Der Digitalpakt kommt – doch die Technik allein wird wenig bringen. Jetzt benötigen Lehrer auch die Freiheit, sie sinnvoll einzusetzen

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Ein Kommentar von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf
News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek. Foto: Tina Umlauf

Was kommt früher – der BER oder der Digitalpakt? Dieser Witz machte unter News4teachers-Lesern auf Facebook die Runde, nachdem Grünen-Fraktionschefin Karin Göring-Eckardt Anfang der Woche wenig Optimismus bezüglich einer Einigung über die notwendige Grundgesetzänderung versprühte. „Da ist noch gar nichts im Sack“, sagte sie. Jetzt, Ende der Woche, ist der Sack voll – mit Geld. Fünf Milliarden Euro wird der Bund in den nächsten Jahren für die Digitalisierung der Schulen ausschütten, das sind immerhin 125.000 Euro pro Schule. Die Länder, Nutznießer des Pakts, werden dagegen kaum ein Veto einlegen (News4teachers berichtete). Rechnet man die Mittel dazu, die der Bund für schnelles Internet ausgeben will (und auch hier sollen die Schulen Vorrang haben) und das, was so manche ehrgeizige Kommune zusätzlich aufwendet, kommt alles in allem schon eine hübsche Summe zusammen, mit der sich viel bewegen lässt. Wenn …

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Der Digitalpakt ist, wissenschaftlich ausgedrückt, eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für einen zukunftsgewandten digitalen Unterricht. Ohne IT, klar, läuft nichts. Der Technikeinsatz allein verbessert aber auch noch nichts. Wer unter Digitalisierung versteht, die alten Schulbücher im PDF-Format auf den Bildschirm zu werfen – und ansonsten das Lehren und Lernen so belässt, wie wir es seit Jahrzehnten kennen –, der hat den grundlegenden Kulturwandel nicht verstanden, der mit der Digitalisierung einhergeht und der die Schulen längst erfasst hat, ob sie es wollen oder nicht. Woher, glauben Sie, holen sich heutige Mittelstufenschüler wohl ihre grundlegenden Informationen – aus dem Unterricht? Wer das glaubt, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Ein Online-Lehrer wie der Mathe-Coach Daniel Jung erreicht mit seinen fünfminütigen Videokursen nach eigenen Angaben eine Million junge Zuschauer – monatlich.

Heißt: Tradierter Unterricht wird zunehmend sinnlos. Wenn Schülerinnen und Schüler sich die Grundlagen des Stoffes ohnehin nachmittags aus dem Netz holen, lässt sich das auch nutzen – indem man sie, erstens, mit qualitativ hochwertigen, geprüften Online-Inhalten versorgt, und, zweitens, das dann abgestimmte Material gezielt zur Vorbereitung auf den Präsenzunterricht einsetzt. Der kann sich dann der Vertiefung des angeeigneten Wissens sowie der individuellen Förderung widmen. „Flipped Classroom“, so heißt das Konzept – eine von einer Vielzahl von Ideen, mit denen sich Schule im Digitalzeitalter von Grund auf neu gestalten lässt. Welche Fülle von Innovationen derzeit von Lehrkräften und Schulleitungen vorangetrieben wird, ließ sich vergangene Woche auf der #KonfBD 2018 des Forums Bildung Digitalisierung beobachten (hier geht es zu einem Bericht über die Konferenz).

Das Ende der Enzyklopädien

Welche Wucht die Digitalisierung entfaltet, macht das Schicksal der Enzyklopädien anschaulich: Brockhaus und Britannica galten bis vor 20 Jahren als der Hort jeglicher Allgemeinbildung – das offene Online-Lexikon Wikipedia hat die altehrwürdigen Wissenssammlungen innerhalb weniger Jahre hinweggefegt. So wird es jeder herkömmlichen Form der Wissensvermittlung von oben nach unten gehen. „Google ist schneller und besser“, so sagt PISA-Chef Andreas Schleicher. Das betrifft die Schule wie die Arbeitswelt. Gefordert sind deshalb Menschen, die Neues hervorbringen können, die kreativ und kommunikativ sind, die sich in Teams einbringen und flexibel auf neue Situationen einstellen können – und ebenso sollten Lernprozesse künftig aussehen. Offene Unterrichtsformen, die diese Eigenschaften fördern, benötigen aber Zeit. Solange die Lehrpläne vollstopft sind mit schier endlosen Vorgaben, wird es diese nicht geben.

