Rechenstörung: Im Schnitt sitzt in jeder Klasse ein betroffenes Kind – jetzt liegt endlich eine Leitlinie zur Diagnose und Behandlung vor

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MÜNCHEN. Welche Menge verbirgt sich hinter 65? Ist die Zahl 56 tatsächlich kleiner als 65? Schüler, bei denen eine Rechenstörung vorliegt, haben große Probleme beim Abschätzen von Größen und Längen. Bisher wird die Dyskalkulie selten diagnostiziert, die Betroffenen bekommen kaum Hilfen – obwohl im Schnitt in praktisch jeder Schulklasse ein betroffenes Kind sitzen dürfte. Erstmals wurde nun eine sogenannte „S3-Leitlinie“ zur Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung entwickelt. Ein Durchbruch. „Seit Jahrzehnten warten Betroffene vergeblich darauf, dass die Dyskalkulie genauso wie die Legasthenie in der Schule, Ausbildung und im Studium anerkannt wird. Jetzt ist eine wichtige Grundlage für die Anerkennung entstanden“, sagt Christine Sczygiel, Vorsitzende des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie (BVL).

Schüler, bei denen eine Rechenstörung vorliegt, haben große Probleme beim Abschätzen von Größen und Längen. Foto: Shutterstock
Schüler, bei denen eine Rechenstörung vorliegt, haben große Probleme beim Abschätzen von Größen und Längen. Foto: Shutterstock

Zwischen 3 und 6 Prozent aller Menschen leiden trotz guter Begabung und regelmäßigem Schulbesuch an einer Rechenstörung, die auch Dyskalkulie genannt wird. Nach dem internationalen Klassifikationsschema der Krankheiten gehört die Rechenstörung zu den umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. Neurobiologische Ursachen dieser Erkrankung sind sehr wahrscheinlich. Die Betroffenen verstehen die Bedeutung von Zahlen nicht und Mengen werden falsch erfasst. Rechenoperationen wie Addition und Division misslingen trotz intensiven Übens. Sie scheitern im Mathematikunterricht, können Anforderungen im Beruf und Alltag nicht immer erfüllen und entwickeln nicht selten als Folge massive Ängste und Depressionen.

“Faul oder dumm”

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„Als ich vor 20 Jahren mit der Verbandsarbeit begonnen habe, galten von Legasthenie oder Dyskalkulie betroffene Schülerinnen und Schüler noch als faul oder dumm“, berichtet BVL-Vorsitzende Christine Sczygiel. „Heute hat die Gesellschaft – auch dank der konstanten Arbeit des BVL – mehr Verständnis. Es wird anerkannt, dass es sich um komplexe Lernstörungen handelt und von Seiten der Schulen besteht zunehmend der Versuch, betroffene Kinder und Jugendliche zu unterstützen.“ Trotz der Relevanz auch der Rechenstörung für die Bildungs- und Berufskarriere sowie der psychosozialen Entwicklung von Betroffenen gab es – anders als bei der Legasthenie – bisher keine einheitlichen Standards zur Diagnostik, Förderung und Behandlung. Betroffene und Experten waren mit verschiedenen Förder- und Behandlungsmethoden konfrontiert, deren Wirksamkeit häufig unklar war.

Mit der jetzt veröffentlichten S3-Leitlinie zur Rechenstörung liegen erstmals klare und fächerübergreifende Handlungsempfehlungen zur Diagnostik und Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Rechenstörung vor. Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne von der LMU München und Koordinator der Leitlinie betont: „Es freut mich sehr, dass diese Leitlinie von den Fachverbänden der Praxis und der Wissenschaft gemeinsam entwickelt und abgestimmt wurde. Dies ist eine exzellente Basis dafür, dass sich die Diagnostik und Förderung in Schule, Lerntherapie und der fachärztlichen Versorgung in Zukunft verbessern wird.“

“Lehrer mit ins Boot”

„Wir versuchen, die Lehrerinnen und Lehrer mit ins Boot zu holen, da ihre Unterstützung entscheidend ist“, betonte BVL-Vorsitzende Sczygiel. „Die Erfahrung zeigt, dass alle außerschulischen Maßnahmen – auch Therapien und der Rückhalt der Familie – ohne positiven Effekt bleiben, solange die Schule das Problem nicht anerkennt und auffängt. Erst dann erfährt das Kind die nötige Sicherheit, die es braucht, um selbstbewusst mit seiner Lernstörung umgehen zu können.“ Der Verband arbeite weiterhin daran, dass die Bildungspolitik Legasthenie und Dyskalkulie flächendeckend, das heißt in jedem Bundesland, als unverschuldete Lernstörungen anerkennt und entsprechende Unterstützungsmaßnahmen einführt – das sei insbesondere bei der Dyskalkulie noch längst nicht der Fall.

