Krankenkasse schlägt Alarm: Zahl psychisch kranker Kinder und Jugendlicher steigt rasant

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HANNOVER. Kopfschmerzen, Magendrücken und am Ende erschöpft und depressiv: Immer mehr Schüler leiden an psychischen Erkrankungen und klagen über Beschwerden, die keine organischen Ursachen haben. Das geht aus einer aktuellen Datenerhebung der KKH Kaufmännische Krankenkasse hervor. Rund 26.500 Sechs – bis 18-jährige KKH-Versicherte sind demnach bundesweit betroffen. Hochgerechnet auf ganz Deutschland sind das etwa 1,1 Millionen Kinder und Jugendliche.

Immer mehr Kinder müssen aus ihren Familien herausgenommen werden. Foto: pixabay
Immer mehr Kinder fühlen sich durch die Schule unter Druck gesetzt. Foto: pixabay

Ein zentraler Grund: Stress. Hoher Leistungsdruck durch Schule, Eltern und eine dauerbeschleunigte Gesellschaft, digitale Reizüberflutung, Mobbing in sozialen Netzwerken, Versagensängste: Viele Kinder kommen mit ihrem Leben nicht mehr klar, weil sie überfordert und verzweifelt sind, so berichtet die Krankenkasse.

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Die Auswertung  ihrer Daten sei alarmierend: 2017 litten allein rund 8.300 Sechs- bis 18-Jährige unter sogenannten Anpassungsstörungen, also unter depressiven Reaktionen aufgrund körperlicher und seelischer Belastungen wie sie etwa bei hohem Leistungsdruck und Mobbing entstehen. Den größten Anstieg mit 90 Prozent im Vergleich zu 2007 gab es hier bei den 13- bis 18-Jährigen. Das zeigt laut Krankenkasse: Der Stress nimmt mit den Schuljahren und den Anforderungen zu.

120 Prozent mehr Fälle von Depression

Die Symptome bei Anpassungsstörungen reichen dem Bericht zufolge vom Gedankenkarussell bis hin zu Frustration, Reizbarkeit und Mutlosigkeit. Von Angststörungen wie Panikattacken waren außerdem rund 3 .400 Schüler betroffen. Auch hier gab es bei den Älteren laut KKH den größten Anstieg mit 76 Prozent. Nicht selten münden permanenter Stress, Druck und Mobbingerfahrungen in eine Depression. Erschreckend: In der Altersgruppe der 13- bis 18-jährigen Schüler verzeichnete die Krankenkasse bei Depressionen von 2007 auf 2017 den größten Anstieg überhaupt – um fast 120 Prozent.

Immer häufiger stellen Ärzte außerdem schon im Schulalter die Diagnose Burnout. Auch da registriert die KKH im selben Zeitraum einen enormen Anstieg – sowohl bei den Jüngeren als auch bei den Älteren um jeweils mehr als das Doppelte. Statistisch betrifft dies bisher nur eine kleine Gruppe von rund 1.000 jungen Versicherten, doch der drastische Anstieg der Fälle zeigt, dass immer mehr Schüler Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung haben und ausgebrannt sind. Burnout ist keine eigenständige Krankheit, sondern gilt als Vorstufe zur Depression und wird bisher als Zusatzdiagnose im Zuge anderer, meist auch psychischer Erkrankungen gestellt.

Bevor es allerdings zu diesen schwerwiegenden Erkrankungen kommt, klagen die betroffenen Jungen und Mädchen häufig zunächst über körperliche Beschwerden wie Schmerzen, Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Probleme, die sich auf keine organische Erkrankung zurückführen lassen (sogenannte somatoforme Belastungen) . Auslöser seien auch hier vor allem emotionaler Stress und Konflikte, so heißt es. Laut KKH -Auswertung haben damit offenbar zunehmend jüngere Schüler zu kämpfen: Bei den Sechs – bis Zwölfjährigen gab es mit 36 Prozent einen größeren Anstieg als bei den 13 – bis 18- Jährigen (plus 21 Prozent). Vor einer Klassenarbeit sei das völlig normal. Dies dürfe aber nicht zum Dauerzustand werden, mahnen die Gesundheitsexperten.

Insgesamt zeigt die Auswertung, dass unter den 13- bis 18 -jährigen Schülern deutlich mehr Mädchen und junge Frauen von psychischen Erkrankungen betroffen sind. Bei den Sechs – bis Zehnjährigen sind es dagegen in etwa gleich viele Mädchen und Jungen. News4teachers

Größte Stressfaktoren: Schulischer Leistungsdruck und Mobbing

HANNOVER. Laut einer ergänzenden Forsa -Umfrage im Auftrag der KKH fühlen sich Schüler offenbar nicht vorrangig durch zu viele Termine in der Freizeit gestresst. Gut jedes dritte schulpflichtige Kind im Alter von sechs bis 18 Jahren geht zwar an mindestens drei Tagen in der Woche festen außerschulischen Aktivitäten nach. Rund 56 Prozent gelingt es den Eltern zufolge aber dennoch gut, eine Balance zwischen Schule und Freizeit zu finden.

