Ein 13-jähriger Junge klärt Politiker im NRW-Landtag über Cybermobbing auf

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DÜSSELDORF. Lukas Pohland ist ein besonderes Kind: Mit 12 Jahren hilft er einer Mitschülerin, die im Netz gemobbt wird und gründet ein Sorgen-Telefon. Inzwischen ist er 13 und erklärt nun Politikern als Experte, was sie gegen Cybermobbing tun müssen.

Immer mehr Schüler werden Opfer von Cyber-Mobbing.                                                Foto: Pro Juventute / flickr / CC BY 2.0

Dass ein Schüler als Experte in eine Sachverständigen-Anhörung des Landtags geladen wird, ist selten. Der 13-jährige Realschüler Lukas Pohland aus Schwerte ist aber Profi und wird in wenigen Tagen zurecht neben Wissenschaftlern, Psychologen und Kinderschützern im Schulausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags sitzen. In einer Anhörung will er erklären, was ihn bewogen hat, eine Cybermobbing-Hilfe zu gründen und was er von der Politik erwartet.

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In einem Brief an den Landtagspräsidenten hat der aufgeweckte Junge das bereits getan. «Vor über einem Jahr wurde eine Mitschülerin von mir selbst Opfer von digitalen Attacken im Internet. Ich setzte mich für sie ein und wurde selbst zum Opfer», schreibt er. «Daher kann ich selbst sehr gut beurteilen, dass man so gut wie keinerlei Unterstützung seitens der Schule erhält und auch die Prävention an unserer Schule war/ist schlecht.» Lukas ergriff damals selbst die Initiative und gründete ein Sorgentelefon, für Kinder, das er seitdem gemeinsam mit anderen Jugendlichen anbietet.

Die Kölner Sozialpsychologin Catarina Katzer befasst sich seit 15 Jahren mit dem Thema Cybermobbing und hat sich als international gefragte Expertin und Beraterin profiliert. Sie weist in ihrer Stellungnahme an den Landtag auf eine bemerkenswerte Veränderung hin: «Cybermobbing wird immer mobiler. Smartphones werden immer mehr zur digitalen Waffe.»

Gemeinsam gegen Cyber-Gewalt

Inhaltlich müsse konstatiert werden: «Gemeinheiten, Beleidigungen, Verleumdungen durch die Bildung von Hassgruppen in sozialen Netzwerken oder über WhatsApp nehmen deutlich zu.» Dies gelte auch für beleidigende Fotos und Videos, die über die einschlägigen sozialen Medien verbreitet werden. Aktuelle Studien gingen davon aus, dass in Deutschland derzeit mindestens 1,5 Millionen Jugendliche von Cybermobbing betroffen seien, bilanziert Katzer. Jedes fünfte jugendliche Opfer sei demnach sogar suizidgefährdet.

Für die Grünen, die die Anhörung beantragt haben, ein alarmierender Befund. Immerhin verfügten laut der jährlichen Studie zu Jugend, Information und Medien fast alle Teenager über ein Smartphone, halten sie in ihrem Antrag an den Landtag fest. Aus der Erhebung des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest gehe hervor, dass jeder fünfte Jugendliche schon persönliche Erfahrungen mit Beleidigungen oder Verleumdungen im Netz gemacht habe.

Gemeinsam mit Kinderschützern und Psychologen fordern sie, den Kampf gegen Cybergewalt stärker in der Lehrerausbildung zu verankern. Vor allem in den Grundschulen sehen sie Nachholbedarf. Und ebenso wie der Kinderschutzbund fordern sie auch, mit den Anbietern sozialer Medien über einen «Notfall-Button» zu verhandeln, damit Betroffene Mobbingfälle direkt melden können.

An Schulen: Digitale Aktionspläne

Für den Diplom-Pädagogen Matthias Felling von der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (AJS) NRW taugt eine technische Lösung nur bedingt: «Der eigentliche Notfall-Button für Jugendliche, die von Mobbing betroffen sind, ist ein Erwachsener in seinem Umfeld, der ein offenes Ohr für die Probleme hat und seine Hilfe anbietet.»

An den Schulen müssten aber Anti-Mobbing-Teams gebildet und jugendliche «Medien-Scouts» in die Präventionsarbeit eingebunden werden, schlägt er vor. Hilfreich seien auch Vereinbarungen über den Umgang im Netz («Netiquette») und die Nutzung von Smartphones («Handy-Ordnung»).

Cybermobbing-Expertin Katzer plädiert für eine große Lösung: «Digitale Aktionspläne» an sämtlichen Schulen und möglichst auch schon für Kitas. Dazu zählten systematische Aus- und Fortbildung für alle Lehrer und ein Schulfach «Digitale Bildung». Zudem fordert die Wissenschaftlerin ein Gesetz, das Opfern Rechtssicherheit gebe und klarmache: «Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt.»

Lukas Pohland weiß das längst. «Pausenhof-Mobbing endet meist nach der Schule – spätestens vor der Haustür», schreibt er dem Landtagspräsidenten. «Cybermobbing endet nicht. Man trägt den Täter mit sich herum.» dpa

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2 KOMMENTARE

  1. Ich habe noch nie einen Artikel kommentiert. Bei diesem kann ich aber nicht anders.
    Medienerziehung in der Schule – klares ja, Regeln zum Handyumgang in der Schule – eh klar. Der Artikel erwähnt nur leider mit keinem Wort die Verpflichtung der Eltern der (betroffenen) Kinder und Jugendlichen! Ich bin es langsam leid, dass alle möglichen Probleme/Aufgaben etc. aus dem Freizeit- und Privatbereich auf die Lehrer abgewälzt werden! Sind denn Eltern nur noch für das Dach über dem Kopf, Kleidung und Nahrung zuständig?? Ich fühle mich wenig zuständig dafür, dass sich Schüler der 6. Klasse abends um 22:30 Uhr per Handy beschimpfen! Das haben die Eltern zu verantworten, die ihren Kindern eine beinahe uneingeschränkte Handynutzung in dieser Form erlauben und den Sprösslingen grenzenloses Vertrauen entgegen bringen.

    • Genau dasselbe habe ich auch gedacht, als ich gestern im Radio hörte! Es ist unglaublich, was Eltern und Politik heutzutage an die Lehrer delegieren.

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