Schlimmer Missbrauch: Schule informiert das Jugendamt, doch das reagiert nicht – wie soll Kinderschutz ohne Personal funktionieren?

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FREIBURG. Vor dem Landgericht Freiburg ist die Mutter eines Grundschülers und ihr Lebensgefährte angeklagt, das Kind jahrelang missbraucht und Männern aus dem In- und Ausland gegen Geld für Vergewaltigungen überlassen zu haben. Nun kam heraus: Die Schule hatte das Jugendamt darüber informiert, dass es Hinweise auf Missbrauch bei dem heute Neunjährigen gebe – doch das reagierte nicht. Womöglich kein Einzelfall. Eine aktuelle Studie zeigt auf, dass die Jugendämter bundesweit dramatisch überlastet sind. Das wirft die Frage auf: Wie sollen Schulen wie gefordert für einen besseren Kinderschutz sorgen, wenn sie nicht mal Ansprechpartner finden?

Die Jugendhelfer bemühen sich zunächst vorrangig um eine ambulante Unterstützung der Familien, bevor ein Kind herausgenommen wird. Foto: Lauri Heikkinen / flickr (CC BY 2.0)
Die Dunkelziffer beim Thema Missbrauch ist hoch. Foto: Lauri Heikkinen / flickr (CC BY 2.0)

Der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, tingelt in diesen Monaten durch die Landeshauptstädte der Republik, um dort in Pressekonferenzen mit den jeweiligen Kultusministern seine Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ vorzustellen. (News4teachers berichtete.) Diese sieht vor, dass Schulen eigene Schutzkonzepte erstellen, damit sie selbst nicht zu Tatorten werden, und ihren Mitarbeitern Leitlinien geben, wie sie mit Missbrauchsopfern umgehen können – sie bekommen dafür: Broschüren und andere Informationsmaterialien. „Bei dem Thema gibt es ein Grundproblem: die Scheu, es öffentlich zu diskutieren“, sagte beispielsweise der Thüringer Bildungsminister und amtierende KMK-Präsident Helmut Holter (Linke) anlässlich der Präsentation der Initiative in Erfurt. Zuvor war Rörig auch schon in Mainz, Düsseldorf und Stuttgart aufgetreten.

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Ist das tatsächlich das Grundproblem? Im Fall des jahrelangen Missbrauchs eines Kindes im baden-württembergischen Staufen blieb das Jugendamt untätig, wie gestern bekannt wurde, obwohl es deutliche Hinweise aus der Schule des Jungen gab. Das schilderte der zuständige Sachbearbeiter als Zeuge am Landgericht Freiburg. Die Behörde habe Warnungen der Lehrerin des heute Neunjährigen und des Schulleiters – die also wie gefordert handelten – als „vage“ eingestuft. Polizei oder Gerichte, die sich bereits mit der möglichen Gefährdung des Kindes befasst hatten, habe das Amt nach den Hinweisen der Schule im Juni und Juli 2017 nicht informiert. Es seien auch keine Gespräche mit dem Jungen oder der Schule geführt und auch keine Kontrollen veranlasst worden.

Die Staatsanwaltschaft prüft nun den Angaben zufolge mögliche Ermittlungen gegen das Jugendamt. Angeklagt im aktuellen Prozess sind Berrin T., die 48 Jahre alte Mutter des Kindes, und ihr 39 Jahre alter Lebensgefährte, Christian L. Beide haben gestanden, das in Staufen lebende Kind mehr als zwei Jahre lang im Darknet angeboten und Männern aus dem In- und Ausland gegen Geld für Vergewaltigungen überlassen zu haben. Zudem sollen sie den Jungen sowie ein dreijähriges Mädchen auch selbst mehrfach sexuell missbraucht haben. Insgesamt gibt es in dem Fall acht Tatverdächtige, vier Männer sind bereits zu langen Haftstrafen verurteilt worden.

“Unverändert katastrophal”

Dass ein Jugendamt nicht angemessen auf Hinweise aus Schulen reagiert, scheint kein Einzelfall zu sein. Die Sozialen Dienste sind überfordert, wie unlängst eine Studie der Hochschule Koblenz im Auftrag des Jugendamts Berlin-Mitte sowie der Kinderhilfe ergab. Demnach gibt es zu wenig Personal für zu viele Fälle, zu hohen Verwaltungs- und Dokumentationsaufwand und eine unzureichende Ausstattung für die Mitarbeiter, die Kinder vor Gewalt, Verwahrlosung und Missbrauch schützen sollen. Für die Untersuchung wurden bundesweit rund 650 Mitarbeiter aus 175 Jugendämtern befragt. „Die Situation in den Jugendämtern ist unverändert katastrophal“, so heißt es dazu bei der GEW.

