Studie: Pubertierende sind selbstbewusst, aber nicht selbstbezogener als früher

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BERN. Das Interesse an der Schule ist gering, die Leistungen sinken und im Umgang sind sie schwierig. Lehrer, die mit pubertierenden Schülern zu tun haben, sind nicht zu beneiden. Oft scheint es so, als ob die Jugendlichen mit ihrem Auftreten ein in dieser Zeit angeknackstes Selbstwertgefühl offensiv kompensieren wollen. Doch am Selbstbewusstsein liegt es nicht, wie jetzt Berner Wissenschaftler untersucht haben.

Der Umgang mit Pubertierenden ist für Eltern und Lehrer mitunter nervenaufreibend. Doch auch die betroffenen Jugendlichen haben es nicht immer leicht mit sich. Das schwankende Selbstbewusstsein macht aus manchem Heranwachsenden ein wandelndes Pulverfass, cholerisches Aufbrausen kann nahtlos in schwermütige Verzweiflung übergehen. Doch anders, als die Alltagsbeobachtung nahe legt, ist die jugendliche Selbstachtung in der Pubertät mitnichten auf dem Tiefpunkt, wie Psychologen der Universität Bern ermittelt haben.

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Die Pubertät - für Jugendliche eine Zeit der Veränderung und auch der Unsicherheit. Doch das schadet ihrem Selbstbewusstsein offenbar nicht. Foto: benbitonn / pixabay (CC0)
Die Pubertät – für Jugendliche eine Zeit der Veränderung und auch der Unsicherheit. Doch das schadet ihrem Selbstbewusstsein offenbar nicht. Foto: benbitonn / pixabay (CC0)

Lange sei unklar gewesen, heißt es in einer Mitteilung der Universität, ob es einen typischen Entwicklungsverlauf des Selbstwertgefühls über die menschliche Lebensspanne überhaupt gibt. Doch schon bei Kindern wächst das Selbstwertgefühl, und es sinkt in der Pubertät zumindest nicht. Im jungen Erwachsenenalter steigt es zudem stark an und erreicht im Alter von etwa 60 bis 70 Jahren den Höhepunkt. Erst im hohen Alter sinkt unsere Selbstachtung, berichten Ulrich Orth, Ruth Yasemin Erol und Eva C. Luciano von der Universität Bern. Für eine Metaanalyse werteten sie Daten von über 160.000 Personen im Alter von 4 bis 94 Jahren aus. Die Probanden waren in insgesamt 331 Einzelstudien wiederholt zu ihrem Selbstwertgefühl befragt worden.

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Die Auswertung zeigt, dass der durchschnittliche Anstieg des Selbstwerts von der Kindheit bis zum Übergang ins Rentenalter auch im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsmerkmalen groß ausfällt und kontinuierlich wächst. Auch wenn der Anstieg im Alter von 11 bis 15 Jahren vorübergehend stagnierte, stellt Orth fest: «Erfreulicherweise ist das Selbstwertgefühl in der Zeit um die Pubertät zumindest stabil. Anders als lange in der Literatur vermutet, erleben die meisten Jugendlichen in dieser Zeit keinen Tiefpunkt in ihrer Selbstachtung.»

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Dass soziokulturelle Veränderungen, die auf die wachsende Verbreitung des Internets und sozialer Medien zurückgehen, bei jüngeren Generationen zu mehr Selbstbezogenheit und einem übertriebenen Selbstwertgefühl geführt haben, konnten die Forscher ebenfalls nicht bestätigen. In der Analyse unterschieden sich jüngere Generationen in ihrem Entwicklungsverlauf nicht von ihren Vorgängern. Auch die Geburtskohorten der 1980er und 1990er, die häufig auch als «Generation Ich» bezeichnet werden, zeigten den gleichen Entwicklungsverlauf wie Geburtskohorten, die beispielsweise 20 oder 40 Jahre früher aufwuchsen

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Die Erkenntnisse zum Lebensspannenverlauf des Selbstwertgefühls seien wichtig, meint Orth, weil die Forschung nahelege, dass sich ein hohes Selbstwertgefühl positiv auf zentrale Lebensbereiche wie soziale Beziehungen, Schule, Arbeit, Partnerschaft und Gesundheit auswirkt. Frühere Studien wiesen darauf hin, dass Selbstachtung nicht eine bloße Begleiterscheinung von günstigen Lebensumständen ist, sondern Erfolg und Wohlergehen beeinflusst. Auch wenn die Effekte des Selbstwertgefühls in ihrer Stärke nicht überschätzt werden sollten, trägt es zu sozialer Einbindung, erfüllten Partnerschaften und Zufriedenheit und Erfolg bei der Arbeit und in der Schule bei, so die Forscher. (zab, pm)

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1 KOMMENTAR

  1. Ich erfahre das anders, viele andere Mitlehrer wohl auch.

    Man kann es vielleicht so formulieren: Die Ichbezogenheit hat sich vielleicht nicht geändert, in früheren Generationen waren die Schüler aber viel besser dazu in der Lage, sie der Gruppe oder allgemeiner dem Anlass entsprechend zurückzudrängen.

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