Wenn Schüler selbst entscheiden, was sie lernen wollen – immer mehr Alternativschulen

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WÜLFRATH/DÜSSSELDORF. Die Schulzeit verbinden viele mit Leistungsdruck. Mittlerweile gibt es aber einige Schulen, die es anders machen wollen. Doch ihr Weg ist nicht unumstritten.

Wenn Lizzy keine Lust auf Mathe hat, könnte sie es einfach mal sein lassen. Macht sie aber nicht. Lizzy geht in die neunte Klasse der Freien Aktiven Schule in Wülfrath (FASW) bei Düsseldorf. Und da ist vieles anders als an einer gewöhnlichen Schule.

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Die FASW ist eine Private Ersatzschule. Zum Schuljahr 2017/2018 gab es landesweit 548 solcher Schulen mit 209 350 Schülern – Tendenz steigend.

Auch wenn sie freiwillig lernen, widmen sich Schüler offenbar auch ungeliebten Fächern. Foto: Sinatra and Peter O. Chott / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)
Auch wenn sie freiwillig lernen, widmen sich Schüler offenbar auch ungeliebten Fächern. Foto: Sinatra and Peter O. Chott / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Wer selbst entscheiden kann, was er lernen will, der lernt auch lieber – so das Grundprinzip Freier Schulen. Aber machen die Kinder überhaupt noch Mathe und Rechtschreibung, wenn sie nicht müssen? «Ja», sagt Robert Freitag, Schulleiter der FASW. Denn die Schüler verstehen demnach, dass bestimmte Dinge wichtig sind. Und widmen sich auch ungeliebten Fächern.

Dabei lernen sie neben dem Schulstoff noch ganz andere Dinge, ist Freitag überzeugt: Was liegt mir? Und wie lerne ich am besten? Das Netto-Lernergebnis sei am Ende wie an öffentlichen Schulen, sagt der Schulleiter. Allerdings legen Forschungsergebnisse auch nahe, dass nicht alle Schüler mit der Freiheit gleich gut klarkommen.

Lizzy guckt an diesem Tag erstmal auf dem Dienstplan im Matheraum nach, welcher Lehrer heute da ist. «Bei manchen verstehe ich es einfach besser», sagt sie. Volumenberechnung steht auf ihrem Plan. Den hat sie zu Beginn der Woche mit ihrem Mentor besprochen. Zusammen haben sie Ziele für die Woche festgelegt. Wann sie was macht, teilt Lizzy sich selbst ein.

Selbst entscheiden, wann die Schule startet – Schulen berichten vom „offenen Anfang“

Hinter Freien Alternativschulen stehen häufig Elterninitiativen und Vereine. Gab es 2007 noch 444 solcher Einrichtungen in NRW, waren es zehn Jahre später schon knapp ein Viertel mehr, wie Zahlen des NRW-Schulministeriums zeigen. «Oftmals sind die Initiatoren unzufrieden mit den bestehenden, öffentlichen Schulen», sagt Tilmann Kern, Geschäftsführer des Bundesverbands Freier Alternativschulen (BFAS), der etwa 100 Schulen und Initiativen vertritt.

Wer sich entscheidet, eine eigene Schule zu gründen, braucht eine Genehmigung von der zuständigen Bezirksregierung. Voraussetzung ist laut Schulministerium etwa, «dass die Schule in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurücksteht».

In Düsseldorf gibt es seit etwa 13 Jahren eine solche Initiative. Mittlerweile ist der Antrag für die Gründung der «Demokratischen Schule Düsseldorf» eingereicht – im Herbst 2019 könnte es losgehen. Tom Knevels ist Teil der Initiative. Er hat selbst Lehramt studiert und eine Schule gesucht, hinter deren Konzept er steht. «Schule, das ist für viele nur Zeit absitzen», erinnert sich Knevels an seine Zeit als Schüler. Viele hätten sich danach kaum auf die «wirkliche Welt» vorbereitet gefühlt.

Mittlerweile ist er selbst Vater und möchte, dass seine Kinder andere Erfahrungen machen – an einer Schule, an der man sie ernst nehme. Doch der Weg dahin ist nicht einfach – vieles muss lange vor dem Start genau ausgefeilt und geplant sein. Wie kommen Schüler an welchen Abschluss? Wie finanziert sich die Schule? Wer soll welche Inhalte vermitteln?

