Lehrerfortbildungen: zu beliebig, zu wenig nachhaltig, zu selten im Team? Expertenbericht spricht von “One-Shot-Veranstaltungen”

17

HAMBURG. Ein Bericht namhafter Bildungsforscher lässt ahnen, woran es an vielen Fortbildungsveranstaltungen für Lehrer hapert: inhaltlich beliebig, zu wenig nachhaltig angelegt, ohne direkten Bezug zum Unterricht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und nur von einzelnen Lehrkräften besucht, also ohne Beteiligung des übrigen Kollegiums. Von “One-Shot-Veranstaltungen” ist dabei die Rede. Die Wissenschaftler fordern Bemerkenswertes: nämlich die Fortbilder fortzubilden.

Büffeln für besseren Unterricht: Lehrer in einer Fortbildung (dem Lehrerkongress 2013 Chemie Baden-Württemberg). Foto: Chemie-Verbände Baden-Württemberg / flickr (CC BY 2.0)
Der Fortbildungsbedarf im Lehrerberuf ist groß. Foto: Chemie-Verbände Baden-Württemberg / flickr (CC BY 2.0)

Warum sind so viele Schüler schlecht in Mathematik? Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) wollte das genauer wissen – und beauftragte ein Wissenschaftlergremium mit einer Analyse der Situation. Der insgesamt 72-seitige Bericht der Experten gibt etliche Handlungsempfehlungen, die auf eine stärkere Verbindlichkeit mathematischer Inhalte zielen, etwa mehr Klassenarbeiten und Klausuren, garantierte 21 Stunden Mathematik-Unterricht in den vier Grundschuljahren, weniger fachfremd erteilter Mathematik-Unterricht, eine intensivere Förderung leistungsstarker und -schwacher Schüler. Wie beiläufig findet sich in dem Gutachten allerdings auch eine geradezu vernichtende Kritik gängiger Fortbildungsangebote für (Mathematik-)Lehrkräfte, die sich womöglich auch auf andere Fächer und auf andere Bundesländer übertragen lässt – und die die Frage aufwirft: Wer bildet eigentlich die Fortbilder fort?

Anzeige


„Fortbildungskonzepte, die sich als wirksam erwiesen haben, verknüpfen Input- und Erarbeitungsphasen mit Erprobungs- und Anwendungsgelegenheiten im eigenen Unterricht  und regen die teilnehmenden Lehrkräfte zur Reflexion über ihr unterrichtliches Handeln an“, so heißt es in dem unter Leitung von Olaf Köller, Professor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) an der Universität Kiel, erarbeiteten Papier. Und weiter: „Solche Fortbildungskonzepte lassen sich nicht im Rahmen von  ‚One-Shot‘-Veranstaltungen an  einem Nachmittag umsetzen, sondern erstrecken sich über einen längeren Zeitraum, der umfangreichere, anspruchsvollere und vertiefte Lernaktivitäten ermöglicht.“

Dumm nur: Das Gros der Fortbildungsveranstaltung besteht aus solchen „Schnellschüssen”.  Wörtlich heißt es in dem Bericht, der sich zwar auf Hamburg bezieht, allerdings wohl bundesweit bestehende Probleme benennt: „Als organisatorische Charakteristika der Hamburger Fortbildungen lassen sich (…) sowohl für die Primarstufe als auch die Sekundarstufe folgende organisatorische Merkmale bei einem Großteil des Angebots identifizieren:

  • die Fortbildung besteht aus einer einmaligen Veranstaltung
  • die Fortbildung dauert einen Nachmittag (ca. 3 Stunden)
  • die Leitung der Fortbildung obliegt einem Praktiker/einer Praktikerin (gemäß dem Motto „von der Praxis für die Praxis“)
  • eine Beteiligung der Wissenschaft an der Konzeption und Durchführung der Fortbildung ist in der Regel nicht vorgesehen
  • vernetzende Maßnahmen zwischen den drei Phasen der Lehrerbildung sind nicht erkennbar
  • die Angebote adressieren eher  einzelne Lehrpersonen als Fachkollegien
  • die Implementation des Gelernten in den zu erteilenden Fachunterricht  liegt in der  Hand der einzelnen Lehrperson.

