Niedersachsen fördert Brennpunktschulen – vorerst jedoch nur 20 Stück

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HANNOVER. Die Problemlisten von sogenannten Brennpunktschulen in Niedersachsen sind lang: Kinder von Geflüchteten sprechen noch kein Deutsch, das Sozialverhalten vieler Schülerinnen und Schüler verroht und die wenigen Lehrkräfte sind überlastet. 20 solcher Schulen will das Land nun mit einem sechs Millionen Euro teuren Programm fördern. An «Schule Plus» nehmen acht Bildungsstätten in Hannover, sechs in Salzgitter und je drei in Wilhelmshaven und Delmenhorst teil. Die Schulen liegen in Vierteln, in denen wenig Kinder Deutsch sprechen, viele Familien arm und Eltern oft arbeitslos sind.

In sozialen Brennpunkten - wie hier Berlin Neukölln - sind Migrantenquoten von 70 Prozent aufwärts in Schulen keine Seltenheit. Foto: Sascha Kohlmann / flickr (CC BY-SA 2.0)
In sozialen Brennpunkten sind die Herausforderungen für Lehrkräfte besonders groß. Foto:
Sascha Kohlmann / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Schulen bekommen zunächst bis Ende des nächsten Schuljahres 75 zusätzliche Lehrkräfte und 25 Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, wie Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) ankündigte. Weiter bezahle das Land den Schulen 300 Lehrerstunden extra pro Woche. Sie könnten selbst entscheiden, ob sie diese als Arbeitszeit für das Lehrpersonal nutzen oder sich das Geld auszahlen ließen. Der Oberbürgermeister von Salzgitter, Frank Klingebiel (CDU), nannte das Programm eine «Entlastung». Das «ist aber auch zwingend notwendig», betonte er.

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In Salzgitter kommen an manchen Schulen bis zu 85 Prozent der Lernenden aus geflüchteten Familien. Viele sprechen noch kein Deutsch. Ähnliche Probleme haben Klingebiel zufolge auch Wilhelmshaven und Delmenhorst. Schulen müssten geflüchtete Kinder nach zwei Jahren benoten, erklärte der Kultusminister. Oft klappe das aber nicht: Nach der Frist schrieben die Kinder nur Fünfen und Sechsen, weil die Sprache noch nicht sitze. Die teilnehmenden Schulen könnten diese Frist nach Bedarf verlängern. «Es gibt nicht die eine Musterlösung», betonte Tonne. Probleme und Lösungen seien von Schule zu Schule anders.

Kritik von Gewerkschaft und Opposition
Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßte das Programm als Schritt in die richtige Richtung, mahnte aber an, dass es ein Gesamtkonzept für alle Schulen in sozialen Brennpunkten brauche. Die GEW nannte als Beispiele kleinere Klassen, weniger Arbeitsbelastung für Lehrkräfte und Vollzeitstellen für pädagogische und therapeutische Fachkräfte. Auch die Opposition wies darauf hin, dass mehr als 20 Schulen im Land derartige Hilfe benötigten. Die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Julia Hamburg, bezeichnete das Programm als «Tropfen auf den heißen Stein».

«Schule Plus» sei ein Auftakt und weitere Städte könnten folgen, sagte Kultusminister Tonne. Salzgitters Oberbürgermeister betonte, dass die Situation in Schulen ein Thema sei, das die Menschen umtreibe. dpa

Linke: Lehrermangel trifft vor allem Schulen in sozialen Brennpunkten

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6 KOMMENTARE

  1. “Die Schulen liegen in Vierteln, in denen wenig Kinder Deutsch sprechen, viele Familien arm und Eltern oft arbeitslos sind.”
    Wenn die Kinder kein Deutsch sprechen, sind es doch offensichtlich Migrantenkinder. Dieses Kriterium wird jedenfalls an erster Stelle genannt. Und mir wird immer vorgeworfen, ich wäre auf dieses Thema fixiert. Die Förderung der Brennpunktschulen scheint auch auf dieses Thema fixiert zu sein. “Arm und arbeitslos”, das kommt dann oft noch hinzu, trifft aber natürlich auch Einheimische. Das gewählte Bild jedenfalls suggeriert ein arabisches Juweliergeschäft.
    Die Formulierung “in denen wenig Kinder Deutsch sprechen” scheint mir sprachlich nicht korrekt zu sein, ich denke, es heißt “in denen wenige Kinder Deutsch sprechen”, ggfs. auch “in denen Kinder wenig Deutsch sprechen”. Man sagt “wenig Geld, wenig Wasser”, aber “wenige Autos, wenige Häuser, wenige Tiere” usw. So jedenfalls habe ich das mal gelernt. Solche Feinheiten gehen aber an Brennpunktschulen vermutlich ohnehin unter.

    • Ja, ich bin auch darüber gestolpert.
      Ob damit nun Kinder mit Migrationshintergrund gemeint sind (“in denen wenige Kinder Deutsch sprechen”) oder Kinder, deren sprachliche Entwicklung weit unter der altersgemäßen Erwartung liegt (“in denen Kinder wenig Deutsch sprechen”), ist aber irrelevant: die Kinder beherrschen die Sprache nicht, sie sprechen schlecht und verstehen schlecht, der Wortschatz ist winzig und die Grammatik kaum zu erkennen. Diese Kinder sind nicht in der Lage, dem Unterricht zu folgen und einfachste Sätze bzw. Arbeitsaufträge zu verstehen.

