“Entwurzelte Gruppe”: Deutschlands bekanntester Jugendforscher warnt davor, ein Fünftel der Schüler hängen zu lassen

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BERLIN. Deuschlands renommiertester Jugendforscher Klaus Hurrelmann hält die meisten Jugendlichen für resistent gegen extreme Einstellungen. Diejenigen, die den Anschluss zu verlieren drohten, seien allerdings dafür anfällig. Für sie sei es besonders wichtig, fit im Lesen, Schreiben und Rechnen zu werden – um Chancen zu bekommen, an der Gesellschaft teilzuhaben. Dies sei auch wichtig für die Demokratie in der Bundesrepublik. 

Prof. Klaus Hurrelmann, der langjährlige Leiter der renommierten Shell-Jugendstudie, wird in dieser Woche 75 Jahre alt. Foto: blu-news.org / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)
Prof. Klaus Hurrelmann, der langjährlige Leiter der renommierten Shell-Jugendstudie, wird in dieser Woche 75 Jahre alt. Foto: blu-news.org / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Jugendliche mit schlechten Berufsaussichten sind nach Überzeugung des Bildungsforschers Prof. Klaus Hurrelmann ein Risiko für die gesamte Gesellschaft. «Dieser Teil der jungen Generation ist leider nicht in der Lage, sich politisch stark zu artikulieren. Gerade die jungen Männer, die besonders betroffen sind, greifen dann dazu, radikale Parteien zu wählen, darunter auch rechtsextreme», sagte Hurrelmann im Gespräch.

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Die junge Generation insgesamt sei sehr resistent gegenüber rechtsextremen Positionen. Allerdings sei die Gesellschaft gleichzeitig stärker gespalten als früher, rund ein Fünftel habe das Gefühl, mit der Mehrheit nicht mithalten zu können.

«Dieses eine Fünftel muss uns Sorgen machen, das ist eine entwurzelte Gruppe», sagte Hurrelmann. «Und das strahlt über diese 20 Prozent hinaus, so dass wir hier ein Potenzial für ständige Unzufriedenheit, Unruhe, auch Hadern mit der Demokratie, der Politik und den Parteien haben.»

Hurrelmann, der am Donnerstag (10.1.2019) 75 Jahre alt wird, forderte bessere Angebote für Jugendliche zur Berufswahl. Sinnvoll sei aus seiner Sicht, allen Schulabgängern ein Jahr oder Halbjahr zur Berufsorientierung anzubieten – als verbindliche Alternative zum heutigen Freiwilligen Sozialen Jahr. Über solche Angebote müsse diskutiert werden, sagte der Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. «Auch weil es so schwer geworden ist, überhaupt zu wissen, was man will, bei fast 400 Ausbildungsgängen, die wir heute haben und bei wahrscheinlich fast 20.000 verschiedenen Studiengängen.»

Signal an die junge Generation

Die Weichenstellung nach dem Schulabschluss in die Ausbildung und Berufswelt verlange den jungen Leuten viel ab. «Ich würde die Jugendlichen an dieser Diskussion beteiligen und verschiedene Szenarien zur Wahl stellen», sagte Hurrelmann, der seit rund einem halben Jahrhundert zu Bildungs- und Jugendthemen forscht und lehrt. «Das wäre auch ein Signal der Politik an die junge Generation: Wir nehmen euch ernst, wir sehen mit Sorgen, dass ihr den Parteien und dem politischen System gegenüber so distanziert seid.»

Ein zentraler Punkt sei aber auch, gerade im digitalen Zeitalter in der Schule wieder mehr Wert auf Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu legen. «Es ist nicht etwa so, dass man die überspringen könnte, sondern im Gegenteil, ich muss darüber verfügen. Wer nicht in der Lage ist, Texte zu verstehen, ist komplett abgehängt. Und das trifft für dieses eine Fünftel zu», warnte Hurrelmann.

Bei denen, die keinen Schulabschluss schaffen, und denen, die keinen Ausbildungsplatz finden, fehle es oft an solchen Basiskompetenzen. «Hier müssen wir dringend ran, und die Schulen müssen ihren Lehrplan so umstellen, dass das wieder in den Vordergrund gerät», forderte der Bildungsforscher. Genauso wichtig sei aber auch, Kompetenzen für die Orientierung in der digitalen Welt zu vermitteln, angefangen vom Umgang mit dem Smartphone bis zu Grundkenntnissen über die großen digitalen Plattformen. «Hier haben wir einen enormen Nachholbedarf und müssen darauf achten, dass diese Kombination aus allgemeiner und digitaler Grundbildung in den Schulen eine viel größere Rolle spielt.»

