Projekt: Studenten als Paten für arme Grundschüler – sie bringen ihnen die Bildung nahe

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FRANKFURT/MAIN. «Balu» und «Mogli» entdecken gemeinsam den Großstadtdschungel. Studenten helfen in einem Projekt Grundschülern – und für die Duos gibt es dabei viel zu lachen. Der Hintergrund ist aber ein ernster: Vor allem sozial benachteiligten Kindern sollen aus dem Projekt bessere Bildungschancen erwachsen.

Die Kinder profitieren vom Kontakt mit den Studenten enorm. Foto: Shutterstock

An der Frankfurter Goethe-Uni beugen sich «Balu» und «Mogli» über ein Sachbuch für Kinder. Die elfjährige Merihen liest die Anleitung für ein Experiment vor, Studentin Melissa hört ihr zu. Die beiden treffen sich regelmäßig und verbringen Zeit miteinander. Die Studentin soll für die Schülerin eine starke Unterstützerin und Freundin sein – so wie der Bär Balu für den Jungen Mogli im «Dschungelbuch».

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«Das Ziel ist, dass “Balus” die “Moglis” nebenbei fördern, also dass die “Moglis” wirklich informell ganz viel lernen», erklärt Chiara Schomburg. Sie koordiniert das Projekt in Frankfurt. In ihrem Büro an der Goethe-Uni können sich die «Balus» und «Moglis» Bücher und Spiele ausleihen. An der Wand hängen Fotos lachender junger Menschen: Viele der ehemaligen Teams sind hier verewigt. 150 Grundschulkinder haben seit dem Projektstart vor zwölf Jahren bereits mitgemacht.

Deutschlandweit gibt es nach Angaben des Vereins «Balu und Du» derzeit 1004 Duos an 103 Standorten. In Hessen ist gerade der vierte Standort dazu gekommen: Nach Frankfurt, Grünberg (Kreis Gießen) und Marburg begleiten nun auch im mittelhessischen Lollar insgesamt 46 junge Erwachsene je ein Grundschulkind.

Wöchentliche Treffen über ein Jahr

Ein Jahr lang treffen sich die Teams wöchentlich und erkunden zu zweit die Stadt. Dabei lernen die «Moglis» oft kleine, aber wichtige Dinge, wie Schomburg sagt: «Zum Beispiel: wie kaufe ich mir eigentlich eine Fahrkarte für den Bus, wie finden wir den Weg, wie reservieren wir Karten fürs Kino, wie verhalte ich mich in einer vollen U-Bahnstation?» Oft sei den Kindern dabei gar nicht bewusst, dass sie gerade ihre Alltagskompetenzen trainieren.

Bei Merihen und Melissa lief es so gut, dass sie sich seit fast zwei Jahren treffen. «Mit Melissa kann man immer lachen über alles und man hat immer Spaß», sagt Merihen. Jedes Mal unternehmen die beiden etwas anderes: Frisbee oder Minigolf spielen, Schlittschuh fahren oder daheim Lesen. «Wir denken uns immer etwas aus», sagt Melissa. «Oder wir gehen zum Abenteuerspielplatz mit den Inlinern», ergänzt Merihen. Zusammen waren sie zum ersten Mal im Klettergarten – und Merihen balancierte mutig voran, wie ein richtiger «Mogli». «Ich bin kaum hinterhergekommen», sagt Melissa.

Das Mentorenprogramm wurde 2001 an der Uni Osnabrück und beim Caritasverband Köln aufgezogen. Eine erste Evaluierung der Hochschule hat gezeigt: Eltern beschreiben ihre Kinder nach dem einjährigen Programm als glücklicher, selbstständiger, sicherer, aufgeschlossener und entspannter. Im Durchschnitt kommen ehemalige «Moglis» im Alltag besser zurecht, können Konflikte besser lösen und bekommen eine bessere Bildung. Besonders Kinder, die davor Schwierigkeiten in bestimmten Bereichen hatten, hätten profitiert: mehr Lust auf Schule, ein realistischeres Bild von sich, bessere Konzentration, einfach sich besser fühlen.