Geld bereitstellen für digitale Technik – das reicht eben nicht. Damit ist die nächste Aufgabe für die Politik definiert: Schafft Platz, damit die IT auch sinnvoll angewendet werden kann. Entrümpelt die Lehrpläne! Nehmt Druck aus dem System! Gebt den Lehrkräften die Freiheit, die sie brauchen, um das zu vermitteln, worauf es wirklich ankommt! Für alles andere gibt es, richtig, Online-Kurse.

Der Kommentar wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Endlich – von Wanka versprochene Milliarden fließen! FDP und Grüne machen den Weg für die Digitalisierung der Schulen frei

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6 KOMMENTARE

  1. daniel jung stellt sich vor eine Tafel und rechnet eine Aufgabe vor.

    Ernst gemeinte Frage: Was macht ein Lehrer im traditionellen Unterricht anders?

    • Ernst gemeinte Antwort: Er macht es nicht online.

      Die Online-Lektionen sind kleine Häppchen, allzeit verfügbar, beliebig wiederholbar – und kein Schüler, der sie nutzt, steht dabei unter Notendruck.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek

      • Ich glaube, die ordnen die hohen Aufrufzahlen nicht richtig ein.
        Die Schüler lernen in der Schule den Stoff, das geht nämlich in so einem 6-Minuten-Video viel zu schnell, selbst wenn man es sich fünf mal anschaut. Und man kann den Typen da drin nichts fragen und ihn noch mal bitten, es anders zu erklären.

        Nach der Schule oder vor der Klassenarbeit sind sich die Schüler aber nicht sicher, haben vielleicht auch etwas aus der Stunde vergessen. JETZT – und erst jetzt – hilft das Video, weil das Grundwissen, das Grundgerüst schon da ist. Das Video ist eine Wiederholung ist Kurzform und natürlich auch besser als jedes Buch. Eben auch, weil der Videolehrer es etwas anders erklärt als der Schullehrer, und sei es nur durch die Verwendung von 1-2 anderen Worten. Als Student habe ich viel Nachhilfe gegeben und genau den gleichen Effekt bemerkt: Den gleichen Sachverhalt mit etwas anderen Worten erklärt erhöht den Lernerfolg erheblich, wenn schon ein Grundwissen/Grundgerüst da ist.

        Weitere Probleme des Lernens, die ein Video nicht löst, übersehen sie auch:
        – pubertäre Lustlosigkeit
        – unterschiedliche Lerntypen: In Mathematik lernen einige sehr formal, für die ist das verlinkte Video hervorragend. Andere lernen an konkreten Beispielen, für die könnte der Videolehrer dort genauso gut auf Chinesisch reden.
        – für Mathe: Modellieren können Sie nicht durch ein Video lernen

        • Ich finde den Kommentar auch gut…
          … und ergänze:
          a) zu den Lerntypen
          Es gibt durchaus SchülerInnen und Erwachsene, die sich Inhalte selbst über das Internet aneignen können und wollen. Aber wie viele sind das und wie viel Vorbildung benötigt man, um das zu können?
          Viele Menschen bevorzugen aus unterschiedlichen Gründen eine Lehrkraft, die es erklärt und strukturiert, Übungen, die kontrolliert WERDEN und Hilfe, wenn Fehler auftauchen, damit jemand den Fehler aufnimmt, analysiert und genau diese Stelle noch einmal aufgreift.

          und
          b) zur Online-Form
          Lernen braucht außerdem Austausch. Sicher kann man sich einiges auch über Bücher/ das Internet selbst aneigenen, vor allem das, was man auswendig lernen kann. Anderes braucht aber die Auseinandersetzung mit anderen!
          Dies zeigt sich auch bei Online-Kursen für Erwachsene, bei MOOCs u.a.. Dann sind es Foren, die zur Verfügung stehen und die, man sieht es auch hier, Moderation benötigen.

          Sicherlich gibt es einiges, dass in digitaler Form eine Bereicherung oder gar Erweiterung darstellt, meiner Meinung nach kann dies aber nur Ergänzung sein UND es muss wirklich gut vorbereitet und eingebunden sein. Davon sind wir noch weit entfernt.

    • “… kein Schüler, der sie nutzt, steht dabei unter Notendruck.”
      Soso, die Möglichkeit zu Online erteilten (Teil-)Noten existiert einfach nicht? Da muss ich widersprechen. Ich halte diese Vorstellung für fromme Naivität. Nicht vergessen: “Big Brother is watching you.” Selbstverständlich wird schon von der computerunterstützten Beurteilung erreichter Kompetenzen geredet. Und Ankreuz-Klausuren sind Online besonders einfach auswertbar. Selbst PISA geht inzwischen Online.

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