Interview mit Schleicher: “Wir sollten die guten Ideen aus den Klassenzimmern ins System holen – das ist das Entscheidende“

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KÖLN. OECD-Direktor Andreas Schleicher ist der wohl einflussreichste Bildungsforscher der Welt. Seit fast 20 Jahren leitet der studierte Physiker und Mathematiker die PISA-Studie – er berät Regierungen, schreibt Bücher (“Weltklasse: Schule für das 21. Jahrhundert gestalten”) und hält Vorträge. In der vergangenen Woche trat der Honorarprofessor der Universität Heidelberg auf der didacta in Köln auf. News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek sprach mit ihm über die Folgen der Digitalisierung für die Schulen.

Hier geht es zu Teil 1 des Interviews.

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Die Studie zeigt laut PISA-Chef Andreas Schleicher, dass die Teamfähigkeit dort besser sei, wo Unterricht mehr Raum für Interaktion biete. Foto: re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)
Äußert sich deutlich: OECD-Direktor und PISA-Chef Andreas Schleicher. Foto: re:publica / flickr (CC BY-SA 2.0)

In Ihrem Buch „World class“ beschreiben Sie die fünf besten Bildungssysteme weltweit: Singapur, Estland, Kanada, Finnland und Shanghai und sprechen vom „changing face of successful school systems“. Was unterscheidet diese Schulsysteme von dem deutschen?

Andreas Schleicher: Bei den Nachbarländern kann sich Deutschland schon viel abschauen. Die Niederlande zum Beispiel haben ein sehr dynamisches, flexibles Schulsystem, in dem es sehr viel mehr Vielfalt, sehr viel mehr Freiräume und Kreativität gibt. Oder Belgien, gerade der flämische Teil. Dort ist zum Beispiel Entrepreneurship eine wichtige Schlüsselkompetenz – Schüler  lernen früh, verantwortlich zu handeln.

Es gibt  unglaublich viele Beispiele. Wenn wir nach Dänemark schauen: Soziale Kompetenzen werden dort sehr gut vermittelt. Der Einwand, wir haben eine andere Kultur und können deshalb nichts übernehmen, dient auch oft als Ausrede.  Wir können alle voneinander lernen. Die Chinesen lernen auch von uns, das kann ich Ihnen versichern, obwohl die aus einer anderen Kultur kommen. Die schauen sich ganz genau an, was Deutschland gut macht. Genau so sollten wir das auch machen.

Es geht nicht ums Kopieren. Es geht darum zu verstehen, was macht bestimmte Bildungssysteme erfolgreich – und was können wir davon lernen?  Schauen Sie mal nach Singapur oder nach Shanghai. Da haben Lehrkräfte etwa die Hälfte der Unterrichtsverpflichtung wie Lehrkräfte in Deutschland – arbeiten aber mehr. Das heißt: Sie haben viel mehr Gelegenheit zum kollegialen Austausch. Sie machen Hospitationen, schauen sich an, wie der Unterricht woanders funktioniert.

Im Zeitalter der Digitalisierung brauchen wir alle mehr Zeit für lebensbegleitendes Lernen. Wir können nicht von unseren Schülern erwarten, lebensbegleitend zu lernen, wenn sie nicht jeden Tag ihre Lehrer sehen, wie die sich selber weiter entwickeln. Aber dafür braucht man Zeit und Raum. Ich sehe keinen Grund, warum sich Deutschland in diesem Punkt an diesen asiatischen Systemen kein Beispiel nehmen kann. Die Kehrseite ist: Die Klassen sind dort größer. Aber insgesamt bringt dies bessere Ergebnisse.

Gibt’s noch mehr, was sich Deutschland von Weltklasseschulsystemen abgucken kann?

Andreas Schleicher: Attraktive Karrierestrukturen zu entwickeln. Auch das ist, glaube ich, sehr, sehr wichtig: dass sie Verantwortung übernehmen dürfen und nicht nur Bildungsziele umsetzen müssen. Dass sie an der Entwicklung des Bildungssystems primär teilnehmen. Das ist etwas, was wir in vielen der erfolgreichen Bildungssysteme heute finden. Dieses industrielle Bildungsmodell, das wir auch in Deutschland noch haben, das entspricht dem Industriezeitalter. Aber nicht dem digitalen Zeitalter. Das funktioniert nicht mehr. Wir brauchen viel flachere, viel dynamische Strukturen, in denen das Team die entscheidende Rolle spielt. Wo horizontale Entscheidungsstrukturen und Zusammenarbeit das Entscheidende sind. Nicht vertikale Strukturen.

