Nach einer Woche: mehr als 37.000 Unterschriften für die «Hamburger Erklärung»

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Eine Woche nach dem Start der von Schriftstellerin Kirsten Boie initiierten Petition «Jedes Kind muss lesen lernen!» haben aktuell mehr als 37.000 Menschen unterschrieben. Boie und 26 prominente Mitstreiter hatten die «Hamburger Erklärung» am 15. August auf der Plattform Change.org veröffentlicht. Die Liste der Erstunterzeichner reicht von den Autoren Ulla Hahn und Ulrich Wickert über Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter bis hin zu Liedermacher Rolf Zuckowski.

Lesen macht glücklich.                                                                              Foto: Monika Bargmann / flickr / CC BY-SA 2.0

«Die unerwartet starke Reaktion auf die Hamburger Erklärung zeigt, dass die Bedeutung der Lesefähigkeit vielen Menschen bewusst ist und dass das Lesen eine große Lobby in der Bevölkerung hat», sagte Boie. «Trotzdem braucht die Erklärung noch sehr viel mehr Unterschriften und Unterstützung.» Am Weltkindertag (20. September) soll die Petition mit den Unterschriften an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), die Kultusministerkonferenz und die zuständigen Akteure in den Bundesländern übergeben werden.

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Ziel der Erklärung ist es, eine bundesweite Diskussion zum Thema Lesefähigkeit anzuregen. Vertreter aus Bildung, Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft fordern darin unter anderem dazu auf, das Lesenlernen und Lesen sehr viel stärker in den Fokus der Bildungspolitik zu rücken. Die Ende 2017 veröffentlichte internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) hatte ergeben, dass knapp ein Fünftel (18,9 Prozent) der Zehnjährigen in Deutschland nicht so lesen kann, dass der Text dabei auch verstanden wird. dpa

IGLU offenbart: Fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht vernünftig lesen – Studienleiter Bos: “Eine Schande!”

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15 KOMMENTARE

  1. Danke und bitte mehr davon. Jammern hilft nicht (mehr). Da die Zustände ohne massive Forderungen noch immer schlimmer werden, bitte unterschreiben und teilen, teilen, teilen! So wichtig!

    • Warum braucht man jetzt überall Lesepaten? Warum brauchte man sie früher nicht?

      Da stimmt doch was nicht am System.

      Das ist genauso wie das Auslagern schulischer Unzulänglichkeiten an die Nachhilfeinstitute.

      • “Da stimmt doch was nicht am System.”
        Diese Vermutung ist naheliegend. Im Anschluss an TIMSS und PISA wurden von der KMK 2004 neue kompetenzorientierte Bildungsstandards in der Grundschule eingeführt, die im Prinzip noch heute gelten. Aber das konnte die IGLU-Ergebnisse offensichtlich nicht nachhaltig verbessern. Die Bildungsforscher wie Herr Bos könnten sich ja mal ansehen, wie die anderen Länder (die mit den besseren Ergebnissen) das konkret im Unterricht machen und welche Rahmenbedingungen in den dortigen Grundschulen herrschen (z.B. Disziplin, Klassengrößen, Behandlung von Nicht-Muttersprachlern usw.), was spricht eigentlich dagegen? Stattdessen betet Herr Bos in dem oben genannten Link bei n4t (“IGLU offenbart …”) am Schluss wieder nur die alte Leier herunter:
        “Unterrichtsmodelle sollten sich daran ausrichten, was sich international bewährt habe. So meinen Experten in der IGLU-Studie auch: Kinder sollten nicht schon nach der vierten Klasse auf die verschiedenen Schulformen verteilt werden.”
        Da frage ich: Was haben denn die Leseleistungen der Viertklässler (in allen Ländern) damit zu tun, was später in KLasse 5 und folgenden geschehen wird? Es muss doch aus der bisherigen Schullaufbahn bis Klasse 4 erklärt werden und nicht aus “ungelegten Eiern”, die sich später mal auswirken könnten.
        Herr Bos: Was Sie und die großen “Experten” da sagen, ist unlogisch. Unfreundlich gesgt: es ist plumpe Propaganda gegen das Gymnasium.