Immer mehr Kinder in Deutschland bekommen Medikamente wegen psychischer Probleme. Foto: Greg Westfall / Flickr (CC BY 2.0)
Immer mehr Kinder in Deutschland leiden unter einer Belastungsstzörung. Foto: Greg Westfall / Flickr (CC BY 2.0)

Viel größere Stressfaktoren sind laut der befragten Eltern permanenter Leistungsdruck in der Schule, Mobbing sowie gesellschaftlicher Druck durch Medien, Idole und Influencer. Jeden fünften Sechs – bis Neunjährigen belastet Streit mit Freunden und Mobbing durch Mitschüler am meisten, bei den Zehn- bis 18-Jährigen steht klar Konkurrenz- und Leistungsdruck in der Schule an erster Stelle (31 Prozent).

Generell stehen Kinder, deren Eltern getrennt sind, mehr unter Stress als Schüler, die mit beiden Eltern teilen zusammenleben. Jedes vierte Kind getrennt lebender Eltern gerät wegen familiärer Probleme wie Scheidung oder Geldsorgen unter Stress.

Mit steigendem Konkurrenz – und Leistungsdruck und zunehmendem Alter der Schüler vermehren sich auch die Symptome. So klagen laut der befragten Eltern fast ein Drittel der 16- bis 18- Jährigen über Müdigkeit und Erschöpfung und jeder Vierte über stressbedingte Kopfschmerzen. Die Zehn- bis Zwölfjährigen leiden dagegen stärker unter Bauch- und Magenschmerzen als die Schüler der anderen Altersklassen. Unter Stress lässt vor allem die Konzentration nach: 28 Prozent der Eltern sagen, dass ihr Kind sehr häufig bis häufig aufgrund von Stress unkonzentriert ist. Jeder fünfte Erziehungsberechtigte gibt an, dass es sehr häufig oder häufig vorkommt, dass sein Kind bei Stress schnell aggressiv wird. Mit deutlichem Abstand folgen als sehr häufige oder häufige Reaktionen auf Stress Rückzug (zwölf Prozent), Traurigkeit (neun Prozent) und Angst (acht Prozent). 13- bis 18-Jährige kapseln sich bei Stress tendenziell häufiger ab als Sechs – bis Zwölfjährige.  Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat 1003 Eltern von Sechs – bis 18 -Jährigen im Jahr 2018 repräsentativ im Auftrag der KKH befragt.

Das Thema wird auf der Facebook-Seite von News4teachers bereits heiß diskutiert.

Kindheit im Dauerstress: Wenn Eltern zu großen Leistungsdruck ausüben …

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15 KOMMENTARE

  1. Die Zahlen können noch so erschreckend sein, es wird sich in absehbarer Zeit nix ändern. Warum auch? Wer sollte Lobby für die aufgeführten Fälle sein? NIemand. Lehrer haben keinen Hebel, Eltern nicht, die jungen Menschen erst Recht nicht und von Politik und Verwaltung wird das Thema niemand angehen. Es bedarf sehr vieler bitterer Amokläufe bis ein Umkehren geschieht, so scheint es.

  2. Mich interessiert, warum die Zahl psychisch kranker Kinder so enorm steigt. Die vergangenen Jahre und Jahrzehnte kreisten doch ständig um das Wohl der Kinder. Mit ihm wurden ausnahmslos schulische Reformen begründet, nicht nur bei der Inklusion.

    • Auch ich stimme ausdrücklich zu, Heike. Unter der Flagge des Kindswohls wurden Reformen propagiert und durchgepeitscht, die allen möglichen Interessen dienten, nur nicht den Kindern.
      Und es geht fröhlich weiter, so als wäre alles gut und fortschrittlich gewesen. Da kann die Wahrheit noch so sehr ans Licht kommmen, die Quittung für Lehrer und Schüler noch so schmerzlich sein, jede neue Reform wird trotzdem wieder als Meilenstein für mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Chancengleichheit, mehr Humanität, mehr Toleranz, mehr Menschenrecht, mehr Befreiung von alten Zöpfen…usw. verkauft werden. Die angestaubten, selbst schon in die Jahre gekommenen Flaggen brauchen immer wieder nur rausgeholt und aufgefrischt zu werden, um den Weg in die Erlösung von angeblichen Übeln mit neuem Elan fortzusetzen.