„Es braucht endlich Standards für Personal- und Raumausstattung um fachliches Arbeiten wieder möglich zu machen. Die räumliche Ausstattung ist zum Teil desolat. Offene Stellen können nicht nachbesetzt werden. Der Vertretungsfall ist zum Regelfall geworden. Supervision, Fort- und Weiterbildung sind eher die Ausnahme“, erklärt Andreas Kraft, Vorstand Kinder-, Jugendhilfe und Sozialarbeit der Berliner GEW. In Berlin beispielsweis betreut eine Fachkraft zwischen 80 bis 120 Fälle. Die Senatsverwaltung selbst sieht nach Gewerkschaftsangaben eine angemessene Personalausstattung bei 65 Fällen pro Fachkraft mit vollem Stundenumfang vor – betroffene Sozialarbeiter sehen sich hingegen schon mit 28 Fällen voll ausgelastet.

Auch für die Schulen sind besondere Ressourcen für „Schule gegen sexuelle Gewalt“ nicht vorgesehen – für den VBE ist das ein Anlass, die Ernsthaftigkeit der Initiative infrage zu stellen. Sein Verband verkenne zwar keineswegs, dass Lehrkräfte in der Früherkennung von Fällen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche eine wichtige Funktion einnehmen, erklärte der baden-württembergische Landesvorsitzende Gerhard Brand. „Lehrerinnen und Lehrer haben das Kindeswohl im Unterrichtsalltag natürlich im Blick und merken in der Regel, wenn etwas nicht stimmt. Auch nehmen Lehrkräfte ihre Rolle in der Früherkennung sehr ernst.“ Aber: „Wir Lehrerinnen und Lehrer sind keine Psychologen.“

Der VBE-Chef betont: „Für mich ist klar: Wenn man das Thema mit der gebotenen Ernsthaftigkeit angehen würde, dann würde man diese Aufgabe nicht auf dem Rücken der Lehrerinnen und Lehrer abladen. Sondern dann würde man die Schulen mit multiprofessionellen Teams, bestehend aus Schulpsychologen und Schulsozialarbeitern unterstützen. Diese haben nämlich die Ausbildung und das Knowhow, um angemessen mit Fällen von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche umzugehen.“ Auch scheint eine bessere personelle Ausstattung der Jugendämter dringend geboten, damit die Schulen überhaupt Ansprechpartner finden. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag trifft offenbar einen Nerv, wie auch Reaktionen auf der Facebook-Seite von News4teachers zeigen.

Hier gibt es weitere Informationen zur Studie der Universität Koblenz.

Reaktion auf die Studie

Auf Einladung der Deutschen Kinderhilfetrafen sich über 100 Fachkräfte aus den Allgemeinen Sozialen Diensten der Jugendämter aus dem gesamten Bundesgebiet. Sie diskutierten über die Ergebnisse der auf der Bundespressekonferenz vorgestellten Studie zu den Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit. In mehreren Foren wurden Vorschläge erarbeitet, um ihre Arbeit zum Wohle der Betroffenen zu verbessern und zu optimieren.

Im Anschluss an den Kongress wurde politischen Vertreterinnen und Vertretern ein Forderungskatalog überreicht.

Die Mitarbeitenden des ASD wünschen sich unter anderem:

  1. Mehr finanzielle Ressourcen zur Bewältigung der Aufgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes
  2. Eine Fallzahlbegrenzung von 35 Fällen (Hilfen zur Erziehung) pro Fachkraft
  3. Zeit und Raum, um Kinder umfassend am Hilfeprozess zu beteiligen
  4. Eine bessere personelle und technische Ausstattung
  5. Mehr Wertschätzung und Anerkennung der Profession der Sozialen Arbeit sowie eine organisierte Lobby für die Berufsgruppe
  6. Eine Einarbeitungszeit für Berufseinsteiger von mindestens sechs Monaten
  7. Die Einrichtung einer unabhängigen Ombudsstelle für Fachkräfte
  8. Eine gute Zusammenarbeit und eine gemeinsame Qualitätsentwicklung bezüglich der Leistungserbringung mit den freien Trägern der Jugendhilfe

Der vollständige Forderungskatalog ist unter www.kindervertreter.de/de/projekte einzusehen.

