Hamburgs Schulsenator Rabe vergleicht die Rückkehr zu G9 mit dem Brexit

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HAMBURG. Seit 2010 gibt es in Hamburg das Zwei-Säulen-Modell aus Stadtteilschule und Gymnasium. Zugleich wurde die Zeit bis zum Abitur auf acht Jahre verkürzt. Die CDU will die Debatte darüber neu entfachen – in der Bürgerschaft stößt das auf wenig Zustimmung.

Rabe will an G8 festhalten. Foto: SPD Hamburg / flickr / CC BY-SA 2.0

Die CDU ist in der Hamburgischen Bürgerschaft mit ihrem Vorstoß zu einer möglichen Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren an den Gymnasien auf Kritik gestoßen. Vertreter der Koalitionsfraktionen von SPD und Grünen sowie der Linken warfen der CDU in der Aktuellen Stunde am Mittwoch vor, den seit 2010 geltenden Schulfrieden und die dadurch erreichten Bildungsfortschritte zu gefährden. Eine unüberlegte Rückkehr zu G9 sei ein Experiment mit ungewissem Ausgang auf Kosten der Schüler, warnte die FDP. Schulsenator Ties Rabe (SPD) sprach von Wahlkampftaktik, mit der die CDU eine Grundstimmung in der Bevölkerung instrumentalisieren wolle. Er verglich das Vorgehen mit der Brexit-Kampagne in Großbritannien.

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CDU-Fraktionschef André Trepoll wies den Vorwurf scharf zurück. Er forderte, die Debatte über die Verlängerung des 2020 auslaufenden Schulfriedens mit der Frage nach einem längeren Lernen am Gymnasium zu verbinden. Er berief sich auf Umfragen, wonach eine Mehrheit der Bürger dies befürworte. «Ganze 76 Prozent wollen das», sagte er. Es gehe der CDU nicht um die Strukturfrage, es «ist eine Qualitätsfrage», sagte Trepoll. Seine Fraktion hatte die Debatte mit dem Titel «Neuer Schulfrieden, Bildungsqualität und Wunsch nach längerem Lernen an Gymnasien – wie lange will sich Rot-Grün dieser Debatte noch verweigern?» für die Aktuelle Stunde angemeldet.

SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf verwies darauf, dass sich das Zwei-Säulen-Modell aus Stadtteilschule und Gymnasium bewährt habe. Die Bildungserfolge der vergangenen Jahre zeigten, «dass wir vom Kellerkind ins Mittelfeld gelangt und in einigen Bereichen zum Musterknaben geworden sind». Die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren bedeute einen zehnjährigen Veränderungsprozess, sagte Grünen-Fraktionschef Anjes Tjarks. «Deswegen läuft das Thema G9 auch dem Schulfrieden flächendeckend zuwider.»

“Es gibt schon G9”

Die Linken-Fraktionsvorsitzende Sabine Boeddinghaus verwies darauf, dass das Abitur schon jetzt an den Stadtteilschulen nach neun Jahren abgelegt werden könne. «Es gibt also schon G9.» Sollte auch an den Gymnasien wieder eine solche Möglichkeit eröffnet werden, würden die Stadtteilschulen «zu einer Schule der zweiten Wahl».

Auch die FDP-Fraktionschefin Anna von Treuenfels-Frowein warnte davor, dass die Stadtteilschule zur «Resteschule» werden könnte. «Was wir wirklich brauchen, ist eine Veränderung der Qualität.» Sie forderte unter anderem eine bessere Durchlässigkeit beider Schulformen, eine daran abgestimmte Lehrerausbildung und die Möglichkeit der Klassenwiederholung auf freiwilliger Basis.

Die AfD wolle am G8 generell festhalten, sagte ihr Fraktionsvorsitzender Alexander Wolf. Er sprach sich aber dafür aus, auch G9 an Gymnasien alternativ wieder möglich zu machen. Zudem müssten das Profil beider Schulformen geschärft und «homogenere Lerngruppen» gebildet werden, um Schüler mit starken und schwachen Leistungen gezielter fördern zu können. dpa

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5 KOMMENTARE

  1. “Eine unüberlegte Rückkehr zu G9 sei ein Experiment mit ungewissem Ausgang auf Kosten der Schüler, warnte die FDP. Schulsenator. […] Er verglich das Vorgehen mit der Brexit-Kampagne in Großbritannien.”
    Das ist nun wirklich eine Unverschämtheit! Der unüberlegte Übergang von G9 zu G8 war in gleicher Weise ein “Experiment mit ungewissem Ausgang auf Kosten der Schüler”, aber zugunsten des Finanzsenators.
    Wie war G8 eigentlich begründet worden? Davon wird nicht mehr geredet. Stattdessen wird das Argument aufgetischt, der Übergang selbst würde Unruhe in die Schulen bringen (hat er damals doch auch). Klar, dass die Linkspartei das Gymnasium nur als unliebsame Konkurrenz der Stadtteilschulen sieht und am liebsten ganz abschaffen würde. Das folgende Argument haben wir auch schon öfter gehört: Durch G9 an Gymnasien werden die Stadtteilschulen weniger attraktiv. Richtig wäre ja wohl, den Unterschied statt durch G8 und G9 auf leistungsmäßiger Ebene und vielleicht auch durch unterschiedliche Bildungsziele zu definieren: das Gymnasium definitiv als Studienvorbereitung, die Stadtteilschule dagegen breiter.
    Noch ein simples Argument für G9: In Schleswig-Holstein und in Niedersachsen ist man zu G9 zurückgekehrt, und Hamburg liegt direkt dazwischen. Dieser Bruch genau an den Stadtgrenzen ist ja wohl eine Karikatur eines Föderalismus

  2. “Eine unüberlegte Rückkehr zu G9 sei ein Experiment mit ungewissem Ausgang auf Kosten der Schüler” kann schon stimmen. Eine überlegte Rückkehr zu G9 ist bei weitem vorzuziehen.

    • Nachdem Bayern, Schleswig-H. und NRW zu G9 zurückgekehrt sind, hatten wohl Herr Rabe und auch die FDP genug Zeit, um Überlegungen dazu anzustellen. Der Brexit hat damit NICHTS zu tun, weil er das Ergebnis einer Volksabstimmung ist. Darum geht es hier doch gar nicht.

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