Steht dann am Ende die perfekte Schule? «Es gibt keine Patentlösung für alle Schulprobleme», sagt Professor Rainer Barz aus der Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Nicht für jeden sei ein freies Modell das Richtige. Trotz positiver Eindrücke einer Studie, für die 947 Kinder an 38 Freien Alternativschulen befragt wurden, zeigt sich demnach auch: Manche Schüler können mit den Freiheiten nicht umgehen. Gerade lernschwache Kinder wünschten sich mehr Struktur, Ordnung und Orientierung – und sogar Noten als Bewertung. Immer wieder seien Schüler verunsichert, ob sie den Abschluss, den sie wollen, schaffen werden.

Was den Freien Schulen sonst fehlt? «Geld und Anerkennung in der Forschung», sagt Heiner Barz. Zwar werden sie vom Land gefördert, ohne Beiträge der Eltern gehe es aber meist nicht. Und auch wenn – wie in Wülfrath – Wert darauf gelegt wird, dass Geld kein Hindernis für den Besuch ist, kann es doch sein, dass bildungsferne Familien mit kleinem Einkommen eher Abstand von diesen Schulen nehmen.

Lizzy geht gerne auf die FASW. Mit Hilfe ihres Lehrers hat sie ihre Matheaufgaben schnell erledigt. Ob sie denn wirklich mal Tage hat, an denen sie so gar nichts macht? «Nein», sagt die Schülerin. Sicher, es komme mal vor, dass sie einen schlechten Tag habe. «Da setze ich mich schon mal in den Kunstraum und male zwei Stunden vor mich hin», sagt Lizzy. Aber meist finde sie auch an solchen Tagen die Motivation, noch etwas Sinnvolles zu machen. (Carolin Scholz, dpa)

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

So bringt man Teenager zum Lernen – was eine Expertin Eltern rät (nützlich auch für Lehrer!)

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21 KOMMENTARE

  1. Allgemeinbildung bedeutet, dass die Heranwachsenden von vielem Wichtigen etwas wissen sollen, um mündige Bürger zu werden. Allgemeinbildung bedeutet nicht, dass man nur lernt, was man lernen möchte, was einen interessiert, was Spaß macht. Das kann man später immer noch.

    • Man darf nicht übersehen, dass die Schulpflicht dazu geführt hat, Aberglauben und Vorurteile zu beseitigen und die Menschen somit etwas “vernünftiger” zu machen. Auch wenn es nach dieser oder jener Meinung noch nicht jeder ist, 🙂 , so sind sie es doch in der Masse mehr als vor Jahrhunderten noch!

      Z.B. an Hexen glaubt heute bei uns so ziemlich keiner mehr. Tiere würde man nicht mehr vor Gericht stellen. Blitz und Donner hält man nicht mehr für eine Strafe Gottes und dass Hygiene vor vielen Krankheiten schützt, kann nun jeder selbst beherzigen.

    • „…um mündige Bürger zu werden.“ braucht es Ihrer Meinung nach eines schulischen Curriculum?! Ich meine – um in ihren Duktus (siehe unten) zu bleiben, dass dies ein Aberglaube ist, den sie gern beseitigen können! Ich meine, nur weil ein Kind noch „unwissend“ ist, spreche ich ihm nicht die Mündigkeit ab!! Mündigkeit im rechtlichen Sinne, kann im Kontext eine bildugstheoretischen Fragestellung unbeachtlich bleiben. Wohl aber nicht die Mündigkeit im Sinne von „zu eigenem Urteil, selbstständiger Entscheidung befähigt[em Handeln, Anm. d.V.]“ (Duden) muss betrachtet werden und im Ergebnis auch den „noch unwissenden“ Kinder zugebilligt werden müssen.
      Wenn die lernpsychologische Grundannahme zutreffend ist, das Kinder nur richtig – also transferfähig und persönlichkeitsbildent – lernen, wenn der neue Lernstoff an altem Erfahrungswissen und einer damit verbundenen Motivwelt anknüpfen kann, dann verstehe ich nicht, das ein Auswählen von Lernstoff – je nach Motivlage des Kindes – nach ihrer Auffassung abzulehnen ist?!
      Sollte sich aber die Wissenvermittlung weiterhin an außerhalb der Person des Schülers liegenden Prämissen festmachen, dann lernen SuS lediglich, dass sie als Person (um die es ja eigentlich geht!) hier unbeachtlich bleibt. Schlimmstenfalls vermittelt – aus meiner Sicht – solch ein Vorgehen nur stumpfes Anpassungsverhalten, Selbstverleugnung und unterminiert das gesunde Autonomiestreben der SuS (den Leistungsdruck nicht zu vergessen!). Letztlich ist solch ein Denken und Tun – potentiell am Schüler vorbei die Schule zu organisieren – ein Aberglaube aus faustrechtlichen und vordemokratischen Zeiten, und somit in einer modernen Schule abzulehnen.