      • Lesepaten übernehmen die Funktion, die früher die Eltern hatten, nämlich die kontinuierliche Hausaufgabe täglich 10 min in der 1. und 2. Klasse mit dem Kind lesen zu üben, leisten eben gerade die nicht mehr, deren Kinder schlecht lesen können.

        • Ist es denn so, dass die Eltern das früher mehr machten und heute weniger?

          Da kommen wir wohl wieder zu einer Ost-West-Debatte. Sie werden mir sagen wollen, dass die westdeutschen Eltern das heute wegen höherer Berufstätigkeitsquote weniger machen (können), was aber auf die ostdeutschen Eltern nicht zutrifft, die ja auch früher schon eine höhere Berufstätigkeitsquote hatten und heute eher eine gesunkene.

          • Die Erklärung Ost-West oder Arbeit-Nichtarbeit ist zu eindimensional.
            Es gibt zu viele Eltern, die es nicht machen wollen oder können.
            Deren Kinder benötigen das Üben und gehören zu genau der Risikogruppe, um die es immer und immer wieder geht: Sie verlieren bereits in den ersten Jahren den Anschluss und man kann dieses dann später nur sehr schwer auffangen.

            Ich bedanke mich bei allen LesementorInnen oder LesePatinnen oder LeseEltern oder wie sie genannt sind für ihren ehrenamtlichen Einsatz, an dem auch die Kinder viel Freude haben.
            Dennoch ist es erbärmlich, dass das Land die Förderstunden allesamt streicht und man dann nach Ehrenamtlichen ruft, die die Förderung in Klasse 1+2 oder 1-4 sicherstellen sollen.

            Vielleicht müssen wir auch mal dazu aufrufen, dass Ehrenamtliche im Kultusministerium helfen… da müssen ja auch eine Menge fähiger Menschen eingespart worden sein.
            Oder wodurch ist zu begründen, dass BILDUNG im Ministerium nicht wichtig erscheint?

          • Treffend geschildert, Palim!

            Wir hatten einmal ein paar Jahre lang das Glück, dass Mitarbeiter des sonderpädagogischen Dienstes (MSD) – das sind Sonderschullehrer – bei ganz schwachen Kindern im Rahmen von Kooperationsklassen eine gezielte Leseförderung und natürlich auch andere Fördergebiete übernehmen konnten. Inzwischen sind Stunden gestrichen und die wenige Zeit, die diese Lehrkräfte mitbringen, sind wie ein Tropfen auf dem heißen Stein oder werden für Beobachtungs- und Beratungsaufgaben verbraucht.

          • “Inzwischen sind Stunden gestrichen”
            Für mich ist das nahezu unfassbar. Wenn das wirklich flächendeckend und nicht nur in Einzelfällen so geschieht, dann sollte das unbedingt mal “an die große Glocke” gehängt werden. Es müsste mehr und deutlicher in der Zeitung stehen, dass die vollmundigen Ankündigungen (individuelle Förderung besonders der Schwachen) in der Praxis nicht realisiert werden. Dann braucht man sich nämlich auch nicht über schwache Testergebnisse bei IGLU und so zu wundern.
            Die Ehrenamtlichen in Ehren, aber offiziell wird immer die große “Professionalisierung” des Lehrerberufs postuliert und angekündigt. Darunter stellt man sich eigentlich was anderes vor.
            Die Eltern gibt’s natürlich auch noch, und von denen wird keine Professionalisierung gefordert.

