Wie die Spaßgesellschaft den Kindern beibringt, jede Anstrengung zu vermeiden (und welche Folgen das hat) – ein Gastbeitrag

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ZÜRICH. Wie haben Kinder eigentlich früher überlebt, als die Eltern noch keine Zeit hatten, sich so viele Sorgen um sie zu machen? Und tun heutige Eltern ihren Kindern mit dem weit verbreiteten Rundumservice einen Gefallen? Im Gegenteil, findet der bekannte Schweizer Pädagoge und Schulleiter Andreas Müller – Kindern sollten Herausforderungen zugemutet werden. „Schonen schadet“, warnt er in seinem neuen Buch, dem der folgende Gastbeitrag entnommen ist.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Verwöhnung schafft Probleme - auch (und vor allem) in der Schule. Foto: Shutterstock
Verwöhnung schafft Probleme – auch (und vor allem) in der Schule. Foto: Shutterstock

Was Hänschen nicht lernt

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Zum Leben gehört – für die meisten Menschen jedenfalls –, dass nicht überall Milch und Honig fliessen und einem die gebratenen Tauben nicht in den offenen Mund fliegen. Noch bis vor wenigen Jahren war es völlig normal, dass etwas tun muss, wer etwas haben will. Und dass es dabei Eigenschaften gibt, die höchst hilfreich sein können. Impulskontrolle beispielsweise, also die bewusste Steuerung der eigenen Gefühle und Handlungen. Im Alltag ist Impulskontrolle vor allem dann bedeutsam, wenn es darum geht, unangenehme und unbequeme Dinge zu tun. Also häufig. Sie ist verwandt mit der Frustrationstoleranz. Die hilft einem, nicht gleich wegen jedes kleinen Widerstands in Tränen auszubrechen oder die Umgebung zu tyrannisieren. Und Gratifikationsaufschub versteht sich als Fähigkeit, im Moment auf Verlockendes verzichten zu können zugunsten eines längerfristigen Ziels.

Man muss nicht die Begriffe kennen. Aber es kann nicht schaden, sich der Konzepte dahinter bewusst zu werden. Mit seinem berühmten Marshmallow-Experiment hat Walter Mischel*die Bedeutung dieser Eigenschaften eindrücklich nachgewiesen. Wer sich als kleines Kind von einer Süssigkeit nicht verführen liess, sondern wartete, konnte später sein Leben signifikant erfolgreicher und glücklicher gestalten. Und noch etwas wurde deutlich: Diese weichenstellenden Eigenschaften werden in der frühen Kindheit aufgebaut. Oder eben nicht. Und mit zunehmendem Alter wird es immer schwieriger. Die Gewohnheiten verfestigen sich. Das Verhalten bildet Muster. Und jedes weitere Verhalten verstärkt diese Muster.

So entstehen eine Art Trampelpfade im Gehirn. Wer sich angewöhnt hat (oder wer als Eltern seine Kinder daran gewöhnt hat), einer Situation auf eine bestimmte Art zu begegnen, wird das bevorzugterweise immer wieder so tun. Solange das gute Gewohnheiten sind – also beispielsweise jedes Ding immer gleich an seinen Ort zu versorgen –, erweisen sie sich als durchaus lebensdienlich. Schlechten Gewohnheiten dagegen – also beispielsweise alles dort liegen zu lassen, wo es gerade liegt – wohnt die Tendenz inne, sich zum Problem zu summieren. Häufig auch für die Mitmenschen.

Das Buch

Andreas Müller, einflussreicher Pädagoge und Leiter des Instituts Beatenberg im Berner Oberland, schlägt in seinem Buch «Schonen schadet» (dem dieser Beitrag entnommen ist) Alarm und warnt Eltern davor, ihren Kindern weiterhin den roten Teppich auszurollen und sie dadurch zu «verziehen». Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

Behaglicher, einfacher und bequemer als heute sind Kinder vermutlich nie aufgewachsen. Wo früher ein langer Schulweg zu Fuß zurückzulegen war, wird der Nachwuchs heute mit dem Auto vors Schulhaus chauffiert. Bei schlechten Noten zweifeln Eltern zunächst einmal an den Lehrkräften, wenn nötig helfen sie mit Nachhilfestunden und Förderkursen nach. Und die Langeweile ist längst abgeschafft, dafür sorgen nicht nur Sport- und Freizeitangebote, sondern auch Tablet und Smartphone, die schon Achtjährigen Unterhaltung rund um die Uhr bieten. Doch ist diese Behaglichkeit ein Segen? Hilft es den Kindern, dass sie von Helikoptereltern pausenlos umsorgt werden und in einem Kokon des Wohlbefindens heranwachsen?