KMK-Präsident will Bildungssprache Deutsch fördern

Der neu gewählte Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), Alexander Lorz (CDU), hatte am Wochenende angekündigt, die Förderung der Bildungssprache Deutsch in den Mittelpunkt seiner Amtszeit zu stellen. Ein gutes Deutsch sei das «Zugangstor zur gesamten Bildungslaufbahn», sagte Hessens Kultusminister in einem Interview. Im Blick habe er dabei ausdrücklich nicht nur Sprachkurse für zugewanderte junge Menschen.

«Mir geht es darum, alle Kinder so mit einer Bildungssprache Deutsch auszustatten, dass sie ihre Talente im Bildungssystem optimal entfalten können», sagte Lorz. Angesichts der heterogenen Zusammensetzung der Schülerschaft sei es von besonderer Bedeutung, diese Frage koordiniert in der KMK anzugehen. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Forscher Hurrelmann zur digitalen Bildung: „Ein Drittel der Lehrkräfte wird abgehängt.“ Und: Schüler nehmen Bücher kaum mehr ernst

 

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12 KOMMENTARE

  1. “Ein zentraler Punkt sei aber auch, gerade im digitalen Zeitalter in der Schule wieder mehr Wert auf Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu legen.” (so Hurrelmann oben)
    Dem ist nur zuzustimmen. Warum eigentlich ist man davon abgewichen, Herr Hurrelmann? Aber die komplette Abschaffung von Noten (wie in dem Artikel “Philologen-Chefin fordert strengere Abinoten” im Forum vorgeschlagen) würde doch die Sache wohl nur noch verschlimmern. Woher soll denn gerade bei den Problemschülern die dann nötige innere Motivation kommen (“ich will selber lernen”) ?

  2. Es wird langsam Zeit, dass Änderungen in der Grundschuldidaktik vorgenommen werden, Methoden der Selbstalphabetisierung, die unter anderem auch mit einer phasenweisen selbständigen Erschließung der Grapheme in der Druckschrift durch die Schüler erfolgt, aufgegeben werden und statt dessen strukturierte, effektive und zielorientierte Leselernmethoden, sowie die gezielte, anleitende Hinführung zu einer verbundenen Schreibschrift wieder Eingang finden, und die Lernmethoden sich nicht mehr an der ideologischen Denkweise einer lernwegorientierten Selbstlernmethodik orientieren.

  3. An alle Experten für die Grundschule:

    Der Lehrermangel in den Grundschulen ist massiv!
    Es wird als Quer/Seiten/Vorwärts/Rückwärts/Einsteiger alles genommen, was nicht bei drei auf den Bäumen sitzt!

    Kommt doch und macht es besser!
    Ihr wisst doch alle wie es geht!
    Stellt euer Wissen endlich der Allgemeinheit zr Verfügung und nicht nur ein paar Lesern dieser Seite!
    Eltern und Politik werden euch dankbar sein, endlich Experten in den Grundschulen!
    Und ihr dürft auch ruhig für A12 arbeiten, auch das dankt euch die Allgemeinheit!

    Wir erwarten euch!!!

    • Warum meint denn Herr Hurrelmann lt. obigen Artikel, “… in der Schule WIEDER MEHR WERT (!) auf Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu legen” ? War das zwischendurch etwa anders? War da der Lehrermangel die Ursache? Oder A12? Waren nicht Illusionen und einige “spinnerte” Reformideen die Ursache? Und wer hatte hier im Forum eben die Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen eingefordert? Glauben Sie das eher, wenn Hurrelmann es sagt?

