100 Jahre Waldorf-Schulen: “Kopf, Herz und Hand werden gleichermaßen gefördert” – ist das der bessere Weg?

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DRESDEN. Öko und esoterisch – Klischees über Waldorfschulen gibt es viele. Dennoch verbuchen sie 100 Jahre nach Gründung der ersten Einrichtung großen Zulauf. Vor allem im Osten.

An der Waldorfschule ist das Tempo langsamer, der Weg der Wissensvermittlung ein anderer als an Regelschulen. Foto: © Charlotte Fischer / Bund der Freien Waldorfschulen e.V.

Strickzeug hat niemand ausgepackt, gerade geht es an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe um Zellenlehre. Die Schüler der 11a justieren den Fokus ihrer Mikroskope. «Das ist der Einzeller Euglena – das Augentierchen», erklärt Biolehrer Albrecht Schad. Er unterrichtet in Stuttgart an der nach eigenen Angaben weltweit ältesten Waldorfschule. 2019 wird sie 100 Jahre alt. Im Jubiläumsjahr gibt es überall in Deutschland Feierlichkeiten, den Anfang macht an diesem Mittwoch (30. Januar) Sachsen.

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Ihre Namen haben die Waldorfschulen in Deutschland von der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Der Fabrikant Emil Molt wollte den Kindern seiner Arbeiter gute Schulbildung ermöglichen und gründete 1919 die erste Waldorfschule unter Leitung des umstrittenen Österreichers Rudolf Steiner (1861-1925). Steiners Lehre steht für die Orientierung des Menschen auf seine eigenen Stärken und ist bis heute maßgebend für die Waldorf-Pädagogik.

Waldorf ist eine Idee, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiert. Ihre Namen haben die derzeit 245 Schulen in Deutschland von der ehemaligen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Der Fabrikant Emil Molt wollte den Kindern seiner Arbeiter gute Schulbildung ermöglichen und gründete 1919 die erste Waldorfschule unter Leitung des umstrittenen Österreichers Rudolf Steiner (1861-1925). Steiners anthroposophische Lehre steht für die Orientierung des Menschen auf seine eigenen Stärken und ist bis heute maßgebend für die Waldorf-Pädagogik.

Auch die Dresdner Waldorfschule gehört mit ihrer Gründung vor 90 Jahren zu den ersten. Am 30. Januar wird im Deutschen Hygiene-Museum in der Stadt 100 Jahre Waldorfpädagogik gefeiert, es ist der Auftakt zu zahlreichen Veranstaltungen bundesweit.

Von den Nazis geschlossen, wurde die Schule 1945 neu gegründet. «Als einzige freie Schule in der sowjetischen Besatzungszone», berichtet Kehler. 1949 wurde sie geschlossen und nach der Wende neu gegründet. Ebenso entstanden Schulen in Leipzig, Chemnitz, Halle, Weimar und Magdeburg.

15 Waldorfschulen gibt es heute in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg oder in Rheinland-Pfalz sind es um die 60 – jeweils. «Gerade im Osten ist die Waldorfschulbewegung in Bewegung, da tut sich was», sagt Birgit Thiemann von der Region Mitte-Ost im Bund der Freien Waldorfschulen. Während der Markt im Westen gesättigt sei und die Schulen mancherorts um Schüler ringten, würden im Osten Schulen neu gegründet wie etwa derzeit in Chemnitz. Das Interesse, sein Kind an eine nicht-staatliche Schule zu schicken, sei gewachsen. Es gehe bei Waldorf um mehr, als nur seinen Namen zu tanzen, betont Thiemann. Das habe sich herumgesprochen.

