Antisemitismus im Villenviertel – Berliner Elite-Schule unter Druck

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BERLIN. Wieder schlägt Antisemitismus in Berlin hohe Wellen: Die deutsch-amerikanische John-F.-Kennedy-Schule steht wegen eines judenfeindlichen Mobbingfalls unter Druck.

In dieser Schule hat sich der Vorfall ereignet. Foto: Fridolin freudenfett (Peter Kuley) / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Ein Sticker auf dem Rücken mit einem Hakenkreuz, Rauch aus einer E-Zigarette ins Gesicht gepustet mit der Einschüchterung: «Das soll dich an deine vergasten Vorfahren erinnern». Was die Leiter der renommierten deutsch-amerikanischen John-F.-Kennedy-Schule in Berlin am Donnerstag erzählen, dürfte nur ein Teil des Mobbings sein, mit dem Schulkameraden einem Neuntklässler zusetzten. Wenn die Berichte stimmen, die jetzt die Runde machen, hat der jüdische Junge tiefe seelische Verletzungen davongetragen.

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Das Internationale Auschwitz Komitee hat das antisemitische Mobbing scharf kritisiert. Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz reagierten mit Empörung, teilte die Organisation nun mit.

Der geschäftsführende Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, übte scharfe Kritik an der Schulleitung: «Besonders empörend für die Auschwitz-Überlebenden ist die völlige pädagogische und politische Unfähigkeit der beteiligten Schuldirektion, die wieder einmal über Monate nichts merkt.»

Heubner sprach mit Blick auf die antisemitische Diskriminierung im Umfeld der elitären Schule von einer «völlig neuen Dimension des alltäglichen Antisemitismus». «Es offenbart sich ein Ausmaß der Verrohung, das weit über die bisher widerstrebend eingestandenen Konflikterfahrungen mit dem alltäglichen antisemitschen Hass an Schulen in Deutschland hinausgeht.»

Die Mitte der Gesellschaft

Zuletzt gab es in Berlin immer wieder Fälle von Antisemitismus, so bei dem Angriff auf einen Kippaträger aus Israel. Der neue Fall hat aber wohl nichts mit muslimischen Einwanderern zu tun, mit «Problemvierteln» wie Wedding oder Neukölln, sondern spielte sich im bürgerlichen Zehlendorf ab, in der «Mitte der Gesellschaft». So reden Experten, wenn sie beschreiben wollen, wie sich Judenhass im deutschen Alltag eingenistet hat.

Die Leitung der Kennedy-Schule hat nach eigenen Angaben am 7. Juni von dem Fall erfahren. Seitdem ist der Junge nicht mehr zum Unterricht erschienen. Wie lange er gemobbt wurde, können die Direktoren nicht sagen. Vielleicht zwei Tage, bevor die Eltern Alarm schlugen, vielleicht Monate vorher. Die Schule habe sich aber umgehend mit den Eltern in Verbindung gesetzt, sagt Steffen Schulz, Leiter der Oberschulsparte der «JFKS». Ein Gespräch mit Mitschülern und Beratern sei für das Opfer zu belastend gewesen, der 15-Jährige habe daran nicht teilnehmen wollen.

«Wir konnten die Familie nicht zufriedenstellen», räumt der Geschäftsführende Direktor Brian Salzer auf Englisch ein. Er könne die Trauer und die Sorgen der Eltern verstehen. Die Direktoren und die Schulrätin bemühen sich um Schadensbegrenzung, nennen aber keine Einzelheiten. Immer wieder betonen sie, von den Vorfällen vorher nichts gewusst zu haben. Man suche jetzt das Gespräch mit Eltern beteiligter Schüler. Auf eine halbe Stunde haben sie die Pressekonferenz beschränkt. Sie wird auf die Minute genau für beendet erklärt.

Während der 30 Minuten zeichnet der Amerikaner Salzer das Bild einer Multikulti-Welt wie aus dem Bilderbuch. Er spricht von Toleranz und Neugierde, die an der zweisprachigen Schule herrsche, von Ethik und Moral im Unterricht, der Internationalität der Schulklientel.

Diskriminierung und Toleranz

Die etwa 1.600 Plätze an der «JFKS» sind hochbegehrt, die auf Dutzende Gebäude verteilte Schule im Grünen erinnert an einen US-Campus. Hier lernen Söhne und Töchter von Diplomaten und Professoren. Was könnte da schiefgehen?

Die Schule hat bereits einen Tag zuvor Fehler eingestanden. Man habe die Dimension des Falles unterschätzt. Dazu passt wohl auch der Vorwurf des Zentralrats der Juden, die Kennedy-Schule sei nur unter dem Druck geplanter Medienberichte an die Öffentlichkeit gegangen.