      • Ist das die Erklärung dafür, dass wir alle völlig stumpf angepasst, selbstverleugnend, Faustrechtsanhänger und nicht transferfähig geworden sind?
        Über Ihre Grammatik reden wir ein andermal.

        • Gehen Sie doch bitte auf die Argumente ein und wiederlegen sie diese gern mit Argumenten. Paraphrasieren macht aus meiner Sicht solch eine Diskussion nicht fruchtbar.
          Vielen Dank für ihre Bemühungen!

      • Den Grundschullehrerinnen müssen wir’s aber zeigen, die alle dermaßen am Schüler vorbei die Schule organisiert haben!! Die uns bekannten Lehrerinnen haben uns offensichtlich immer was vorgelogen. Mit “Schüler” ist natürlich nur der Junge in der Klasse gemeint, sonst hätten Sie sicher SuS geschrieben, oder?

      • Derartige Bildungsmodelle münden in die Unfähigkeit der Schüler, sich später in ihrer beruflichen Umwelt zurechtfinden zu können, weil wichtiges Wissen nicht mehr annähernd ausreichend vermittelt wird, wie Grias Di unten dies mit den Ergebnissen der Hattie-Studie angedeutet hat.
        Ihre Art zu denken erinnert stark an die Ideen der Herren Jesper Jul, Gerald Hüther und Precht.

        • Zugegeben, den o.g. Wissenschaftlern/Praktikern bin ich gedanklich doch sehr nahe, und fühle mich ganz wohl dabei.

          Ich gestehe ein, zur Hati-Studie habe ich noch nicht viel gelesen, und werde das nachholen, wenn sie bitte ihre Argumente (die konnte ich oben noch nicht finden, nur Andeutungen.) die Sie daraus abzuleitend gedenken, auch klar darstellen (Zitate z.Bsp.).

          “Derartige Bildungsmodelle münden ….” Nun, was meinen Sie, was in der Laborschule Bielefeld (um nur eine zu nennen) anderes gemacht wird, als der Heterogenität der SuS gerecht zu werden? Sollte es Ihnen – anhand von überprüfbarer Evidenzen – möglich sein zu belegen, das die SuS im späteren Leben “verpeilt” und lebensuntüchtig von der Schule abgehen, dann überdenke ich noch einmal meinen Standpunkt! Bis dahin meine ich schon, dass ein interessengeleitetes Lernen mehr Aussicht auf Erfolg hat.

          Wenn ich an solche überlieferten und unhinterfragbaren Setzungen wie Schulpflich, Zensuren, Leistungsdruck und einheitliche Curricula denke, dann halte ich es gern mit Kierkegaard, der mal gesagt haben muss: „Je mehr Leute es sind, die eine Sache glauben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansicht falsch ist. Menschen, die Recht haben, stehen meistens allein.“

          • Herr Hüther ist relativ einfach zu beschreiben, denn in seiner Funktion als selbsternannter Forscher für Neurobiologie, im beruflichen Leben aber als nachgeordneter Professor ohne Lehrauftrag der Neurologischen Klinik in Göttingen angestellt, der sein Dasein im Zimmer 154 fristet und sich autodidaktisch angelesenes Wissen angeeignet hat, in seinen öffentlichen Auftritten vor übervollen Rängen in großen Hörsälen, einem evangelikalen Heilsverkünder gleich, so schreitet er die vollen Ränge ab, verkündet sein angelesenes Wissen in Verbindung mit eingestreuten Anekdoten, sowie basale Kenntnisse des Bildungswissens, um seine Zuhörer in seinen Bann zu ziehen.
            Einem evangelikalen Wanderprediger gleich, ruft er begeisterte Lacher der Zuhörer hervor, zieht die Zuhörer in seinen Bann, um diese dann mit Theorien der Potentialentfaltung durch eine postulierte Gruppendynamik zu begeistern.
            Dabei wird der gesamte Stand der Lehrer, deren Methoden und Wirken, unkritisch einem Generalverdacht unterzogen, das System Schule generell in seiner heutigen Form in Frage gestellt, ohne dass nachhaltig bewiesene Gegenmodelle dem entgegengesetzt werden.
            Sie finden in der Wochenzeitung Zeit Online einen entsprechenden Artikel über diese Denkweisen und Hauptprotagonisten unter dem Titel “Die Stunde der Propheten” .