      Niedersachsen fördert hier diese Schulen, das ist gut und wichtig, das Programm könnte sichlich auf viele weitere Schulen übertragen werden.
      Niedersachsen hat aber für dieses Schuljahr die Sprachförderung vor der Einschulung eingestampft bzw. den Landkreisen zugeschoben, die dies nicht organisieren können, sodass diese Förderung nicht stattfindet.
      In der Überprüfung wurde nicht nach Kultur oder Migration unterschieden, sondern nach sprachlichen Fähigkeiten. Die können unabhängig von der Kultur oder Migration miserabel sein. Entsprechend teile ich die Kritik am Bild.

      Die Frage nach Bildungsferne zeigt hier als Kriterien: sprachlich schwach, arm, arbeitslos.

      • Ob das wirklich so irrelevant ist? Für die drei genannten Städte gibt Wikipedia keinen Migrantenanteil an, aber hier steht, dass in Hannover jedenfalls von den unter 18-Jährigen schon fast 50 % einen Migrationshintergrund haben, bei den jüngeren entsprechend mehr:
        http://www.neuepresse.de/Hannover/Meine-Stadt/Hannover-Die-Migranten-Schere
        Da wäre es wohl naiv anzunehmen, dass ausgerechnet in den Brennpunktschulen der Anteil niedriger liegt. Er wird wohl eher bei 70-80 % liegen. Und dann verteilen sich die Problemkinder auch entsprechend. Dass Kinder von einheimischen Deutschen nun gar kein Deutsch können, kann ich mir als häufig auftretendes Phänomen nicht vorstellen. Im Artikel ist aber doch gemeint “in denen wenig(e) Kinder [überhaupt] Deutsch sprechen”. Ein extremes Beispiel ist diese Schule hier mit noch dazu 90 % Förderbedarf (die ist vermutlich auch mit dabei):
        http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Peter-Ustinov-Schule-fordert-mehr-Freiraum-vom-Lehrplan
        Nebenbei heißt es: “2017 habe es wegen Fehlverhaltens von Schülern 100 Disziplinarkonferenzen mit vielen Suspendierungen gegeben. Die Schüler aber gäben sich Mühe.” 100 solche Konferenzen in einem Jahr mit ca. 200 Schultagen!

      • Palim: Zumindest für Österreich sieht die Sache offenbar doch anders aus als Sie hier schon öfter geschrieben haben:
        https://diepresse.com/home/bildung/erziehung/428651/MigrantenKinder_77-Prozent-haben-Sprachprobleme
        Es heißt: “Unter Kindergartenkindern mit deutscher Muttersprache haben überhaupt nur neun Prozent Sprachdefizite.” Und 93 % der Fünfjährigen besuchen den Kindergarten. Somit liegt das Problem eher bei den Vierjährigen oder jüngeren. Und angesichts der Überschrift kann ich nur den Schluss ziehen, dass es eben doch hauptsächlich die Migrantenkinder sind, die mit der Sprache Schwierigkeiten haben (möglicherweise mit Deutsch UND mit der Muttersprache). Und dass da angeblich “Kinder im Schulsystem diskriminiert werden”, finde ich eine falsche Formulierung. Sie werden doch offensichtlich von ihren eigenen Eltern bzw. der familiären Umgebung benachteiligt, auch wenn das oft ungewollt sein mag. Die Schuld daran hat doch nicht die Schule. Es ginge ggfs. darum, die Benachteiligung durch das Elternhaus aufzuheben bzw. dem gegenzusteuern. Das aber traut sich wohl niemand zu sagen, weil man damit ja in verfassungsmäßige Rechte der Eltern eingreifen würde. Man will also mal wieder den Pelz waschen, aber niemanden nass machen. Und man sieht die Lösung in mehr Kindergarten mit anschließender Gesamtschule. Ob das wohl stimmt?

        • “Es heißt: “Unter Kindergartenkindern mit deutscher Muttersprache haben überhaupt nur neun Prozent Sprachdefizite.””
          Das können Sie ja dann Eltern und Kindern unserer Schülerschaft mitteilen, die trotz deutscher Muttersprache nicht in der Lage sind, sich angemessen zu äußern und Alltagssprache zu verstehen.

          Vielleicht liegt es aber auch daran, dass in Österreich die Kinder weit vor der Einschulung, nämlich im Alter von 3 Jahren sprachlich eingeschätzt werden, dass es ein verpflichtendes Kindergartenjahr gibt und dass es in Kindergärten SprachförderInnen als zusätzliche Kräfte gibt.
          Niedersachsen streicht die Sprachförderung vor der Einschulung und bekommt die zusätzliche Förderung im Kindergarten nicht organisiert.

          Auch gibt es durchaus andere Zahlen aus Österreich -hier von 2012:
          https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wien/stadtpolitik/500301_Viele-Etappen-der-Sprachfoerderung.html,
          wo genannt ist, dass zu dem Zeitpunkt in Wien Sprachdefizite “bei gegenwärtig 18 Prozent der Kinder mit Deutsch als Erstsprache” zu verzeichnen waren.

          • “18 Prozent der Kinder mit Deutsch als Erstsprache”
            Ja, und die Hälfte derer mit Deutsch als Zweitsprache, so steht es dort. Das ist doch eine klare Abstufung. Außerdem: Wien ist speziell, darüber hört und liest man ohnehin besondere Geschichten. In Ihrem Link steht doch auch: “Bei ganz kleinen Kindern beträgt der Anteil [mit Migrationshintergrund] schon rund 70 Prozent.” In einzelnen Schulen und Klassen werden das dann logischerweise mehr sein. Was heißt denn das praktisch? Wie geht es in den nächsten 50 Jahren weiter?

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