Auch wenn sicherlich nicht alle diese Aspekte auf jede Fortbildung zutreffen, so zeichnet die Dominanz dieser Merkmale ein Bild, wonach ein klassisches Verständnis von Professionalisierungsmaßnahmen dominiert, das einen geringen Einbezug von wissenschaftlicher Expertise erkennen lässt.“  Das wirft die Frage auf: Woher kommen eigentlich die Inhalte der Fortbildungen? Als Handlungsempfehlung sprechen sich die Wissenschaftler für eine „Qualifizierung von Fortbildnerinnen und Fortbildnern, Ausbilderinnen und Ausbildern der 2. Phase (Train the Trainer) und den Akteuren der Schulinspektion auf der Basis eines geteilten und evidenzbasierten Verständnisses fachlicher und fachdidaktischer Qualität des Mathematikunterrichts“ aus. Und für eine enge Zusammenarbeit von Fortbildern und Didaktikern aus den Hochschulen.

“Fokussierte Rückmeldungen”

Auch die angebotenen Formate der Fortbildungen stoßen auf Kritik. Insbesondere wenn es um die Weiterentwicklung des Unterrichts und um eine Veränderung unterrichtlicher Routinen und Skripts gehe, seien Professionalisierungsangebote vonnöten, die den teilnehmenden Lehrpersonen die Gelegenheit eröffnen, modellhaftes Handeln kennenzulernen, ihr  unterrichtliches Handeln zu reflektieren, neue Strategien und Handlungsmuster zu erproben  und hierauf Feedback zu erhalten. „Zahlreiche Studien belegen, dass Fortbildungskonzepte dann wirksam sind, wenn Lehrpersonen Feedback zu ihrem unterrichtlichen Handeln erhalten. Dies impliziert, dass Fortbildnerinnen und Fortbildner, andere Expertinnen und Experten oder Kolleginnen und Kollegen die an der Fortbildung teilnehmenden Lehrpersonen in ihrem Unterricht besuchen oder Videoaufnahmen aus dem Unterricht analysieren und fokussierte Rückmeldungen hierzu geben.“ Das aber finde eben kaum statt.

Ebenso selten gebe es Fortbildungen im Team, durch die sich Inhalte in die Breite des Kollegiums tragen ließen.  „Nur einzelne Lehrpersonen einer Schule auf eine Fortbildung zu »entsenden«, in der Hoffnung, dass diese die Fortbildungsinhalte z. B. im Rahmen einer Lehrerkonferenz  wirksam  an  den  Rest  des  Kollegiums  weitergeben  können,  stellt  eine  wirkungslose Transferstrategie dar.“ Heißt: Weitgehend sinnlos. Agentur für Bildungsjournalismus

Hier geht es zu dem Bericht der Mathematik-Expertenkommission.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

“Schuladoption”: Studenten übernehmen eine Woche lang den Unterricht – das Kollegium geht geschlossen zur Fortbildung

Anzeige


17 KOMMENTARE

  1. Zitat: “One-Shot-Veranstaltungen” — auf Deutsch hätte es ja keiner verstanden?!?

    Ja, von den meisten Fortbildungen hat man nicht viel. Ich war nun schon mehrfach beim 1.-Hilfe-Kurs, da ging es munter aktiv zu, alles selber machen und ausprobieren. Die Zeit ging im Fluge. Ich ging nach Hause und habe alles vergessen.

      • Ihre Schilderungen mit dem Erste-Hilfe Kurs finde ich (da selber Ausbilder) sehr sehr schade.
        Haben Sie denn kein Buch zum Kurs bekommen?
        Die wichtigste Regel bei der Ersten-Hilfe ist eigentlich, dass es wichtig ist, dass sie überhaupt etwas machen, und dass man wenig falsch machen kann. Wenn sie das mit nach Hause nehmen, haben sie mehr mit nach Hause genommen, als sie denken.
        Grundsätzlich ist es zum Beispiel vollkommen egal, wie welcher Arm oder welches Bein bei der stabilen Seitenlage liegt, wenn ich weiß, dass der Kopf überstreckt sein muss (wegen der Zunge) und das Erbrochenes über den Mundwinkel abfließen können muss.

