“Angstmache und Dilettantismus” – Islam-Experte zu neuem Sarrazin-Buch

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BERLIN. Für viele renommierte Islamwissenschaftler ist der frühere Berliner Finanzsenator Sarrazin ein rotes Tuch. Mathias Rohe findet, mit seiner Sicht auf den Islam wäre Sarrazin «eine wunderbare Besetzung für’s Kuratorium des Salafisten-Verbandes».

Sein neues Buch wird wieder für Diskussionen sorgen.                                 Foto: Thomas Rodenbücher / flickr / CC BY 2.0

Bestsellerautor Thilo Sarrazin malt in seinem neuen Islam-Buch das Schreckgespenst einer Islamisierung der deutschen Gesellschaft an die Wand. Der Islamwissenschaftler Mathias Rohe hält diese Kernthese von «Feindliche Übernahme, Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht» (FinanzBuch Verlag) für nicht haltbar. Sarrazin gehe in seinem Buch, das an diesem Donnerstag erscheint, fälschlicherweise davon aus, dass muslimische Zuwanderer ihre Einstellungen nicht veränderten, «dass sie sich gar nicht auf die deutsche Gesellschaft einlassen», sagte Rohe in Berlin.

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Eine breit angelegte Untersuchung habe jedoch beispielsweise ergeben, dass die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften unter Türken in der Türkei höher sei als unter türkischstämmigen Migranten in Deutschland. Auch ignoriere Sarrazin in seinen Prognosen zum künftigen Anteil der Muslime an der Bevölkerung Daten, die zeigten, dass die Geburtenrate muslimischer Zuwanderer durch Zugang zum Bildungssystem in den Folgegenerationen sinke.

Nicht nachvollziehbar findet Rohe folgende Aussage Sarrazins: «Vieles deutet darauf hin, dass im Islam eine Tendenz zum Beleidigtsein und zum Sich-angegriffen-Fühlen angelegt ist, die mit unseren Begriffen von Meinungsfreiheit und Demokratie schwer vereinbar ist.» Kritikwürdige Verhaltensweisen wie ein falsche Ehrbegriff und Elemente einer «Machokultur» würden hier auf die Religion zurückgeführt. Dabei finde man diese teilweise auch bei Nicht-Muslimen in Indien oder Russland.

Sarrazin spannt in seinem Buch einen Bogen vom islamischen Propheten Mohammed bis hin zum Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), Abu Bakr al-Baghdadi. Er schreibt: «Den vom IS ausgeübten Terror sehen er (al-Baghdadi) und seine Anhänger als den neuen Dschihad. Historisch und religionsphilosophisch schließt sich hier ein Kreis.» Aus Sicht von Rohe übernimmt Sarrazin damit die Koran-Auslegung der Terroristen. Der Islamwissenschaftler kommentierte nicht ohne Ironie: «Herr Sarrazin wäre eine wunderbare Besetzung für’s Kuratorium des Salafisten-Verbandes.»

Das Buch sei auf «Angstmache» angelegt, erklärte der Rechts- und Islamwissenschaftler von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Die Einschätzungen zum Islam zeugten von einem für Sarrazin üblichen «Dilettantismus». Sarrazin wirft Rohe in seinem Buch seinerseits vor, er verschleiere und verharmlose «Missstände im deutschen Islam».

Rohe hat unter anderem zum islamischen Recht («Scharia») und zur Paralleljustiz unter muslimischen Migranten geforscht. Er berät als Experte den Verfassungsschutz. dpa

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4 KOMMENTARE

  1. Egal was Sarrazin und Rohe sagen, die Scharia-Paralleljustiz in Deutschland ist keine Fiktion:
    http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2012/02/403766/islamische-paralleljustiz-in-deutschland-%E2%80%9Ewir-regeln-das-unter-uns%E2%80%9C/
    Zitat: “Die Geschäftsgrundlage der Schlichtung ist, dass das Opfer gegen einen Geldbetrag darauf verzichtet, gegen den Täter auszusagen. […] Für jemanden, der eine Straftat begangen hat, besteht also bei der Schlichtung nach islamischer Art die Chance, gegen einen Euro-Betrag ungestraft davon zu kommen. In den meisten Fällen fällt also die Entscheidung der Friedensrichter zu Lasten der Opfer. […] Viele dieser Schlichtungen, das bestätigte ihm ein Anwalt aus Bremen, seien Machtdiktate.”
    Es ist nicht einzusehen, dass dies unter Zuwanderern praktiziert wird und somit Straftäter besser wegkommen, als wenn sie Einheimische wären. Letztlich verfälscht das auch die Kriminalitäts-Statistik. Ich finde es besonders perfide, Druck auf Opfer auszuüben, dass sie vor einem deutschen Gericht nicht mehr aussagen. Darauf basiert auch das Phänomen, dass Clan-Angehörige kaum je verurteilt werden. Die ursprünglichen Zeugen widerrufen dann plötzlich. Joachim Wagner ist übrigens ein bekannter ARD-Journalist.

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