„So kann man mit jungen Menschen nicht umgehen“: VDR-Chef Böhm kritisiert Lehrer-Einstellungen „nach Gutsherrenart”

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MÜNCHEN. Wie ist das möglich? Deutschlands Kultusminister beklagen den zunehmenden Lehrermangel und rekrutieren Tausende pädagogisch nicht ausgebildete Seiteneinsteiger für den (Grund-)Schuldienst – gleichzeitig müssen Junglehrer (vor allem gymnasiale) zittern, ob sie eine Stelle bekommen. Oder sie werden über die Sommerferien in die Arbeitslosigkeit geschickt (News4teachers berichtete). „So kann man mit der Bildung in unserem Land und den jungen Menschen nicht umgehen“, meint Jürgen Böhm, Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Realschullehrer (VDR). Auch die Jungen Philologen zeigen sich empört.  

"Der Leistungsgedanken muss an Schulen zentral sein": VDR-Bundesvorsitzender Jürgen Böhm. Foto: VDR
Kritisiert eine “Einstellungspolitik nach Gutsherrenart”: VDR-Bundesvorsitzender Jürgen Böhm. Foto: VDR

„Wenn man heute in Deutschland über den ständig steigenden Lehrermangel klagt, dann kann es nicht sein, dass weiterhin tausende Lehrkräfte zum Schuljahresende in die Arbeitslosigkeit geschickt werden. Es wundert nicht, dass junge Menschen in andere Tätigkeitsfelder abwandern, statt sich einer Einstellungspolitik nach Gutsherrenart aus dem letzten Jahrtausend auszuliefern“, so kommentiert VDR-Chef Böhm die Entwicklungen in den Ländern am Ende des Schuljahres 2017/18. Verbandsangaben zufolge wurden aktuell in Niedersachsen fast 1400 befristet angestellte Lehrkräfte mit Beginn der Sommerferien in die Arbeitslosigkeit entlassen. Bundesweit waren es bereits im Vorjahr rund 4.900 Lehrkräfte, die dieses Schicksal teilten und die Zahl werde sich 2018, so befürchtet Böhm, festigen.

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Wohin eine kurzsichtige Einstellungs- und Sparpolitik führt, belegt ihm zufolge das Beispiel Sachsen. Über Jahre seien dort Lehrkräfte nicht eingestellt und nicht verbeamtet worden, der Freistaat habe Junglehrern keine Perspektiven angeboten – das vorhersehbare Ergebnis: ein eklatanter Lehrermangel. „Die jungen Menschen schauen in einer Zeit des demografischen Umbruchs und des Fachkräftemangels genau hin und analysieren ihre beruflichen und persönlichen Perspektiven. Kein Bundesland kann es sich in Zukunft leisten, auch nur auf eine einzige motivierte junge Lehrkraft zu verzichten“, so Böhm. Diese selbstverschuldete Mangelverwaltung führe insgesamt in Deutschland dazu, dass wöchentlich immer noch eine Million Unterrichtsstunden ausfielen.

Um auf personelle Engpässe an den Schulen reagieren zu können, sei ein klares Bekenntnis der Kultus- und Finanzministerien zu ihren Lehrkräften nötig. Eine kontinuierliche Einstellung mit planbaren Korridoren und perspektivischer Verbeamtung müsse vollzogen werden. Dazu gehörten auch entsprechende Lehrerreserven an den Schulen, die „eine hervorragende Möglichkeit für differenzierten Unterricht, Förderangebote und Talentförderung“ bildeten. Böhm: „Wir brauchen eine bundesweite, durch die KMK unterstützte Initiative zur nachhaltigen Gewinnung von Nachwuchs für das Lehramt über alle Schularten hinweg. Junge Menschen müssen sich bewusst für das Lehramt und eine attraktive Tätigkeit an den Schulen entscheiden. Sie brauchen Perspektiven und Herausforderungen an den Schulen, beste Rahmenbedingungen, Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten und keine konstruierten Unsicherheiten.“

16 Verträge hintereinander

Die Jungen Philologen Schleswig-Holstein stoßen aktuell in das gleiche Horn. „Es gibt Lehrkräfte, die mehr als 16 Verträge als Vertretungslehrer hintereinander haben. Eine Beziehung zur Schule, den Eltern, Kindern und dem Kollegium aufbauen, um gut und nachhaltig zu arbeiten, ist so schlicht nicht möglich. Es kann nicht das Ziel sein, dass Lehrerinnen und Lehrer als Notnagel dienen, damit überhaupt Unterricht stattfindet“, meint Vorsitzender Hendrik Vadersen. Auch die fehlende Planungssicherheit der jungen Lehrkräfte bemängelt er: „Zwar können sich viele Lehrkräfte sicher ein, dass sie auch im neuen Schuljahr gebraucht werden, viele wissen aber bis heute noch nicht wo. Planungssicherheit und Wertschätzung der Arbeit ist das bei weitem nicht!“

Vadersen fordert daher eine Erhöhung der Zahl der Referendarsstellen, die Aufstockung der Planstellen und eine starke Reduzierung der sogenannten Kettenverträge durch Festanstellungen. Mit Blick auf Schleswig-Holstein sagt er: „Wenn sogar Lehrkräfte mit dem Mangelfach Informatik erst in 36 Monaten einen Ausbildungsplatz bekommen, läuft etwas eklatant schief. Ebenso muss sich das Ministerium die Frage stellen, warum bei einem Lehrermangel nur 160 Referendare ausgebildet werden, wenn sich 618 Lehramtsanwärter beworben haben. Dies nenne ich Sparpolitik!“, so Vadersen. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Lehrerin, 28 Jahre alt, arbeitslos – wie geht denn das in Zeiten des Lehrermangels?

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2 KOMMENTARE

  1. Hm, der nächste Artikel zum gleichen Thema (Arbeitslosigkeit in den Sommerferien) und genauso undifferenziert wie die vorherigen. Wer für ein ganzes Schuljahr eingestellt wird, sollte auch Anspruch auf die ganzen Ferien haben. Wenn er jedoch bereits während der Sommerferien zuvor eingestellt wurde (pauschal zum 01.08.), hat dann eben auch keinen Anspruch auf die ganzen folgenden Sommerferien mehr.

    Wer heutzutage eine Lehrerausbildung gemacht hat und nicht bereit ist, dahin zu ziehen, wo es für ihn eine Stelle gibt, ja, wie soll man dem helfen? Stellen schaffen, wo derjenige wohnt, damit er nicht umziehen muss? Und wer trotz allen Lehrermangels Fächer studiert hat, für die es keinen Mangel gibt, ja, wie soll dem geholfen werden? Die Klassen teilen (am Wohnort), damit mehr Lehrer gebraucht werden?

    Der Einstellung nach Gutsherrenart scheint mir eine Schlaraffenlandeinstellung gegenüberzustehen.

    • Zitat: “Vadersen fordert daher eine Erhöhung der Zahl der Referendarsstellen, die Aufstockung der Planstellen und eine starke Reduzierung der sogenannten Kettenverträge durch Festanstellungen.”

      Ja, Zustimmung. Der heutige Lehrermangel, es wird immer offensichtlicher, ist keine Folge zu schlechter Bezahlung, sondern eine Folge zu schlechter Planung und eine Folge der “mehr-netto-vom-Brutto-Politik”, die Haushalte sanieren will und Steuern senken will, indem allüberall Stellen gestrichen und abgebaut werden.

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