          • @Cavalieri:
            Der Lehrermangel an der Grundschule zwingt dazu. Ich hatte vorletztes Schuljahr in meiner Kooperationsklasse im 3. Schuljahr zwei zusätzliche Stunden für die Doppelbesetzung durch eine weitere Grundschullehrkraft und eine Stunde MSD. Nachdem jetzt auch in Bayern der Lehrermangel so langsam seine Wirkung zeigt, erhielt ich das Jahr darauf diese Stunden nicht mehr. So erging es allen mit einer Kooperationsklasse an meiner Schule. Der MSD kam weniger, ging aber schwerpunktmäßig mit seinen wenigen Stunden in 1/2, was auch sinnvoll ist. Für das nächste Schuljahr ist die Evaluation von einer Lehrkraft meiner Schule, die normalerweise da beteiligt war und öfter deswegen fehlte, ausgesetzt. Das tut jetzt nicht weh, aber es zeigt, dass man auch in Bayern an die Reserven gehen muss.

            Das Problem ist nicht, dass das Ministerium nicht will, sondern es fehlt das Personal dazu.
            Deswegen ist es ganz wichtig, junge Leute dazu motivieren, Grundschullehramt zu studieren. Dazu zählt die Anerkennung des Berufes im Vergleich zu anderen Lehrämtern. Die Tatsache, dass der Beruf des Grundschullehrers ziemlich stressig geworden ist, mag auch ein Hinderungsgrund sein. Ähnliches gilt auch für den Mittelschullehrer (= Hauptschullehrer). Dieses Lehramt ist fast nur unbeliebter als das des Grundschullehrers. Da haben wir schon über 10 Jahren den Mangel, der in der Vergangenheit durch zeitlich begrenzte Abordnungen von Grundschullehrern an die Mittelschule aufgefangen wurde. Finanzielle Gleichstellung und die Anerkennung der Professionalität in der Grundschule – das beinhaltet auch nicht die ständige Besserwisserei von allen Richtungen – wäre einmal der erste Schritt.
            Ansonsten ist das Ministerium gefordert. Vom bayerischen Ministerium finde ich gut, dass es immer hinter seinen Lehrern steht und auch anerkennende Worte findet.
            Allerdings würde ich mir von dort Aktionen wünschen, die uns unnötige, bürokratische Stressmomente nehmen.

          • Anderes Bundesland, ähnliche Sachlage:
            Die allgemeinen Förderstunden sind schon so lange gestrichen, dass niemand mehr genau weiß, wann das war (irgendwann um den Jahrtausendwechsel vermutlich).
            Zusatzsstunden für größere Klassen gab es früher, diese wurden auch gestrichen.
            Stunden für die Inklusion werden pauschal pro Klasse pro Woche bestimmt, genau 2 Stunden, unabhängig von der Zahl der bereits überprüften Förderschüler oder SuS, die Auffälligkeiten zeigen oder Förderung benötigen. Diese Stunden sind zwar im Erlass aufgeführt, können aber angesichts des Lehrermangels nicht flächendeckend zugewiesen werden und entfallen dann.
            Das ist seit der Einführung der Inklusion so.
            Zuvor gab es einen Quotienten, mit dem die Anzahl an Förderstunden durch eine Lehrkraft der zuständigen Sonderschule per Abordnung bestimmt wurde – für eine 2-zügige Grundschule waren es insgesamt 2-3 Stunden pro Woche, sofern die Sonderschule selbst ausreichend mit Lehrerstunden versorgt war.

            Generell ist also davon auszugehen, dass immer genau 1 Lehrkraft für 1 Klasse/ Stunde zur Verfügung steht, wenn überhaupt. Unterricht wird auch erteilt durch pädagogische MitarbeiterInnen (mit oder ohne päd. Vorbildung), durch Vertretungslehrkräfte (mit oder ohne päd. Vorbildung), wobei der Unterricht selbst durch die (gesunden) Lehrkräfte vorbereitet wird. Dabei ist es aber mühselig, die notwendigen Förderungen für eine womöglich fremde Klasse vorab zu bedenken und auch vorzubereiten und für die Kräfte selbst, dies alles mit zu berücksichtigen.

