Burkini-Verleih für den Schwimmunterricht: Giffey tritt breite Debatte los – auch Muslime sind davon nicht begeistert

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BERLIN. Schwimmunterricht mit Burkini? Für die CDU ist dies ein Einknicken vor dem Fundamentalismus, auch der Zentralrat der Muslime ist skeptisch. Für Bundesfamilienministerin Giffey ist etwas anderes entscheidend.

Zeigt Flagge: Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey, Foto: Giffey / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)
Burkini-Verleih an der Schule? Giffey sieht das pragmatisch. Foto: Giffey / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)

Mit den Problemen des multikulturellen Zusammenlebens kennt sich Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) aus. Mehrere Jahre lang war sie Bürgermeisterin im Berliner Bezirk Neukölln und zuvor Bezirksstadträtin für Bildung, Kultur und Sport. Dass sich manche muslimische Mädchen aus religiösen Gründen dem gemeinsamen Schwimmunterricht mit Jungen verweigern und auch den Ganzkörper-Badeanzug als Kompromiss ablehnen, dürfte ihr bekannt sein. Ist ein solcher Burkini nun eine Möglichkeit, solchen Mädchen die Teilnahme am Schwimmunterricht leichter zu ermöglichen oder doch eher ein Zeichen des Einknickens vor dem Fundamentalismus?

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«Das Wichtigste ist ja das Wohl der Kinder, und das heißt nun mal, dass alle Schwimmen lernen», sagte Giffey am Sonntag auf einer Veranstaltung der «Zeit». Es sei deshalb vertretbar, wenn Schulen die Teilnahme am Schwimmunterricht förderten, indem sie die Kleidungsstücke, die bis auf Gesicht, Hände und Füße alle Körperteile bedecken, erlauben und ausgeben. Wichtig sei nur, dass der Bildungsauftrag im Vordergrund stehe und die Sache «nicht hochstilisiert wird zum Untergang des Abendlandes».

Auslöser der Debatte war ein vor zwei Wochen bekannt gewordener Fall eines Gymnasiums in Herne in Nordrhein-Westfalen, das 20 Leih-Burkinis angeschafft hatte (News4teachers berichtete). CDU-Bundesvize Julia Klöckner kritisierte die Entscheidung scharf: «Das ist vorauseilender Gehorsam und ein Einknicken vor fundamentalistischen Elternhäusern – ein Einknicken auf dem Rücken der Mädchen.» Auch die NRW-Landesregierung in Gestalt von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) und Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU) rügten die Entscheidung der Schule. Die Lehrergewerkschaft GEW sah hingegen in den Leih-Burkinis eine pragmatische Lösung. «Damit werden Brücken zu den Elternhäusern gebaut», sagte die Vize-Landesvorsitzende Maike Finnern.

NRW-Schulministerin Gebauer rief dazu auf, Burkinis im Schwimmunterricht zu akzeptieren. Allerdings sollten die Eltern die Kleidung besorgen, sagte sie dem Bielefelder «Westfalen-Blatt». «Die Beschaffung von Burkinis gehört nicht zu den Grundaufgaben einer Schule, sondern ist vorrangig Sache der Eltern, wie bei dem Schulranzen, dem Badeanzug und der Badehose auch», betonte die FDP-Politikerin.

Für Giffey ist entscheidend, dass Kinder schwimmen lernen. In sozialen Netzwerken erntete sie für ihre Äußerung viel Ablehnung. Die Frauenrechtlerin und Gründerin einer liberalen Moschee, Seyran Ates, widersprach ebenfalls der Darstellung, Burkinis seien vertretbar. «Nein, das sind nicht, Frau Ministerin», erklärte Ates auf Facebook. Der Islam-Experte Ahmad Mansour schrieb in dem sozialen Netzwerk zu Giffeys Äußerung: «Natürlich müssen alle Kinder lernen zu schwimmen, aber ohne Symbole der Unterdrückung.»

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek, nannte es einen «vernünftigen und gangbaren Kompromiss», Burkinis an Schulen zuzulassen. Mazyek sagte der «Neuen Osnabrücker Zeitung» zugleich, immer wenn solch vernünftige Kompromisse gefunden würden, wie Menschen religiöse Gebote und Schulpflicht unter einen Hut bringen könnten, «heulen die Islamkritiker reflexartig» auf. «Solche Burkini-Pseudodebatten, die nebenbei die Rechten weiter stärken, lenken wieder von den eigentlichen Problemen ab.»