Hier lässt sich die Leitlinie herunterladen.

Hintergrund

Medizinische Leitlinien werden in vier Entwicklungsstufen entwickelt und klassifiziert. Eine Leitlinie „S3“ liegt in der höchsten Qualitätsstufe. Das heißt: Sie hat alle Elemente einer systematischen Entwicklung durchlaufen (Logik-, Entscheidungs- und Outcome-Analyse, Bewertung der klinischen Relevanz wissenschaftlicher Studien und regelmäßige Überprüfung).

Die S3-Leitlinie zur Rechenstörung wurde von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) initiiert und von 20 wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden aus den Bereichen Psychologie, Pädagogik, Medizin, Didaktik und Lerntherapie abgestimmt. In einer Entwicklungszeit von mehr als drei Jahren wurde hierfür die gesamte internationale Forschungsliteratur gesichtet und bewertet. Insgesamt 19 wissenschaftlich begründete und im Alltag bewährte Empfehlungen wurden so gemeinsam erarbeitet.

Der Leitlinie wird am 16. März 2018 auf der Tagung „Dyskalkulie – von der Wissenschaft in die Praxis“ in München erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Neben Vorträgen zur Leitlinie und zu Fördermöglichkeiten in der Schule, der lerntherapeutischen Praxis und Zuhause steht die Situation betroffener Kinder und Jugendlichen und ihrer Familie im Zentrum. Zur Frage, wie zukünftig die Rechenstörung in der Schule berücksichtigt werden kann, findet eine Podiumsdiskussion mit bildungspolitischen Vertretern der Bayerischen SPD (Martin Güll), der Grünen (Thomas Gehring), der Freien Wähler (Michael Piazolo) und der FDP (Britta Hundesrügge) statt.

Hier gibt es Informationen zur Tagung.

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11 KOMMENTARE

  1. Die tatsächlich an Dyskalkulie leidenden Menschen müssten sich doch verar***t vorkommen bei den Massen an daran nicht leidenden Menschen, die stolz darauf sind, Mathematik nicht zu können. Gerade aus diesem Grund dauert es sehr lange, bis ich einem im Fach Mathematik schwachen Schüler tatsächlich glaube, Mathematik _wirklich_ nicht zu können. In den mit Abstand meisten Fällen spielt Faulheit eine gehörige bis nahezu ausschließliche Rolle.

    • Das sieht im 1. und 2. Schuljahr wahrlich anders aus, wenn Kinder selbst im Zahlenraum bis 10 keine Orientierung finden können.
      Je älter die Kinder, desto schwieriger wird es sein, dies zu ermitteln, da ja Strategien erlernt werden, damit dies nicht zu sehr auffällt.
      Wichtig wäre, neben dem Hinweis darauf, dass die Lehrkräfte MIT ins Boot geholt werden sollen, dass es überhaupt Therapien gibt und nachweislich geschulte Therapeuten, an die sich Betroffene wenden können. Zurzeit ist es so, dass Lehrkräfte das ALLEIN richten sollen, was nicht gelingt.

          • Was für eine Frage!? Muss ich das wirklich erklären?
            Sei’s drum: Dyskalkulie ist eine so große Schwäche, dass sogar geschulte Therapeuten oft wenig ausrichten können, geschweige denn Lehrer.
            Siehe: “Zurzeit ist es so, dass Lehrkräfte das ALLEIN richten sollen, was nicht gelingt.”
            Fazit: Ich wollte Sie in Ihrer Aussage unterstützen. Was das so schwer zu verstehen?

        • @bolle: Sind Sie ein Dyskalkulie-Therapeut, beziehen Sie sich auf eine Studie oder wie kommen Sie zu dieser Aussage? Wäre interessant, wenn Sie dazu mehr sagen/schreiben könnten. . .

        • Bolle
          Richtig, und deshalb erhalten Kinder bei einem entsprechenden IQ auch zusätzliche spezifische Förderung. Erhält man diese nicht, so ist man gezwungen selber Hilfe zu organisieren. Es ist auch nicht jeder Lehrer dazu ausgebildet, erfordert sehr viel Wiederholung mit dem Einüben im Zahlenraum bis 20 und sehr viel Ausdauer von beiden Seiten. Aber wie soll derartiges gelingen in Klassen mit einem derartig breiten Leistungsspektrum, wenn die Inklusion noch hinzukommt und alle Gruppen in einer Klasse sitzen.
          Da bleibt sehr viel Arbeit zu Hause und bei Lerntherapeuten hängen.
          Das “Bildungsland NRW” bietet deutlich weniger an staatlicher Förderung als das Bundesland Bayern.
          Da braucht man nicht derart um Förderung bei den Behörden zu kämpfen. Es existieren noch staatliche Strukturen zur Erfassung dieser Erkrankungen Legasthenie und Dyskalkulie.