            Zusätzliche Stunden können aufwändig beantragt werden für DaZ, für Schulen im sozialen Brennpunkt, für Kinder mit besonderen Förderbedarfen (Geistige Entwicklung (max. 5), Hören (max. 3), Sehen (max 3))

            Fällt eine Lehrkraft aus, muss die Schule mit päd. Mitarbeiterinnen oder diesen Förderstunden versuchen, den Unterricht aufzufangen. Somit sind diese Förderstunden sehr schnell anderweitig eingesetzt.

            Ist die Schule nicht ausreichend versorgt, obwohl Förderstunden genehmigt wurden, wird natürlich zunächst der Klassenunterricht gesteckt, der Förderunterricht kann dann nicht erteilt werden. Dies kann sich über das gesamte Halbjahr oder Jahr erstrecken oder zumindest über den Zeitraum, den es braucht, um eine Vertretungslehrkraft zu finden (schwierig) und alle Formalitäten zu bearbeiten, sodass sie arbeiten darf (offenbar noch viel schwieriger). Da dürfte es auch gerne eine Erhebung geben:
            1. Wie lange dauert es, bis die Schulen den Mangel anerkannt bekommen und die Zusage erhalten, dass sie eine Vertretungskraft einstellen dürfen?
            2. Wie lange dauert es von der Zusage der bereits im Portal der Landesschulbehörde gelisteten BewerberInnen bis zum tatsächlich ersten Arbeitstag in der Schule?

  2. Früher gab es bei uns auch schon Lesemuttis (so wurden die in den 79er/80er Jahren genannt). Zudem gab es Förderunterricht. Gerade zweiterer wurde in meinem Bundesland in der Grundschule komplett gestrichen (dafür klingt die statistische Versorgung nun besser…).

    • Lesepaten können eine zusätzliche Hilfe bei Kindern sein, denen die eigenen Eltern auf Grund eines Migrationshintergrundes, einer fehlenden Lesefähigkeit oder anderer Defizite der Kinder, diesen zusätzlich geholfen werden muss.
      Es bleibt für mich aber eine Hauptaufgabe der Grundschullehrerinnen strukturiert die Lesefähigkeit, auch unter der Zuhilfenahme spezieller Leselernprogramme, wie dem Kieler Leseaufbau und dem Intra.Akt-Plus-Konzept, diese wichtige Kulturtechnik zu vermitteln. Und dazu gehören auch gemeinsame Lesestunden in der Klasse.

      • Bei uns wird nach Fibel gearbeitet, aber dennoch sind wir froh, dass wir für die schwachen Kinder, wo die Übung zuhause zu wünschen übrig lässt oder die so oder so größere Schwierigkeiten haben, Lesepaten haben.
        Auch wenn standardmäßig im Unterricht gelesen wird, dennoch werden für die schwachen und ungenügend unterstützten Kinder Hilfen benötigt. Wenn wir keine Stunden für schuleigenen Förderkräfte bekommen (Lehrermangel!), dann wir wirklich froh um diese freiwilligen Lesepaten, die ganz einfach mit einzelnen Kindern lesen üben.
        Lesepaten auch bei Fibelunterricht! (Lesepaten sind bei uns meistens ältere Menschen, die nicht mehr berufstätig sind aber auch – das ist seltener – Mütter, die Zeit haben.)

      • Ja, die Leseförderung ist Aufgabe des Deutschlehrers, so sehe ich das auch.
        Aber ohne zusätzliche Zeit ist dies in der regulären Unterrichtszeit kaum möglich. Es sind in meinem Bundesland ja nur 6 Stunden Deutsch pro Woche. Da soll sinnentnehmend gelesen, betont vorgelesen, korrekt gesprochen, vorgetragen, richtig geschrieben, Texte verfasst und Sprache betrachtet werden. Damit sind die Stunden – ohne Förderzeit – gut gefüllt.

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