„Warteschleifen“ sind besser als ihr Ruf

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Berlin. Direkt nach der Schule in Ausbildung: Das gelingt nicht allen Jugendlichen. Rund 300.000 landen jährlich in sogenannten „Übergangsmaßnahmen“ wie dem Berufsvorbereitungsjahr. Diese oft als „Warteschleifen“ verpönten Qualifizierungen sind erfolgreicher, als gemeinhin angenommen, haben jetzt Berliner Sozialforscher ermittelt.

Jährlich wenden Bund und Länder mehre Millionen Euro für Maßnahmen auf, die leistungsschwache Schülern, die nicht auf Anhieb einen Ausbildungsplatz finden für das Berufsleben qualifizieren sollen. Über die Sinnhaftigkeit dieser Maßnahmen wird seit Jahren zum Teil heftig gestritten. Die empirische Datenbasis ist dabei erstaunlich dünn. Wie sehen die Ausbildungschancen der Jugendlichen nach der Teilnahme aus im Vergleich zu denen einer vergleichbaren Gruppe von Jugendlichen direkt nach der Schule?

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Was kommt nach der „Warteschleife“? In erstaunlich vielen Fällen offenbar eine Ausbildung und nicht das Jobcenter. Foto: Aktion Freiheit statt Angst / flickr (CC BY 2.0)
Was kommt nach der „Warteschleife“? In vielen Fällen offenbar eine Ausbildung und nicht das Jobcenter. Foto: Aktion Freiheit statt Angst / flickr (CC BY 2.0)

Dieser Frage ist jetzt ein Team des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung nachgegangen. Übergangsmaßnahmen, die Schulabgängern den Weg in eine Ausbildung oder einen Beruf ebnen sollen, sind insgesamt erfolgreicher als häufig behauptet, so das Ergebnis ihrer Studie. Etwa die Hälfte der jungen Leute, die solche sechsmonatigen bis zweijährigen Maßnahmen absolvierten, findet demnach anschließend einen Ausbildungsplatz. Gerade Jugendliche ohne Schulabschluss verbesserten ihre Chancen deutlich.

Das Team nutzte für die Untersuchung Daten des Nationalen Bildungspanels, in dem rund 16.000 Jugendliche seit der 9. Klasse befragt wurden. Darunter waren 3.400 Jugendliche mit einem niedrigen Bildungsabschluss, von denen 1.316 an einer Übergangsmaßnahme teilnahmen. Grundlage der Berechnung der Ausbildungschancen war ein Vergleich dieser Jugendlichen mit einer entsprechenden Gruppe von jungen Menschen, die sich direkt im Anschluss an die Schule um eine Ausbildung beworben bzw. diese begonnen hatten.

Zu den untersuchten Maßnahmen zählten etwa das Berufsvorbereitungsjahr, das Berufsgrundbildungsjahr, berufsvorbereitende Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, die betriebliche Einstiegsqualifizierung oder teilqualifizierende Lehrgänge an Berufsfachschulen. Sie zielen auf unterschiedliche Ergebnisse ab, einige auf das Nachholen eines Schulabschlusses, andere auf die Vermittlung betriebliche Kenntnisse oder auf die Kombination fachlichen Lernens mit der Möglichkeit, einen Betrieb genauer kennenzulernen. Rund 300.000 Jugendliche nehmen pro Jahr an solchen Maßnahmen teil (Stand: 2016). Kritiker bezeichnen das Übergangssystem als wenig effektive „Warteschleife“.

Wie stark die positive Wirkung einer Maßnahme ist, hänge wesentlich von der bisherigen Schullaufbahn ab. Am deutlichsten verbesserten sich die Chancen für Schulabgänger ohne Abschluss. Diese hätten nach einer Maßnahme eine 32 Prozentpunkte höhere Chance, eine Lehrstelle zu bekommen. Für ehemalige Förderschüler erhöhen sich die Chancen auf eine Lehrstelle sogar um 50 Prozentpunkte.

Ein nachgeholter Schulabschluss erhöhte erwartungsgemäß die Ausbildungschancen. Ebenso konnten allerdings Jugendliche ihre Chancen erhöhen, die während einer Maßnahme keinen Schulabschluss nachholten, aber viel Zeit im Betrieb verbrachten. Ein weiterer Aspekt der Untersuchung war der Zugang zu attraktiveren Ausbildungsberufen. So eröffnet ein nachgeholter Schulabschluss durchaus Wege zu begehrteren Ausbildungsplätzen, während Maßnahmen mit starker betrieblicher Anbindung seltener zu einer Lehrstelle mit höherem Status führten.

Nur wenige Jugendliche nutzen Übergangsmaßnahmen, um ihren Schulabschluss zu verbessern

Nach Meinung der Autoren widerlegten die Ergebnisse der Studie das häufig gefällte negative Pauschalurteil über das Übergangssystem: Gerade Jugendliche, die nach der Schule schlechte Aussichten auf dem Ausbildungsmarkt hätten, könnten durch die Teilnahme ihre Chancen auf eine Lehrstelle erhöhen.

Trotz dieser größtenteils positiven Befunde stellt die Studie auch fest, dass für die Hälfte der Jugendlichen ohne mittleren Schulabschluss die Teilnahme an einer Maßnahme nicht den gewünschten Erfolg hat. Ihr Weg führt nach der Maßnahme nicht in eine Ausbildung, sondern in eine weitere Maßnahme des Übergangssystems, in die Arbeitslosigkeit oder in eine gering qualifizierte Erwerbstätigkeit.

Für Jugendliche, die beim Verlassen der Schule bereits einen qualifizierenden oder erweiterten Hauptschulabschluss hatten, verbesserten die Maßnahmen die Ausbildungschancen deutlich weniger und teilweise gar nicht. Für sie stellt die Maßnahme tatsächlich häufig eine Warteschleife dar. Allerdings verschlechtere die Teilnahme auch nicht – wie oft angenommen – die Ausbildungschancen.

Insgesamt weise die Analyse zwei sinnvolle Wege zur Verbesserung der Ausbildungschancen von Jugendlichen, die den Umweg über das Übergangssystem gehen müssten: zum einen die Qualität solcher Maßnahmen zu verbessern, die die Möglichkeit des Nachholens oder Erwerbs eines höheren Schulabschlusses bieten. Zum anderen könnte eine deutliche Erhöhung des Anteils der Maßnahmen mit einer starken Betriebsanbindung die Ausbildungschancen von Jugendlichen verbessern. (zab, pm)

• Eine ausführliche Mitteilung zu den Studienergebnissen enthält die Dezemberausgabe der „WZB-Mitteilungen“.

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1 KOMMENTAR

  1. Wenn ich mir anschaue, wie hoch die Geburtenzahlen vor 20 Jahren waren, müssen alleine ca. 35 bis 40 Prozent eines Jahrgangs so geparkt werden. Und da sind noch nicht einmal die steigenden Abiturientenzahlen mit einberechnet. Ich schätze mal, dass so 50 bis 60 Prozent eines Jahrgangs auf weiterführenden Schulen, Unis, FHs etc. gepartk werden müssen, weil die Arbeitsmarktlage so schlecht ist.l

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