Freistellung oder Verwarnung? Schulen gehen unterschiedlich mit Klima-Demos um

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MAGDEBURG. Ist es in Ordnung, wenn Schüler für die Teilnahme an Klima-Demos den Unterricht schwänzen? Die Schulen gehen sehr unterschiedlich mit den Protesten um zeigt jetzt eine Umfrage in vier Bundesländern.

Seit Wochen zieht es Schüler freitags während der Unterrichtszeit auf die Straßen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Hunderte Teilnehmer der «Fridays for Future» bleiben dabei auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg dem Unterricht fern – ein Verstoß gegen die Schulpflicht, wie die Bildungsministerien nicht müde werden zu betonen. Wie Länder und Schulen mit den Klima-Demos umgehen, ist aber höchst unterschiedlich.

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Fridays-for-futre-Demonstration am 25. Januar in Berlin. Schärfere Konsequenzen als der Eintrag von Fehlstunden für demonstrierende Schüler sind bislang die Ausnahme. Foto: FridaysForFuture Deutschland / flickr (CC BY 2.0)
Fridays-for-futre-Demonstration am 25. Januar in Berlin. Schärfere Konsequenzen als der Eintrag von Fehlstunden für demonstrierende Schüler sind bislang die Ausnahme. Foto: FridaysForFuture Deutschland / flickr (CC BY 2.0)

SACHSEN: «Die Schulen reagieren unterschiedlich», sagt der Sprecher des Landesschülerrates, Vincent Koch. Einige Schulen seien «relativ kulant». Sie genehmigten Freistellungsanträge und ergriffen keine Maßnahmen gegen Schüler, die unentschuldigt an den Protesten teilnehmen. Andere seien restriktiver und wiesen unentschuldigte Fehlstunden aus. Es soll auch zu Verwarnungen durch Schulleitung oder Fachlehrer gekommen sein.

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) äußert Verständnis für die Klima-Proteste der Schüler. «Die Demonstrationen haben ihre Wirkung erzielt. Dauerdemonstrationen lösen das Problem aber nicht», sagte der Minister. Er müsse darauf verweisen, dass es eine Schulpflicht gebe und das Demonstrationsrecht außerhalb der Schulzeit wahrzunehmen sei. Die sächsische Regierung nehme das Thema und die damit bei jungen Leuten verbundenen Emotionen ernst.

SACHSEN-ANHALT: Die Schulen in Sachsen-Anhalt sind angehalten, Teilnehmerzahlen der Demos ans Landesschulamt zu melden. Man wolle sich einen Überblick verschaffen, hieß es aus dem Magdeburger Bildungsministerium. Konkrete Konsequenzen fürs Schwänzen hat das Haus von Bildungsminister Marco Tullner (CDU) bislang nicht angekündigt. Es bleibt zunächst eine Entscheidung der Schulen.

Der Landesschülerrat berichtet von Schulen, die Schüler freistellten oder den Unterricht zu den Demonstrationen verlegten. Thomas Gaube, Chef des Philologenverbands und Schulleiter an einem Gymnasium in Halle, spricht von einem Ermessensspielraum der Schulleiter. Es könne aber nicht sein, dass dafür jeden Freitag der gleiche Unterricht ausfalle. Die Schulleiter seien angehalten, die Schulpflicht durchzusetzen. Zur Regel dürften die freitäglichen Demonstrationen nicht werden. «Ich betrachte das als Ausnahme. Im nächsten Schuljahr muss wieder Alltag sein», sagt Gaube.

THÜRINGEN: In den meisten befragten Schulen in Thüringen müssen Erziehungsberechtigte einen Antrag auf Freistellung stellen, den die Schule erst genehmigen muss. Härtere Konsequenzen als der Eintrag von unentschuldigten Fehlstunden sind bislang die Ausnahme. Neben dem Carl-Zeiss-Gymnasium in Jena wird das etwa an der Jenaplan Schule in Weimar, der Klosterbergschule in Bad Berka und dem Königin-Luise-Gymnasium in Erfurt so gehandhabt. Bei Freistellungen müssen die Schüler den versäumten Stoff nachholen. Die Schulen meldeten bisher eine relativ geringe Nachfrage.

Die Demos in den Unterricht zu integrieren, soll unter anderem am Heinrich Böll Gymnasium in Saalfeld möglich sein. Laut Schulleiter Thomas Kober hat es bereits Gespräche gegeben, einzelnen Kurse oder Klassen einen Schulausflug zu einer Demo zu ermöglichen.

BRANDENBURG: Vom Potsdamer Leibnitz-Gymnasium haben vereinzelt Schüler der Klassenstufen acht bis zehn an den Klima-Demos teilgenommen. Zuvor hatten ihre Eltern einen Freistellungsantrag bei der Schulleitung eingereicht und genehmigt bekommen. «Da waren wir kulant», sagt Schulleiter Uwe Schmidt. Grundsätzlich begrüße die Schule nämlich das politische Engagement der Schüler. Künftig soll es aber keine Freistellungen mehr geben. «Wir kommen sonst mit der Notenvergabe nicht hin», sagt Schmidt. Wer dann dennoch dem Unterricht fern bleibe, fehle unentschuldigt.

Ein Problem beschreibt Eva-Maria Vanino, Leiterin der Polthier-Oberschule in Wittstock (Ostprignitz-Ruppin): In Gesprächen mit potenziellen Arbeitgebern habe sie herausgehört, dass vor Bewerbungsgesprächen genau auf die unentschuldigten Fehltage geschaut werde. Dann frage keiner mehr, ob der Bewerber bei einer Klima-Demo gewesen sei oder schlicht geschwänzt habe. Vanino hält deshalb eine andere Organisationsform der Klima-Proteste für angebracht: Schüler sollten in ihrer Freizeit demonstrieren. (dpa)

Studie: Jugendliche wollen mehr politische Mitsprache – neue Klima-Proteste

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