Um eine Art Schwarmintelligenz zu organisieren?

Andreas Schleicher: Ja, ganz genau. Wir versuchen, immer neue Ideen ins Bildungssystem reinzudrücken – von oben. Wir sollten stattdessen versuchen, die guten Ideen aus den Klassenzimmern ins System zu holen. Das ist das Entscheidende. Und dabei spielen die Lehrkräfte die entscheidende Rolle. Die Schulleiter natürlich auch. Die müssen die Strukturen dafür schaffen, die Anreize, die Vernetzung. Die Bedeutung der administrativen Strukturen wird abnehmen. Das Bildungssystem ist nicht das einzige System, das vor diesen Veränderungen steht. Die Digitalisierung löst alle vertikalen Strukturen irgendwann auf.

Seit der ersten PISA-Studie wissen wir, dass in Deutschland Kinder aus sozial schwächeren Familien nicht so gefördert werden, wie sie gefördert werden müssten – kann die Digitalisierung dabei helfen?

Andreas Schleicher: Absolut. Zunächst einmal bietet die Digitalisierung neue Möglichkeiten, Lernschwächen früh zu erkennen. Und da muss man sagen: Künstliche Intelligenz ist dabei besser als menschliche Fähigkeiten. Mit digitalen Tests und der Analyse von Abweichungen lässt sich schon sehr viel früher sehen, wenn irgendwo Förderbedarf steht.

Zweitens: Wenn die Lehrkräfte weniger mit Wissensvermittlung befasst sind, können sie sich vielmehr darauf konzentrieren, Defizite auszugleichen und Talente zu finden und zu fördern. Das Problem des traditionellen Unterrichts ist: Eine Lehrkraft unterrichtet einmal – für alle. Die am unteren Rand und die am oberen Rand fallen dabei raus. Durch die Digitalisierung kann eine Lehrkraft sehr viel besser auf die verschiedenen Lernschwächen und Stärken der Schüler eingehen.

Mal ein Beispiel aus meinem Bereich: Seit der letzten PISA-Studie haben wir den Test adaptiv gemacht. Das heißt: Wir geben den Schülern erstmal eine Frage mit durchschnittlicher Schwierigkeit – und wenn sie die richtig hinbekommen, dann bekommen sie eine schwierige Frage. Wenn sie die nicht so gut schaffen, dann kriegen sie erstmal eine leichtere Frage. Also: Der Test passt sich an die individuellen Lernvoraussetzungen an. Und das bedeutet: Ein schwacher Schüler wird nicht frustriert, sondern er bekommt Aufgaben, die er auch lösen kann. Und damit kann er sich langsam steigern. Und ein starker Schüler ist nicht gelangweilt. Der kann sich an den schwierigsten Aufgaben die Zähne ausbeißen. Das schafft die Digitalisierung. Sie schafft viel mehr Möglichkeiten zur individuellen Förderung.

Heute ist es noch so, dass Schüler aus einem günstigen sozialen Umfeld zu Hause unglaublich viel Förderung bekommen – Nachhilfe zum Beispiel. Durch die Digitalisierung wird das Lernen demokratisiert. Wenn gemeinsam in Lernplattformen oder EdTech-Kursen gelernt wird, dann können daran alle Schüler teilnehmen. In Ländern wie Japan lässt sich schon zeigen, dass sich die Digitalisierung mäßigend auf die soziale Selektion auswirkt. Die digitalen Möglichkeiten werden dort von Schülern aller Gruppen intensiv genutzt. Da bekommen aber auch die ärmsten Schüler die besten Lerninstrumente, weil ja jeder einen Rechner hat und sich dann eben auch holen kann, was er braucht. Das zeigt, was so eine Technologie bewirken kann.