Erstaunlicherweise sind «Gewohnheiten» und «Verhaltensmuster » Begriffe, die einerseits recht abstrakt und andrerseits irgendwie harmlos erscheinen. Erstaunlicherweise deshalb, weil sie beides nicht sind. Gewohnheiten steuern zwei Drittel unseres Alltagsverhaltens. Was wir tun – und was wir lassen –, ist also meistens auf Gewohnheiten zurückzuführen, auf Verhaltensmuster, die wir im Verlaufe des Lebens aufgebaut und kultiviert haben. Gewohnheiten sind zuerst wie Bindfäden. Dann werden sie zu Stahlseilen. Und eben: Das beginnt, wie so vieles, klein und harmlos. Und folgt dem Grundsatz: Was kurzfristig bequem ist, rächt sich auf Dauer. Das heisst: Die unzähligen konsumatorischen Verführer, die die Befindlichkeit kurzfristig versüssen, können den Kindern längerfristig das Leben gründlich versauern. Und sie tun es meistens auch.

Das Paradies ist kein Menschenrecht

Nun, laufen lernen die meisten Kinder ja trotzdem. Zumindest schaffen sie es, auf zwei Beinen zu stehen. Aber die Art und Weise, wie sie das lernen, hat sich ebenso verändert wie die Art und Weise, wie sie es nutzen. Sie entdecken die Welt anders. Und sie entdecken eine andere Welt. Auch das sind Lektionen. Lektionen im Fach «Bequemlichkeit», Lektionen im Fach «sofortige Bedürfnisbefriedigung». Die Kinder lernen schnell. Sie lernen gerne. Und sie lernen viel – über den Weg des geringsten Widerstandes. Auf diesem Weg lernen sie, Anstrengungen zu meiden, die Komfortzone von innen zu verrammeln. Sie lernen, dass es «normal» ist, sich nicht selber zu bemühen. Doch das Paradies ist kein Menschenrecht. Den einen oder anderen Finger muss man schon rühren dafür. Früher hatten wir schliesslich auch keine Smileys. Wir mussten noch selber lachen. «Erfolg», so hat es Johann Wolfgang von Goethe formuliert, «hat drei Buchstaben: TUN!» Das gilt nicht nur fürs Lachen.

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte des Elends, der Nöte, der Entbehrungen. Erst die letzten Generationen sind hierzulande in eine Welt des zunehmenden materiellen Überflusses hineingewachsen. Für die Eltern verband sich mit dieser Entwicklung ein Auftrag: «Die Kinder sollen es einmal besser haben.» Und «besser haben» meinte – vielleicht neben einer guten Ausbildung – zuerst und vor allem: materielle Sicherheit. Zählbares war das, was zählt. Und daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. «Shopping» ist kein Einkauf mehr zur Beschaffung irgendwelcher benötigter Güter, sondern entsteht aus dem Bedürfnis nach dem Einkaufserlebnis. Die permanente Verführung ist Teil dieses Spiels. Menschen gehen einkaufen, obschon sie gar nichts brauchen. Junge geben «Shoppen» mittlerweile als bevorzugte Freizeitbeschäftigung an. Haben ist selbstverständlich geworden. Und Wollen auch.

Verstärkt hat sich dieser Trend durch die zeitgeistige Selbstverständlichkeit, dass «mehr wollen» und «mehr haben» durchaus nicht im Widerspruch stehen zu «weniger tun». Arbeiten, sich anstrengen, fleissig und zuverlässig sein, mit solchen und ähnlichen Tugenden liess sich ein Leben meist einigermassen lebenswert gestalten. Oberflächlich betrachtet ist das heutzutage nicht mehr nötig. Alles, was sich begrifflich mit «Anstrengung » verbindet, gehört deshalb zu jenen Dingen, die es wenn immer möglich zu vermeiden gilt. Die Arbeitszeiten sind kontinuierlich reduziert worden. Parallel dazu hat die Spasskultur fit gemacht für Fun. Doch das Problem: Auch die Freizeit gibt zu tun, wenn man etwas aus ihr machen will. Die Freizeit wird damit qualitativ und quantitativ zur Herausforderung. Oder anders gesagt: Mit seinem Leben etwas anfangen, aus seinem Leben etwas machen, das setzt voraus, sich anzustrengen, etwas zu leisten – und es gerne zu tun. Ganz einfach, weil Leistung Freude bereitet. Und weil die Fähigkeit, sein Leben zu gestalten, auch etwas Befreiendes hat. Wer also seinen Kindern etwas Gutes tun will, wer will, dass sie es «besser» haben, der erziehe sie dazu, die Anstrengung zu mögen, sich zu erfreuen an der eigenen Leistung.

