Initiative gegen sexuelle Gewalt an Schulen – Scheeres bekennt: Auch ich war Opfer

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BERLIN. Sexueller Missbrauch gehört immer noch zu den Risiken einer Kindheit in Deutschland. In jeder Schulklasse gibt es nach Schätzungen ein oder zwei Betroffene. Und manchmal ist die Schule auch der Tatort – und die Täter sind Mitschüler. Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres bekannte heute: Auch sie war einmal solch ein Opfer. Mit ihrer persönlichen Geschichte begründete sie ihr Engagement für eine Initiative, die Schulen zu besseren Schutzräumen machen will.

In der Kritik: Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Foto: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft
Mit einer persönlichen Geschichte eröffnete Berlins Bildungssenatorin Sanda Scheeres die Pressekonferenz. Foto: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft

Vergewaltigung auf der Klassenfahrt, Handyfotos aus der Sportumkleide oder Begrapschen im Klassenzimmer: Sexuelle Gewalt macht vor Schulen nicht Halt. Um Kollegien ein Gegensteuern zu erleichtern, gibt es seit Mittwoch für alle mehr als 900 Berliner Schulen eine Infomappe für bessere Schutzkonzepte. «Es geht darum, Lehrer zu sensibilisieren», sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zum Start der Initiative «Schule gegen sexuelle Gewalt». Genauso wichtig sei es, Kindern und Jugendlichen ihr Recht auf ein Leben ohne Gewalt zu vermitteln. «Und dass sie sich trauen, dieses Recht auch einzufordern.»

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Scheeres selbst, so berichtete sie auf der Pressekonferenz, hat selbst als Achtklässlerin in Düsseldorf eine schlimme Erfahrung machen müssen. Vier Mitschüler hätten sie gepackt und in einen Keller gezogen. „Sie hielten meine Hände umklammert und haben mich begrapscht“, so Scheeres. Sie habe zunächst nicht über das Geschehen sprechen wollen, bis ein sensibler Lehrer sie befragt und Verständnis gezeigt habe. Daraufhin wurde der Übergriff in der Klasse besprochen. „Die Scham ist so groß“, sagte die Senatorin. „Das habe ich immer noch in meinem Kopf!“

Die Berliner Infomappen sind Teil einer bundesweiten Schulkampagne gegen sexuelle Gewalt. «Nur 13 Prozent der Schulen in Deutschland haben ein umfassendes Schutzkonzept», sagte Initiator Johannes-Wilhem Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, am Mittwoch in Berlin. Und nur vier Prozent der Schulen hätten bisher eine Risikoanalyse gemacht, ob es in ihren Gebäuden Gefährdungen geben kann – seien es dunkle Ecken, ungesicherte Eingänge oder fehlende Schlösser.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation haben in jeder Schulklasse ein bis zwei Schüler Formen von sexueller Gewalt erlebt. Nicht allein in ihren Familien oder Institutionen wie Kirchen. Auch Schulen selbst können zum Tatort werden. Sexuelle Belästigungen und Übergriffe unter Gleichaltrigen habe es auch früher schon gegeben, sagte Rörig. Neu sei die Möglichkeit, diese Taten mit dem Handy zu filmen und im Internet zu verbreiten. In Berlin gebe es mehr Ermittlungen als früher, weil Jugendliche sexualisierte Bilder versendeten, um andere bloßzustellen oder zu erpressen, ergänzte Rörig. «Mit den sozialen Medien hat das eine völlig neue Dimension bekommen», bestätigte Scheeres.

Doch noch immer müssten Kinder und Jugendliche im Durchschnitt erst sieben Erwachsene ansprechen, um eine Vertrauensperson zu finden, die ihnen hilft, sagte Rörig. «Schule hat aber nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch einen Kinderschutzauftrag.»

Hjördis Wirth, Mitglied des Betroffenenrats «Schule gegen sexuelle Gewalt» kritisierte, dass es nur an jeder zweiten Schule der Hauptstadt Sozialarbeiter gebe. Da sei Berlin zu schwach aufgestellt. «Sexuelle Gewalt ist aber auch immer eine Machtfrage», sagte sie. Ob Schule ein Schutzraum sein könne, beginne schon damit, wie Lehrer miteinander umgingen – und ob es Antennen dafür gebe, dass Schüler in Not seien. Sonst würden Hilferufe nicht erkannt und Signale wie Rückzug, Aggressivität, Essstörungen oder die Verweigerung des Sportunterrichts nicht gedeutet, sagte Rörig.

Scheeres betonte, dass mit dem neuen Schulgesetz alle Schulen Krisenteams aufstellen müssten. Darüber hinaus sei geplant, auf längere Sicht jede Schule mit Sozialarbeitern auszustatten.

An der Initiative «Schule gegen sexuelle Gewalt» nehmen 30.000 Schulen in Deutschland teil. Berlin ist das 13. Bundesland, in dem das Programm anläuft. Die Berliner Kriminalstatistik verzeichnete 2017 insgesamt rund 850 gemeldete Missbrauchsfälle bei Kindern und Jugendlichen. Die Dunkelziffer gilt als weitaus höher. News4teachers / mit Material der dpa

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