      • Dank derartige Experten wurde der Lernweg selbst zum Ziel erklärt, dem Schüler möglichst viele Möglichkeiten zum eigenständigen Lernen vom ersten Schultag angeboten, sich selbst gesteuert die Schrift und das Lesen über die selbst erarbeitete zu erschließen, diese in die Mitverantwortung übernommen, Grundschüler zu kleinen Erwachsenen gemacht.
        Besonders nachhaltig wirken sich derartige Methoden auf die bekannten Risikogruppen aus, die in besonderer Weise von diesen Methoden kompromittiert werden und später um so intensiver und um so teurer für uns alle, gefördert werden müssen.
        Und nach dem 2. Schuljahr sinken die Aussichten auf eine erfolgreiche Erlernung der Grundfähigkeiten des Lesens und Schreibens weiter, bei weiterbestehender bestehender schlechter Ausgangslage.
        In den Anfängen, zu den frohen Lebzeiten des Propheten Reichen, hat man in Teilen der Anhänger dieser Pädagogik und auf Ratschlag der Experten munter weiter draufzugewartet.

  4. Nebenbei: Der gesamte Text ab dem Foto von Hurrelmann bis zur Überschrift “KMK-Präsident will …” scheint wörtlich so auch in der FAZ (sowie anderen Zeitungen) zu stehen:
    https://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/bildungsforscher-hurrelmann-lesen-und-schreiben-auch-im-digital-zeitalter-wichtig-15977946.html
    Hinzugefügt wurde das Datum seines 75. Geburtstags. die inhaltliche Diskussion hier im Forum ist allerdings merkwürdig mager. Wie ist das denn nun mit den auch sonst schon öfter diskutierten “Basiskompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen” ? Gibt Hurrelmann damit irgendwie zu, dass man sich zu viel um anderes gekümmert und das für wichtiger erklärt hat ?

    • Der Text stammt, wie sich an der Quellennennung erkennen lässt, von der Deutschen Presseagentur. Zu deren Abnehmernetz gehört (natürlich) nicht nur News4teachers, weshalb (selbstverständlich) dieser Beitrag – zumindest in ähnlicher Form – auch in anderen Medien erscheinen kann.

      News4teachers setzt allerdings Agenturberichte immer wieder auch in den Kontext der aktuellen bildungspolitischen Debatte – in diesem Fall: in den Zusammenhang zum Vorstoß des neuen KMK-Präsidenten, die Bildungssprache Deutsch besser fördern zu wollen. Die Diskussion um die Bildungsgerechtigkeit, die wir auf News4teachers intensiv führen, passt ebenfalls zu Hurrelmanns Aussagen: https://www.news4teachers.de/2019/01/wie-gerecht-ist-das-schulsystem-kinder-aus-armen-familien-werden-nach-wie-vor-benachteiligt-ein-debattenbeitrag/

      Die Redaktion

      • Das ist ja auch okay, ich kritisiere nicht diese Mehrfach-Publikation. Aber ich sehe nicht recht, was es bringen soll, dieses Fünftel von Risikoschülern mit der Bildungssprache zu beglücken, wie Herr Lorz es vorschlägt. Versucht man das im Prinzip nicht seit Gründung der Bundesrepublik (und in der DDR auch) ? Was war denn der Effekt? Man hat vielleicht gerade dadurch dieses Fünftel entstehen lassen, weil die Bildungssprache (auch bei einheimischen Deutschen) eben von der Familiensprache so weit abweicht. Kritiker haben doch öfter schon die Bildungssprache als Benachteiligung (von wegen Bildungsgerechtigkeit!) eben der Kinder aus bildungsfernen Schichten gebrandmarkt. Das müsste auch der Redaktion bekannt sein.
        Im übrigen schweigt sich Herr Hurrelmann dazu aus, WIE sein Ziel zu Lesen, Schreiben, Rechnen denn nun erreicht werden soll. In den offiziellen Bildungszielen der KMK und der Länder steht doch längst drin, was er will. Aber das wird eben nur postuliert und nicht realisiert.

    • Anscheinend scheut die Gegenseite eine inhaltliche Auseinandersetzung über inzwischen diskreditierte, aber weiterhin weit verbreitete Methoden des eigenständigem Lernens zur Selbstalphabetisierung im Rahmen einer sogenannten lernwegorientierten Erleichterungspädagogik.
      Allerdings ist die Elternseite für derartige Versuche der unterlassenen Hilfeleistung durch die Methoden einer vermeintlichen Individualisierung gerüstet, um die schlimmsten Auswirkungen auf die Alphabetisierung aufzufangen.

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