Schüler klagt gegen Kopfnoten – und bekommt Recht vom Verwaltungsgericht

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DRESDEN. Mit Kopfnoten bewerten Lehrer in einigen Bundesländern Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit der Schüler. Ein Jugendlicher aus Sachsen hat nun dagegen geklagt, dass sie auch auf dem Zeugnis erscheinen, mit dem man sich bewerben muss – mit Erfolg.

Geben Noten tatsächlich ein objektives Leistungsniveau wieder? Illustration: pixabay
Wie aussagekräftig sind Kopfnoten? Illustration: pixabay

Für Kopfnoten in Zeugnissen von Schülern, die sich um Ausbildungsplätze bewerben, fehlt die Rechtsgrundlage. Das entschied das Verwaltungsgericht Dresden, wie es am Montag mitteilte. Nach Auffassung der Richter kann ein Schüler bei der Bewerbung um eine Lehrstelle zu Recht ein Zeugnis der 9. Klasse ohne diese Bewertung verlangen. Der Landesschülerrat forderte vor diesem Hintergrund die Abschaffung der Kopfnoten insgesamt.

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In einem Dokument, das auch für Lehrbetriebe oder spätere Arbeitgeber wichtig sei, stellten Kopfnoten einen Eingriff in die Freiheit der Berufswahl eines Schülers dar, begründete das Gericht seine Entscheidung. Über solch wesentliche Eingriffe in Grundrechte müsse der Gesetzgeber entscheiden, im Schulgesetz aber fehle eine Norm, die Kopfnoten ausdrücklich erwähnt.

Der Oberschüler hatte auf Entfernung der Kopfnoten aus dem Zeugnis der 9. Klasse geklagt, mit dem er sich bei Unternehmen um eine Ausbildung nach dem Realschulabschluss bewerben will. Er erhält nun bis zur Entscheidung in der Hauptsache vorläufig ein Zeugnis der
9. Klasse ohne Kopfnoten, wie das Gericht mitteilte. Gegen den Beschluss im Eilverfahren ist Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht möglich.

Die Noten für Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung berücksichtigten «in keiner Weise» Charakter und Persönlichkeit, familiäre Situation und außerschulische Lebensumstände, sagte Landesschülersprecher Noah Wehn. Das beeinflusse aber Lernverhalten, soziale Fähigkeiten, Arbeitsbereitschaft und -einsatz sowie Verhalten im Klassenverband stark. Eine Einschätzung in Form einer Zahl zeichne ein falsches Bild. Der Lehrer habe dabei großen Ermessensspielraum, die Note sei von Außenstehenden kaum nachvollziehbar.

Kopfnoten in Deutschland

Nach der Wende 1989 wurden die in der DDR üblichen Kopfnoten größtenteils abgeschafft – außer in Sachsen. Dort gibt es laut “Wikipedia” immer noch Zensuren für Betragen, Fleiß, Ordnung und Mitarbeit, die von 1 bis 5 als Noten vergeben werden.

In der Bundesrepublik wurden die Kopfnoten in den 1960er und 1970er Jahren in einigen Bundesländern abgeschafft. Lediglich in Baden-Württemberg, im Saarland und in Rheinland-Pfalz blieben sie für Verhalten und Mitarbeit stets erhalten. In Hessen und Niedersachsen gibt es die Kopfnoten „Arbeitsverhalten“ und „Sozialverhalten“, die von der 3. Klasse bis zum Ende der Sekundarstufe I (im G8-Modell: Jahrgang 10 einschließlich) vergeben werden. Auch für die Abstufungen gibt es keine einheitliche Regelung. Während beispielsweise in Rheinland-Pfalz nur vier Noten vergeben werden können (sehr gut, gut, befriedigend, unbefriedigend), sind in Hessen entsprechend den Fachnoten alle Noten von sehr gut bis ungenügend möglich, in Niedersachsen gibt es dagegen statt Noten fünf unterschiedliche schriftliche Bemerkungen.

