Die Geissens schenken ihrer 14-jährigen Tochter eine Rolex zum Geburtstag – und keinen regt das auf!

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Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek

DÜSSELDORF. Wie degeneriert ist unsere Spaßgesellschaft mittlerweile, dass manche Geschmacklosigkeiten kaum jemandem mehr als solche auffallen? Ein Protz-Paar, das sein Leben im Trash-TV dokumentieren lässt, beschenkt seine Tochter vor laufender Kamera zum 14. Geburtstag. So weit, so langweilig. Bei dem Geburtstagsgeschenk handelt es sich allerdings um eine angeblich 35.000 Euro teure Uhr. Bundesweit berichten zahlreiche Medien über das „Ereignis“ – aber keins davon hinterfragt kritisch, was für eine Botschaft von einer solchen Sendung ausgeht. Zur Erinnerung: Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt über eine Zeitspanne von mindestens fünf Jahren dauerhaft oder wiederkehrend in einer Armutslage.

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„Die Geissens: Shania bekommt ihr Geburtstagsgeschenk“, so heißt die Sendung, bei der eine 14-Jährige von ihren Eltern eine Rolex überreicht bekommt. Die Berichterstattung über das Geschehen fällt zum Beispiel (Gala) so aus: „Um es spannend zu machen, musste sich das luxusverwöhnte Mädchen durch so einige Geschenkverpackungen wühlen. Am Ende staunte Shania nicht schlecht: Denn in dem Päckchen funkelte eine nagelneue Rolex, die laut ‚Bild‘ einen Wert von 35.000 Euro hat. Die jüngste Tochter der Geissens konnte ihre Freude nicht an sich halten und sprang ihrem Papa in die Arme. Doch was des einen Freud ist des anderen Leid. Schwester Davina scheint ihrer Schwester die kostspielige Uhr allerdings gar nicht zu gönnen: ‚Und ich? Ich dachte, du holst mir die auch,‘ richtet sie sich an ihren Vater. Robert und Carmen sind überrascht von der Reaktion ihrer Tochter, da sie zu ihrem 15. Geburtstag auch eine Rolex bekommen hat und dazu noch ein Auto.“

Bundesweit berichten Medien, zugegeben nicht die von der allerseriösesten Sorte, über das merkwürdige Geschehen – und zwar so, als handele es sich um Realität, nicht um eine bizarre Inszenierung. Dass die beiden involvierten Mädchen dabei identifizierbar im Fernsehen gezeigt werden, könnte das Jugendamt interessieren, ist aber hier nicht Thema. Die Frage, die sich mir stellt, ist hingegen: Was machen solche Berichte mit den vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die in Armut leben müssen?

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf
Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Kinderarmut bedeutet, auf vieles verzichten zu müssen, was für andere ganz normal zum Aufwachsen und Leben dazu gehört, wie die Bertelsmann Stiftung unlängst erhoben hat – ob eine ausreichend große Wohnung, eine Waschmaschine oder einen internetfähigen Computer, aber auch die Möglichkeit, monatlich einen festen Betrag sparen zu können. Auch Aspekte sozialer und kultureller Teilhabe fehlen, wie zum Beispiel ein Kinobesuch einmal im Monat oder Freunde zum Essen nach Hause einzuladen. „Armut schließt Kinder von vielen sozialen und kulturellen Aktivitäten aus. Wer schon als Kind arm ist und nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, hat auch in der Schule nachweisbar schlechtere Chancen. Das verringert die Möglichkeit, später ein selbstbestimmtes Leben außerhalb von Armut zu führen”, heißt es in der Studie.

Und dann bekommen solche Kinder und Jugendliche noch im Trash-TV vorgeführt, wie eine Gleichaltrige eine Rolex zum Geburtstag bekommt. Armes Deutschland!

Wie die Spaßgesellschaft den Kindern beibringt, jede Anstrengung zu vermeiden (und welche Folgen das hat) – ein Gastbeitrag

 

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4 KOMMENTARE

  1. Die Geissens sind – vorausgesetzt in der Realität so, wie sie sich im Fernsehen geben – ein Beispiel dafür, dass Bildungsferne und Armut nicht äquivalent sind. Ebenso bedeutet Reichtum nicht zwangsläufig Bildung.

    Über diese Sendung regt sich niemand auf, weil die Familie niemand ernst nimmt.

    • Diese Sendung ist aber auch ein Beispiel dafür, wie die Medien “das Sinnen und Trachten” der Menschen in eine bestimmte Richtung lenken, nämlich genauso reich und berühmt werden zu wollen wie die Geissens. Danach streben doch sehr viele und die, die es schaffen, kümmern sich dann nicht mehr viel um die anderen (bestensfalls “öffentlichkeitswirksam”), denn die anderen kümmerten sich ja auch nicht um sie.

      Unsere Gesellschaft hofiert die Schönen und Reichen und verlacht die Bescheidenen und Rücksichtsvollen. Wie schrieb Ulrich Wickert: “Der Ehrliche ist der Dumme”?!

  2. Aber dieser Vorfall ist doch hervorragend geeignet für den Einstieg zu einer Stunde über Reichtum und Armut, Werte und Werteverfall, die Neiddebatte etc. Ob man die Sendung nun guckt oder nicht, ist dafür unerheblich. Aber man sollte wissen, dass sie sicherlich zum TV-Futter vieler unserer SchülerInnen gehört. Gerade deswegen wäre eine Diskussion darüber so wichtig.

  3. Ist das schon mal jemandem aufgefallen: Spielfilme spielen praktisch nie in Sozialbauwohnungen (Ausnahme: Ein Herz und eine Seele), sondern in Luxusvillen und -bungalows, wo viel, viel Platz ringsherum ist. In den Sozialbauwohnungen haben ja auch die Kameraleute kaum Platz. Und in Fernsehfilmen werden oft die Sorgen der Reichen und Superreichen zum Thema gemacht, in Talkshows werden reiche Unternehmer eingeladen, das “Anlegerfernsehen” berichtet täglich über die Kurse unserer Aktienpakete, wenn über Autos berichtet wird, dann sind Jaguar, Porsche, Ferrari & Co dran, wenn es um Reisen geht, dann sind Luxushotels, Yachten und Gourmetrestaurants dran usw. Dem ärmeren Teil der Gesellschaft wird doch ständig der reichere Teil vorgezeigt. Eine Rolex ist da nur noch das Tüpfelchen auf dem “i”.

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