  2. Da hier versucht wird, auf andere Bundesländer und andere Fächer zu übertragen, möchte ich auflisten, was meinen Unterricht im Lauf der Jahre weiter entwickelt hat:
    – die obligatorischen 2 stündigen nachmittäglichen Fortbildungen zum neuen Lehrplan in verschiedenen Fächern, gehalten von Lehrern, die als Multiplikatoren ausgebildetet wurden
    – die 3- 5 ganztägigen Lehrgänge an einem Thema, wo ich selbst bei mir Entwicklungsbedarf sah und die mein Interesse betrafen
    – die besuchten 2stündigen Verlagsveranstaltungen am Nachmittag, wo durch einen Schulbuchautor ein Schulbuch mit praktischen Beispielen und entsprechenden Hintergründen vorgestellt wurde
    – die 2stündigen Veranstaltungen auf Schulamtsebene am Nachmittag, die ich frei wählen konnte und die meinen Fortbildungsbedürfnissen entsprachen
    – die ebenso langen Einheiten der Lehrerverbände im Rahmen von Lehrertagen, Grundschultagen usw., die ich ebenso frei wählen konnte – diese kleinen Fortbildungseinheiten halten entweder erfahrene Lehrer oder auch einmal Hochschulprofessoren, falls sie dazu gewonnen werden können
    – der lockere kollegiale Austausch in Bezug auf Zusammenarbeit, wo man sich, indem man sich über die nächste Einheit unterhielt gegenseitig mit Ideen bereicherte
    – Recherchen im Internet auf Lehrerseiten und blogs
    – ein schulinternes Programm über kollegiale Hospitation, wo gemeinsam Unterricht geplant und durchgeführt wurde – nicht als Feedback gedacht, sondern als Anregung für andere bzw. als “beobachtetes Experiment”.
    – Wochenendtagungen bzw. 2tägige Tagungen zu einem Thema, ein Symposium – die waren immer sehr gewinnbringend, denn da waren wirklich Experten. Leider gibt es diese viel zu wenig, da würde ich mir viel mehr wünschen, dass man da als Lehrer öfter die Gelegenheit hätte, diese noch einigermaßen kilometertechnisch machbar zu besuchen und wenn diese öfter stattfinden würden. Gerade im Bereich Mathematik gab es dies schon öfter, aber leider nur selten in meiner geographischen Nähe.

    Bei den Fortbildungen war es egal, ob diese ein erfahrener Lehrer hielt, der sich auf dieses Thema spezialisiert hat und da viel Erfahrung mitbrachte oder ein guter Uniprofessor. Wenn es ein Lehrer ist, muss er sich über den theoretischen Hintergrund gut im Klaren sein, wenn es ein Uniprofessor ist, sollte dieser neben dem theoretischen Hintergrund vor allem viel gut entwickelte und erprobte Praxismodelle vorstellen und auch die Lehrer das ausprobieren lassen.

    Keinen großen Nutzen für meinen Unterricht hatte ich bisher bzw. habe es nicht angewandt bei
    – erzwungenen schulinternen Fortbildungen und praxisferne Fortbildungen auf anderer Ebene
    – exotischen Themen
    – Themen, die sich wiederholen oder was man so oder so schon weiß und nichts Neues bringt (manchen Veranstaltern fehlt da ein Gespür dafür)
    – kollegialen Fortbildungen – ein Kollege versucht etwas weiterzugeben, das ist eben nicht authentisch und nicht so gut wie im Original, zumal der Kollege sich auf dieses Thema ja nicht spezialisiert hat, deswegen bleibt da auch kaum etwas hängen
    – Literaturstudium nur bedingt – man muss es dann gleich ausprobieren, sonst vergisst man das wieder
    – Fortbildungen, gehalten von schulfremden Experten. Da merkte man, dass der Praxisbezug fehlte und man sich den Schulalltag nicht richtig vorstellen konnte.

