Stottererverband: «Viele Betroffene schweigen lieber, statt zu stottern»

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ERFURT/FRECHEN. Der Welttag des Stotterns soll dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und mögliche negative Folgen für Betroffenen abzuwenden. In Thüringen tun sich die Stotterer mit der Organisation schwer.

Trotz guter Hilfsangebote in Thüringen scheuen vom Stottern Betroffene oft diese anzunehmen. «Besonders bei jüngeren Menschen ist es nicht einfach, den ersten Kontakt herzustellen. Viele Betroffene schweigen lieber, anstatt zu stottern«, erklärte der Thüringer Regionalbeauftragte der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe (BVSS), Ralph Anschütz. Mögliche Folgen der Sprechstörung seien Rückzug aus Angst vor alltäglichen Situationen und tiefgreifende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche.

Je früher eine Stottertherapie beginnt, desto höher sind die Erfolgsaussichten. Foto: U.S. Army / flickr (CC BY 2.0)
Je früher eine Stottertherapie beginnt, desto höher sind die Erfolgsaussichten. Foto: U.S. Army / flickr (CC BY 2.0)
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Dem Deutschen Bundesverband für Logopädie (dbl) zufolge leidet etwa ein Prozent der Bevölkerung an Stottern. Die Sprechstörung beginnt meist im Alter zwischen zwei und fünf Jahren, etwa 80 Prozent der Kinder überwinden diese Phase jedoch. Mit zunehmender Dauer sinkt die Wahrscheinlichkeit aber, dass das Stottern wieder verschwindet. Ein Jahr nach dem ersten Auftreten liegt diese bei 50 Prozent.

«Nach dem Ende der Pubertät müssen sich Betroffene auf ein Leben mit dem Stottern einstellen», erklärte Nikola Depel vom dbl. «Therapiekonzepte, die Heilungsversprechen abgeben, sind unseriös.» Das Ziel von Therapien sei bei dieser Gruppe daher nicht eine Heilung, sondern ein möglichst souveräner Umgang mit dem Stottern, unter anderem durch die Anwendung spezieller Techniken.

In Thüringen unterhält die BVSS zwei Selbsthilfegruppen in Erfurt und Dingelstädt (Eichsfeld) mit durchschnittlich sechs bis zehn Teilnehmern. Die Nachfrage sei in den vergangenen Jahren stabil geblieben, berichtete Anschütz.

Gespräche, Erfahrungsaustausch, Rollen- und Gesprächsspiele sollen den Betroffenen helfen, besser mit ihrer Sprechstörung umzugehen. Die Gruppe «Junge Selbsthilfe», die vor allem von betroffenen Studenten genutzt worden sei, ruhe derzeit wegen des Mangels an Teilnehmern.

Genaue Zahlen zum Stottern werden in Thüringen nicht erhoben. Statistisch fällt das Problem laut Definition in die Kategorie «Sprech-, Sprach,- oder Stimmstörungen». Nach Angaben des Thüringer Gesundheitsministeriums wurden bei der Einschulungsuntersuchung 2016/17 bei etwas mehr als einem Viertel der Kinder (26,1 Prozent) solche Störungen festgestellt. In den Schuljahren 2007/2008 bis 2012/2013 waren die Zahlen rückläufig, danach stiegen sie leicht an.

«Generell sind die Rahmenbedingungen in Thüringen aktuell recht gut», erklärte Anschütz. Die Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen habe sich in den vergangenen Jahren vereinfacht. Auch von der Stadt Erfurt gebe es gute Unterstützung, wie etwas die kostenlose Nutzung von Seminarräumen und finanzielle Hilfen etwa für Bürokosten.

Einen weiteren Aufschwung erhofft sich Anschütz durch den möglichen Anschluss an den bayerischen Landesverband der BVSS. Aktuell ist Thüringen das einzige Bundesland, das durch keinen Landesverband in der Bundesvereinigung für Stottern vertreten ist.

«Wir könnten dann leichter an Seminaren teilnehmen, von den Erfahrungen der bayerischen Kollegen profitieren und einfacher Öffentlichkeitsarbeit betreiben», sagte Anschütz. Von thüringischer und bayerischer Seite wurde der Zusammenschluss schon angenommen, die Entscheidung des Bundesverbands soll im November folgen.

Wer vom Stottern betroffen sei, solle unbedingt offensiv mit der Sprechstörung umgehen, so Anschütz, der die Schwierigkeiten selbst kennt. Gerade bei Jugendlichen sei das Internet zwar eine große Hilfe, um unangenehme Situationen zu umgehen. «Es erleichtert aber auch die Vermeidung.»

Wer das Problem hingegen aktiv angehe, habe gute Chancen, mit der Sprechstörung leben zu lernen. «Telefonieren, vor Gruppen zu reden – das alles war für mich früher undenkbar», so Anschütz. Er habe über Selbsthilfegruppen gelernt, mit solchen Situationen umzugehen.

Der Welttag des Stotterns am 22. Oktober 2019 soll auf das Thema Stottern aufmerksam machen. In diesem Jahr steht der Tag unter dem Motto «Stottern und Schule». (dpa)

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