„Außerdem hast Du geregelte Arbeits- und Ferienzeiten” – Wie das Ländle um den Lehrernachwuchs wirbt

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STUTTGART. Nachdem bereits die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen eine Werbekampagne für den Lehrerberuf gestartet hat, zieht jetzt Baden-Württemberg nach. Seit vergangener Woche laufen Werbespots, in denen Jugendliche an Kletterwänden oder auf Skateboards zu sehen sind, in Kinos. Auch mit einer Kampagnenseite sowie über YouTube, Facebook oder Instagram will Grün-Schwarz die Zielgruppe im Alter zwischen 15 und 22 Jahren erreichen. Unter dem Hashtag #lieberlehramt sollen die Chancen eines Lehramtsstudiums im Ländle vermittelt werden. „Lehramtsstudierende können sich auf ein abwechslungsreiches, interessantes Berufsfeld mit gutem und sicherem Einkommen freuen“, meinte Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) bei der Vorstellung der Kampagne an einem Stuttgarter Gymnasium.

So wirbt das Land Baden-Württemberg um Nachwuchs für den Lehrerberuf. Screenshot

„Du bist kommunikationsstark, hilfsbereit und hast Freude an der Vermittlung von Wissen? Du hilfst anderen bei Herausforderungen gerne weiter? Dann könnte es gut sein, dass ein Lehramtsstudium für Dich interessant ist“, so heißt es auf der dazugehörigen Kampagnenseite. „Die Gesellschaft von morgen braucht bestens qualifizierte und insbesondere engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Daher ist es wichtig, dass viele junge Menschen sich bereits heute für ein Lehramtsstudium entscheiden, denn in vielen Fächern bzw. Lehramtstypen ist der Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern sehr groß.“

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Allerdings gilt das nicht für alle Fächer gleichermaßen, wie dem weiteren Verlauf der Seite zu entnehmen ist. Die besten Einstellungschancen gibt es danach in Mathe, Informatik, Physik, Sport, Religion, Kunst, E-Technik und Musik. „Du hast den Rhythmus im Blut und kennst nicht nur die Musik von Beyoncé und Marteria, sondern auch die Beats von Händel und Schubert? Du spielst eines oder mehrere Instrumente und kannst Dich für die theoretischen Grundlagen der Musik begeistern? Diese Freude willst Du an Kinder und Jugendliche weitergeben? Dann studiere Musik auf Lehramt!“, so heißt es beispielsweise.

Oder: „Differenzialgleichungen, Analysis, Zahlentheorie und Stochastik – Begriffe, die bei vielen Albträume auslösen. Nicht so bei Dir? Du liebst es, mathematische Methoden anzuwenden und die Funktionsweise von Algorithmen zu ergründen? Gleichzeitig möchtest Du Deine Leidenschaft für Mathe an junge Menschen weitergeben und sie bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit begleiten? Dann ist das Mathe-Studium auf Lehramt genau das Richtige für Dich!“

Unter der Überschrift „Diese Arbeit sollte Dir Freude bereiten“ werden als fächerübergreifende Aufgaben genannt:

  • „Planen von Unterricht und sachgerechte Durchführung“,
  • „Schüler/-innen fördern, motivieren und zum selbstbestimmten Lernen anleiten“,
  • „Kindern und Jugendlichen wichtige Impulse für ihr zukünftiges Leben vermitteln“,
  • „Die Gesellschaft von morgen mitgestalten“.

„Lehramt ist viel mehr als Unterrichten“, so erfahren die Interessenten. „Die Vielfältigkeit dieses Berufs ist groß. Du übernimmst Verantwortung als Berater/in, Betreuer/in und Vorbild für junge Menschen, Du vermittelst Begeisterung für spannende Themen und Du trägst wesentlich zur Bildung und Entwicklung der Gesellschaft von morgen bei.“ Auch angeblich gute Arbeitsbedingungen werden betont: „Außerdem hast Du geregelte Arbeits- und Ferienzeiten – das macht es leichter, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Auch Teilzeitarbeit ist möglich.“

Lehrermangel an Grundschulen am größten

Einer Übersichtsseite lässt sich entnehmen, dass Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen für praktisch alle Fächer gefragt sind. Tatsächlich ist der Lehrermangel an Grundschulen bundesweit am größten. Dass Baden-Württemberg dem Beispiel anderer Bundesländer folgt, und Grundschullehrkräfte finanziell auf die Besoldungsstufe A13/E13 hebt (und so die Attraktivität des Lehramts in der Primarstufe steigert), hatte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) bereits als „nicht gerechtfertigt“ ausgeschlossen. Die Höhe der Gehälter orientiere sich an der Ausbildung  – und  Lehrkräfte an der Grundschule hätten eine andere Ausbildung als die am Gymnasium. Das sei „eine Vorgehensweise wie in allen anderen Berufen auch“, so erklärte die Ministerin (News4teachers berichtete). Diese Information findet sich auf der Seite zur Nachwuchs-Werbung allerdings nicht.

