Selbstmord einer Grundschülerin (11): Wurde das Mädchen gemobbt, ohne dass die Schule einschritt?

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BERLIN. Über ein Jahr lang soll eine Elfjährige an einer Berliner Grundschule massivem Mobbing ausgesetzt gewesen sein, hatten Eltern beklagt. Nach dem mutmaßlichen Selbstmord der Grundschülerin zeigt sich Berlins regierender Bürgermeister Müller bestürzt.

Nach dem Tod einer elfjährigen Berliner Grundschülerin hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) eine umfassende Aufklärung des Falls angekündigt. «Ich bin sehr betroffen vom Tod der Schülerin», sagte Müller dem «Tagesspiegel». Die Schulverwaltung werde das genau untersuchen. Die Berliner Polizei leitete ein sogenanntes Todesermittlungsverfahren ein.

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Von „Zorn und Empörung“ bei der Mahnwache zum Tod einer Elfjährigen in Berlin berichtet der Tagesspiegel. (Symbolbild) Foto: Hans / Pixabay (CC0 1.0)
Von „Zorn und Empörung“ bei der Mahnwache zum Tod einer Elfjährigen in Berlin berichtet der Tagesspiegel. (Symbolbild) Foto: Hans / Pixabay (CC0 1.0)

Nach einem Bericht des «Tagesspiegels» soll das Mädchen einen Suizidversuch unternommen haben und später im Krankenhaus gestorben sein. Dafür gab es zunächst keine offizielle Bestätigung. Es sei eine Obduktion angeregt worden, und voraussichtlich werde es im Laufe des Montagvormittags weitere Informationen geben, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag. Gegenwärtig führe die Kriminalpolizei die Ermittlungen, an denen Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt bisher nicht beteiligt seien.

Eine Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung bestätigte auf Anfrage zwar den Todesfall, äußerte sich aber nicht näher zu den Umständen. Am vergangenen Dienstag seien Schule und Schulaufsicht von den Eltern über den Tod des Kindes informiert worden, sagte die Sprecherin. Daraufhin habe die Schule am Donnerstag einen Elternbrief verschickt und die Senatsbildungsverwaltung die Einrichtung mit Schulpsychologen für solche Notfälle unterstützt. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) teilte dem Tagesspiegel mit: „Ich nehme alle Vorwürfe sehr ernst, und wir werden den Fall, wie andere Trauerfälle auch, umfassend aufarbeiten.“ Um gegen Mobbing vorzugehen, will Scheeres im Rahmen eines bundesweiten Programms sogenannte Respekt Coaches an die Schulen schicken.

Am Samstagabend hatten sich rund 150 Menschen zur einer Mahnwache an der Schule versammelt. Der Tagesspiegel berichtete von einer aufgeheizten Stimmung und zitierte einen Vater, wonach es seit mehr als einem Jahr «massive Mobbing-Fälle» an der Grundschule gegeben haben soll. Die Schulleitung habe systematisch versucht, das unter den Teppich zu kehren. Ein Vorwurf, dem die Schulleiterin widersprach: Ja, es gebe Mobbingfälle an der Schule, sagt sie. Diese würden aber keineswegs vertuscht, zudem seien Sozialarbeiter und Konfliktlotsen im Einsatz. (News4teachers / mit Material der dpa)

Mit Sozialarbeitern gegen Mobbing: Giffey schickt “Respekt Coaches” an Schulen

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9 KOMMENTARE

  1. Wie wäre es einmal mit einem angemessenen Druck vorher auf die Peiniger, sowie deren Bloßstellung in der Klassengemeinschaft und der Konfrontation mit dem eigenen Fehlverhalten in nachgestellten Szenen.
    Für die Peiniger wäre der Rollenwechsel selbst einmal mit dem einmaligen Erlebnis verbunden, derartiges Verhalten selbst einmal erfahren zu dürften, nachempfinden und verstehen zu können, sich einmal selbst in der Opferrolle wiederfinden und verstehen zu lernen, wie es sich anfühlt, wenn man gemobbt wird.

    • Es gibt unzählige Programme zum Sozialen Lernen, wo Rollenspiele und anderes genau das aufgreifen.

      Da Sie Studien lieben: Es gibt auch Studien dazu, dass SuS, die später auffällig werden, schon als kleine Kinder keine Empathie kennen, Gesichter nicht deuten können, Gefühle anderer nicht wahrnehmen uvm.
      Genau daran wird in den sozialen Programmen gearbeitet und auch daran, was Kinder selbst machen können, wenn sie im Umgang mit anderen Konflikte haben oder Hilfe benötigen.

      Es ist doch dargelegt, dass es auch in dieser Schule Konfliktlotsen und Sozialarbeiter gibt. Dabei wird es ein schulinternes Konzept geben, wie die Konfliktlotsen ausgebildet werden und welche Aufgaben sie haben. Dies ist in den Klassen bekannt, ebenso wie die Erreichbarkeit der Sozialarbeiter.

      Ob es in diesem Fall zuvor bereits Aktionen, Sanktionen, Konferenzen, Konsequenzen bei einzelnen Vorfällen gegeben hat, ist uns doch gar nicht bekannt, oder?
      Der Vorwurf, die Vorfälle des Mobbings seien von der SL abgewiegelt worden, ist gravierend.

      Erschreckender fand ich neulich die Reaktionen hier auf N4t auf den Artikel zum Beispiel “Petzen”. Wenn man eine Kultur des Wegsehens und Schweigens unterstützt, und “Petzen” verbietet, statt Kommunikation zu fördern, haben Täter erheblich mehr Möglichkeiten, unbeobachtet oder unbeachtet zu agieren.