Die Ministerin stellte am Montag auf Facebook klar, dass sie keineswegs das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht befürworte. «Wir müssen aber sehr konsequent darin sein, dafür zu sorgen, dass alle Kinder schwimmen lernen, egal welcher Herkunft sie sind und welche Religion sie haben. Schwimmen ist Teil des Sportunterrichts und damit Teil der Schulpflicht. Diese ist durchzusetzen.» Wenn Schulleiter vor Ort dann eine pragmatische Lösung fänden, sollte sich kein Bundespolitiker darüber erheben.

In Deutschland und Europa mussten sich mehrfach Gerichte mit der Frage befassen, ob muslimische Mädchen sich aus religiösen Gründen vom gemeinsamen Schwimmunterricht von Jungen und Mädchen befreien lassen können. Ende 2013 hatte das Bundesverwaltungsgericht den staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag über die Glaubensfreiheit gestellt und auf den Burkini als akzeptablen Kompromiss verwiesen. Damit scheiterte die Klage einer muslimischen Schülerin aus Hessen, die in der Schule die Note Sechs kassiert hatte, weil sie sich dem Schwimmunterricht verweigerte. Das Mädchen marokkanischer Abstammung hatte es auch abgelehnt, einen Burkini zu tragen – dieser lasse nass trotzdem die Körperkonturen erkennen, erklärte sie. Gegen das Urteil zog das Mädchen noch vor das Bundesverfassungsgericht, dieses nahm die Beschwerde wegen inhaltlicher Mängel aber nicht an.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) befand im Januar 2017, Schulen dürften muslimische Mädchen zum gemeinsamen Schwimmunterricht verpflichten. Die Richter argumentierten, die Schule spiele bei der sozialen Integration eine besondere Rolle, vor allem für Kinder ausländischer Eltern. Geklagt hatte ein türkischstämmiges Ehepaar aus Basel in der Schweiz. Von Stefan Heinemeyer, dpa

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17 KOMMENTARE

  1. Zur Einordnung: Der Zentralrat für Muslime vertritt laut wikipedia nur rund 20000 Muslime überwiegend nicht-türkischer Herkunft und mit liberaler Einstellung. Die wenigsten dieser Muslime dürften auf den Burkini bestehen und / oder Stress machen wegen Ramadan bei Kindern, Familienehre, Scharia-Geschichten, Frauendiskriminierung, Schwulenhass usw.. Frau Giffey setzt sich für die Haltung der sehr konservativen Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ein. Ich finde das sehr bedenklich.

    • Das Schwimmen mit Burkinis ist nur eine Seite der Medaille und wurde hier im Forum bereits diskutiert. Hinzu kommen aber auch Bestrebungen von islamischen Vereinen, das geschlechtergetrennte Baden einzuführen, so wie hier im Ort geschehen. Unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung hat der hier ortsansässige “deutsch-arabische Verein”hier im Ort das “Männerschwimmen” beantragt hat.
      Den Vorwand zu diesem Antrag bildete das bereits etablierte Frauenschwimmen am Sonntagnachmittag.
      In erster Linie geht es diesem Verein um das nach Geschlechtern getrennte Baden, wie es in den Heimatländern Sitte ist.
      Dem hiesigem Verein gehören weder christliche Araber, noch schiitische Araber oder andere religiöse Minderheiten der Herkunftsländer an, sondern nur sunnitische Moslems arabischer Herkunft sind dort organisiert. Ebenso sind auch keine Deutschen in dem Verein vertreten.
      Mit der so gewählten Namensgebung erhält man aber Fördergelder und ist dem Allgemeinwohl dienend anerkannt.
      Dieser Verein dient aber weder der Integration der hier lebenden Neuankömmlinge, sondern er fördert die Segregation und bewusste Abgrenzung der Mitglieder vom Rest der Bevölkerung.

      • In der Türkei sind offiziell 99 % aller Einwohner Moslems. Dennoch spricht man seit der Erdogan-Regierung von “Islamisierung der Türkei”, offenbar doch mit einem gewissen Grund.
        In diesem Sinne gibt es auch eine schleichende und scheibchenweise daherkommende “Islamisierung Deutschlands”, selbst bei einem Moslem-Anteil von unter 10 %. Das merkt man kaum, es ist wie der Prozess des allmählichen Älterwerdens. Kennzeichen davon ist, dass rein islamische Vorschriften, die durch deutsche Gesetze überhaupt nicht gestützt werden, plötzlich wichtig genommen und zumindest in Teilbereichen durchgesetzt werden. Beispiel: Abschaffung des Schweinefleischs in Kita- und Schulkantinen selbst dort, wo es immer auch ein vegetarisches Gericht gibt, auf das man ja ausweichen könnte. Auch die Deutschen haben nicht täglich Schweinefleisch gegessen. Anderes Beispiel: Kopftuch in Schulen, obwohl es selbst in der Türkei verboten war und auch Schülerinnen. Noch ein Beispiel: Anerkennung der Vielehe bei der Familien-Krankenversicherung. In England gibt’s schon ganz offiziell Scharia-Gerichte im Zivilrecht.