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte bereits im vergangenen April den Startschuss für eine landesweite Werbekampagne für den Lehrerberuf gegeben – Motto: „Schlau machen – Lehrer werden“. Gebracht hat die bislang offenbar wenig: Bis August konnten laut einem Bericht der „Rheinischen Post“ nur 62 Prozent der offenen Lehrerstellen in NRW besetzt werden, knapp 3.700 Stellen blieben unbesetzt. bibo / Agentur für Bildungsjournalismus

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

So wirbt das Land NRW ab sofort für den Lehrerberuf – Verbände: Nützt nichts, wenn die Bedingungen nicht verbessert werden

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14 KOMMENTARE

    • Kann ich mir vorstellen. Mir persönlich sind Fünftklässler schon grenzwertig wuselig, Erstklässler sind ja noch etliche Stufen wuseliger. Da arbeite ich lieber mit einem Haufen pubertierender Hormonschwankungen. Ich gehe kräftig davon aus, dass Ihre Tochter bei denen dasselbe sagen würde.

    • ja, besonders, wenn ein signifikanter Teil eines Kurses gemessen am Humboldtschen Ideal oder von Studierbefähigung, das von vielen Oberstufenlehrern zumindest noch angestrebt wird, nichts in einer Oberstufe zu suchen haben. Trotzdem freuen wir uns, wenn die Schüler das Zeugnis überreicht bekommen. Die Arbeitsbelastung ist bei einem sehr leistungsfähigen Kurs aber größer, weil man in derselben Zeit mehr und anspruchsvolleren Stoff im Vergleich zum Minimalprogramm laut Lehrplan schafft.

    • geregelte Arbeitszeiten bedeutet ja nichts anderes, als dass Gleitzeit und Urlaubswahl wegfallen. Es wurde nur verschwurbelt-positiv verklausuliert.

  1. Das Positive überwiegt bei mir immer noch. Würde aber lieber nach Hause gehen und alles wäre fertig. Vllt. sollte man einfach in der Schule bleiben und arbeiten bis 8 Stunden vorbei sind und danach nichts mehr tun.

    • Dann wäre das deutsche Schulsystem innerhalb von wenigen Wochen am Ende. Und weil die verantwortlichen Politiker das wissen, tun sie seit ewigen Zeiten alles dafür, das oft geforderte “Stechuhr-Prinzip” zu verhindern. Außerdem werden natürlich keine Lehrer-Arbeitsräume in den Schulen eingerichtet, die diesen Namen verdienten. Und das aus “guten” Gründen – jedenfalls aus Sicht der Verantwortlichen.

    • Bei mir überwiegt auch das positive. Die Einwände von A. B. sehe ich genauso. Die “geregelten Arbeitszeiten” mit halbwegs vernünftigem Feierabend sind spätestens seit der Einführung des Ganztagsbetriebes vorbei.

    • Es gibt Schulen, wohl eher Privatschulen, die haben so eine Präsenzpflicht. Wer eine volle Stelle hat, muss dann auch täglich 8 Stunden in der Schule sein. Das gefällt den meisten Betroffenen nicht wirklich. Es heißt dann immer, sie könnten ja in dieser Zeit ihre Vor- und Nachbereitungen machen.

      Außerdem müssen Lehrer an manchen Privatschulen in den Ferien – wenn sie keinen Urlaub haben – zur Verfügung stehen, dürfen also nicht verreisen oder dergleichen; müssen wiederum an manchen Privatschulen in den Ferien etwas mit den Kindern unternehmen.

      Manche hier wissen gar nicht, wie gut es ihnen im ÖD eigentlich geht!

      • ÖD ist nicht gleich ÖD. Von Bundesland zu Bundesland unterscheidet sich das teilw. gewaltig. Und Nds. ist immer fleißig hinten dran.

        So kommt es z.B., dass ein nds. VW-Haustarifler am Band mittlerweile in etwa dasselbe ausgezahlt bekommt wie ein nds. Studienrat. Im Unterschied zu letzterem bekommt ersterer allerdings auch noch Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Erfolgsprämien, Sonderzulagen etc. Und eine 40-Stunden-Woche hat der noch nie gehabt – im Unterschied zur durch x Studien nachgewiesenen ca. 46-Stunden-Woche eines durchschnittlichen nds. Studienrats.

        Nicht falsch verstehen: Ich gönne dem VW-Haustarifler das alles. Allerdings finde ich es wichtig, Vergleiche nicht immer nur klischeehaft und in eine Richtung vorzunehmen.

        Gerade im nds. Beamtentum kann man von einer Privilegierung meines Erachtens nun wirklich nicht mehr sprechen. In Bezug auf Lehrer schon mal gar nicht.

  2. @AB: Das kenne ich auch. Hier sind alle beim Daimler. 35-Stunden-Woche, IG Metall, die ganzen Zulagen wie oben bei Ihnen beschrieben und viele kommen am Band ohne große Ausbildung auf ein anständiges Gehalt. Mein Nachbar mit Hauptschulabschluss und Ausbildung beim Daimler hat gerade zusammen mit seinem Bruder eine Wohnanlage mit 14 Wohnungen gebaut (großes teilvermietetes Einfamilienhaus besitzt er auch schon). Jede Nachtschicht (bei der man teilweise nur am PC Maschinen überwacht/schlafen kann) wird gesondert honoriert. Ich würde es trotzdem nicht werden wollen. Als Frau am Band ist ziemlich….Jedenfalls kommt es wohl darauf an, mit welcher Nation man gerade in der Schicht eingeteilt ist (Jetzt kommen ich auch noch in die rechte Ecke, schnell weg).

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