Produktives Lernen: So gelingt ein angenehmes Klima im Klassenzimmer – ein Gastbeitrag

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Wie lassen sich Schüler am besten zum Lernen motivieren und in den Unterricht einbinden? Bildungsexpertin Katharina Ströhl beleuchtet in ihrem Gastbeitrag die wichtigsten Faktoren für eine produktive Lernumgebung im Klassenzimmer.

Wie lässt sich das Lernklima am besten positiv beeinflussen? Foto: Shutterstock

Die meisten Lehrer haben den Unterschied zwischen einer produktiven und einer kontraproduktiven Atmosphäre im Klassenzimmer wohl schon einmal selbst erlebt. Doch wie lässt sich das Lernklima am besten positiv beeinflussen? Eine Meta-Studie der OECD hat die Schlüsselfaktoren für den Aufbau einer effektiven Lernumgebung untersucht [1]. Die Ergebnisse lassen sich auf drei Punkte herunterbrechen:

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  • Strukturierte Lernmethoden und schülerorientiertes Unterrichten tragen entscheidend zu einem guten Lernklima bei.
  • Lehrer, denen es gelingt, das Selbstvertrauen der Schüler zu stärken, gelingt es auch häufiger, eine disziplinierte und positive Stimmung im Klassenzimmer zu bewahren.
  • Auch das Selbstvertrauen der Lehrer wirkt sich entschieden auf Atmosphäre und Disziplin im Klassenzimmer aus. So klagen Lehrer mit unsicheren bzw. befristeten Dienstverträgen weitaus öfter über ein negatives Klima im Klassenzimmer als solche mit einer dauerhaften Anstellung.

Der letzte Punkt liegt – leider – meist außerhalb des Einflusses der Unterrichtenden. Doch es gibt viele wertvolle Ansatzpunkte für das Schaffen einer positiven Lernumgebung, die in zahlreichen Studien untersucht worden sind. Im Folgenden werden die wichtigsten Faktoren beleuchtet.

Die Basis für produktives Unterrichten

Die Literatur ist sich einig, dass spezifische Lernmethoden erst dann erfolgreich eingesetzt werden können, wenn die Grundparameter für ein angenehmes Klima im Klassenzimmer erfüllt sind. Das beginnt bei der richtigen Raumtemperatur, die einen erheblichen Einfluss auf das Konzentrationsvermögen der Schüler hat. Für ein produktives Lernumfeld braucht es ausreichende Klimatisierung bzw. Beheizung. Eine Untersuchung weist darauf hin, dass 22,2 °C die optimale Temperatur für die Klasse sind [2]. Auch die Beleuchtung muss stimmen. So hat eine Studie herausgefunden, dass Schüler am besten in einem hellen Raum bei Tageslicht lernen – das fördert nicht nur die visuellen Fähigkeiten, sondern auch die Gesundheit, Stimmung und Produktivität [3].

Darüber hinaus ist regelmäßiges Lüften von großer Bedeutung. Abgestandene Luft im Klassenzimmer macht müde und wirkt sich negativ auf die Konzentration aus. Auch die Bedeutung von guter Akustik wurde bereits wissenschaftlich untersucht. Eine Studie konnte eine klare Korrelation zwischen schlechter Akustik im Klassenzimmer und dem Stresslevel der Schüler feststellen [4]. Die Autoren empfehlen, Betonwände mit einem schalldämpfenden Material zu polstern, um den Hall im Klassenzimmer zu reduzieren.

Die Schüler einbinden und Selbstvertrauen wecken

Sind die Grundbedingungen für eine angenehme Lernumgebung erfüllt, bieten sich Unterrichtenden viele praktische Ansatzpunkte für das Schaffen einer positiven Stimmung im Klassenzimmer. Ein wichtiger Punkt ist die Einbeziehung der Schüler in den Unterricht. Eine Gallup-Umfrage hat gezeigt, dass sich Schüler mit zunehmendem Alter immer weniger in den Unterricht eingebunden fühlen [5]. Frontalunterricht wirkt sich negativ auf Motivation und Produktivität aus. Ein vielversprechender Ansatz für eine stärkere Einbindung der Schüler ist personalisiertes Lernen. Es stellt die besonderen Stärken und Bedürfnisse der Schüler in den Vordergrund. Instruktionen für Lernaktivitäten müssen dabei so formuliert sein, dass sie den individuellen Anforderungen der Schüler gerecht werden. Untersuchungen weisen darauf hin, dass sich das Niveau der empfundenen Einbindung der Schüler durch den Einsatz von personalisiertem Lernen nahezu verdoppeln lässt [6].

Zudem gibt es Hinweise darauf, dass sich Schüler aktiver am Unterricht beteiligen, wenn sie das Gefühl haben, dass es sich beim Klassenzimmer um „ihren Raum“ handelt. Sie sollten daher bei der Gestaltung der Dekorationen und Wandbehänge aktiv eingebunden werden, darüber mitentscheiden, welche Poster aufgehängt werden und diese nach Möglichkeit selbst gestalten. Auch ein Mitbestimmungsrecht bei der Auswahl der Themen, die im Unterricht behandelt werden um die vom Lehrplan vorgesehenen Fähigkeiten zu vermitteln, ist förderlich für die Einbindung der Schüler.