    • Danke für den Link. Frau Giffey richtet ihre Positionen sehr flexibel aus. Rückgrat ist anders. Wählergewinnung aber auch.

  2. Für die vielzitierte “Integration” ist Frau Giffeys Stellungnahme zum Burkini im schulischen Schwimmunterricht Gift.
    Wie kann einer Politikerin das Schwimmenlernen wichtiger sein als die soziale Integration muslimischer Schülerinnen aus fundamentalistischen Elternhäusern in westlich demokratische Werte? Was ist denn wichtiger für die Zukunft dieser Mädchen: dass sie schwimmen können oder aus der erniedrigenden Frauenrolle eines orthodoxen Islam rauskommen?
    Frau Giffey macht es sich reichlich einfach mit ihrem “Hauptsache, die Mädchen lernen Schwimmen” und wer das nicht so sieht wie sie, ist “rechts”.
    Ich kann gar nicht sagen, wie leid ich diese integrationshindernde Toleranz bin und die Beschimpfung ihrer Kritiker als “rechts”.

  3. Wie wär’s mit einem Kompromiss der folgenden Art:
    Neu eingereiste Mädchen (z.B. Flüchtlinge, Familiennachzug) dürfen eine bestimme Zeit (vielleicht 1 Jahre oder 2 Jahre lang) auch im Burkini antreten, um den “Kulturschock” abzumildern, danach nicht mehr (Integrationsgebot). Wer aber hier in Deutschland geboren ist, grundsätzlich nicht.

    • Mein Kompromiss besteht darin, dass man das Tragen eines Burkinis nur beim Ablegen des Rettungsschwimmer-Zeugnis erlaubt, da bei dieser Prüfung das Tragen von Kleidung zur Prüfungssituation gehört.

    • Oder noch radikaler: Kein Integrationsgebot, sondern ein Segregationsverbot.

      Die deutschen Parteien bestehen auf eine liberale Auslegung jeder Religion. Wer das nicht möchte, darf gerne in ein Land ziehen, das strengere Auslegungen pflegt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, das die 75% türkischen Erdogan-Wähler aus Essen die Annehmlichkeiten in Deutschland gegen ein Leben in der Türkei tauschen wollen.

      Die ganzen Integrationsbeauftragten in diesem Land, federführend unter Frau Chebli, sollten mal ganz dringend untersuchen, wie viele der Mädchen und Frauen eigentlich so leben wollen wie ihre christlichen bzw. atheistischen Mitmenschen in Schule und Alltag, dies aber um des familiären Friedens willen unterdrücken. Allerdings macht mir Frau Chebli, die laut eigener Aussage in erster Linie der Karriere wegen auf das Kopftuch verzichtet, einen sehr konservativen Eindruck.

    • Die Patriarchen, die ihre Töchter aufgrund der Schulpflicht nicht physisch einsperren dürfen. Statt dessen nehmen sie sackartige Kleidung und Burkinis.

      • Also sowas lächerliches. Die Eltern dürfen ja wohl noch selbst bestimmen, wie sie ihre Kinder erziehen und anziehen. Oder gibt es eine Bikini Pflicht für den Schwimmunterricht? Kann mir doch niemand verbieten was ich anziehe solange es nicht die Sicherheit beim Schwimmen einschränkt. Ist man verpflichtet sich freizügig anzuziehen?!

        • Darum geht es ja. Das Gymnasium hat die Burkinis angeschafft, um sie den Schülerinnen auszuleihen, womit es die archaische Einstellung dieser Familien unterstützt. Der Wille der Schülerinnen spielt in den Kreisen überhaupt keine Rolle.

        • Die Söhne dieser archaisch denkenden Väter laufen in normaler Badebegleidung herum , tollen im Wasser, während deren Töchter in eine archaisch anmutende Kluft gesteckt werden, mit der man noch nicht einmal richtig schwimmen kann. Und das erfolgt erst seit ein bis zwei Jahren. Am besten das ganze nicht thematisieren, oder wie stellen Sie sich das vor.

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