Bis zu 600 Wörter pro Minute: Schnelles Lesen lässt sich durchaus lernen – aber…

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MÜNCHEN. Sie heißen «Speedreader» oder «Turboleser»: Menschen, die Texte in Rekordzeit lesen und verstehen können. Eine Fähigkeiten, die in vielen Berufen sinnvoll sein kann. Doch funktioniert das Schnell-Lesen wirklich? Und was muss man dafür tun?

“Schnell-Leser werden dadurch, dass sie schneller lesen können, ja nicht zu Schnell-Denkern.” Foto: manfred walker / pixelio.de

Das Arbeitspapier in der Zigarettenpause erfassen oder das Vorlesungsskript des ganzen Semesters auf der Zugfahrt durcharbeiten – schnell lesen zu können, bringt vielen Menschen in Beruf und Ausbildung Vorteile. Wichtig ist: Wer ein richtiger Turboleser werden möchte, muss immer darauf achten, dass das Textverständnis nicht auf der Strecke bleibt. Und das ist nicht immer einfach.

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Peter Rösler, Autor des Buches «Grundlagen des Schnell-Lesens» hat grundsätzlich eine positive Nachricht: Schnell-Lesen kann man lernen. Das funktioniere aber nicht in zwei Tagen, sondern nur, wenn man sich genügend Zeit von mindestens zwei Wochen zum Erlernen nehme. Allerdings gilt: «Langdauernde Trainings wurden in der Wissenschaft praktisch noch nicht untersucht», so Rösler.

Sascha Schroeder, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Göttingen, steht dem Thema Schnell-Lesen eher skeptisch gegenüber: «Es gibt zwar Trainings und die führen auch dazu, dass die Leute das Gefühl haben, dass sie schneller lesen. Aber es gibt eigentlich keine Studie, die zeigt, dass es wirklich funktioniert.» Auf gleichem Verständnisniveau könne man seine Lesegeschwindigkeit nur bedingt modifizieren. Das führt dem Wissenschaftler zufolge fast immer dazu, dass man oberflächlicher liest.

Trotzdem könne es sinnvoll sein, die eigene Lesestrategie zu optimieren, so Schroeder, «weil ein Training auch das abdeckt, was wir als allgemeine Lesestrategien bezeichnen.» Also zum Beispiel, dass man erstmal den Titel eines Textes liest, den Text dann überfliegt und schließlich entscheidet, ob man ihn tiefer lesen möchte.

Auch Prof. Ralph Radach beschäftigt sich an der Universität Wuppertal schwerpunktmäßig mit dem Thema Leseforschung. Seine Meinung: «Viele Autoren schaden dem Ruf des Schnell-Lesens durch veraltete Ansichten zum Lesen, dubiose Behauptungen über Trainingsprozesse und nahezu sinnfreie Übungen.» Verstehendes Lesen sei vom Überfliegen, bei dem es nur darum gehe, sich einen Eindruck des Inhalts zu verschaffen, zu unterscheiden. Leseprozesse bräuchten Zeit, «aber man kann das Lesen tatsächlich durch gezieltes Üben beschleunigen. Realistisch ist es, bei gleichem Verständnisniveau eineinhalb bis zweimal schneller zu werden», so Radach.

Experten unterscheiden zwei Formen des Schnell-Lesens: das kleine und das große Schnell-Lesen. Normalerweise wird das Lese-Tempo durch das innerliche Mitsprechen des Textes limitiert. Ein durchschnittlicher Leser schafft etwa 250 Wörter pro Minute. Beim «kleinen Schnell-Lesen» trainieren die Leseschüler etappenweise, ihren inneren Mitsprecher zu beschleunigen. «Das Trainingsgrundprinzip ist simpel. Es lautet: Lies so schnell wie möglich, aber du musst noch alles verstehen», erklärt Peter Rösler. Mit einem Training über mehrere Wochen könne man es schaffen, das innere Mitsprechen auf bis zu 600 Wörter pro Minute hochzutrainieren.

Ein gutes Lese-Training zeichnet sich Radach zufolge dadurch aus, dass es eine gute Planung und Nachbereitung vermittelt. Das Lesen solle schrittweise schneller werden und sich statt auf einzelne Wörter mehr und mehr auf ganze Sinneinheiten beziehen. Gleichzeitig sollten zeitraubende Lesegewohnheiten, etwa häufige Rücksprünge, vermieden werden. Mittlerweile könne man auch Apps nutzen, um einen Eindruck vom Schnell-Lesen zu bekommen. Das erfordert aber viel Disziplin und Durchhaltevermögen.

Inneren Mitsprecher ausschalten

Anders als das «kleine Schnell-Lesen» verfolgt das «große» oder «optische Schnell-Lesen» das Ziel, die Sprachzentren im Kopf nicht zu trainieren, sondern sie zu umgehen. Bei dieser Form des Schnell-Lesens muss der innere Mitsprecher ausgeschaltet, der Sinn des Textes aber dennoch erfasst werden. Flächiges Sehen und eine slalomartige Blickführung sind dafür grundlegend. «Es dauert Monate, bis es klappt, und es funktioniert durchschnittlich nur bei jedem Zweiten, der es versucht», gibt Peter Rösler zu bedenken.

Manche Menschen beherrschen diese Form des Schnell-Lesens schon von Kindestagen an. Sie werden als «natürliche Schnell-Leser» bezeichnet. Das ist laut Rösler ungefähr einer aus 500. Wer das optische Lesen beherrscht, könne mehr als 1500 Wörter in der Minute, in manchen Fällen bis zu 6000 Wörter pro Minute, lesen. «Bei einer Untersuchung in unserem Labor hat ein optischer Leser 1000 Wörter pro Minute erreicht, bei nach wie vor gutem Verständnis. Hier liegt eine Expertise vor, wie im Leistungssport oder bei Schachmeistern, die sehr hohe Motivation und viel Training erfordert», berichtet Radach. Als normaler Leser solle man sich lieber realistische Ziele setzen, etwa eine Verdopplung der eigenen Lesegeschwindigkeit.

Egal, ob Speed-Reader oder nicht: Der Lese-Turbo bringt einen im Beruf oder an der Uni nicht automatisch weiter. «Schnell-Leser werden dadurch, dass sie schneller lesen können, ja nicht zu Schnell-Denkern», sagt Rösler. Einen komplexen Text, etwa für die Uni, wird man daher erstmal im Nachdenktempo lesen müssen. Rekapituliert man das Ganze dann, könne man dagegen im höchsten Tempo lesen, das man beherrscht. «Bei weiteren Lesedurchgängen kann das Schnell-Lesen also definitiv eingesetzt werden», so der Autor. Von Anke Dankers, dpa

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