Wurde früher Waldorf oft als esoterische Spinnerei abgetan, ist die Klientel mittlerweile breitgefächert. Heiner Barz, Professor für Erziehungswissenschaften und Autor von Waldorf-Studien sieht es als Gegenmodell zu einem Schulsystem, das zunehmend auf Leistung und Drill aus ist. «Ich beobachte eine Verschärfung des Leistungsklimas, es gibt immer mehr Tests.» Viele Eltern schauten sich deshalb nach einer Alternative um. «Nicht Dressur, Training und Auswendiglernen ist ihnen wichtig, sondern dass die Begabungen und Talente des Kindes individuell gefördert werden.» (Hier geht es zu einem Interview mit Barz.)

Andreas Becker, Lehrer für Mathe und Geografie an der Dresdner Waldorfschule, findet, dass durch Digitalisierung und die zunehmende Schnellebigkeit, bestimmte Sachen in der Entwicklung der Kinder zu kurz kommen. An der Waldorfschule ist das Tempo langsamer, der Weg der Wissensvermittlung ein anderer. Wer etwa eine Kugel aus Stein meißelt, muss auch eine mathematische Vorstellung davon im Kopf haben. Ans Ziel kommen die Waldorf-Schüler trotzdem, betont Becker: Nach 13 Jahren legen sie das reguläre sächsische Abitur ab.

Zwischen 40 und 66 Prozent haben in den vergangenen fünf Jahren ihr Abitur gemacht. Wechseln müssen sie dafür nicht: Die Jungen und Mädchen bleiben von der ersten Klasse bis zum Abschluss auf ihrer Schule. «Am Ende zählt das, was rauskommt, wenn die Kinder ihre Schulzeit beendet haben», sagt Schulleiter Kehler. «Sind es starke Menschen, sind sie in der Lage sich zu orientieren, gehen sie ihren eigenen Weg.»

Zu Waldorf gehört auch, den Umgang mit Smartphone und Computer gerade bei den Jüngeren kritisch zu sehen. In Dresden gilt ein striktes Verbot. «Im öffentlichen Raum bleibt das Handy aus», sagt Schulleiter Kehler. Dennoch komme das Smartphone im Unterricht ab und an zum Einsatz – etwa, wenn Fotos für ein Kunstprojekt gemacht werden. «Und wir haben auch Computerkabinette und Laptops».

Derzeit arbeitet Kehler mit den Lehrern an einem Curriculum, damit der Umgang mit den neuen Medien mehr Einzug im Unterricht hält. Kein leichtes Unterfangen, es wird viel diskutiert. Für Kehler steht fest, dass auch Waldorf ein Stück mit der Zeit gehen muss: «Wenn ich den Zeitgeist nicht aufgreife, kommt kein Schüler.» Von Christiane Raatz, dpa

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1 KOMMENTAR

  1. Waldorfschulen sind auf die Stärkung der Persönlichkeit der Schüler ausgerichtet.
    Das Prinzip des nachhaltigen Lernens mit Blockunterricht gehört mit zum Konzept des Lernens, das heißt man setzt sich zeitweise, etwa eine Woche lang, schwerpunktmäßig mit bestimmten Inhalten auseinander.
    Handwerkliche Fähigkeiten werden im Werkunterricht befördert, unterstützend vermittelt und dienen der Förderung der Persönlichkeit. Künstlerische und musikalische Fähigkeiten werden ebenso befördert.

    Die vermittelte Schrift ist vom ersten Tag an eine verbundene Schreibschrift, die dem Individuum es ermöglicht, eine eigene verbundene Handschrift zu entwickeln, was bei Druckschriften, auf Grund der fehlenden Anknüpfungspunkte rechts und links der Buchstaben, sowie des Schreibbewegungsablaufes von oben nach unten, nicht gelingt, und es so der Erklärung gedachter Luftverbindungen zwischen den Buchstaben bedarf, um dieses Defizit rhetorisch in euphemistischer Weise schönzureden.

    Die Waldorfschulen verfügen eben nicht über Zaubermeister in ihren Reihen, die derart eigenständiges Wissen durch die Kräfte der gruppenbezogenen Lerndynamik mit Selbstlernmethoden zu entfachen wüssten.

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