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6 KOMMENTARE

  1. Unser Jugendamt reagiert auch kaum, spielt Missstände herunter. Wenn Brot und ungesundes “Müsli” im Haushalt herumstehen und für die Kinder jederzeit verfügbar sind, ist die Ernährung ausreichend und wir haben zu schweigen. Von hygienischen Verhältnissen, die wir anprangern, erzähle ich lieber nichts.

  2. Kann das sein, dass die Gesetzeslage nicht so viel hergibt? Wenn der äußere Pflegezustand unauffällig ist und das Opfer nicht selbst etwas sagt, dann kann das Jugendamt wohl nichts machen, so wurde mir gesagt. Doch am Pflegezustand erkennt man nicht, wie es einem Kinder seelisch geht und was es erlebt.

  3. Wir haben ein “anderes” Problem (sicher nicht so dramatisch): Ein Kind schwänzt wiederholt den Unterricht mit “Rückendeckung” durch die Eltern. Das Jugendamt ist informiert, aber tut nichts.

    Das gehört für mich zur “Kuschelpädagogik” – allerdings erinnere ich mich, dass auch den Jugendämtern Personal fehlt. 16.000 Stellen. Im gesamten sozialen und pädagogischen Bereich fehlen massenhaft Beschäftigte. Das ist eine Folge der “mehr-netto-vom-Brutto-Politik”, die den Staat zu Einsparungen gedrängt hat, damit er die Steuerlast senken kann.

    DAS sind dann die mittelfristigen Auswirkungen! Aber das will ja keiner sehen.

  4. Das Modellprogramm Schule gegen sexuelle Gewalt ist ein Programm zur moralischen Entlastung der Gesellschaft. Der Öffentlichkeit wird signalisiert: Wir tun was. Das Tun erschöpft sich dann in Papier und schönen Plakaten.

    Effektiver Kinderschutz geht nicht ohne kompetente Augen, die ausreichend Zeit haben Missbrauch und Misshandlung zu erkennen – und dann wissen, was zu tun ist. Lehrer sind hierfür nicht ausgebildet.

    Angeblich, so das Modellprojekt auf seinen Internetseiten unter Einstieg, haben Schulen einen Beratungsanspruch zur Entwicklung von Schutzkonzepten (SGB VIII, § 8b). Herrn Rörig habe ich schon vor mehr als einem Jahr darauf aufmerksam gemacht, dass der Beratungsanspruch nicht für Schulen besteht, sondern nur für Einrichtungen der Jugendhilfe, also z. B. Heime. Dies wurde mir von einem Landesjugendamt bestätigt einschließlich des Hinweises, dass keinerlei personelle Kapazitäten für eine Beratung von Schulen bestehen. Die Falschinformation bleibt dennoch auf den Seiten!

    Das Schulministerium Hessen verweist auf Fachberatungsstellen als Ansprechpartner für eine Beratung zu Schutzkonzepten. Statistisch müsste eine Fachberatungsstelle ca. 100 Schulen beraten – neben ihrer Hilfe und Beratung in Einzelfällen. Gefragt wurden die Beratungsstellen nicht, ob sie eine solche Aufgabe übernehmen wollen, eine Finanzierung erhalten sie auch nicht dafür. (Im Land Brandenburg existieren nur drei Fachberatungsstellen!)

    So wird aus moralisch hochwertig erhitzter Luft notwendiger Kinderschutz zur perfekten Fata Morgana.

    • Moralisch hocherhitzte Luft mit ihren Fata Morganen (schönes Bild übrigens!) überdeckt doch inzwischen fast alle Realität. Überall herrschen Diskrepanzen zwischen schöner Theorie und hässlicher Wirklichkeit.
      Ich reagiere so langsam allergisch, wenn wieder mal ein “namhafter” (und darum oft einflussreicher) Experte seine Heilsvorschläge verkauft. Ebenso genervt reagiere ich auf die begeisterten Jünger und Nachplapperer, die moralisch hocherhitzt, aber wirklichkeitsfern, kritische Praxiskenner belehren und missionieren wollen. Täten sie das bescheiden statt rechthaberisch und im Bewusstsein um ihren begrenzten Blickwinkel, könnte ich das noch verstehen.
      Ich frage mich, ob in irgendeinem anderen Bereichen dermaßen viele Falschdiagnosen gestellt und Falschrezepturen durch Aufladung mit Moral angewendet werden wie in der Pädagogik, Bildung allgemein und dem “Kindswohl”.

      • “Praxis ist Kriterium der Wahrheit”, sagten die alten Marxisten. Schönfärberei warfen wir 1989 auch dem SED-Regime vor.

        Nur mal so nebenbei. 🙂

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