  3. Solche Studien zeigen die Mängel von Verfahren auf, die auf Selbstaussagen beruhen. Welche Zehnjährige würde wohl ihr Smartphone als Quelle des Stress nennen? Selbst als in meiner Klasse sich alle über das Verhalten in der Whatsapp-Klassengruppe beschwerten, war es für die meisten unvorstellbar, das Fon nachts auszuschalten. Schule ist sowieso mühsam, was liegt näher, als diese zur “eigentlichen” Quelle des Stress zu erklären! Und die vielen Aktivitäten am Wochenende, die Montage zu unmöglichen Tagen für Tests machen, das ist doch kein Stress, das macht doch Spaß!! Wir sind inzwischen Lichtjahre entfernt von einer Gesellschaft, die mal “Denk an den Ruhetag und heilige ihn” als eines ihrer Gebote annahm.
    Also werden wir krank.

  4. Ich weiß nicht ob es nicht auch zum Teil herbeigeredet wird. Seid der Einführung des G 8 wird über die starke Belastung der Schüler gesprochen und dass ja alles so schwer sei. Wenn ich in meine alten Unterlagen gesehen habe (meine Grundschulzeit) dann haben wir da noch Samstagsschule gehabt, und deutlich mehr geschrieben. Die verstärkte Nutzung der Medien ist in vielen Familien sicher ein neuer Faktor. Doch auch die Überbehütung sehe ich als Problem. Die negative Sicht auf die Welt verstärkt das noch. Real geht es den Menschen (zumeist) besser. Die einzige Gruppe, die wirklich Stress im Leben hat, sind die Mindestlohn Empfänger, die häufig zwei Jobs brauchen, um sich über Wasser zu halten. Dazu kommt, dass eventuell durch die Umwelteinflüsse das Gehirn insgesamt beeinträchtigt wird. Die Auswirkungen des Handyfunkes auf das wachsende Gehirn ist noch gar nicht ausreichend untersucht.

    • Handyfunk halte ich für eine Verschwörungstheorie, die Dauerberieselung damit in Verbindung mit fehlender Bewegung für schlimmer. Dazu kommen Überbehütung und Vernachlässigung. Vor 30 Jahren war Deutschland ein innovatives Hochlohnland, heute ist es weder noch. Die Politik hat auf Wunsch der Wirtschaft die Löhne gedrückt, Hartz IV mit all seinen Gängelungen eingeführt und technische Modernisierung verschlafen.

      Mir hat kein Schüler mal gesagt, von G8 wegen G8 übermäßig gestresst zu sein, es ist eher der Ganztagsbetrieb, der aber auch Wunsch der Wirtschaft war.

      Psychische Erkrankungen sind auch eine Frage der Definition. Schärfere Grenzwerte führen automatisch zu mehr Fällen und damit mehr Einnahmequellen.

  5. Das sind halt die Auswirkungen der ständigen Verlängerung des Schultages durch G8 und die Ganztagsschule. Wenn Schüler bisweilen um halb Sechs aufstehen müssen, um zur Schule zu kommen und erst um halb Sechs abends nachhausekommen und dann noch lernen müssen, ist das schon sehr viel. Ich selbst hatte früher bis zur 10. Klasse nie mehr als 6 Stunden, der Schultag war also um 1 zu Ende. Dann noch Heimfahrt und Lernen, da war der Schultag einschließlich Hausaufgaben und Lernen meist um 15 Uhr zu Ende. Danach war Freizeit angesagt. Das ist schon ein Unterschied.

  6. Wem das, wie es sich entwickelt nütz, zeigt ein Blick in die Statistik :-).
    Die Nachhilfe boomt und psychologische Behandlungszentren/Stellen für Sozialpädagogen für Kinder wachsen.
    Gewinner sind die Nachhilfe- und Gesundheits-“Industrie”, die hierfür “Standard-Angebote und Behandlungen” bereit halten.
    Die Methoden Märkte zu schaffen sind altbekannt, jedoch nicht in der Öffentlichkeit.

    Nur den Kindern hilft das nicht. Besonders bitter ist, dass nach Erhebungen und Statistiken unter den sogenannten “Kranken” ca. 3-5% hochbegabte Underachiever befinden, welche mit dem Standard-System/Regelschule nicht zurecht kommen, die Gesellschaft diese aber gut brauchen könnte, es aber viel zu wenig Angebote für diese Gruppe gibt. Sie enden als Schulabbrecher, in Haupt- oder Sonderschulen und werden teilweise zu Sozialfällen.
    So geht Deutschland aktuell mit seinem “Geistigen Potential” um.

    Als Hauptproblem sehe ich den standardisierten Lehrplan, welcher zu wenig Platz für das was Kinder in Zukunft wirklich brauchen werden lässt. Die Künstliche Intelligenz und Roboter grüssen die zukünftigen Arbeitslosen, von deren Arbeitsplatz aus. Auswendiglernen und repitieren, können Diese nämlich viel besser. Und das was die KI nicht bzw. noch nicht kann Kreativität, Wertesystem, für einander da sein (Menschlichkeit und Teamarbeit statt Konkurenzdenken) und Eigenmotivation (ein persönliches Ziel haben, wo man sich selbst sieht und was einen persönlich motiviert). Das fällt für den Lehrplan, G8 und die Verschulung der Hochschulen hinten runter.

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