Doch das stösst in der Spassgeneration noch weitherum auf taube Ohren. Ungebremst wird munter das Holz verbrannt, an dem man sich später sollte wärmen können. Produktehersteller und Politiker überbieten sich auf allen Kanälen mit Versprechungen, mir das Leben einfacher zu machen, mir die Realitäten des Lebens vom Leibe zu halten. «Fly now – work later», kaufe jetzt – bezahle später, heisst der Konsens der gesellschaftlichen Eventkultur. Das Leben wird zelebriert als eine Aneinanderreihung von konsumierbaren Höhepunkten. Und die Medien führen mir das mit grossen Buchstaben vor Augen. Mehr als die Hälfte aller Werbungen zeigt bereits den erwünschten Zustand – das superbe Essen wartet auf die gestylten Gäste am Tisch, der schnittige Wagen steht vor der Tür, die braun gebrannten Menschen räkeln sich am einsamen Strand. Zugreifen, das Leben ist angerichtet.

Klingt ja verführerisch. Davon leben die Medien. Aber erstens ist es anders und zweitens wenn man denkt. Schnell mal die Welt retten, schnell mal ein Superstar werden, schnell mal eine Menge verdienen, so haben sich früher allenfalls Kinder ihren Werdegang vorgestellt. Im kindlichen Denken war das normal. Doch heute denken bei weitem nicht mehr nur Kinder so. Die Medien sind voll von Menschen, die sich für nichts, aber auch gar nichts zu schade sind, um irgendwie aufzufallen. Dieses leistungsfreie Heischen um Aufmerksamkeit hat die Sprache um einen Begriff erweitert: Fremdschämen. Das Wort ist erst 2009 in den Duden aufgenommen worden und bedeutet, «sich stellvertretend für andere, für deren als peinlich empfundenes Auftreten schämen». Man kann davon ausgehen, dass Fremdscham wohl insbesondere populär geworden ist, seitdem es «in» ist, sich zum Beispiel im Fernsehen die Blösse zu geben. Und die sogenannt sozialen Medien haben die Welt dann vollends zu einer Casting-Gesellschaft verkommen lassen. Um Beachtung zu finden und «geliked» zu werden, produzieren sich Menschen hemmungslos auf der nach unten offenen Skala der Peinlichkeiten. Auffallen heisst das Ziel – um jeden Preis, aber nicht durch Leistungen. Das dauert zu lange und ist zu unbequem. Dass echter und nachhaltiger Erfolg meist das Ergebnis eines längerfristigen und anstrengenden Prozesses ist, wird noch so gerne ausgeblendet angesichts der verführerischen Aussicht auf schnellen Gewinn.

Hier lässt sich das Buch bestellen (kostenpflichtig).

*Walter Mischel (* 22. Februar 1930 in Wien) war ab 1983 Professor an der Columbia University und vorher an der Stanford University tätig. Mischels berühmter sogenannter Marshmallow-Test zeigt die Wichtigkeit von Impulskontrolle und Belohnungsaufschub für akademischen, emotionalen und sozialen Erfolg. Damit wird die Fähigkeit beschrieben, kurzfristig auf etwas Verlockendes für die Erreichung langfristiger Ziele zu verzichten.  

Der Autor

Andreas Müller hat nach einigen Jahren der Lehrtätigkeit an einer Handelsschule und einem Studiengang in angewandter Psychologie (Berufsberatung) eine journalistische Laufbahn eingeschlagen. Dann zog es ihn wieder zurück in den Bildungsbereich. Er erwarb das Institut Beatenberg und baute es zusammen mit seinem Team zu einer der innovativsten Modellschulen auf.

Andreas Müller plädiert für eine «Freude am Lernen, die ein Leben lang anhält.» Und das gilt auch für ihn. Die Erkenntnisse seiner intensiven praktischen und theoretischen Auseinandersetzung mit den relevanten Fragen des Lernens in einer sich rasant verändernden Gesellschaft finden sich in mehreren Fachbüchern und einer grossen Anzahl von weiteren Publikationen. Zudem ist Andreas Müller Leiter der Learning Factory, einer Organisation zur Unterstützung von Kompetenz- und Qualitätsentwicklungsprozessen in Bildungsinstitutionen.