Das Selbstvertrauen der Schüler lässt sich auf viele verschiedene Wege fördern. Eine zentrale Rolle spielt natürlich die Anerkennung von Leistungen. Lob sollte sowohl vor der gesamten Klasse als auch unter vier Augen ausgesprochen werden.

Natürlich muss man Schüler zeitgleich auf Fehler hinweisen. Dies sollte jedoch erst passieren, nachdem der Schüler ausgesprochen hat. Denn sozusagen „vor Publikum“ unterbrochen zu werden, kann das Selbstvertrauen erheblich schädigen.

Lernziele sollten zum Beginn des Schuljahrs vereinbart und immer wieder überprüft werden. So sehen die Schüler, was sie bereits alles erreicht haben. Zudem ist es ratsam, hier die Stärken der einzelnen Schüler hervorzuheben. Kennt sich ein Schüler bei einem Thema besonders gut aus, fördert es sein Selbstbewusstsein, wenn er den Lehrern und Mitschülern darüber erzählen kann. Dort, wo ihre Schwächen liegen, gilt es, die Schüler zu ermutigen, sich zu verbessern. Beim Thema Benotung ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass die Schüler nicht miteinander konkurrieren, sondern mit ihrer eigenen Leistung aus der Vergangenheit, die sie verbessern können und wollen.

Natürlich ist die Auswahl an Lernmethoden und didaktischen Mitteln eine sehr breite. Jeder Unterrichtende muss für sich selbst jene Methoden finden, die am besten funktionieren. Wer es schafft, die Schüler aktiv in den Unterricht einzubinden und ihr Selbstvertrauen zu stärken, hat jedenfalls die besten Chancen, seiner Berufung in einem produktiven Umfeld nachzukommen.

Die Autorin

Katharina Ströhl ist akademische Qualitätsmanagerin im Bereich Erziehungswissenschaft bei ACAD WRITE, wo sie sich seit 2015 intensiv auf wissenschaftlicher Basis mit dem Fachbereich Didaktik auseinandersetzt. Darüber hinaus verfolgt die Germanistin und Historikerin ihre Promotion an der Universität Bayreuth.

Quellenverweise

[1] https://www.oecd.org/berlin/43541692.pdf

[2] https://energyair.com/classroom-temperature-affect-learning/

[3] http://www.ijsce.org/wp-content/uploads/papers/v4i6/F2451014615.pdf

[4] https://www.researchgate.net/publication/273311217_The_Importance_of_Acoustic_Quality_in_Classroom

[5] www.gallupstudentpoll.com/188036/2015-gallup-student-poll-overall-report.aspx

[6] https://www.edweek.org/ew/section/multimedia/data-dive.html

 

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9 KOMMENTARE

  1. Vieles klingt gut oder interessant, manches selbstverständlich, einiges etwas idealistisch (sozialromantisch), deshalb möchte ich fragen, ob Bildungsexpertin Katharina Ströhl selbst genau so auch schon gearbeitet und unterrichtet hat, und zwar länger als 1 Woche am Stück. Oder woher sie ihre Kompetenz bezieht?!

    • Nach ihrer Beschreibung auf der Seite ACAD, eine Ghostwriting-Agentur, hat sie nie als Lehrerin gearbeitet. Sie setzt sich wohl mit Didaktik auseinander, indem sie als Ghostwriterin Hausarbeiten für andere gegen Geld schreibt. Sie ist folglich weder Lehrerin noch grundständig didaktisch ausgebildet.

      • Ah, dann ist das wohl so wie bei vielen Schulbüchern, die von Leuten gemacht werden, die nie als Lehrer gearbeitet haben.

        (Man merkt es manchmal.)

      • Woher weiß Frau Ströhl dann eigentlich, dass produktives Lernen “so” gelingt, wenn sie selbst gar keine Erfahrungen als Lehrerin besitzt?

        • Frau Ströhl gibt einen Überblick über die Forschung – steht im Text drin (mit Quellenverweisen).

          Herzliche Grüße
          Die Redaktioin

          • Danke für die Antwort. Da die Bildungsforschung in ihren Studien oft genug nicht ansatzweise praxisnah vorgeht (zu kleine Stichprobe, irreal positive Bedingungen usw.) oder unwissenschaftlich arbeitet (Zufall zu Korrelation zu Kausalität macht, im Vorfeld vorgegebes Resultat bestätigt, politische Durchsetzung usw.), gibt Frau Ströhl Literatur wieder, hat aber keine Ahnung von der Realität und die Ausbildung sowieso nicht.

  2. Nicht gleich Alles ablehnen, weil man dem Autor/der Autorin didaktische Kenntnisse abspricht bzw. Studien der gesicherten Grundlage entbehren sollen.
    Ich finde, dass der Artikel jeden Lehrer zum Nachdenken bringen soll. Man muss ja nicht Alles übernehmen; ich halt es da mit dem Apostel Paulus:” Drum prüfet, was ihr findet, und was gut ist, behaltet!”
    Lehrer sein ist ein ständiges Neubeginnen. Man darf nicht immer nur das tun, was sich schon Jahre bewährt hat, denn die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen .
    rfalio

    • Guter Kommentar. Dieser ständig von oben verordnete Neubeginn hat aber — wie die Erfahrung gelehrt hat — hauptsächlich viel Arbeit für Lehrer ohne Entlastung, Niveauverlust in den Lehrplänen und eine Testeritis sondergleichen gebracht. Ein gewisse Skepsis ist dadurch mindestens nachvollziehbar.

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