Seit mehr als einem Jahr: Erpresser terrorisiert ein Lehrerkollegium mit falschen Bestellungen – und Todesdrohungen

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AUERBACH. Der Fall ist so skurril, dass er wie ein schlechter Aprilscherz anmutet. Dabei sind die Folgen für das Kollegium alles andere als lustig. Ein Erpresser (oder eine ganze Gruppe) – auf jeden Fall jemand, der mit der Behördenstruktur des Schulwesens nicht sonderlich vertraut ist – fordert ausgerechnet von einer Schule eine ansehnliche Geldsumme. Sonst werde die Lehrerschaft weiter terrorisiert. Tatsächlich gab es bereits Todesdrohungen. Jetzt hat der (oder haben die) Täter nachgelegt – und weitere Taten angekündigt. Unterdessen läuft der Schulbetrieb weiter. Mehr schlecht als recht.

Die Polizei zeigt Präsenz in Auerbach.                                                                                                        Foto: Pixabay

Schon seit mehr als einem Jahr ist das Goethe-Gymnasium im sächsischen Auerbach (Vogtlandkreis) Ziel von üblen Belästigungen und Bedrohungen. Zunächst waren über mehrere Monate hinweg über das Internet Waren im Namen von einzelnen Lehrern sowie der Schulleiterin bestellt und an ihre Privatadressen geschickt worden. Mal stand ein Pizzalieferant vor der Tür, dann ein Paketbote. Dazu kamen über soziale Medien anonymne Aufrufe, die sich offensichtlich an Schüler richteten und einen harmlosen Streich suggerierten, solche falschen Bestellungen an Lehrer versenden zu lassen. Dafür wurden deren Adressen veröffentlicht.

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Im Mai wurde die Schule dann nach Morddrohungen gegen Lehrkräfte, die in einer  Amokankündigung gipfelte, für drei Tage geschlossen. Auch nach Wiederaufnahme des Unterrichts konnte von einem geregelten Schulablauf nicht die Rede sein: Polizisten kontrollierten am Eingang die Taschen für Schülern und Lehrern. Für die Betreuung der Schüler sowie des pädagogischen Personals waren vier Schulpsychologen sowie Kommunikationsfachleute der Polizei vor Ort. Trotzdem geriet die Einrichtung in einen Ausnahmezustand, der eine dauerhafte Polizeipräsenz bis zum Schuljahresende nach sich zog, wie es in einer Agenturmeldung heißt.

Fahndung auf Hochtouren

Im Hintergrund lief die Fahndung nach dem Täter oder den Tätern auf Hochtouren. Die Polizei schien einer Lösung des Falls dann auch nahezukommen: Mehrere Personen, vier Schüler und ein Vater, wurden verhaftet – und dann aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Vorwürfe ließen sich nicht erhärten. Die Webseite mit der Amokdrohung, die dann vom Netz genommen wurde, war bei einem Webdienst außerhalb Deutschlands gehostet.

Zum Schuljahrebeginn nach den Sommerferien hoffte das Kollegium auf eine Rückkehr in die Normalität. Vergeblich. Am Sonntag waren der Polizei über eine Internetseite erneut Hinweise «zu unbefugten Warenbestellungen» bekannt geworden. Diese wurden für den Fall angekündigt, dass nicht innerhalb von einer Frist 10.000 Euro gezahlt wird.

Von einer vorübergehenden Schulschließung sieht die Polizei diesmal vorerst ab: „Im Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen und der vorliegenden Erkenntnisse sind nach wie vor keine Anhaltspunkte für das Vorliegen einer konkreten Gefährdungslage gegeben“, hieß es. Das sehen manche der Lehrkräfte womöglich anders: Die Polizei bestätigte einen Bericht der “Freien Presse”, wonach derzeit 14 von 53 Lehrern nicht im Dienst seien, eingeschlossen die Schulleiterin und ihr Stellvertreter. Und nicht alle Ausfälle seien krankheitsbedingt. Eltern zeigten sich gegenüber Medienvertretern entsetzt über die kriminelle Energie, mit der auf Täterseite agiert wird.

So bizarr die Erpressung anmutet – ein Einzelfall ist sie nicht: Nach wiederholten Drohmails mit Geldforderungen “im hohen sechsstelligen Bereich”, wie es aus Polizeikreisen hieß, wurden im Mai zwei Schulen im westfälischen Schwerte geräumt und für einen Tag geschlossen. Um Panik zu vermeiden, hatten die Schulleitungen seinerzeit hitzefrei vorgeschoben. bibo/Agentur für Bildungsjournalismus

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