    Um seinen Unterricht zu verbessern, eignen sich übrigens auch gut gemachte Lehrerbände und durchdachte Materialien zu einem Lehrwerk, die man adaptieren kann.

    Fortbildungen müssen den eigenen “Nerv” treffen, dann setzt man Dinge daraus um. Alles wird man nie übernehmen, aber einen Teil schon oder diesen als Anregung sehen und modifizieren.

    Denkt man eine kollegiale Hospitation an, muss man sich genau überlegen, wie man das durchführt. Der falsche Weg wäre, dass einer einen Unterricht zeigt und die anderen darauf herumhacken. So ein Konzept sollte eher davon leben, dass man gemeinsam Unterricht plant und einer oder mehrere probieren die Planung mit einer Klasse aus und andere beobachten. Danach guckt man, wie was gelaufen ist. So hat sich jeder Gedanken gemacht, jeder profitiert davon und der Einzelne steht nicht zu sehr im Fokus.

  3. Zitat: “Denkt man eine kollegiale Hospitation an, muss man sich genau überlegen, wie man das durchführt. Der falsche Weg wäre, dass einer einen Unterricht zeigt und die anderen darauf herumhacken. So ein Konzept sollte eher davon leben, dass man gemeinsam Unterricht plant und einer oder mehrere probieren die Planung mit einer Klasse aus und andere beobachten. Danach guckt man, wie was gelaufen ist. So hat sich jeder Gedanken gemacht, jeder profitiert davon und der Einzelne steht nicht zu sehr im Fokus.”

    Ja, sehr gut!

  4. Ich finde es wirklich schwierig, für gute Fortbildungen Kriterien zu finden.
    Eine Fortbildung am Nachmittag kann Gold wert sein, wenn sie – wie ysnp es schon schreibt – den Nerv trifft, genau dort ansetzt, wo es neue Aspekte benötigt oder bietet und diese praktikabel und schnell zu realisieren sind.

    Eine lange Fortbildung kann auch gut sein, sie kann aber ebenso absolut vertane Zeit sein, wenn Folien gezeigt werden, Curricula oder andere bereits bekannte Texte vorgelesen (!) werden, an der Praxis völlig vorbei doziert wird. DAS habe ICH in den letzten Jahren sehr häufig erlebt bzw. erleben müssen, denn auch ich muss zu verpflichtenden Fortbildungen gehen, die genau das bieten.

    Und auch hier wird es Vielfalt brauchen.
    Das Einarbeiten in neue Themen und neue Aufgaben ist so häufig notwendig, dass es bei den meisten Lehrkräften erst einmal selbstständig erfolgt. Auch das ist Fortbildung.

    Ich mag auch MOOCs und andere digitale Möglichkeiten und finde, dass diese viel zu wenig eingesetzt werden. An dieser Stelle wäre eine Verknüpfung von Lehre (Uni) und Praxis auch schneller zu ermöglichen und für das Flächenland umzusetzen. Da könnte es schon helfen, eine Plattform zu haben, auf der Dozierende und Professoren ihre Arbeit darstellen.

    Der Aufwand, zentrale Fortbildungen zu erreichen, ist immens. Ebenso aufwändig sind Hospitationsringe, die immer wieder empfohlen werden, für die es aber in der Praxis gar keine Möglichkeiten gibt, denn in dieser Zeit müssten diese Lehrkräfte in ihren Klassen vertreten werden! Es bringt nichts, dies einzufordern, wenn die dazu notwendigen Freistellungen nicht realisiert werden können.

    Einen möglicherweise guten Ansatz fand ich das, was man über SH in den letzten Tagen gelesen hat:
    Es gibt zu abgegrenzten Themen Webinare, die auch nachträglich angesehen werden konnten, zusätzlich eine Internetplattform mit Materialien. Sicherlich könnte man das auch als Kollegium nutzen und sich darüber austauschen. Dafür darf das Land dann gerne auch Fortbildungstage zur Verfügung stellen, damit die Bemühungen gemeinsam und zeitnah erfolgen können. Das würde die Möglichkeiten zur Fortbildung und Weiterentwicklung in den Kollegien wirklich erweitern.