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5 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank an die Redaktion für diesen Artikel!!!
    Leider hat die Spaßgesellschaft mit ihren Unwerten auch vor der Bildungspolitik, vor neuer und angeblich fortschrittlicher Pädagik und folglich auch den Schulen nicht haltgemacht.
    Das traurige Ergebnis ist unübersehbar. Und doch findet noch immer viel zu wenig Rückbesinnung statt, weil bewährtes Erfahrungswissen als überholt und altmodischt gilt und sogar als “Rohrstockpädagogik” diffamiert wird.
    “Vom Kinde aus” bedeutet heute nicht mehr, was auch fürs Leben nützt, sondern vornehmlich, was spontane Impulse und Bedürfnisse befriedigt. Das lebenswichtige Lernen von Selbstbeherrschung und Selbstdisziplin wurde und wird weiter munter auf dem Altar der Spaßgesellschaft geopfert.
    Aus der Generation älterer Lehrer wurden warnende Stimmen lächerlich gemacht, als nostalgisch im Sinne von “früher war alles besser” bezeichnet oder als Ausdruck von Faulheit im Erlernen neuer Konzepte dargestellt.
    Statt sachlich zu diskutieren, wurden unerwünschte Meinungen diffamiert und Personen verunglimpft. Dieser Umgang miteinander gehört allerdings zu den allgemeinen Errungenschaften unserer “modernen” und ach so “fortschrittlich” gewordenen Spaßgesellschaft.
    Artikelzitat: «Erfolg», so hat es Johann Wolfgang von Goethe formuliert, «hat drei Buchstaben: TUN!»
    Heute regiert jedoch weniger das TUN als das Klopfen frommer Sprüche. Man könnte sogar meinen, selbstgefällige Vollmundigkeit werde inzwischen schon von vielen mit TUN verwechselt.

    • Danke für den sehr guten Beitrag und von Beate für den ebenso guten Kommentar, dem ich voll zustimme.

      In erster Linie liegt es an den Eltern, ob sie ihre Kinder im Sinne einer konsumorientierten Gesellschaft erziehen oder ihnen eben Werte des gegenseitigen Respekts und der eigenen Pflichterfüllung eigener Aufgaben anerziehen. Es ist eben schlecht materielle und konsumorientierte Wünsche, wie auch Fernsehen schauen unbegrenzt zuzulassen. Da muss man sich mit den eigenen Kinder selber mehr beschäftigen und andere Interessen freisetzen. Es können eine längere Konzentrationsspanne und durch Übungen Erfolge vermittelt werden und es muss diesen auch vermittelt werden, dass man erst durch wiederholende Übungen nachhaltigen Erfolg und Freude an schwierigeren Aufgaben gewinnt. Aber der Erfolg wird dann sichtbar und als Ergebnis eigener Anstrengungen empfunden und so auch ein nachhaltiges Lernen erreicht.
      So erreicht man schließlich bei den Kindern ein kontinuierliches Arbeiten.

      • Ich erlebe hier teilweise von anderen Eltern auch haarsträubende Äußerungen, wie zum Beispiel nach einer missratenen Klassenarbeit mit einer mangelhaften Note des Filius, als die Mutter sagte, Hauptsache er hätte nicht zu viel Stress gehabt und es war nicht so anstrengend. Und vor der nächsten Arbeit rede ich mit der Lehrerin und der Rektorin. Hauptsache kein Stress und keine zu anstrengenden Aufgabenstellungen.

  2. Ausgerechnet das Institut Beatenberg, ein (vermutlich teures) Internat und “eine der innovativsten Modellschulen”:
    https://link.springer.com/content/pdf/bfm%3A978-3-531-92298-0%2F1.pdf
    Dort lese ich was vom “selbstkompetenten Lernen” und davon, dass diese Schule “die Anforderungen der OECD in sehr hohem Maße erfüllt”. Was mag dabei die Motivation der OECD sein? Kämpft etwa die OECD gegen die Bespaßung?
    Trotzdem dürfte viel Wahres an dem obigen Artikel dran sein, aber betrifft das wirklich nur die Eltern und nicht auch unsere neue “kompetenzorientierte” Schule? “Bespaßung in der Schule”, das gibt’s gar nicht? Wie war das mit Abschaffung von Noten, von Diktaten, vom Sitzenbleiben usw.?
    Und der Schulleiter Andreas Müller ist für eine “Organisation zur Unterstützung von Kompetenz- und Qualitätsentwicklungsprozessen in Bildungsinstitutionen” tätig. Diese Phrasen kennen wir in Deutschland zur Genüge, ja, sie hängen uns schon zum Halse raus. Man sollte diesem Herrn Müller nicht alles glauben, was er so schreibt.

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