          • @Marco Riemer
            Ich kenne diese Laborschule zu gut, weiß von Schülern, die , um einen Schulabschluss zu schaffen, eben auf andere Schulen wechselten, wie dem Gymnasium Bethel, und sich dadurch beschreiben ließen, dass ihnen jegliche Einschätzung eigener Leistungen fehlte,
            Ich kenne direkte Kontaktpersonen zu diesem abgeschlossenen Kreis einer abgeschotteten Schulgemeinde. Ma reist viel, lernt nette Menschen kennen bereist das Ausland, aber essentiell wichtiges für die Persönlichkeit wird nicht vermittelt. Es werden keine selbst reflektierenden Fähigkeiten, geschweige denn eine Kritikfähigkeit vermittelt.

  2. Heute muss Dennis sein Lernpaket bearbeiten. Hip-Hop oder Holocaust – was möchte Dennis zuerst “bearbeiten”?
    ………………………………………………………

  3. Lieber drd,

    wenn das Bearbeiten von Hip-Hop hilft, keinen Holocaust mehr zu veranstalten, können wir zufrieden sein. Die Shoah wäre ohne die maßgebliche Beteiligung gebildeter Menschen nicht durchführbar gewesen und selbstverständlich auch nicht ohne die Beteiligung Ungebildeter. Es hat wohl an etwas Anderem gefehlt.
    Eine Diskussion über den Bildungsbegriff, also was Bildung ist oder sein könnte und sollte, könnte vielleicht Licht ins Dunkel eindimensionaler Anschauungen bringen. Ein Blick auf die Historie des Bildungsbegriffs ist auf jeden Fall lohnenswert.

  4. alleine in der Umgebung von Düsseldorf gibt es nicht nur Wülfrath als anerkannte freie Schule, sondern inzwischen auch “den Fasan” in MG.

    Neben der Initiative in Düsseldorf (siehe Text) gibt es weitere Gründungsinitiativen in Velbert und Essen.

  5. Fassen wir zusammen:

    -Kinder von Eltern, die Elterninitativen gründen.
    -Lernstarke Kinder.
    -Stufen sind nicht angegeben, ich würde auf Grundschule tippen, in den Jahren wollen überproportional viele Kinder noch das Lernen, was Schule einem beibringen soll.

    Studien solcher Schulen haben in meinen Augen genau KEINE Aussagekraft.
    Sollen die doch mal das gleiche Experiment an einer Hauptschule einer Millionenstadt in den Jahrgangsstuden 7 und 8 machen, gerne dürfen sie die Kinder auch mehrere Jahre darauf hinarbeiten lassen.

  6. Gibt es irgendwelche Studien, die belegen, dass diese Form von Lernen wirksam ist?
    Laut PISA-Studie 2015 gehört das “Entdeckende Lernen” zu den Unterrichtsmethoden, die am schlechtesten abschnitten. Mit entdeckendem Lernen ist hier gemeint: “Studends are allowed to design their own experiments”. Auch schlecht abgeschnitten haben die Unterrichtsmethoden “Studends are asked to do an investigation to test ideas” sowie “Students spend time in the laboratory doing practical experiments”. Alles Unterrichtsmethoden die auf die Eigentätigkeit der SchülerInnen setzen, die genannten Methoden belegen in ihrer Wirksamkeit (nach PISA) die letzten Plätze.
    Auch Gerhard Roth hat in seinem Buch “Bildung braucht Persönlichkeit” bei seiner Analyse von einem geringen Wirkungsgrad von SRL (SelbstReguliertem Lernen)-Ansätzen in der Schulischen Praxis gesprochen. Auch konnte seinen Worten nach in Studien keine Korrelation zwischen der Ausrichtung des Unterrichts auf selbstreguliertes Lernen und einer intrinsischen Leistungsmotivation der Lernenden festgestellt werden.

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