  5. Ich hasse mittlerweile das Palaver an den sogenannten Studientagen. Ich würde da lieber Unterricht machen. Fällt nicht schon genug aus anderen Gründen aus?

    Und die Eltern müssen immer zusehen, wo sie ihre Kinder unterkriegen.

      • Gibt’s nur für SuS. Studientage sind Ersatzveranstaltungen, wenn Schule ausfällt z.B. wg. Lehrerfortbildung oder Abi-Prüfungen oder Lehrerausflug oder Elternsprechtagen. Anstelle des planmäßigen Unterrichtes haben die suS einen “Studientg”, sie sollen sich mit Aufgaben beschäftigen, die ihnen anstelle des Unterrichtes anheim gestellt werden.

        studientag ist ei Etikett, um nicht der vorgesetzten Dienststelle melden zu müssen, dass der unterricht ersatzlos ausfällt.

        • Es gibt bei uns die Möglichkeit, für schulinterne Lehrerfortbildung im Jahr genau EINEN Tag den Unterricht ausfallen zu lassen,
          natürlich bei angebotener Betreuung im Rahmen der Verlässlichen Grundschule.

          Alles andere, Elternsprechtage, Konferenzen, Schulentwicklung, Lehrerausflug, findet in der unterrichtsfreien Zeit statt.

  6. Ja, das Feilen an der Unterrichtsqualität wurde seit längerem vielerorts stiefmütterlich behandelt – eine Folge ideologischer Bildungspolitik wie landläufiger Forschungsskepsis. Schon 2013 musste Prof. Jörg Schlee (Uni Oldenburg) bilanzieren: “Schulentwicklung gescheitert”. Und warum? „Schulprogramme und Leitbilder haben Schülern nicht geholfen. (…) Der Nutzen von Steuergruppen konnte nicht nachgewiesen werden. (…) Es geht kaum um Unterrichtsverbesserung, und die zwischenmenschlichen Beziehungen werden zu wenig beachtet.“
    So merkwürdig es sich anhört: Lehrerkollegien brauchen Aufklärung über den aktuellen Stand der Unterrichtsforschung. Die Befunde der Hattie-Studie etwa, dieser weltgrößten Datensammlung über Lehr-Lern-Effekte, gehören gründlich aufgearbeitet, methodisch wie pädagogisch. Denn ihre Botschaft ist geradezu revolutionär: Die Mär vom selbstgesteuerten Lernen und eigenverantwortlichen Arbeiten etwa wird drastisch dekonstruiert, die Lehrperson hingegen als souveräne, aktivierende und feinfühlige Führungskraft ebenso rehabilitiert wie fokussiert. Ausgelaugte oder verunsicherte Lehrkräfte können vor diesem Hintergrund neue Unterrichtskraft schöpfen.
    Aber solches Aufarbeiten wirkt natürlich tiefer, wenn es langfristig angelegt ist und den kollegialen Austausch einschließt. Und es gelingt oft besser, wenn es von erfahrenen Praktikern geleitet wird, die trotz mühevollen Alltags pädagogische Begeisterung wachzuhalten oder neu anzufachen verstehen – für das Faszinierende eines Fachgebietes ebenso wie für das Spannende an schwierigen Schülern. Die neugegründete, von namhaften Forschern unterstützte “Initiative Unterrichtsqualität” (IUQ) gibt dazu bundesweit Anstöße.