In der «Süddeutschen Zeitung» hat sich «Bruno», wie das Blatt den Jungen zum Schutz seiner Identität nennt, offenbart. Es ist das Protokoll eines monatelangen Leidenswegs. In einer Pause hätten ihn Mitschüler etwa gefragt, was der Unterschied sei zwischen einer Pizza und einem Juden. Als sie dem Jungen im Flur begegnen, singen sie: «Ab nach Auschwitz in einem Güterzug.» Immer wieder hätten Mitschüler ihn als schwul beschimpft. «Bruno» notierte, welcher Lehrer gelacht und welcher ihm geraten habe, sich zu wehren.

Junge Leute treffen eben manchmal «wrong choices», falsche Entscheidungen, wie Direktor Salzer sagt. Was sich unter Schülerinnen und Schülern abspiele, bleibe für Lehrer oft unergründlich, man könne sich schließlich nicht in die WhatsApp-Gruppen einloggen.

Jetzt will die Schule «Diskriminierung» und «Toleranz» auf den Plan setzen – und die Lehrer zum Thema Antisemitismus fortbilden. Das ist auch im Sinn des Antisemitismus-Beauftragten des Bundes, Felix Klein. Er sieht dazu ein Defizit bei Lehrern, sagte er im rbb-Inforadio. Sie seien oft nicht ausreichend auf solche Situationen vorbereitet. Bereits an diesem Freitag sollen sie an der Kennedy-Schule darüber mit den Schülern in den Klassen sprechen – zur Zeugnisausgabe, am letzten Schultag vor den Sommerferien. dpa

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3 KOMMENTARE

  1. Mein unmaßgeblicher Vorschlag: Sowie so etwas der Schulleitung bekannt wird, wird angeordnet, in allen Klassen außerhalb des üblichen Programms einen Aufsatz über eben dieses Thema “Mobbing und Rassismus” schreiben zu lassen (das Opfer vielleicht ausgenommen). Und der Aufsatz des Täters wird dann besonders genau unter die Lupe genommen. Er muss ihn ggfs. in der Aula vor versammelter Mannschaft vorlesen und Fragen dazu beantworten.
    Es gibt doch einfach eine allgemeine Unfähigkeit, diesem Phänomen kompromisslos zu begegnen. Stattdessen faseln alle von “gesamtgesellschaftliches Problem”. Im übrigen wird zur nationalen Herkunft des Täters wieder mal beredt geschwiegen. Die Schülerschaft kommt nicht allein aus der Villen-Umgebung. Und so besonders vornehm ist der Teltower Damm auch nicht (Adresse der Schule).

  2. Zitat aus der Homepage:

    2. Kostet die JFKS Schulgeld?
    Nein, die John-F.-Kennedy-Schule ist eine öffentliche Schule und kostet kein Schulgeld.

    Mit anderen Worten kann potenziell jeder (in Berlin wohnhafte) Schüler an der Schule angemeldet werden. US-Botschaftspersonal, eine ausdrücklich angesprochene Zielgruppe, muss den klassischen Vorurteilen über eine geistige Elite auch nicht zwangsläufig entsprechen. Darüber hinaus müssen Professorenkinder u.ä. mit einem Taschengeld höher als das Einkommen der Lehrkräfte auch nicht zwangsläufig gutes Benehmen mit überwiesen bekommen. Schließlich ist die Frage, ob “Bruno” gemobbt wurde, weil er Jude ist oder weil seine Religionszugehörigkeit in Kombination mit seinem Aussehen, seinem Charakter, seinem Auftreten usw. zum Mobbing einlädt, sprich wäre er vielleicht auch ein Mobbingopfer, wenn er Atheist wäre? Extrem konservatives Auftreten ist auch bei Juden verbreitet und stößt bei liberal eingestellten Mitschülern nicht unbedingt auf Gegenliebe.

  3. Seltsam ist, dass der Judenhass oft dort besonders groß ist, wo es nur wenige Juden überhaupt gibt, z.B. auch an dieser Schule. Es wird auch immer wieder auf das Paradox hingewiesen, dass die Leute in den neuen Bundesländern besonders gegen Zuwanderer sind, obwohl es gerade dort nur wenige gibt.
    Was ich aber verblüffend finde: In Griechenland leben nur ca. 5000 Juden (0,05 % der Bevölkerung), aber es gibt einen Judenhass, der weit über alles hinausgeht, was in Deutschland gelten mag. Man spricht von 69 % der Bevölkerung:
    https://www.dw.com/de/antisemitismus-in-griechenland/a-40530810
    Pikanterweise sind in dieser Richtung besonders die politische Rechte und die Linke aktiv, die beiden, die die Regierung stellen.

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