Inzwischen wurden die Kopfnoten in einigen Ländern wieder eingeführt. Zum Schuljahr 2005/2006 wurden in Bayern in der dritten und vierten Klasse der Grundschule wieder Kopfnoten vergeben. In Brandenburg werden in der Grundschule ab der dritten Klasse wieder Kopfnoten vergeben. Auch Mecklenburg-Vorpommern vergibt Kopfnoten. In Nordrhein-Westfalen wurden sie 2010 nach der Einführung im Jahr 2007 jedoch bereits wieder abgeschafft.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Studie: Gute Kopfnoten gleichen schlechte Zensuren teilweise aus

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10 KOMMENTARE

  1. In RP erscheinen die Kopfnoten auf Abgangszeugnissen nicht. Schade, wird sich mancher Personalchef denken. Die können nur noch aus den Fehltagen Rückschlüsse ziehen.

    • Aus den Abschlussnoten kann man auch schon Rückschlüsse auf die Kopfnoten ziehen. Machen Sie sich mal den Spaß und ordnen einer anonymen Notenliste Kopfnoten zu. Die Korrelation ist erstaunlich und wird noch besser, wenn man noch das Geschlecht als Zusatzinformation gibt. Vorurteile gibt es nicht umsonst …

      • Gilt das dann nicht auch (so pauschal) umgekehrt? Aus Kopfnoten könnte man auch auf die Fachnoten schließen. Wäre das nun also ein Argument dafür, nur noch Kopfnoten zu vergeben?

          • Und warum geht das umgekehrt? Das gilt doch dann wieder genauso.

            Ist immer fleißig, ordentlich und benimmt sich gut, wer gute Noten in den Naturwissenschaften oder Sprachen hat?

          • Ist jedes Ass in Mathematik wirklich auch ein Teamplayer?

            Sie stellten diese These auf. Nicht ich!

          • Was haben den die oben im Artikel genannten “Fleiß, Ordnung und Mitarbeit” mit “Teamplayer” zu tun? Sie verwenden ungeniert eine “denglische” Modesprache von Pesonalmanagern in Unternehmen. Hier geht’s um die Schule.

          • @Herr M 18:18
            Die Extrema funktionieren: Generell gute Noten gelingen meist nur fleißigen und ordentlichen Schülern. Generell schlechte Noten korrelieren wegen der dramatisch gesunkenen Anforderungen, die geeignete Schulform vorausgesetzt, mit mangelndem Fleiß und mangelnder Ordnung. Solche Schüler langweilen sich im Zweifel im Unterricht und machen dann häufig Unsinn.

            Wohlgemerkt: Das sind alles Korrelationen, Ausnahmen gibt es natürlich reichlich.

      • In meiner Unterrichtspraxis funktioniert das nicht. Es gibt widerständige Schüler, die einfach unabhängig denken. Es gibt unterforderte, geniale Störer. Es gibt brave Viellerner, die nicht intelligent sind. Es gibt sehr aufmerksame Kinder, die alles lernen, aber nie den Mund aufmachen. Es gibt Störer, weil sie sowieso nichts kapieren. Die Kopfnoten Mitarbeit und Verhalten sind als Zusatz zu den Fachnoten wichtig.

  2. Kopf- oder besser Verhaltensnoten als Gegenstück zu den Fachnoten finde ich eine sinnvolle Rückmeldung an den Schüler. Es ist besser, sie in eigenen Kategorien zu bewerten, als sie mit den Fachnoten zu vermischen, da gibt es ja gegenwärtig die Note für Ordnung (Heftführung) und allüberall auch für die Mitarbeit. Ruhige, aber leistungsstarke Schüler werden so benachteiligt ebenso wie das Genie, das sein Chaos beherrscht.

    Man kann darauf verzichten, dass diese Bewertungen auf den Bewerbungszeugnissen erscheinen, wie manche Bundesländer es tun, obwohl sie ja oft gerade am interessantesten sind bei einer Bewerbung.

    Letztendlich muss Sachsen jetzt nur eine entsprechende Passage ins Gesetz einfügen. Kopfnoten sind also keineswegs unrechtmäßig, falls das jemand glauben möchte.

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