  7. „Die Wissenschaftler fordern Bemerkenswertes: nämlich die Fortbilder fortzubilden“.
    Diese Haltung entspricht zwar der Philosophie des bestehenden Schulsystems welches weitgehend nach dem römischen Grundsatz funktioniert: Divide et impera!
    „Divide et impera (lateinisch für teile und herrsche) ist eine Redewendung (im lateinischen Imperativ); sie empfiehlt, eine zu besiegende oder zu beherrschende Gruppe (wie z. B. ein Volk) in Untergruppen mit einander widerstrebenden Interessen aufzuspalten. Dadurch soll erreicht werden, dass die Teilgruppen sich gegeneinander wenden, statt sich als Gruppe vereint gegen den gemeinsamen Feind zu stellen“. (Aus:Wikipedia)
    Die Frage, die dabei ungelöst bleibt, lautet: Wie sieht ein demokratisches Schulsystem aus, das die Lernenden während neun Jahren darauf vorbereitet, sich aktiv als eigenverantwortliche, mündige Bürgerinnen und Bürger am Staatswesen zu beteiligen. In einem Schulsystem ohne positive und negative Diskriminierungen, ohne Stigmatisierungen und Selektionen. Mit ausschliesslich optimaler individueller Förderung. Einer Zielsetzung, wie sie in den meisten rechtlichen Grundlagen vorgesehen ist.
    Fazit: Nachhaltige kollegiale Schulentwicklung ist dann möglich, wenn die Zielsetzung des Schulsystems geklärt ist. Ohne systemische Widersprüche und Dilemmatas (Fördern, integrieren, inkludieren UND selektionieren).

    • Wenn man warten will, bis sich Forscher und Schulentwickler über eine gemeinsame Richtung geeinigt haben, kann man die Fortbildungen getrost gleich einstampfen.

      Damit ist aber niemandem geholfen.

      Eine nachhaltige kollektive Schulentwicklung braucht hingegen nicht allein eine Zielsetzung, sondern eben auch Zeit und Raum, diese durchführen zu können, eine Möglichkeit, sich auszutauschen und zu entwickeln, dabei das Kollegium mitzunehmen. Das ist über nachmittägliche Konferenztermine nur schwer möglich.

      Dies wird aber derzeit erwartet, wenn ministerielle Vorgaben Schulentwicklung bedingen, auf die Schulen sich vorab nicht vorbereiten können, Rahmenbedingungen gar nicht verändert werden und die Arbeit hierfür umgehend aufzunehmen ist, wie z.B. bei der Beschulung von Migranten, durchgängige Sprachförderung oder die Umsetzung der Inklusion.
      Wenn die hierfür geltenden Bestimmungen spätestens nach der nächsten Wahl, gerne aber auch dazwischen innerhalb weniger Monate laufend verändert werden und die Versorgung der Schulen nicht hinreichend gewährleistet wird, läuft Schulentwicklung ins Leere.

      Dann müsste man sagen: Die Umsetzung kann erst erfolgen, nachdem Erlassen als Grundlage bekannt gegeben sind, festgelegten Rahmenbedingungen für Schulen umgesetzt wurden und entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen an der Schule durchgeführt werden konnten.
      Also auch nie!

      Es braucht offensichtlich andere Wege, die gewährleisten, dass Schulentwicklung stattfinden kann, selbst wenn Forscher sich nicht einig werden wollen.

  8. Komischerweise hielten die Professoren von Unis die Vorträge auf den Fortbildungen, die meinem Unterricht am wenigsten genutzt haben. Vor allem die Didaktik-Profs.

    • Das war oft so weit weg vom “realen” Unterricht, oft viel zu abgehoben. Meine Forderung würde lauten, dass es keinen Didaktik-Lehrstuhl gibt, an den nicht fest eine Schule angegliedert ist in der die Profs ihre Ideen ausprobieren müssen und zwar nicht nur einmal sondern im Dauerbetrieb, damit der “Neuigkeitsfaktor” ausgeschlossen werden kann.

  9. Erst einmal ging es allgemein um Lehrerfortbildungen.
    Diese müssen nicht generell Schulentwicklung (Schulprogramm, Konzepte, Veränderung im Schulsystem) betreffen, sondern können auch auf Aktuelles bezogen sein.
    Für mich gesprochen in den letzten Jahren: Alphabetisierung von Migranten, Einarbeitung in Förderschwerpunkte Hören und GE, Hochleistung, deren Aspekte und deren Förderung, Inhalte aus dem Bereich Digitalisierung und Auseinandersetzung mit dem Lehren mit Tablets in der Grundschule, neben den üblichen Inhalten der unterrichtlichen Fächer, so z.B. auch neue Curricula in mehreren Fächern mit gravierend veränderter Leistungsbewertung.