      • Genau, ich habe solche Rollenspiele miterlebt. Die Kinder hatten einen Riesenspaß dabei!

        Zitat: “Erschreckender fand ich neulich die Reaktionen hier auf N4t auf den Artikel zum Beispiel “Petzen”. Wenn man eine Kultur des Wegsehens und Schweigens unterstützt, und “Petzen” verbietet, statt Kommunikation zu fördern, haben Täter erheblich mehr Möglichkeiten, unbeobachtet oder unbeachtet zu agieren.”

        Darin stimme ich Ihnen zu, Palim. Erleben tue ich es oft, dass es heißt: “Petz nicht!” oder “Klärt das unter euch!” Ich denke inzwischen, man muss sich als Pädagoge IMMER der Sorgen und Nöte der Kinder annehmen, auch wenn man vielleicht zu dem Schluss kommt, es sind nur Lapalien. (Kann man ja dann sagen.) Ansonsten regeln die Kinder das wirklich selbst und da fliegen dann die Fäuste oder andere werden (ungebremmst) gehänselt.

        Wie ich aber oft schon sagte, die Sanktionsmöglichkeiten sind oft so kompliziert, dass Lehrer sich davor scheuen, sie anzuwenden.

        • Nicht jeder Konflikt braucht Sanktionsmöglichkeiten.
          Häufig geht es auch darum, dass man Kinder darin begleitet, etwas selbst zu regeln. Das gehört auch dazu und damit ist nicht gemeint, dass sie dann aufeinander losgehen, sondern dass sie faire Verhaltensweisen kennen, die bei Meinungsverschiedenheiten oder Missverständnissen den Umgang miteinander ermöglichen bis hin zur Einigung. Und auch, dass sie die Grenzen dessen erkennen und wissen, wie sie dann Hilfe anderer bekommen können.

          Die Sozialen Programme greifen genau das auf: Konfliktlösungen erarbeiten und bewerten.

          Dass die SuS bei den Rollenspielen einen “Riesenspaß” haben, kann ich nicht erkennen, auch wenn manche Klassen darüber gut zu motivieren sind. Sowohl bei Rollenspielen wie auch bei Standbildern gelten klare Regeln, die zuvor benannt und besprochen sind.
          Bei Kindern, die schreiben und lesen können, kommen andere Möglichkeiten schriftlicher Art hinzu, also ab Klasse 2.

          Das andere, auch immer wieder angesprochen, sind in den Klassen eingesetzte Verfahren, auf welche Weise Konflikte oder anderes thematisiert werden können. Da gibt es Klassenbriefkästen, Bücher oder ausgehängte Listen, Klassenrat oder andere Verfahren, Rituale im wöchentlichen Alltag.

          Das alles verhindert Mobbing nicht generell, aber es stärkt SuS und sensibilisiert sie für den Umgang miteinander, Abläufe und Möglichkeiten.

          • Ja, einverstanden. Aber das sind eben nur die “einfachen Fälle”. Überall gibt es jedoch auch die nicht einfachen Fälle.

          • Und es sind doch eher die nicht einfachen Fälle, die zu Tragödien führen. Wir lesen ja nicht zum ersten Mal, dass sich ein Kind / Jugendlicher infolge von Schikane und Drangsalierung das Leben genommen hat !

            Ich behaupte jetzt mal, mit den schweren Fällen gehen wir zu zögerlich und zu zaghaft um. 🙁 Aber auch, weil uns entweder die Hände gebunden sind oder das Verfahren furchtbar unpraktisch und aufwändig ist.

  2. Es geht nicht darum, “Tätern” zu zeigen, wie “Opfer” sich fühlen. Das wissen sie meistens, denn oft waren oder sind sie selbst in anderen Kontexten Opfer. An Empathie mangelt es da nicht. Im Gegenteil gehört recht viel Sozialkompetenz dazu, ein geeignetes Opfer auszuwählen und den Rest der Gruppe (einschließlich Lehrer) so zu manipulieren, dass das eigene (Täter)Verhalten als “richtig” gewertet wird. Bei Mobbing geht es nicht einmal nur um “Täter” und “Opfer”, sondern darum, wie sich die Gruppe dem Geschehen gegenüber verhält! Die Mitläufer sind es, die dazu befähigt werden müssen, sich gegen Mobbing auszusprechen, denn es handelt sich um einen gruppendynamischen Prozess!

    Und Mobbing ist eben kein Konflikt, der von Konfliktlotsen bearbeitet werden könnte – meistens ist auch die Sozialarbeit hilflos, denn ein paar Stunden “Gewaltprävention” verpuffen schnell, wenn Lehrer Mobbing nicht erkennen können und nicht wissen, wie sie handeln müssen – z.B. mit der ganzen Gruppe zu arbeiten und eben nicht nur mit Opfer und Täter …

  3. Zitat: “Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wies gegenüber der Berliner Zeitung den Vorwurf zurück: „Die 287 Schulen, die wegen der schwierigen Sozialstruktur ihrer Schülerschaft bis zu 100 000 Euro aus dem Programm Bonusschulen erhalten, können Trainer wie Stahl buchen.“”

    Naja, was macht das arme, aber sexy Berlin? 100.000 Euro für ein Programm für die Brennpunktschulen, aber Millionen für eine Gehaltszulage für die Lehrer.

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