Eine Gefahr besteht allerdings, wenn die Digitalisierung nicht oder unzureichend genutzt wird – dann kann sie sich genau ins Gegenteil verkehren und dies soziale Schere weiter öffnen: Dann bekommen die Kinder reicher Eltern die Unterstützung durch digitale Medien – und die Kinder armer Eltern sitzen in sehr traditionellen Schulen. Alles in allem aber sehe ich großes Potenzial. Ich denke, wir haben in der Vergangenheit viele Fehlleistungen im Schulsystem hingenommen, weil wir davon ausgegangen sind: Alle Schüler lernen gleich. Und wer nicht mitkommt, der hat Pech gehabt. Durch die Digitalisierung erkennen wir, dass unterschiedliche Schüler unterschiedlich lernen. Und wir können daraus dann auch ganz individuell das Lernangebot zuschneiden. Dabei hilft die künstliche Intelligenz. Sie kann individuelles Lernverhalten sehr viel schneller erkennen und dann die Aufgaben entsprechend strukturieren und gestalten. Das alles sind Dinge, die wir schon ganz gut im Griff haben.

Was allerdings fehlt – und da hat Deutschland in meinen Augen wirklich noch  überhaupt nicht angefangen: Kleine Unternehmen, die tolle Ideen für den Unterricht haben, müssen praktisch ihre Lösungen einzeln an die Schulen verkaufen. Das gelingt aber nur großen Firmen, die eine Armee von Vertriebsarbeitern haben. Damit haben wir faktisch Monopole geschaffen, die eine schlechte Qualität hervorbringen. Es wird Bildungssoftware angeboten, mit der Ihre Kinder niemals freiwillig spielen würden.

Deutschland braucht eine Struktur, die es Innovatoren in dem Bereich ermöglicht, überhaupt Zugang zu den Schulen zu bekommen. Dann bietet der digitale Markt Innovation und liefert wirklich interessante Lösungen. Doch in  Deutschland ist es leider meist so, dass die regulativen Vorgaben die bestehenden Strukturen verfestigen – statt neuen Akteuren Marktzugänge zu verschaffen. Im digitalen Bereich ist das tödlich. Wir brauchen neue Ideen und Start-Ups, die sich dann auch intensiv an einem Wettbewerb um beste Lösungen beteiligen können. Länder wie Israel sind da gut. Die leisten im Ed-Tech-Bereich viel. Und bieten wirklich auch spannende Modelle. Weil dort das Bildungssystem offen ist. Hier ist in Deutschland Handlungsbedarf. Ich denke, die Politik fokussiert sich zu sehr auf die technische Infrastruktur.

Viele Lehrer in Deutschland empfinden die Digitalisierung als weitere Zumutung – nach Inklusion, Integration und was da auch täglich noch an neuen Ansprüchen kommt, die auf Lehrer abgewälzt werden.

Andreas Schleicher: Das ist doch völlig verständlich. Weil wir das auf alles andere draufpacken. Wir verändern nichts. Natürlich ist das eine Zumutung. Es gibt zwar Enthusiasten unter den Lehrkräften, aber die sind nicht die Mehrheit. Wir müssen Anreize schaffen. Das bedeutet: die Zeit, den Raum für Veränderung geben. Das ist in jedem anderen Unternehmen auch so. Lehrkräfte müssen eben auch was davon haben. Die Digitalisierung wird für sie interessant, wenn sie sehen: Meine Arbeit verändert sich grundlegend. Sie wird leichter, spannender, durch die Zusammenarbeit mit Kollegen interessanter. Meine Schüler verstehen mich besser. Jeder ändert sein Verhalten nur dann, wenn das für ihn selber auch was bringt. Das ist klar.

Hier geht es zu Teil 1 des Interviews: “Eine Technologie des 21. Jahrhunderts passt nicht mit einer Pädagogik aus dem 20. Jahrhundert zusammen” 

Hintergrund: Zur Person

Andreas Schleicher (54), ein in Hamburg geborener Bildungsforscher bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris, ist für viele “der PISA-Papst”. Als Internationaler Koordinator leitet er das Programme for International Student Assessment (PISA). Schleicher – der später sein Abitur mit der Traum-Durchschnittsnote 1,0 ablegen sollte – war von seiner Grundschule als ungeeignet fürs Gymnasium eingeschätzt worden; seine Eltern widersetzten sich damals der Empfehlung. Schleicher gilt als Kritiker des deutschen gegliederten Schulsystems.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

 

Schleicher im Interview: “Eine Technologie des 21. Jahrhunderts passt nicht mit einer Pädagogik aus dem 20. Jahrhundert zusammen”

 

 

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