    Manches davon würde als effiziente Einzelveranstaltung ausreichen.
    Vieles entwickelt sich im Prozess über das Schuljahr oder mehrere hinweg und natürlich kann eine angemessene Begleitung sinnvoll sein.

    Alles ist stets aktuelles Tagesgeschäft.
    Etliches braucht schnelle Klärung, um entsprechend arbeiten zu können.
    Das entspricht dann nicht einer allgemeinen Schulentwicklung, muss aber eine sofortige Umsetzung bieten, die womöglich später auf den Prüfstand gestellt wird.

    Einzelveranstaltungen sind bei unterrichtlichen Themen beliebt, für vieles angemessen und in der Regel am Nachmittag angesetzt und darüber zeitlich begrenzt.
    Anders ist es, wenn man z.B. an Arbeitskreisen oder Unterrichtsentwicklung, wie z.B. Sinus-Transfer, teilnimmt, wo Inhalte vermittelt, im Unterricht erprobt und ausgewertet werden.
    Auch die Erarbeitung und Umsetzung neuer Curricula ist sinnvoller, wenn vorab Zeit dafür besteht, statt, wie in Nds. geschehen, diese rückwirkend während des laufenden Schuljahres einzusetzen – zudem in mehreren Hauptfächern.

    Vorstellen kann ich mir, dass man angesichts der schwierigen Situation in den Schulen (Lehrermangel, Vertretungssituation) andere Wege eröffnet, z.B. über digitale Möglichkeiten, die dann von Lehrkräften genutzt werden können, z.B. Online-Kurse, Plattformen, moderierte Foren.
    Das ist auch praktikabel für die Pflichtveranstaltungen, bei denen es einen festgelegten Vortrag zur festgelegten Präsentation gibt. Den könnte man sich auch im Internet angucken, statt Anfahrten in Kauf zu nehmen.
    Aber insgesamt würde ich mir unter derartigen Fortbildungen etwas anderes vorstellen, sodass KollegInnen oder Kollegien Abrufangebote zur Verfügung hätten, mit denen sie arbeiten können. Dabei wäre es möglich, qualitativ hochwertige Angebote flächendeckend bereitzustellen.
    Hierfür fände ich Anrechnungen oder Zeitausgleich sinnvoll, der erfolgen kann, wenn die angespannte Situation in den Schulen es zulässt, oder der bei aufwändigeren Maßnahmen in der Statistik mit erfasst wird: Ausgleich für Fortbildung oder Konzepterstellung während der Mehrbelastung oder zumindest nachträglich nach erfolgreicher Fortbildung.

    Über ähnliche Angebote ist vielleicht auch eine Verzahnung von Theorie und Praxis zumindest im Anfang zu gewähren und in der Fläche zu ermöglichen. Es bräuchte die Möglichkeit für Lehrkräfte, nach Verlassen der Hochschule Zugriff auf die Ergebnisse von Forschung und Lehre zu erhalten, um sich selbstständig fortbilden zu können. Es wäre ein bisschen wie eine Mischung aus 4teachers und News4teachers: Zusammenfassungen oder Artikel würden zur Verfügung gestellt, wären mit Schlagworten versehen und darüber auffindbar, über eine Kommentarfunktion oder ein angeschlossenes Forum zur Diskussion gestellt, an der sich auch AutorInnen beteiligen könnten. Sinnvoll wäre es womöglich Kurzabrisse oder Zusammenstellungen, eine Art Mediensichtung, innerhalb von Fachwissenschaften oder Forschungsbereichen zu bieten.
    Schulen und Lehrkräfte könnten hinsichtlich der Schulentwicklung aktuelle Umsetzungen und Wege zeigen, die darüber auch Eingang in die Universitäten finden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here