lehrplänen sagen, die müssten bei G8 und G9 gleich sein. Aber beim Übergang damals von G9 zu G8 wurden sie natürlich abgespeckt, anders wäre das nicht gegangen. Fazit: G9 künftig und G9 früher, das wird nicht dasselbe sein. G9 künftig wird eher an Gesamtschulen erinnern. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

    • Digitalisierung wie die SPD und die Grünen sie verstehen hat mit kognitiver Leistung(sfähigkeit) nicht viel gemeinsam. Es wird auf ein BYOD ohne inhaltlichen Mehrwert, aber mit hohen Zusatzeinnahmen für diverse Bildungsanbieter, Bildungsforschern usw..

      Ihre Befürchtung hinsichtlich Gesamtschulen teile ich. Zum Einen, weil die Gymnasien heutzutage schon zu Gesamtschulen verkommen wurden und zum Anderen, weil die Gymnasien auch die Prüfungen zum MSA veranstalten sollen. Die gesamte Klasse 10 wird also ein Teaching to the Test ohne auch nur die geringste Vorbereitung auf die Anforderungen der Oberstufe. Die ist bei G8 noch erheblich besser als in den Erweiterungskursen der Gesamtschulen, wobei “besser” nicht mit “gut” gleichzusetzen ist. G8 und die kompetenzorientierte Oberstufe leiden nach wie vor unter der verhunzten Umsetzung von G8.

  4. Hier steht für Niedersachsen amtlich, dass man bei der Wiedereinführung von G9 nicht etwa zu dem G9 vor dem G8-Intermezzo zurückkehren will, sondern die (für G8 gekürzten) Lehrpläne werden nur gestreckt:
    “Mir ist eines ganz wichtig: Wir steuern um auf ein Abitur nach 13 Jahren und strecken damit die Schulzeit, aber die Kerncurricula werden nicht ausgeweitet. Wir gehen nicht zurück zu den alten Lehrplänen, die vor zehn Jahren gegolten haben. Wir geben Schülerinnen und Schülern künftig mehr Zeit zum Lernen und zum Leben.”
    Quelle: http://www.mk.niedersachsen.de/schule/unsere_schulen/allgemein_bildende_schulen/gymnasium/modernes_abitur_nach_13_jahren_niedersachsen/modernes-abitur-nach-13-jahren-in-niedersachsen-123195.html
    Wenn man dieses hin und her noch ein paarmal macht, dann wird jedesmal bei der einen Richtung was weggestrichen und dann bei der anderen Richtung nichts wieder hinzugefügt. Es geht halt doch bergab mit der Bildung. Und genau das ist den Politikern “ganz wichtig”.

    • Der Link gefällt mir auch: “modernes Abitur nach 13 Jahren” — also nicht.

      “Modern” ist bei Bildungsthemen im Politikerdeutsch nichts anderes als weitere Niveauverflachung. Mittlerweile nehmen sich da SPD, CDU/CSU und die Grünen da nichts mehr.

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