          • Es hat mit der Einführung der Inklusion wenig zu tun, denn diese Kinder wurden schon immer in der Regelgrundschule eingeschult und blieben dort auch 2-3 Jahre, bevor der Wechsel auf die FöS erfolgen durfte/konnte. Besagte Schwierigkeiten im Wahrnehmungsbereich traten auch früher meist erst nach Eintritt in die Grundschule zu Tage und Grundschullehrkäfte mussten dem begegnen.
            Die Erarbeitung des ZR 10 oder 20 musste also in der Grundschule erfolgen, schon vor der Inklusion.
            Es braucht Möglichkeiten, einem Kind die Wiederholungen zu gewähren, statt immer einzufordern, dass es den üblichen Stoff in der gleichen Zeit wie alle anderen bewältigen soll. Das führt nur zu Frust und Vermeidungsverhalten (letztlich womöglich ein Grund dafür, in Dyskalkulie immer wieder Faulheit zu erkennen).
            M.E. ist der Unterricht bei einem breiten Leistungsspektrum viel eher darauf ausgerichtet, den Kindern mit verschiedenen Aufgaben gerecht zu werden, statt alle im Gleichmarsch durch die Lehrgänge zu bringen.

            Schlimm ist, dass die Kinder die Förderung nicht zugesprochen bekommen. Nicht in der Schule, nicht beim Arzt, gar nicht. Lerntherapeuten gibt es nicht landauf, landab und sie sind nicht finanzierbar für viele Eltern, Ergotherapie wird nicht verschrieben (zu teuer für den Arzt) und Förderstunden werden nicht gewährt.
            Warum es das nicht als multiprofessionelles Team in Schulen geben kann, verstehe ich nicht.

            Und, da gebe ich bolle Recht, gerade bei Dyskalkulie ist die Förderung nicht leicht, aber man sollte nicht generell davon ausgehen, dass man diesen Kindern nichts beibringen könnte.

          • Dass diese Kinder doch etwas lernen können sollte man Teilen der Sonderpädagogen beibringen.

  2. Und was wird aus den Kindern die an einer Dyskalkulie und an einer Legasthenie leiden ?
    Im übrigen kann man mit einer sehr intensiven Frühförderung Fortschritte erreichen.
    Da wird aber gespart . Wir haben in Anlehnung an die Montessori Pädagogik bearbeitet (Lilo Gührs/ Fit trotz Rechenschwäche Zahlenraum 1 bis 20/AOL-Verlag mit spezifischer Anleitung und der Erstellung der Arbeitsmaterialien durch die Schüler.
    Die Ursachen beider Erkrankungen sind nicht rein genetisch determiniert, denn hinzu kommen Faktoren im visuellen Wahrnehmungsbereich, der Richtungserfassung im Zahlenraum, gegebenenfalls eine Kreuzdominanz im motorisch-visuellen Bereich (Rechtshänder und linkes Auge als führendes Auge und umgekehrt) . Visuelle Hilfen, wie das untereinander rechnen, anstatt nebeneinander, mit der Kennzeichnung der Stelle über dem Rechenpäckchen mit T wie Tausender, H wie Hunderter, Z wie Zehnerstelle und E wie Einerstelle, stellen ein erste Erleichterung für diese Schüler da.
    Aufschlüsse ergeben Zahlendiktate, bei denen die Zahlen der Zehnerstelle und der Einerstelle von den Betroffenen vertauscht werden.

    • Nur dass das schriftliche Rechnen auch zählend zu bewältigen ist und die Kinder die Zahlen nicht erfassen müssen und ggf. auch nicht vorlesen können.
      Auch beginnen Kinder ja nicht im Zahlenraum 1000, sondern 10 und müssen erst einmal das 3. SJ erreichen – trotz Schwächen in Mathe.

      Ich würde sagen, dass die Ursachen gar nicht wirklich erforscht sind, es kann von allem etwas sein, einiges haben Sie ja schon genannt. Gerade bei Schwierigkeiten im Raum-Lage-Bereich sind häufig Lesen, Schreiben und Rechnen betroffen.
      Leider wird viel zu häufig argumentiert, dass das Kind generell lernunfähig sei und keine Förderung/ Therapie benötigen würde – gern genommene Behauptung, um keine Ergotherapie verordnen zu müssen…

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