Der Verein will Grundschulkindern helfen, die mit ein bisschen Unterstützung ihre Begabungen besser nutzen könnten. Die Lehrer überlegen, welches Kind von der Eins-zu-Eins-Betreuung besonders profitieren würde. Manche Kinder seien anfangs aufgedreht, andere sehr ruhig, andere könnten bei einem Schulwechsel eine Begleitperson gut gebrauchen. «Die “Balus” lernen die Kinder oft nochmal ganz anders kennen», erklärt Schomburg.

Damit Vertrauen wachsen kann und eine besondere Beziehung entsteht, sollen «Balus» nicht älter als 30 Jahre sein. «Der “Balu” soll wirklich so eine junge erwachsene Person sein, die dann auch alles mitmacht. Die mit aufs Klettergerüst muss und mit ins Schwimmbad und mit in den Kletterwald und nicht am Rand steht und zuguckt, sondern mittendrin im Geschehen ist», beschreibt Schomburg.

Das scheinen sowohl Merihen als auch Melissa zu genießen. «Merihen ist immer so fröhlich und positiv und mutig. Wir harmonieren einfach richtig gut», sagt Melissa. Dank Merihen rede sie jetzt langsamer und deutlicher. Und bevor sie sich einmal länger nicht sehen konnten, hat Merihen von Melissa gelernt, wie man einen Brief versendet. Eines möchte Melissa ihrem «Mogli» ganz besonders mitgeben: «Dass ich immer da bin, wenn etwas ist. Dass die Verbindung nicht einfach weg ist.» Von Ann-Kristin Wenzel, dpa

Wissenschaftlich evaluiert

Im Rahmen einer Dissertation wurde die Entwicklung von Resilienz, also Widerstandskraft, sozial benachteiligter Grundschulkinder durch das Mentorenprogramm „Balu und Du“ untersucht. Fazit der Autorin Sibylle Annemargret Drexler: „Die vielfältigen positiven Ergebnisse beispielsweise hinsichtlich der Empathiefähigkeit, der Konzentrationsfähigkeit, der Entscheidungsfähigkeit und der sozialen Beziehungen zu anderen Kindern ermöglichen eine grundsätzliche Diskussion über den gesellschaftlichen Stellenwert niedrigschwelliger, ehrenamtlicher und damit auch kostengünstiger Mentorenprogramme zur Förderung von sozial benachteiligten Kindern.“

Familiäre Bildungsarmut, körperliche und psychische Vernachlässigungen oder ökonomische Deprivation führten bereits im Kindesalter zu fehlenden bzw. fehlgeleiteten informellen Lernprozessen und sozialer Benachteiligung, welche pädagogisch wertvolle Früherfahrungen verhindern und die gesundheitsbezogene Lebensqualität schwer beeinträchtigen können, so heißt es in der Studie. Im Mittelpunkt des quasi-experimentellen Untersuchungsdesigns mit Kontrollgruppe und zwei Untersuchungszeitpunkten stand die Beantwortung der Frage, ob und in welchem Ausmaß die Teilnahme am Mentorenprogramm „Balu und Du“ bei sozial benachteiligten Grundschulkindern zu Resilienzprozessen in Form von positiven Lebensstiländerungen und Verbesserungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität führte.

Für die vom Bundesbildungsministerium geförderte Evaluationsstudie wurden insgesamt 299 Kinder zwischen sechs und zehn Jahren jeweils zu Projektbeginn wie auch am Projektende zwei Unterrichtsstunden lang anhand von projektspezifisch entwickelten Erhebungsinstrumenten und standardisierten Erhebungsinstrumenten befragt und getestet. Zudem füllten ihre Grundschullehrer jeweils zu beiden Erhebungszeitpunkten Fragebögen zu der psychischen, körperlichen und sozialen Lebensqualität der Kinder aus.

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2 KOMMENTARE

  1. Tolle Sache, würde ich auch gerne in unserer Gemeinde sehen, ich habe viele Schüler die von dieser „Big brother/ sister“ profitieren würden.
    Leider gibt es das wohl nur in Großstädten.

    • Als Mann würde ich mich aber hüten, an dem Programm teilzunehmen. Wenn das Kind vom Alter oder Aussehen her nicht das eigene sein kann, ist der Pädophilieverdacht garantiert.

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